Neue Ansätze gegen Therapieresistenz von Krebs

Wenn der Krebs die Chemotherapie überlebt – Therapieresistenz ist ein großes Problem bei der Behandlung vieler Krebserkrankungen. Ein Team des Deutschen Krebsforschungszentrums hat herausgefunden, warum manche Tumore gegen Therapien resistent werden.

Fieber, Bauchschmerzen, Durchfall – manchmal können es die ersten Anzeichen für eine Neuroblastom-Erkrankung sein. © DLR Projektträger / BMBF

Wenn Tumore trotz Behandlung wieder zu wachsen beginnen, bleiben den Medizinerinnen und Medizinern oft nur noch wenige Möglichkeiten, die Betroffenen zu retten. Das gilt besonders für Krebsarten, die ausschließlich bei kleinen Kindern auftreten – Neuroblastom genannt. Das sind Tumore, die im Becken oder im Kopfbereich entstehen. In Deutschland gibt es jedes Jahr etwa 150 Neuerkrankungen. Der Krankheitsverlauf ist extrem unterschiedlich: Neuroblastome können sich spontan zurückbilden, aber auch sehr aggressiv fortschreiten und zum Tod führen. Bei einem schweren Verlauf der Erkrankungen überleben langfristig nur etwa 30 Prozent der Kinder.

Das größte Problem bei der Behandlung: die Neuroblastome werden resistent gegen die Therapie. In vielen Fällen schrumpft der Tumor nach der ersten Chemotherapie zwar zunächst. Ab einem bestimmten Zeitpunkt beginnt er jedoch wieder zu wachsen und reagiert immer schlechter auf die Behandlung. Die Mechanismen von Therapieresistenzen haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg nun im vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt „MYC-NET“ entschlüsselt. Ihr Ziel ist es nun, mit diesem Wissen neue Therapien gegen Krebs zu entwickeln.

So breiten sich Neuroblastome im Körper aus. © DKFZ

Warum überleben bestimmte Tumorzellen die Chemotherapie?

Am Beginn der Forschung stand die Vermutung, dass es bereits bei der ersten Chemotherapie zu einer Art Auslese resistenter Tumorzellen kommt: Während ein Großteil der Tumorzellen wie erwartet abstirbt, überleben bestimmte Zellen, wachsen erneut und bilden Metastasen. Um herauszufinden, was diese Zellen von den anderen unterscheidet, haben die Forscherinnen und Forscher das Wachstum einzelner Tumorzellen vor und nach der Chemotherapie kontinuierlich beobachtet. „Im Wechselspiel von Experiment und Computersimulation haben wir herausgefunden, dass solche Krebszellen die Chemotherapie überleben können, die sich bei Therapiebeginn in einer bestimmten Phase des Zellzyklus befinden“, sagt Thomas Höfer vom Deutschen Krebsforschungszentrum, Projektleiter von „MYC-NET“. So entwickeln vor allem diejenigen Krebszellen eine Therapieresistenz, die sich in einer Ruhephase vor der nächsten Zellteilung befinden. Diese Zellen überleben und vermehren sich erneut.

Neue Ansätze für verbesserte Therapien

Für die Forscherinnen und Forscher ergeben sich daraus ganz neue Ansatzpunkte für verbesserte Krebstherapien. „Unsere Resultate legen nahe, dass eine Kombination von Chemotherapie und neuen Medikamenten, die die Wachstumsschalter der Zellen beeinflussen, Kinder mit Neuroblastom im besten Fall vor einer Therapieresistenz schützen könnten“, sagt Höfer. „Hier kommt es vor allem auf die Reihenfolge an, in der die verschiedenen Therapien angewendet werden.“ Die Idee ist, dass die zusätzlichen Wirkstoffe soweit in das Wachstum der Tumorzellen eingreifen, dass sich möglichst wenige von ihnen während der Chemotherapie in der kritischen Phase des Zellzyklus befinden.

In Zusammenarbeit mit dem Pharmakonzern Bayer testen die Heidelberger derzeit mehrere Möglichkeiten einer solchen Kombinations-Therapie. „Um unsere Resultate schnell für Kinder mit Neuroblastom anwendbar zu machen, konzentrieren wir uns auf bereits zugelassene oder in klinischen Studien getestete Wirkstoffe“, erklärt der Mediziner und Tumorgenetiker Frank Westermann, Leiter des Neuroblastom-Referenzlabors am Deutschen Krebsforschungszentrum. Die Forscher hoffen, dass ihre Ergebnisse auch auf andere Krebsarten übertragbar sind.

Der wissenschaftliche Erfolg des Projekts „MYC-NET“ ist durch die Förderung des Bundesforschungsministeriums ermöglicht worden. Das Verbundprojekt des Deutschen Krebsforschungszentrums und der Universität Heidelberg ist von 2012 bis 2015 im Rahmen der Fördermaßnahme „CANCERSYS – Systembiologie in der Krebsforschung“ mit 2,1 Millionen Euro unterstützt worden.