„Nicht am grünen Tisch zur Smart City werden“

Die Zukunftsstadt Ulm will mit Sensoren im öffentlichen Raum herausfinden, welche Probleme die Menschen wirklich haben. Die Daten stehen auch der Privatwirtschaft zur Verfügung. Wie das funktioniert, erklärt Sabine Meigel im Interview

Zukunftsstadt Ulm
Sensoren in Fahrradständern sollen Rückmeldung geben, ob und wie viele Fahrräder dort pro Tag abgestellt werden. © Sabine Meigel

Frau Meigel, die Stadt Ulm möchte „Digitalisierung von unten“ gestalten. Was genau haben Sie vor?

Sabine Meigel: Für uns ist sehr wichtig, dass wir bei der Entwicklung hin zu einer Smart City nicht einfach am grünen Tisch, also in der Verwaltung, entscheiden, was für die Bürgerinnen und Bürger wichtig ist. Im Gegenteil wollen wir fragen: Welche Herausforderungen und Probleme haben die Menschen wirklich? Erst dann werden wir schauen, ob es dafür digitale Lösungen gibt. Es geht nicht darum, neue Techniken zu etablieren, nur weil es sie gibt – sie müssen schon auch einen Mehrwert für die Menschen bieten.

Dafür statten Sie den öffentlichen Raum ab Sommer mit Sensoren aus. Was genau planen Sie?

Wir werden Sensoren an vielen Stellen in der Stadt anbringen, um Informationen über das Verhalten der Menschen zu bekommen. Zum Beispiel messen wir an Fahrradständern, wie oft ein Fahrrad abgestellt wird. Daraus können wir dann Rückschlüsse ziehen, wo wir noch mehr Ständer benötigen. Wir wollen die Radwege an der Donau mit Sensoren ausstatten, damit wir ein System entwickeln können, dass Radfahrern mitteilt, ob es mal wieder Hochwasser gibt – oder ob die Wege gut passierbar sind.

Auch rund ums Eigenheim gibt es viele Möglichkeiten. Ganz praktisch: Sie bekommen Informationen aus ihrem Kleingarten, ob es genug geregnet hat, oder ob Sie zum Gießen hinfahren müssen. Auch den Parkraum werden wir uns genauer anschauen, zum Beispiel, um Falschparker vor Feuerwehreinfahrten schneller lokalisieren zu können.

Zukunftsstadt Ulm
Sabine Meigel leitet die Geschäftsstelle Digitale Agenda der Stadt Ulm. © Sabine Meigel

Diese Daten wollen Sie sammeln und öffentlich zugänglich machen. Das klingt aus Sicht des Datenschutzes erst einmal ziemlich bedenklich.

Wir haben uns das Konzept „Open Source“ ausgesucht, damit möglichst viele Menschen von unseren Erhebungen profitieren können. Ich kann die Bedenken verstehen, aber: sie sind unbegründet. Wir erheben keine persönlichen Daten, keine Fotos, keine Nummernschilder und so weiter. Im Zweifel werden wir die Daten noch einmal anonymisieren.

Wie stellen Sie das sicher?

Wir arbeiten mit Lorawan, das ist ein System, das es erlaubt, kleine Datenmengen über sehr weite Strecken zu versenden. Damit können gar keine Bilder übertragen werden, die klassische Kamera-Überwachung fällt also per se aus.

Und wer arbeitet dann damit?

Jeder, der einen Nutzen davon hat. Die Verwaltung, private Haushalte, aber auch die Wirtschaft. Wir hoffen, dass sich das ein oder andere Start-up mit einer völlig neuen Lösung positioniert, die den Menschen bei der Bewältigung ihrer Herausforderungen hilft.

Trotzdem hat vermutlich nicht jeder Lust, seine Schritte in der Stadt aufzeichnen zu lassen …

Noch einmal: Die Daten sind nicht personalisiert, niemand wird überwacht. Trotzdem nehmen wir die Sorgen der Menschen natürlich ernst. Deshalb haben wir kürzlich eine große Ausstellung gestartet, mitten in der Stadt, direkt neben dem Ulmer Münster. Sechs Wochen lang präsentieren wir unsere Ideen zur Zukunftsstadt Ulm, zeigen, was wir vorhaben, und machen es erlebbar.

Wie haben Sie herausgefunden, was die Menschen bewegt?

Wir haben zunächst offen zu verschiedenen Workshops eingeladen, bei denen die Menschen ihre Ideen und Probleme loswerden konnten. Dabei kamen rund 400 Ideen zusammen. Diese haben wir dann später zu vier großen Themenfeldern zusammengefasst.

Welche sind das?

Erstens: Verwaltung, aber mit Fokus auf Nachhaltigkeit. Es geht uns also nicht darum, neue Formen des E-Gouvernement zu erfinden, sondern Lösungen für die Themen zu finden, die den Menschen unter den Nägeln brennen: Klimawandel, neue Formen der Mobilität, Nachhaltigkeit, und so weiter. Der zweite Bereich ist die Bildung. Wir müssen unbedingt vermeiden, dass es zu einer digitalen Spaltung der Gesellschaft kommt. Deshalb müssen wir alle Menschen mitnehmen. Der dritte Bereich ist vielleicht der wichtigste: Mobilität. Wir setzen auf digitale Technologien, die vor allem Fußgänger und Fahrradfahrer deutlich mehr unterstützen, als das bisher der Fall ist.

Und der vierte Bereich?

Alter und Gesundheit. Eine wesentliche Frage ist dabei: Gibt es Technologien, die es den Menschen ermöglichen, später länger im eigenen zu Hause wohnen zu bleiben? Unsere Vorstudien haben dabei gezeigt, dass die bereits etablierten Smart-Home-Anwendungen oft gar nicht so geeignet sind für Senioren. Deshalb entwickeln wir mit unserem Partner, der Uni Ulm, eine Musterwohnung, in der wir neue Möglichkeiten testen.

Was entwickeln Sie dort genau?

In der Musterwohnung kann zum Beispiel ein Wasserkocher stehen, der beim Ein- und Ausschalten ein Signal in die Zentrale sendet. Für die Wohnsituation von älteren Menschen heißt das, dass Mitarbeiter ohne viel Aufwand sehen können, dass es dem Menschen vor Ort offenbar noch gut geht – sonst hätte er ja nicht den Wasserkocher eingeschaltet.

Frau Meigel, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Spannende Einblicke in die digitale Welt

Das Ziel ist klar: Der digitale Wandel soll für jeden Ulmer Bürger und jede Bürgerin ein Gewinn sein. Und wer möchte, der kann die Zukunft aktiv mitgestalten. Doch was sind das für Dinge, die unser aller Leben einfacher und komfortabler machen sollen? Einblicke in die verschiedenen Aktivitäten der Stadt gibt die von der Digitalen Agenda konzipierte Ausstellung „ulm.macht.zukunft.“, die bis zum 29. Februar 2020 in den Räumen des m25 am südlichen Münsterplatz zu sehen ist. Sie bietet Digitalisierung zum Anfassen, Ausprobieren und Mitgestalten.
Themen
Di 21.01.- So 26.01. Nachhaltigkeit
Di 28.01. - So 02.02. Bildung
Di 04.02. - So 09.02. Alter / Gesundheit
Sa 15.02 - Bürgerwerkstatt, 13.00 Uhr
Di 11.02. - So 16.02. Verwaltung
Di 18.02. - So 23.02. Mobilität
Di 25.02. - Sa 29.02. Internet der Dinge