Night of Innovations

Rede von Bundesministerin Anja Karliczek im Rahmen der Eröffnung der Night of Innovations in Hannover

Bundesministerin während ihrer Rede im Rahmen der Night of Innovation © BMBF / Hans-Joachim Rickel

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Weil, 
meine sehr verehrten Damen und Herren!

„Zusammenkunft ist ein Anfang. Zusammenhalt ist ein Fortschritt. Zusammenarbeit ist der Erfolg.“ Diese Erfolgsformel von Henry Ford gilt in einer digitalisierten Welt, in der neue Formen von Arbeit und Kollaboration möglich sind, mehr denn je. Kooperationen sind aus dem heutigen Geschäftsleben nicht mehr wegzudenken – international, interdisziplinär, zwischen Konzernen und Startups, zwischen Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen und vieles mehr. Sie sind ein Schlüssel für Innovationen. 

Die Initiatoren der Hannover Messe setzen auf diese Chancen von Fortschritt und Vernetzung. Sie führen die Player der Industrie und Forschung zusammen und haben damit die Messe zu einem globalen Hotspot für die digitale Transformation entwickelt. Davon konnte ich mich auf meinem heutigen Messerundgang überzeugen. 

Es war spannend zu sehen, was passiert, wenn Maschinenbau, Elektrotechnik und IT verschmelzen, wenn Industrierobotik auf künstliche Intelligenz trifft, wenn aus Daten neue Geschäftsmodelle entstehen. Zudem haben mich die neuen Assistenzsysteme sehr beeindruckt: Ob Virtual Reality-Brillen, Exoskelette oder Cobots – solche Technologien optimieren die Prozesse in einer Fabrik und bieten enorme Chancen für die Beschäftigten. Und das ist wichtig: Denn der Mensch muss im Mittelpunkt von Innovation und Forschung stehen.  

Denn die Digitale Transformation stellt Industrieunternehmen wie Menschen vor große Herausforderungen. Die Digitalisierung verändert Anforderungen und Arbeitsweisen. In modernen Fabriken arbeiten Roboter bereits Hand in Hand mit Menschen oder fahren autonom durch Lagerhallen. Das ist faszinierend und beängstigend zugleich. In Zukunft werden viele Sicherungs- und Überwachungstätigkeiten wegfallen, aber auch Tätigkeiten als Lastwagenfahrer und Packer. Ebenso machen elektronische Systeme der Buchhalterin, dem Logistiker und vielen anderen Berufstätigen Konkurrenz. Gleichzeitig steigt der Bedarf an technisch gebildeten Arbeitskräften in der Industrie stetig, doch die Zahl der qualifizierten Arbeitnehmer sinkt.

Laut aktueller Konjunkturumfragen ist die Situation dringlich:  Unternehmen in Deutschland sehen den Fachkräftemangel als Risiko Nummer eins für ihre Geschäfte; müssen infolgedessen Aufträge ablehnen oder Entwicklungen von neuen Technologien aufschieben. Der Engpass bei qualifizierten Mitarbeitern verringert das deutsche Wirtschaftswachstum, stellte das Institut der deutschen Wirtschaft jüngst fest.

Dass Deutschland viele qualifizierte Nachwuchskräfte braucht, das wissen wir. Aber es gibt nicht die eineAntwort auf die Frage, wie wir den Fachkräftebedarf erfüllen können, sondern verschiedene Stellschrauben und Maßnahmen. Vieles davon haben wir schon auf einen guten Weg gebracht. 

Zu berücksichtigen ist auch, dass zu den Fragen der Arbeitsmarktentwicklung aufgrund des demografischen und digitalen Wandels unterschiedliche Prognosen vorliegen: Länder und Regionen, einzelne Sektoren und Branchen werden heterogene Folgen erfahren.

Die Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und des Bundesinstituts für Berufsbildung kommt zum Ergebnis, dass die Digitalisierung bis zum Jahr 2025 nur geringe Auswirkungen auf das Gesamtniveau der Beschäftigung in Deutschland haben wird. Abersie wird große Umbrüche bei den Arbeitsplätzen mit sich bringen. 

Eine hochwertige, zukunftsorientierte Aus- und Weiterbildung der Menschen ist daher zentral dafür, dass diese – in einzelnen Branchen massive – Umgestaltung der Arbeitswelt gelingen wird und wir den großen Fachkräftebedarf sicherstellen können.

Aus meiner Sicht ist also wichtig, dass wir Lernen, Arbeit und Innovation noch stärker zusammendenken. Und daher möchte ich im Bildungsbereich ansetzen: eine Investitionsoffensive für Schulen starten, die berufliche Bildung stärken und eine neue Weiterbildungskultur in Deutschland etablieren. 

Dabei geht es mir um zweierlei: Einerseits den Fachkräftebedarf zu decken und die Menschen fit zu machen, um eine berufliche Sparte gut besetzen zu können. Andererseits die Grundlagenbildung zu gewährleisten, damit die Menschen ihren Platz und ihre Aufgabe in der Gesellschaft einnehmen können.

Meine verehrten Damen und Herren,

ich bin mir völlig im Klaren, dass im Umfeld der Hannover Messe vor allem die positive Kraft der digitalen Innovationen betont wird. Schließlich geht es für die Industrieunternehmen um Innovations- und Produktivitätssteigerung, um Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten. Mir ist es aber auch wichtig, dass wir die Sorgen nicht geringschätzen, die von den Beschäftigten geäußert werden: 

Die Sorge, den Arbeitsplatz zu verlieren. Die Bedenken, dass die physische Sicherheit oder der persönliche Datenschutz am Arbeitsort nicht mehr gewährleistet sein könnten. Die Zweifel, dass die eigene Qualifikation nicht ausreicht, um in der „digitalen Welt“ zu bestehen. Das alles müssen wir sehr ernst nehmen.

Deshalb ist auch das Thema der diesjährigen „Night of Innovations“ in meinen Augen so wichtig: „Arbeitswelten der Zukunft“. In den Arbeitswelten der Zukunft muss sich das Zusammenspiel von Technik und Arbeit beweisen – und die Art, wie wir die Innovationskraft nutzen. Gleichzeitig wird sich in diesen Arbeitswelten zeigen, wie es um das Verhältnis von Bildung und Arbeit bestellt ist. Wir haben große Gestaltungsmöglichkeiten, tragen aber auch eine hohe Verantwortung für die Menschen. 

Die Forschung hilft uns, ihr gerecht zu werden: 

  • Produktionsforschung, um die industrielle Stärke als Basis und Voraussetzung zu erhalten. 
  • Dienstleistungsforschung, um den Blick zu schärfen, wie wir Dienstleistung in die Produkte und die Produktionsprozesse integrieren können – und um zu erforschen, wie moderne Technik auch die traditionellen Dienstleistungen verändert.
  • Arbeitsforschung, um zu erkunden, wie unsere Gesellschaft die neuen Möglichkeiten der IT-Technologien, der flexiblen Arbeitsorte, der agilen Organisation so gestalten kann, dass Unternehmen und Beschäftigte davon profitieren.

Um diese komplexen Fragen zu beantworten, müssen wir ein starkes Netzwerk aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft bilden. Wir brauchen einen offenen Austausch von Meinungen, Erkenntnissen und Erfahrungen, wie wir es im Rahmen des aktuellen Wissenschaftsjahres ermöglichen. Wir brauchen Diskurse über Innovationen und die zukünftige Arbeit in der Industrie, wie wir sie heute Abend führen. 

Und dann müssen wir von der Theorie auch schnell in die Praxis kommen. Also Modelle neuer Arbeitsformen, die wir in regionalen Kompetenzzentren erarbeiten, zügig in Unternehmen ausprobieren. Genau das ist das Ziel des „Future Work Lab“ in Stuttgart, das best practices für die digitale Transformation der Industriearbeit entwickelt oder des Innovationslabors in Dortmund, das hybride Dienstleistungen erforscht und zu mittelständischen Unternehmen bringen soll.

Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, Forschung und Innovation voranzutreiben und im Fortschritt auch die Unternehmen und Menschen mitzunehmen, die noch Vorbehalte oder noch nicht ausreichend Kraft haben, sich zu verändern. Auf diese Weise können wir Wachstum, Beschäftigung und Lebensqualität in Deutschland hoch halten.

Der Erfolg steckt in der Zusammenarbeit! Lassen Sie uns die Zukunft der Arbeit gemeinsam gestalten. 

In diesem Sinne freue ich mich auf den heutigen Abend und die anschließende Diskussion.