Notre Dame: Hilfe aus der Forschung

Vom Irdischen zum Himmlischen, vom Körperlichen zum Geistigen: Diesen Wandel haben Bamberger Forschende anhand von Darstellungen an mittelalterlichen Portalen untersucht. Jetzt könnten ihre Ergebnisse Weltkulturerbe retten – und zwar in Notre Dame.

Welche Schäden sind beim Brand von Notre Dame entstanden? Diese Frage könnten Bamberger Historiker beantworten, die das Bauwerk millimetergenau vermessen haben.

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Paris, 15. April 2019, kurz vor 19 Uhr: Ein Feueralarm schrillt durch die Hallen von Notre Dame. Auf dem Dachboden brennt es. Nur eine Stunde später steht der gesamte Dachstuhl in Flammen, der höchste Turm der Kathedrale stürzt ein. Unermüdlich kämpfen mehr als 600 Einsatzkräfte gegen das Feuer, um das Weltkulturerbe vor der Zerstörung zu retten. Doch an vielen Bauteilen sind bereits erhebliche Schäden entstanden. Darunter: das Querhaus von Notre Dame. Zur Rekonstruktion dieses historischen Bauwerks könnten jetzt die Forschungsergebnisse des Projekts „Portal – Mittelalterliche Portale als Orte der Transformation“ beitragen, das vom Bundesforschungsministerium von 2015 bis 2018 gefördert wurde. Die Forschenden der Universität Bamberg haben bereits ihre Hilfe angeboten.

Liebe zum Detail könnte für die Rekonstruktion entscheidend sein

Notre Dame de Paris ist – als Bestandteil des Seine-Ufers – seit 1991 Weltkulturerbe der UNESCO.

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In jahrelanger Detailarbeit haben die Forschenden um den Bamberger Kunsthistoriker Stephan Albrecht gotische Kirchenportale mit modernster 3D-Lasertechnik vermessen – in Köln, Bamberg, Wien, Laon und Paris. „In Notre Dame haben wir erstmalig das gesamte Querhaus mit allen Gewölben dreidimensional und millimetergenau erfasst“, erklärt Albrecht. Diese Liebe zum Detail könnte jetzt für die Rekonstruktion entscheidend sein. Denn insbesondere bei mittelalterlichen Portalen war es üblich, die Steine mit Eisen zu verbinden, damit die Torbögen halten. „Durch den Brand könnte sich das Eisen ausgedehnt haben“, vermutet Albrecht. Die Folge: Unsichtbare Risse im Stein könnten die Statik des gesamten Gebäudes gefährden. Ein erneuter Scan könnte hier Schlimmeres verhindern: „Wenn wir die Scans vergleichen, können wir selbst millimetergenaue Veränderungen feststellen. So können wir sehen, an welchen Stellen Einsturzgefahr besteht“, erklärt der Experte.

Materialien, Techniken und der Baustil als Quelle

Jetzt beim Wiederaufbau von Weltkulturerbe helfen zu können, ist nur ein schöner Nebenerfolg des Projekts. Das eigentliche Interesse der Forschenden galt der Baugeschichte: Wie haben sich der Baustil, Inschriften, Malereien und Skulpturen über die Zeit verändert? „Bei vielen historischen Bauwerken ist aus schriftlichen Quellen nur wenig über die Planung und den Bau bekannt“, sagt Albrecht. Aber darüber verraten Materialien, Techniken und der Baustil ganz viel. So stellten die Historiker fest, dass in Notre Dame bereits Änderungen im ersten Querhaus vorgenommen wurden, noch ehe das gesamte Bauwerk fertig war. Man könnte dabei von „Updates“ einiger Elemente sprechen. „Bei Kathedralen war das Design wichtig – und das kam mitunter bei den langen Bauzeiten aus der Mode. So kommt es, dass wir immer wieder Baustellen in der Baustelle vorfinden“, erzählt Albrecht.

Das Schöne noch mit eigenen Augen sehen

Nicht ungewöhnlich ist es auch, dass Bauabschnitte oft nicht logisch aufeinander aufbauen. So wurde gelegentlich auch mal ein Tor errichtet, ohne dass die Kirche dahinter schon stand. Ungeduld vermutet Albrecht als Grund. „Die Bauherren wussten, dass sie selbst nie das fertige Gebäude sehen würden. Also zogen sie besonders schöne Abschnitte vor, um sie noch mit eigenen Augen sehen zu können“, sagt er. Hinzu kommt, dass große Bauwerke mit den Einnahmen aus den Pfründen finanziert wurden – also vor allem aus den Ländereien. „Lief die Ernte schlecht, sprudelte das Geld nicht mehr – und die Handwerker zogen zu anderen Auftraggebern weiter“, erklärt Albrecht. Fachkräfte waren also schon damals schwer zu kriegen.  

PFusch am Bau gab es schon im Mittelalter

All das „lesen“ die Historiker aus den Steinen und Techniken. Bei ihren Vergleichen zwischen Notre Dame und dem Wiener Stephansdom fiel etwa auf: Paris konnte mehr Geld investieren und hatte wohl mehr Fachpersonal zur Hand als Wien. „In Notre Dame war ein riesiges Team aus Bildhauern, Malern und Steinmetzen im Einsatz“, sagt Albrecht. Sie haben Skulptur- und Architekturteile gleichzeitig angefertigt und vermauert.  In Wien hingegen fanden die Bamberger Forschenden eine Trennung zwischen Architektur und Skulptur. „Die Skulpturen wurden nachträglich eingesetzt. Wien hatte mit einem Ressourcenmangel zu kämpfen“, vermutet der Experte.

Ähnliches muss wohl auch für Bamberg gegolten haben. Dort sind im Torbogen einige Steine verrutscht. Als die Historiker das unter die Lupe nahmen, fanden sie heraus, dass die Bögen nicht ausreichend abgestützt wurden.  „PFusch am Bau gab es also schon im Mittelalter“, sagt Albrecht.

„Portal – Mittelalterliche Portale als Orte der Transformation“

Das Projekt Portal wurde von 2015 bis 2018 vom Bundesforschungsministerium im Programm "Sprache der Objekte" gefördert. Neben Notre Dame wurden auch der Bamberger Dom, Kölner Dom, Wiener Dom und die Kathedrale von Laon untersucht. Am Projekt beteiligt waren die Lehrstühle für Kunstgeschichte, Bauforschung und Restaurierungswissenschaften der Universität Bamberg sowie die Dombauhütte Köln als Praxispartner.