"Nur wer Bildung erfährt, kann zu einem Teil der deutschen Gesellschaft werden"

Studieren – und zwar nur mit einem Computer und einer Internetverbindung. „Kiron Open Higher Education“ bietet Online-Kurse für Geflüchtete und wird vom Bundesbildungsministerium gefördert. Ein Interview mit Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen.

"Dieses Format hat das Potential, Pilotprojekt für die Ansprache Studieninteressierter aus dem Ausland zu sein", sagte Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen im Palais am Festungsgraben in Berlin. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Frau Quennet-Thielen, wofür steht „Kiron Open Higher Eduaction“?

Cornelia Quennet-Thielen: Menschen, die vor Krieg und Verfolgung flüchten, lassen nicht nur ihre Heimat zurück. Eine Flucht ist immer auch ein Einschnitt in die Bildungsbiografie. Um in einem neuen Land dann Studium, Ausbildung oder Schule fortführen zu können, vergeht oft Zeit. Viel Zeit. Hier setzt Kiron an: Auf einer digitalen Plattform bietet das Berliner Startup in Zusammenarbeit mit der RWTH Aachen, der Hochschule Heilbronn und mittlerweile zwölf weiteren deutschen Hochschulen Online-Kurse in einer Vielzahl von Studienrichtungen an. Nach zwei Jahren besteht für die Kursteilnehmer dann die Möglichkeit, sich an einer der Partnerhochschulen einzuschreiben und dort nach einem dritten Studienjahr den Bachelor zu erwerben.

Was sind die Vorteile von Kiron Open Higher Education?

Geflüchtete können die Online-Kurse absolvieren, ganz unabhängig davon, aus welchem Land sie kommen und wo sie sich gerade befinden, ob in Deutschland oder einem anderen europäischen Land. Alles, was man braucht, ist eine Verbindung ins Internet, ein Smartphone, Tablet oder einen Computer und englische Sprachkenntnisse.

Welche Rolle spielt dabei das Bundesbildungsministerium?

Das Bundesbildungsministerium war seit der Gründung der Kiron University vor etwa einem Jahr in engem Austausch mit dem Gründerteam um Vincent Zimmer. Weil wir von der Idee überzeugt sind, Geflüchteten einen digitalen Zugang zu Bildung zu ermöglichen, fördern wir ab dem 1. September das Konsortium aus Kiron und zwei Vorreitern der digitalen Bildung unter den Hochschulen, der RWTH Aachen und der Fachhochschule Lübeck. Für das Pilotvorhaben „INTEGRAL² – Integration und Teilhabe von Geflüchteten im Rahmen von digitalen Lehr- und Lernszenarien“ stellt das Bundesbildungsministerium insgesamt mehr als 2 Millionen Euro zur Verfügung.

Warum ist so wichtig, jungen Geflüchteten den Zugang zu Bildung zu erleichtern?

Für Geflüchtete ist Bildung der Schlüssel für die Zukunft – woher auch immer sie kommen und welche Bleibeperspektive sie haben. Mit dem Erwerb der deutschen Sprache, zum Beispiel mithilfe eines Online-Kurses von Kiron, lassen sich Barrieren abbauen und ein Verständnis für unsere Werte und unsere Demokratie vermitteln. Nur wer Bildung erfährt, hat auch die Chance, zu einem Teil der deutschen Gesellschaft zu werden.

Was unternimmt das Bundesbildungsministerium, um es Geflüchteten zu ermöglichen, ein Studium aufzunehmen?

Wer als Geflüchteter in Deutschland studieren will, findet bereits vielfältige Unterstützung. Das Bundesbildungsministerium stellt zum Beispiel den Hochschulen über den Deutschen Akademischen Austauschdienst innerhalb von vier Jahren bis zu 100 Millionen Euro bereit. Die Schwerpunkte des Maßnahmenpakets sind: gute Beratung, sprachliche Vorbereitung und fachliche Unterstützung. Wir fördern auch die viele studentischen Initiativen: Mentorenprogramme sind darunter, und sogenannte refugee law clinics für kostenlose Rechtsberatung.