"Nur wer digital mündig ist, kann sich einbringen"

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek will jedem  Schüler ein Grundverständnis von den neuen Technologien vermitteln. „Denn das Leben eines jeden Einzelnen ändert sich durch die Digitalisierung“, sagte sie.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek eröffnet die Bildungsforschungstagung unter dem Motto "Bildungswelten der Zukunft" © BMBF / Hans-Joachim Rickel

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek (MdB) anlässlich der BMBF-Bildungsforschungstagung („Bildungswelten der Zukunft“) am 12. März, 11 Uhr in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher,

liebe Lehrende in Kindergarten, VHS, Bildungsverein, kurzum: liebe Bildungspraktiker,

1983 wurde Isaac Asimov, der amerikanische Science Fiction Autor gefragt, wie er sich die Welt im Jahr 2019 vorstellte. Vieles sah er so voraus, wie es inzwischen gekommen ist, etwa dass Computer viele Arbeitsplätze überflüssig machen würden, aber neue, hochwertige Jobs entstünden – und die Menschen dafür gut ausgebildet sein müssten.

Erstaunliches sagte er zur Schule: Zwar werde es 2019 zweifellos noch Schulen geben, sagte Asimov, doch jeder Schüler könne lernen, was er möchte, wie er es möchte und wie schnell. Lehrer? Die werden nur noch gebraucht, um den Wissensdurst der Schüler zu wecken, den diese dann zu Hause stillen könnten, am Computer. Die Ausbildung würde zu einem einzigen Vergnügen. Soweit die Prophezeiung von Isaac Asimov mit der ich Sie herzlich zur 4. BMBF-Bildungsforschungstagung begrüßen möchte.

Meine Damen und Herren,

wir alle spüren, dass sich die Welt um uns herum in rasendem Tempo verändert. Kaum etwas scheint noch vorhersehbar. Viele Menschen sind verunsichert. Die digitale Revolution verändert die Art, wie wir arbeiten, kommunizieren, die Welt wahrnehmen. Ich kann mich noch an den Tag erinnern, als ich mein erstes Handy bekam – da war ich längst erwachsen. Heute haben schon unsere Kinder ein Smartphone. Und das wenigste, das sie damit machen, ist telefonieren. Es geht uns in Deutschland so gut wie nie. Wir sind die viertstärkste Wirtschaftsnation der Welt. Und das, obwohl wir nur wenige Rohstoffe haben. Obwohl in unserem Land gerade mal ein Prozent der Weltbevölkerung lebt.

Wie kann das sein? Weil unter diesem einen Prozent viele talentierte, gut ausgebildete Menschen sind, Junge genauso wie Alte, auf dem Land genauso wie in der Stadt.

  • Sie sind die Ressource, auf die wir unsere Zukunft bauen.
  • Sie machen die große Innovationskraft unserer Wirtschaft aus.

Globalisierung und Digitalisierung führen dazu, dass der weltweite Wettbewerb intensiver und schneller wird. Spätestens seit Google, Apple, Amazon und Co innerhalb von nur zehn Jahren zu den wertvollsten und mächtigsten Unternehmen der Welt aufgestiegen sind, ist klar, dass der Innovationswettbewerb stark in den neuen Technologiefeldern stattfindet. Spätestens seitdem die Künstliche Intelligenz riesige neue Möglichkeiten eröffnet, wird klar, dass wir uns anstrengen müssen.

Dabei ist unser Blick nicht mehr nur nach Westen gerichtet. Unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel formuliert es immer kurz und knapp: In China ist ein Riese erwacht. Ihn gilt es nicht zu unterschätzen. Nur wenn Europa, nur wenn Deutschland als Lokomotive Europas weiterhin in der ersten Liga mitspielen, werden wir unseren Wohlstand erhalten können. Nur dann werden wir die Chancen der Digitalisierung zum Wohle aller nutzen können. Nur dann werden wir den Wandel gestalten können, so wie wir ihn brauchen und wie er unseren Werten und Maßstäben entspricht.

Darum investieren wir in Bildung. Wir setzen auf die Menschen. Auf die Talente in unserem Land. Dabei brauchen wir jeden. Keiner darf zurückbleiben. Lernen, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen – darum geht es. Dabei möchten wir die Menschen unterstützen. Jeden Einzelnen auf unterschiedliche Art und Weise: Schüler, Auszubildende, Studierende, Arbeitnehmer, Unternehmer, Rentner. Denn das Leben eines jeden Einzelnen ändert sich durch die Digitalisierung. Und nur, wer zumindest ein Grundverständnis hat von den neuen Technologien, nur wer digital mündig ist, kann sich einbringen, mitmachen, ist auf dem Arbeitsmarkt nicht chancenlos. Dafür brauchen wir digitale Bildung in der Schule. Wichtig ist, dass die Dinge altersgerecht eingesetzt werden. Und dass sie zu besserer Bildung führen.

Ja, es war ein Kraftakt, die Grundgesetzänderung für den Digitalpakt durchzusetzen. Aber ein dringend notwendiger. Die Anstrengungen haben sich gelohnt. Digitale Bildung gehört in die Klassenzimmer. Damit Kinder lernen, sich selbstbestimmt in der digitalisierten Welt zu bewegen. Damit sie mit den neuen digitalen Möglichkeiten noch besseren Unterricht bekommen. Individuell auf sie zugeschnitten.

Noch in diesem Jahr sollen die Schulen davon profitieren. Vernetzte Schulgebäude, schulisches WLAN, interaktive Tafeln – all das ist jetzt leichter möglich. Ich denke, wir sind uns alle einig: Die Digitalisierung hat das Potenzial, das Lernen leichter, anschaulicher und individueller zu machen. Aber wie? Wie genau? Das ist die Frage. Solche Veränderungen in der Art zu lernen und zu lehren brauchen intensive Begleitung aus der Forschung heraus. Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, kommt dabei eine verantwortungsvolle Aufgabe zu. Ich kenne viele Lehrerinnen und Lehrer, die wünschen sich Unterstützung durch Ihr Wissen.

Viele Fragen sind offen: Wo hilft die App weiter als das Buch? Wo vermag das Smartboard mehr als die Tafel? Welche Kompetenzen sind nötig, um sich in der Informationsflut zurechtzufinden? Welche Unterstützung brauchen die Lehrenden? Wie müssen sie fortgebildet werden? Was bedeutet das für die Schulleitungen? Eines ist selbstverständlich, da bin ich ganz bei den Skeptikern: Digitale Medien sollen natürlich nicht ständig und überall genutzt werden, sondern nur dort, wo sie einen Mehrwert bringen. Buch und Tablet ergänzen sich.

Die sogenannte Stavanger-Erklärung habe ich mit Interesse wahrgenommen. Mehr als 130 Leseforscher aus ganz Europa kommen darin zu dem Schluss, dass die Techniken, die wir im Buchzeitalter gelernt haben, sehr wohl wert sind, bewahrt zu werden. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen dem Buchlesen und dem digitalen Lesen, vor allem bei längeren Texten und wenn es darum geht, den Inhalt zu behalten. Allerdings scheinen diese Unterschiede geringer zu werden, je geübter wir sind, an Bildschirmen zu lesen.

In welchen Kontexten, bei welchen Lesern verspricht der Einsatz digitaler Texte also den größten Nutzen? Und ist es eigentlich reine Sentimentalität, Anna Karenina nicht auf dem Kindle, sondern in einem gedruckten Buch zu lesen, das man fühlen und riechen kann? Zu Bildung in Schulen, Kitas und auch im Beruf gibt es genauso viele Experten wie samstagsnachmittags Fußballtrainer auf dem Sofa vor dem Bildschirm. Jeder hat seine persönlichen Erfahrungen gemacht. Die Summe aller Erfahrungen ist ein Know-How, das aber nur systematisch genutzt werden kann.

Wir setzen darum seit vielen Jahren auf Bildungsforschung. Mit ihr können wir das Bildungswesen weiterentwickeln und neue Wege erkunden. Mit ihr können wir reflektieren über das, was ist. Unser im Herbst 2017 neu aufgelegtes großes Rahmenprogramm empirische Bildungsforschung umfasst darum das Lernen im gesamten Lebensverlauf: Von der Kita, über Schule und Berufsschule bis zur Weiterbildung im Erwachsenenalter.

Es bewegt sich nicht im luftleeren Raum, sondern orientiert sich klar an den gesellschaftlichen Herausforderungen:

  • 1. an der zunehmenden Heterogenität unserer Gesellschaft, an der Vielfalt unseres Zusammenlebens, die sich auch in den Klassen widerspiegeln und die den Zusammenhalt nicht immer einfach machen.
  • 2. geht es um die Frage, wie wir Chancengerechtigkeit in der Bildung verwirklichen können. Wir haben schon Fortschritte erzielt – so zeigt es der Bildungsbericht 2018. Doch ein Leben in Zufriedenheit bedeutet: Jeder, der etwas leisten will, soll das auch können. Jede und jeder soll das Beste aus seinen Talenten machen können.
  • 3. Das Rahmenprogramm unterstützt die weitere Qualitätsentwicklung im Bildungswesen.
    Was ist zum Beispiel nötig, um unsere Kleinen im Kindergarten nicht einfach zu betreuen, sondern wirklich zu fördern?
    Und wie muss Bildung in Stadtteilen mit vielen Menschen aus fremden Kulturen organisiert werden?
  • Und schließlich geht es 4. um das große Thema Digitalisierung.

Mir ist es ein wichtiges Anliegen, dass die Bildungsforschung den Digitalpakt flankiert und seine Umsetzung eng begleitet. Nur so kann der Digitalpakt wirklich ein Erfolg werden. Nur so können wir gute Bildung für wirklich alle in diesem Land erreichen. Nur so können unsere Kinder einen wirklich souveränen, durchaus auch kritischen Umgang mit digitalen Medien lernen. Was wir dafür brauchen ist ein enges Miteinander von Bildungsforscherinnen und Bildungsforschern einerseits und den Bildungspraktikern andererseits. Der Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen in den pädagogischen Alltag ist das A und O unseres Rahmenprogramms.

Denn Erkenntnisse zu haben, ist das eine, Erkenntnisse in Praxis umzusetzen das andere. Ziel muss es darum sein, Handlungswissen zu generieren, das die Grundlagen schafft für Entscheidungen in Politik, Praxis und Verwaltung. Dieses Wissen sollte dann aber auch allen Schülerinnen und Schülern zugutekommen. In ganz Deutschland. Deswegen richten wir den Nationalen Bildungsrat ein.

Der nationale Bildungsrat wird Bund und Länder in die Lage versetzen, abgestimmt miteinander Fortschritte zu erzielen bei Fragen von Qualitätsstandards, Vergleichbarkeit und Transparenz. Wissenschaft und Praxis in engem Austausch mit politischen Entscheidungsträgern – so geht Zusammenalt im 21. Jahrhundert. Forschung und Praxis sind zwei Seiten derselben Medaille. Es ist richtig und wichtig, die Lehrenden schon früh miteinzubeziehen, wenn es darum geht, was überhaupt geforscht werden soll. So leistet Forschung einen Mehrwert für die Praxis, der gerade in einer Zeit des schnellen Wandels dringend benötigt wird.

Meine Damen und Herren,

Ihre Expertise ist gefragt. Die vielen Fragen, die sich durch die Digitalisierung stellen, verlangen nach Antworten, nach Innovationen auch im Bildungswesen. Faszinierend finde ich zum Beispiel die Möglichkeiten und Grenzen digitaler Spiele, dem gamebased learning. Konjugieren mittels Glücksrad, interaktive Beteiligung an Geschichte – es gibt viele Möglichkeiten, mit Spaß und Freude zu lernen und zu lehren. Was wirkt und hilft? Was nicht? Forschung kann in den nächsten Jahren vieles leisten, um die Praxis in der notwendigen Veränderung zu unterstützen.

Ich nenne nur das Projekt LONDI, bei dem es darum geht, Kinder mit Legasthenie und Rechenschwäche schon zu Beginn ihrer Schulzeit individuell zu fördern, ihre Schwierigkeiten möglichst früh zu erkennen. Auf einer Online-Plattform sollen nun entsprechende Informationen und Hilfen bereitgestellt werden. So können Eltern und Lehrkräfte leichter abklären, welche Lernschwierigkeit genau vorliegt und welche Fördermaßnahmen am besten geeignet sind.

Oder denken Sie an die Initiative BISS, Bildung durch Sprache und Schrift. Wie begeistern wir Kinder für Bücher? Mit welchen Methoden lernen sie am besten lesen und schreiben? Um das herauszufinden, haben sich dank BISS viele Kitas und Schulen zusammengetan. Seit Jahren tauschen sie sich aus. Und ich freue mich, dass Lehrerinnen und Lehrer sich jetzt auch durch e-learning fortbilden können. Denn je früher, intensiver und effektiver wir unsere Kinder sprachlich fördern, desto besser.

Meine Damen und Herren,

ich denke, wir können sagen, dass diese Tagung mittlerweile zur guten Tradition geworden ist. Diese Tagung ist zu einer Kommunikationsbörse geworden, zu einer Dialogplattform für alle, die in Forschung, Bildungspolitik und Bildungspraxis arbeiten. Sie haben es in der Hand: Die Menschen in unserem Land erwarten, dass Forschung und Praxis gute Lösungen für den digitalen Wandel in der Bildung finden.

Loten Sie Transferpotenziale aus. Erkennen Sie Forschungsbedarfe. Schaffen Sie zusammen Neues. Lernen, Bildung, Weiterbildung ist in der digitalen Welt für jeden von uns wichtiger denn je! Helfen Sie mit, dass unser Lernen auf uns Menschen zugeschnitten werden kann. Dass wir unseren Wissensdurst stillen können, wo und wie wir möchten. So wie Isaac Asimov das für das Jahr 2019 prophezeit hat.

Und dass lernen tatsächlich zu einem einzigen Vergnügen wird – sofern es das nicht schon ist.