"Orientierung früh beginnen"

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka über frühe Berufsorientierung in den Schulen, die "Initiative Bildungsketten" und über die Durchlässigkeit zwischen Berufsausbildung und Studium. Ein Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger vom 8. Februar 2017

Kölner Stadt-Anzeiger: Frau Wanka, Studien belegen, dass ein großer Teil von Schülerinnen und Schülern zum Abschluss ihrer Schullaufbahn nicht wissen, welchen Beruf sie ergreifen wollen. Muss das Schulsystem insgesamt praxisorientierter werden?

Johanna Wanka: Schülerinnen und Schüler kommen zu ihrer Berufs- oder Studienwahl nicht von heute auf morgen. Dahinter liegt ein langwieriger Prozess. Viele Einflüsse sind dabei wichtig. Aber Schule ist die zentrale Einrichtung, die diesen Prozess begleitet. Sie muss die Orientierung auf Beruf und Studium als einen wesentlichen Teil ihrer Aufgabe verstehen. Die Einbeziehung der Lebenswirklichkeit und vor allem das praktische Tun sind ein wichtiges Hilfsmittel, um die jungen Menschen zu begeistern. Mit der Initiative „Bildungsketten“ ist es uns gelungen, dass in allen Ländern frühe Berufsorientierung ernst genommen wird.

Wie könnte es Schulen insgesamt gelingen, Schülerinnen und Schüler die Möglichkeiten und unterschiedlichen Wege von Ausbildung und Studium näher zu bringen?

Das ist eine komplexe Aufgabe, an der viele mitwirken müssen. Darum hat der Bund gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit die „Initiative Bildungsketten“ ausgeweitet und ist auf die Länder zugegangen, um alle Ansätze und Fördermaßnahmen sinnvoll aufeinander abzustimmen und zu verzahnen. Berufs- und Studienorientierung muss früh beginnen: mit Motivation und erster Praxis schon in der 7. oder 8. Klasse und anschließenden Betriebspraktika oder entsprechenden Angeboten auch für Jugendliche in Gymnasien. Und es müssen individuelle Hilfen während der Schul- oder Ausbildungszeit geboten werden, dort wo es notwendig ist.

Sie haben einmal gefordert: "Wir müssen es schaffen, allen jungen Menschen eine geeignete Ausbildung oder ein Studium zu vermitteln." Dazu investiert der Bund unter anderem 1,3 Milliarden Euro in das Programm "Bildungsketten". Es endet 2018. Wie lautet Ihre Bilanz?

Vorneweg: Die Bilanz ist überaus positiv. Wir haben Mitte 2014 die Gespräche mit den Ländern aufgenommen. Mit jedem wird eine eigene Vereinbarung abgeschlossen, denn überall sind die Bedingungen unterschiedlich. Mit acht Bundesländern haben wir uns bereits geeinigt, mit den übrigen Ländern sind die Gespräche auf gutem Weg. Allein über die Potenzialanalyse haben über 800.000 Schülerinnen eine gezielte Rückmeldung über ihre Stärken erhalten und wurden für die Beschäftigung mit ihrer Zukunft motiviert. In Werkstatttagen lernen jährlich 190.000 Jugendliche ganz praktisch verschiedene Berufsfelder kennen und entscheiden sich dann zum Beispiel für ein passendes Praktikum. Für Jugendliche, die eine individuelle Unterstützung benötigen, wird bundesweit an rund 3.000 Haupt- und Förderschulen eine Berufseinstiegsbegleitung bereitgestellt; davon profitieren noch bis 2021 über 105.000 junge Menschen. Das sind nur Beispiele des gesamten Angebotes, das zunächst bis 2020 gebündelt wird.

Rund ein Viertel aller Jugendlichen bricht seine Ausbildung im ersten Ausbildungsjahr ab. Gleiches gilt für 20 Prozent der Studierenden. Ebenfalls ein Beleg für unzureichende Berufs- und Studienorientierung?

Ja, wenn auch zum großen Teil der Wechsel des Ausbildungsbetriebes als Ausbildungsabbruch gewertet und gezählt wird. Und die Anzahl der Studienabbrüche liegt je nach Fach noch sehr viel höher. Die Ursachen sind vielfältig. Aber ganz sicher ist eine bessere Kenntnis dessen, was jede und jeder Einzelne kann und was sie oder ihn im nächsten Bildungsschritt wirklich erwartet, ganz entscheidend. Damit sind nicht nur Fach- oder klassisches Schulwissen gemeint, sondern auch ganz allgemeine Dinge wie die Fähigkeit, in Gruppen zu arbeiten, sich in die strenge Disziplin in einem Betrieb einzuordnen oder auch selbstverantwortlich zu lernen. Auch darauf sollte Schule vermehrt vorbereiten.

Müssen die Berufsvorbereitungsmaßnahmen von Bund, Ländern und der Bundesagentur für Arbeit besser verzahnt werden?

Vorbehaltlos: ja! Und das ist ja genau mein Ansatz mit den Bildungsketten. Nur dann, wenn alle Angebote sinnvoll aufeinander abgestimmt und miteinander verzahnt werden, kann über die allgemeinbildenden und die beruflichen Schulen ein erfolgreicher Prozess der Berufs- und Studienorientierung gelingen. Die Schule steht dabei immer im Mittelpunkt. Aber auch alle übrigen Partner, die schließlich auf die gut orientierten Jugendlichen warten, müssen ihren Beitrag zu einem erfolgreichen Gesamtsystem leisten: die Betriebe, die Hochschulen, die Forschungseinrichtungen. Mit dem dualen System der Berufsausbildung haben wir ein international anerkanntes Beispiel, dass die enge Verzahnung von Schule und Betrieb zu erfolgreichen Abschlüssen und zur Einmündung in den Beruf führt. Diesen Grundansatz gilt es weiter auszubauen.

Sind Sie mit der Durchlässigkeit zwischen Berufsausbildung und Studium zufrieden?

Hinsichtlich des Zugangs beruflich Qualifizierter an die Hochschulen ist in den letzten Jahren vieles verbessert worden. Nach Maßgabe der Landeshochschulgesetze haben Absolventen einer Berufsausbildung eine fachgebundene und Absolventen einer Aufstiegsfortbildung eine allgemeine Hochschulzugangsberechtigung. Leider ist bei Eltern, Schülern, Auszubildenden und Berufstätigen noch zu wenig bekannt, dass auch über den Weg der beruflichen Bildung der Zugang zu einem akademischen Studium möglich ist. Hochschulen können hier positiv wirken indem sie in der beruflichen Bildung erbrachte Leistungen, die Studien- und Prüfungsanforderungen entsprechen anrechnen. Auch können sie „Brücken bauen“ indem sie beruflich Qualifizierten durch Tutoren-, Mentoren- und andere Angebote den Übergang zu einem wissenschaftlichen Studium erleichtern.

Hervorheben möchte ich, dass auch die berufliche Fortbildung durch ein breites Spektrum von Fortbildungen z.B. zu Fachwirten, Meistern, Betriebswirten viele berufliche Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet, anspruchsvolle Fach- und Führungsaufgaben zu übernehmen. M.E. wird es in Zukunft vermehrt darauf ankommen auch bereits langjährig beruflich Tätigen die Weiterqualifikation durch ein Hochschulstudium zu ermöglichen.

Den demografischen Wandel spüren die Betriebe. Sie suchen zum Teil händeringend Auszubildende. Eine Chance für Menschen mit Flüchtlingsgeschichte?

Eindeutig ja. Aber: Es wird manchmal einen langen Atem brauchen. Denken Sie allein an den Erwerb der deutschen Sprache, eine zwingende Voraussetzung für die Integration in Ausbildung und Arbeitsmarkt.

Sie sind Schirmherrin der bundesweiten Studien und Ausbildungsmessen Einstieg. In Köln werden 300 Aussteller rund 25.000 Besucher beraten. Was erhoffen Sie sich von solchen Angeboten?

Grau ist alle Theorie. Auf der Messe in Köln, wie anderswo, kommen  Jugendliche, junge Erwachsene, aber auch  viele Eltern mit Anbietern und Fachleuten direkt ins Gespräch. Das ist ein schneller Weg zur Orientierung, der ganz wichtig ist.

Das Interview führte Stephan Lüke.