„Papa, was ist Wissenschaft?“

In den Bürgerwissenschaften forschen Laien mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen. Sie lernen, wie Forschung funktioniert – und erheben wertvolle Daten. Wie fühlt es sich an, plötzlich ein „kleiner“ Forscher zu sein? Ein Selbstversuch.

Ich bin müde. Und ein bisschen kalt ist mir auch. Es ist inzwischen nach 23 Uhr an einem Sommerabend in einem Berliner Vorort, und ich laufe mit meinem Sohn Felix durch die Dunkelheit. Seit mittlerweile fast zwei Stunden. Nur ein paar Straßenlaternen erhellen noch den Weg, ansonsten ist die Nacht so schwarz, wie sie am Rande einer Großstadt eben sein kann. Hätte ich doch bloße eine Jacke mitgenommen!

Noch ein Messpunkt, dann haben wir es geschafft. Noch einmal für fünf Minuten das kleine Aufnahmegerät in die Höhe halten. Hoffen, dass es wieder anfängt zu knacken und zu quieken. Ein Geräusch, das man unmöglich beschreiben oder nachmachen kann. Doch es wird uns auch an diesem Messpunkt verraten: Es sind Fledermäuse in der Nähe. Wir können sie zwar nicht hören, aber der „BatLogger“ übersetzt ihre Rufe für unsere Ohren. Sie werden aufgezeichnet und später von Forschenden ausgewertet.

Felix und ich schlagen uns die letzten Meter durch den Busch zu unserem Auto durch, die Kopflampe erleuchtet den Weg. Wir sind jetzt fertig. Zumindest für heute Abend. Später werden wir die Daten auch noch analysieren und auswerten. Aber ich weiß schon jetzt: Forschung, das ist mehr als nur das lustige Sammeln von Daten. Nämlich richtig harte Arbeit. Und ich bin zwar geschafft, aber auch ziemlich glücklich, dass ich an diesem Projekt teilgenommen habe.

Aber der Reihe nach.

 21.15 Uhr

Felix und ich erreichen den Startpunkt unserer Route. Und sind überrascht: Hier sieht es so gar nicht nach Berlin aus. Große Einfamilienhäuser mit großen Gärten dominieren die Gegend. Es ist für eine Großstadt unglaublich still hier, nur hin und wieder rauscht ein Flugzeug im Landeanflug über unsere Köpfe hinweg.

Felix ist aufgeregt. Er möchte jetzt unbedingt die ersten Fledermäuse hören. Doch wir müssen warten, bis genau 15 Minuten nach Sonnenuntergang. Dann starten wir die erste Aufnahme, so haben es die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung festgelegt.

BMBF-Redakteur Martin Kleinemas mit dem Batlogger, der die Fledermausrufe aufzeichnen und hörbar machen kann. © BMBF/Patrick Fink

Es ist ein spannendes Projekt, an dem wir da teilnehmen. In ganz Berlin sind Bürgerinnen und Bürger wie Felix und ich unterwegs, um auf 60 festgelegten Routen nach Fledermäusen zu suchen. An jeweils zehn Messpunkten werden ihre Rufe aufgezeichnet. So wollen die Forschenden herausfinden, wo genau die Fledermäuse in Berlin leben. Bevorzugen sie den Stadtrand, oder gibt es sie auch in Mitte? Lassen sie sich von Lampen stören? Wohnen sie vor allem in den zahlreichen Industrieruinen? Außerdem wollen sie herausfinden, ob diese Art der Forschung die Einstellung der Laien zur Wissenschaft verändert.

Zweimal muss der Spaziergang gemacht werden, in einem Zeitraum von nur zwei Wochen. Ich habe mich angemeldet, um herauszufinden, wie sich das so anfühlt als Forscher zu arbeiten. Und ob die Idee der Bürgerwissenschaften wirklich funktioniert.

Das Konzept hinter „Citizen Science“: Laien übernehmen einen Teil der Aufgaben von echten Forschenden. Sie helfen ihnen bei der Erhebung von Daten und lernen so, wie Wissenschaft funktioniert. Die Forschenden wiederum erhalten immense Datensätze, an die sie ohne die Hilfe der Bürger nur schwer gekommen wären. Klingt nach einer Win-Win-Situation.

Also los.

21.30 Uhr

Wir starten die erste Messung. Der „BatLogger“ hat inzwischen per GPS seine Position gespeichert, das ist wichtig, damit die Experten später wissen, wo genau wir Fledermäuse gehört haben. Doch an der ersten Station passiert genau: nichts. Fünf Minuten lang rauscht das Aufnahmegerät so vor sich hin, und außer den Anwohnern, die uns direkt mal fragen, was wir da so treiben vor ihren Häusern, bleibt es ruhig. Na gut, nicht schlimm – es kommen ja noch neun Messpunkte.

21.50 Uhr

„Papa, wann kommen denn jetzt endlich die Fledermäuse?“

Felix ist ein bisschen enttäuscht. Drei Messpunkte haben wir jetzt schon hinter uns. Gehört haben wir immer noch nichts. Seine Geduld lässt langsam nach.

„Warum machen wir das hier eigentlich?“, fragt er.

Mitmachen

Die dritte Projektrunde wird im Sommer 2020 stattfinden, Bewerbungen sind ab Jahresanfang möglich. Wer sich bis dahin über die Aktion informieren möchte, besucht am besten die Homepage des Projekts. Dort kann man sich auch für den Newsletter mit allen Informationen eintragen.

„Weil ich wissen möchte, wie es sich anfühlt, als Forscher zu arbeiten“, sage ich.

„Ich dachte, wir wollen Fledermäuse beobachten“, sagt Felix.

Ich versuche ihm zu erklären, dass Wissenschaft eben auch bedeutet, mal nichts zu hören. Immerhin wissen wir jetzt, dass an den ersten Messpunkten keine Fledermäuse leben. Ist doch auch ein Ergebnis. Aber für einen sechsjährigen Jungen ist das natürlich keine schöne Antwort.

„Papa, was ist eigentlich Wissenschaft?“, fragt er.

Ich überlege. „In etwa das, was wir hier machen“, sage ich. Es ist nicht leicht ihm das zu erklären, aber ich versuche es so: „Wissenschaft ist, wenn Menschen Neues herausfinden wollen, und dafür Vermutungen aufstellen und überprüfen.“ Das muss fürs erste reichen.

Wir ziehen weiter. Irgendwann muss es doch mal klappen mit den Fledermäusen.

21.55 Uhr

Da! Endlich knackt und puckert es im Gerät. Zwar erst nur ganz leicht, aber trotzdem gut hörbar. Felix ist begeistert. Wir können die Fledermaus sogar kurz sehen. Ich bin ziemlich erleichtert – der Abend ist gerettet.

Dass wir überhaupt hier sind, war fast so ein bisschen eine Schnapsidee. Im Frühjahr hatte ich für bmbf.de ein Interview mit der Leiterin der Fledermaus-Studie gemacht. Während wir sprachen hatte ich das Gefühl: Da will ich mitmachen! Noch am Ende des Interviews vereinbarten wir, dass ich mich ganz normal wie jeder andere Teilnehmer auch bewerbe. Am Ende hatte ich Glück und bekam mit Berlin-Mahlsdorf sogar noch meinen Wunschbereich zugewiesen.

22.20 Uhr

Felix fängt an, aus den ersten Messpunkten Schlüsse zu ziehen. Als wir auf ein kleines Wäldchen zugehen, prophezeit er: „Da vorne stehen Bäume und es ist sehr dunkel. Da sind bestimmt viele“. Tatsächlich haben wir alle Rufe an diesem Abend immer in dunklen Bereichen und in der Nähe von Bäumen aufgezeichnet. Und er hat Recht: An diesem Messpunkt „hören“ wir die stärksten Rufe des gesamten Abends.

Auch ich stelle fest, dass ich anfange, über die Zusammenhänge nachzudenken. Ist es zum Beispiel ein Zufall, dass wir immer nur dann Rufe aufzeichnen, wenn gerade kein Flugzeug über uns zur Landung ansetzt? Liegt es einfach daran, dass die Turbinen mit ihrem Sound alles platt machen? Oder ziehen sich die Fledermäuse wirklich für ein paar Momente zurück, weil es ihnen zu laut ist? Ich nehme mir vor, diese Frage später im Forum zu diskutieren.

Denn auch das gehört zu meinen Aufgaben: Neben dem Sammeln der Daten muss ich später Hypothesen überprüfen und meine Ergebnisse mit anderen Teilnehmenden vergleichen. „Wir suchen Leute, die wirklich Lust auf Wissenschaft haben, und nicht nur an dem Spaziergang interessiert sind“, hatte die Studienleiterin noch zu mir gesagt. Ehrlich gesagt hatte mich das erst ein bisschen sorgenvoll gestimmt – was habe ich schließlich mit Statistik zu tun? Aber jetzt, wo auch bei mir die ersten Fragen auftauchen, freue ich mich sogar darauf.

22.40 Uhr

Die Sache fängt an, anstrengend zu werden. Felix kann nicht mehr, und auch bei mir schwindet die Lust. „Wie lange noch?“, lautet jetzt die häufigste Frage. Ein Blick auf die Karte zeigt: Noch drei Messpunkte. Also noch etwa 25 Minuten. Da muss er jetzt durch.

Fast jeder kann mitmachen: Für die zweite Phase des Projekts werden noch Teilnehmende gesucht. © 2018

Die Route, die wir gehen, haben die Experten im Vorfeld exakt festgelegt und auf einer bebilderten Karte festgehalten. Die Punkte, an denen wir messen sollen, sind bis auf die Hausnummer genau festgelegt. Wo keine Häuser stehen, sind die Plätze mit Hinweisen versehen. „20 Meter neben dem großen Baum“, oder „Am Ende des Weges“. Das funktioniert in der Praxis viel besser, als ich es erwartet hatte. Insgesamt legen wir etwa 2,5 Kilometer zurück.

23.15 Uhr

Wir sitzen im Auto und haben es geschafft. Vorerst. Denn ein großer Teil der Arbeit wartet jetzt noch auf uns. Wir müssen die Daten hochladen, damit uns die Experten sagen können, welche Arten von Fledermäusen wir an welchen Stellen aufgezeichnet haben.

Was ich noch nicht ahne: Im Auswertungsteil werde ich mich später nicht nur mit Details über Fledermäuse, sondern auch mit der Verteilung von Wahrscheinlichkeiten beschäftigen. Das ist jetzt nicht unbedingt mein Spezialgebiet, muss aber getan werden. Und man erfährt nebenbei auch noch, welche Hypothesen die anderen Teilnehmenden so aufgestellt und überprüft haben. Außerdem muss ich noch einmal einen ähnlichen Fragebogen beantworten wie zu Beginn des Projekts. Daran können die Forschenden erkennen, ob sich meine Einstellung zu Fledermäusen und zur Wissenschaft allgemein verändert hat. Aber das nehme ich mir für einen anderen Tag vor.

Fürs erste bin ich zufrieden, als wir so zurück nach Hause durch die Nacht fahren. Ich schaue aus dem Fenster, sehe ein Stück unserer Route. Ich weiß jetzt: Hier leben sie also, die Fledermäuse. Und wir haben einen kleinen Teil dazu beigetragen, dass wir sie irgendwann noch besser verstehen.

Das Projekt

„Fledermausforscher in Berlin“ ist Teil des Verbundprojekts WTimpact, in dem das Leibniz-IZW seit Herbst 2018 auch ein bürgerwissenschaftliches Projekt zu terrestrischen Säugetieren in Berlin durchführt. Partner im WTimpact Projekt sind das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) in Berlin, das Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) in Leipzig, das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und der Mathematik (IPN) in Kiel und das Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen. Die Institute der Leibniz-Gemeinschaft werden gemeinsam von den Ländern und vom Bund gefördert. Das Projekt WTimpact wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.