"Perspektiven deutsch-chinesischer Zusammenarbeit im Bereich Industrie 4.0"

Rede von Herrn Staatssekretär Georg Schütte beim Wirtschaftsrat der CDU in Berlin

Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung
Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Es gilt das gesprochene Wort.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Ihre Einladung in den Wirtschaftsrat der CDU war mit der Bitte verbunden, zu Industrie 4.0 etwas über Fragen der Standardisierungsbemühung mit China zu berichten. Diese technische Sicht hat mich etwas erstaunt. Standardisierung ist ein eher kleines Randproblem.

Wenn der Begriff Industrie 4.0 in seinen Konsequenzen zu Ende gedacht wird und die Planungen der chinesischen Regierung zu „Made in China 2025“ ebenfalls im Blickfeld sind, sollte mein Beitrag hier eigentlich den Titel haben: „Die Industriepolitik Deutschlands und Chinas bis 2025“. Denn darum geht es im Kern der Sache. Das ist aber bei uns wie in China eine Politik in einem noch sehr fließenden Zustand. Lassen Sie mich daher keine programmatischen Visionen, sondern den aktuellen Stand beschreiben.

Ökonomische Grunddaten und Industrie 4.0

Die Volksrepublik China hat zu Jahresbeginn die Stimmung an den Börsen auch in Deutschland gedrückt. In Kenntnis der Basisdaten war dies keine Überraschung, aber auch keine ernsthafte Krise. Das Wachstum kommt auch in China an seine Grenzen. Die Umweltbelastungen sind nur sichtbare Zeichen. Die Börsenkurse sind überhitzt. Weit wichtiger ist die hohe Fluktuation der Mitarbeiter auf der Suche nach besseren Arbeitsbedingungen und Verdienstmöglichkeiten. Im Durchschnitt wechselt in chinesischen Technologiefirmen 25% der Belegschaft jedes Jahr den Arbeitgeber. Das treibt die Löhne. Höhere Löhne sind positiv für China als Konsumentenmarkt.

Viel wichtiger: Die Personalfluktuation stellt einen nur schwer zu kompensierenden Erfahrungsverlust für jedes Unternehmen dar und einen enormen Aufwand zur Gewinnung neuer Mitarbeiter. Sie trifft Chinas Unternehmen hart, weil viele von ihnen noch nicht auf dem Automationsgrad der Dritten Industriellen Revolution angekommen und deswegen auf die Mitarbeiter angewiesen sind. Die Produktionskosten werden in China daher weiter steigen.

Aus Sicht der Führung in Peking ist es eine naheliegende Idee, die turbulente Entwicklung in der Industrie zu stabilisieren. Das Modell der Industrie 4.0 ist für die Führung in Peking ein konkreter Entwicklungspfad für die intelligente Vernetzung der Industrie, um sich an die Spitze der globalen Wettbewerber zu setzen.

China will von Deutschland lernen, seine Industrie global wettbewerbsfähig zu machen und sucht bei deutschen Unternehmen nach den Technologien für ein „Upgrade“ auf Industrie 4.0: Industriesoftware, Produktionstechnik und Systemintegration. Chinas Industrie wird sich in jedem Fall rapide digitalisieren, wenn nicht mit deutscher Hilfe, dann mit den Produkten internationaler Konkurrenten.

Im letzten Sommer war Forschungsminister Wan Gang bei uns zu Besuch. Er kann sehr gut Deutsch. Zur Reisevorbereitung hat er die zuvor in neuer Version erschienene Hightech-Strategie des BMBF sehr genau studiert - und unsere Dokumente zu Industrie 4.0 natürlich auch. Für ihn und die chinesische Regierung ist Deutschland der wichtigste Wettbewerber. Deutschland ist es 2008 als letzter Industrienation alter Prägung gelungen, gegenüber China – nach dortiger Statistik - einen Exportüberschuss zu erwirtschaften.

Deutschland ist für die chinesische Regierung ein ernsthafter Konkurrent, wirtschaftlich vielleicht der wichtigste. Das dürfen wir nicht vergessen.

Industriepolitische Strategien in China und Risiken für Deutschland

In China werden klare industriepolitische Strategien verfolgt. Unternehmen aus China – sowohl in privater als auch staatlicher Hand – investieren im Ausland. Im Gegenzug schützt die chinesische Regierung heimische Unternehmen. Das sehen wir besonders im IT-Sektor.

Richtig ist: China wandelt sich. Es gibt von nicht-staatlicher Seite interessante Vorschläge für moderne Gesetze auch zum Nutzen der Wirtschaft. Die Regierung ist davon aber nicht ganz überzeugt. Klarer sichtbar ist dagegen die Verfolgung tradierter politischer Linien.

Wer in China investiert, muss Know How offenlegen. Die Probleme mit Produktpiraterie sind nicht neu. Für unsere Maschinen- und Anlagenbauer mag China vor allem ein Markt sein. Wer aber in China produziert und Zulieferer in seine Lieferketten einbindet – und die Vernetzung für Industrie 4.0 noch intensiviert – muss sich mit anderen Gegebenheiten auseinandersetzen.

Dazu nur ein Beispiel: Verschlüsselungsverfahren sind in China nach geltender Rechtslage anzumelden. Die Regelung sollte 2015 verschärft werden. Durch Industrie 4.0 erhält das Thema „Umgang mit Daten“ eine neue Bedeutung. Wer seine Produktion nach dem Industrie 4.0-Paradigma vernetzt, hat auch bei verschlüsselter Kommunikation mit chinesischen Produktionsstätten im Zweifelsfall jemanden Unbekannten „in der Leitung“, der womöglich viel zu genau über die eigenen Produktionsabläufe Bescheid weiß. Das sind die Probleme der Zukunft. Produktpiraterie ist im Vergleich dazu einfach zu bekämpfen.

Wir kennen als Rahmenbedingungen des Engagements in China auch die Rolle chinesischer Teilhaber an Kooperationsunternehmen und veränderliche staatliche Vorschriften. Die Vernetzung der Produktion bei Industrie 4.0 birgt ganz neue Risiken. Solche Produktionsdetails staatlichen Stellen oder in der Konsequenz dann auch Konkurrenten gegenüber offenzulegen, steht in der Entscheidung eines jeden selbst. Wer in China mit modernster Technik produziert, muss die politische Entwicklung verfolgen und über diese Risiken entscheiden. Das tun bereits einige deutsche Unternehmen.

China verfolgt eine klare industriepolitische Strategie zur Stärkung eigener Unternehmen. Deshalb gibt es in China auch in absehbarer Zukunft in diesem Punkt keine echten Wahlmöglichkeiten. Das sollten wir weiterhin beachten.

MoUs des BMWi und des BMBF mit chinesischen Pendants

Industrie 4.0 – das im BMBF 2011 erdachte Zukunftsprojekt – hat eine steile Karriere als gemeinsames Entwicklungs- und Investitionsziel hinter sich. Die Schlussfolgerung aus Davos 2016 war: „Deutschland kann IT“ – bei Industrie 4.0. Das sehr starke Interesse der chinesischen Regierung an Industrie 4.0 ist daher einfach nachvollziehbar.

Seit 2014 verfolgt die chinesische Seite den Abschluss gegenseitiger Kooperationsabkommen zu Industrie 4.0. Im Oktober 2014 wurde ein gemeinsamer Aktionsplan beschlossen. Ein erstes Abkommen zu Industrie 4.0 hat das BMWi im August 2015 mit dem chinesischen Ministerium für Industrie und Informationstechnologie (MIIT) abgeschlossen. Das BMBF hat im Januar 2016 eine ähnliche Vereinbarung mit dem chinesischen Forschungsministerium (Ministry of Science and Technology, MOST) abgeschlossen. Die deutsche Seite koordiniert ihr Vorgehen auch mit der Industrieseite in der Plattform Industrie 4.0. Die chinesischen Ressorts stehen im Vergleich stärker im Wettbewerb.

In beiden Vereinbarungen vorgesehen sind ein regelmäßiger Austausch und gemeinsame Vorhaben u.a. bei Industrie 4.0. Dazu sollen Themenfelder zuerst in gemeinsamen Workshops identifiziert werden. Zur Umsetzung soll es zur Förderung gemeinsamer Projekte kommen. Besonderes Interesse im Bereich der Forschung besteht an

  • Logistik-Themen im Kontext von Industrie 4.0,
  • Energie und Ressourceneffizienz in der Produktion,
  • Systemintegration und Vernetzung für Industrie 4.0,
  • Safety und Informationssicherheit sowie
  • Standardisierungsbedarf für Industrie 4.0

Ein Querschnittsthema ist die „Sicherung der Datenkommunikation und Datenspeicherung vor dem Zugriff Dritter“. Das Thema IT-Sicherheit und sichere Datenkommunikation ist für uns, wie Sie sehen, von herausgehobener Bedeutung. Und wir werden mit Interesse verfolgen, was auf diesem Gebiet auf chinesischer Seite geschieht.

Mit den Unternehmen in der Plattform Industrie 4.0 - und über die darin mitarbeitenden Verbände VDMA, ZVEI und BITKOM auch mit deren Mitgliedsunternehmen - haben das BMWI und das BMBF über die Ziele einer Kooperation mit China diskutiert.

Meinem Eindruck nach ist die Bundesregierung vorsichtiger als viele Unternehmen. Es gibt zugleich auch Vorstellungen über die Einwirkung der Bundesregierung auf die chinesische Seite, die über die Möglichkeiten der internationalen Kooperation weit hinausgehen.

Der von der Bundesregierung gewählte Weg ist daher – in Kenntnis der klaren Wettbewerbssituation mit China - vorsichtig und schrittweise, um für uns langfristigere und nutzbringende Perspektiven zu entwickeln.

Standardisierung

Wie bereits genannt, ist die Standardisierung eines der Themen auf der Agenda – und eines der vorrangigen.

Bei der Standardisierung wichtig sind die Differenzen zwischen dem Vorgehen in beiden Ländern. In China definieren staatliche Einrichtungen die Standards und schreiben oft den Unternehmen deren Anwendung vor. Auf deutscher Seite ist die Standardisierung Aufgabe der Unternehmen. Sie organisieren sich in unabhängigen Gremien, die ihre Aufgaben selbst definieren und auf die die staatliche Seite bestenfalls marginal Einfluss nimmt.

In den letzten Monaten erleben wir eine Welle chinesischer Delegationen, die sich hier in Deutschland orientieren über das deutsche Standardisierungssystem. Klar erkennbar ist die Suche nach Partnern für die Kooperation mit China. Der DIN ist aktiv, sich zu präsentieren und Kontakte aufzubauen, denn es geht hier ja auch um die Wirkung der Standardisierungsarbeit.

In der Bundesregierung ist das BMWi vorrangig zuständig für die Standardisierung. Dort wurden im Dezember erste Gespräche in Peking organisiert, um in diesem Jahr weitere Kooperationen zwischen DIN und DKE mit chinesischen Einrichtungen anzubahnen. Wenn also die Standardisierungsexperten aus Ihrem Unternehmen mit der chinesischen Seite ins Gespräch kommen wollen, so ist jetzt der richtige Zeitpunkt für die Abstimmung und das Angebot einer Beteiligung.

Die Akteure der Standardisierung aus Deutschland orientieren sich an der Roadmap von DIN und DKE und an der Standardisierung des Industrie 4.0-Referenzmodells „RAMI 4.0“. RAMI beruht auf Standards und Normen im Maschinenbau und ergänzt diese um Bezüge zur IT. Die Verknüpfung mit dem Bestehenden macht RAMI etwas kompliziert. Genau deswegen ist RAMI Gegenstand und Bezugsrahmen der Gespräche mit Partnern in den USA. Auch in Asien wird RAMI mit großem Interesse verfolgt. Wenn es um die reale Wirkung der Arbeit der Plattform Industrie 4.0 geht, ist RAMI eines der wichtigsten Ergebnisse bisher – auch für die Interessen der chinesischen Institutionen und Unternehmen.

Fazit

Lassen Sie mich damit zusammenfassen:

  1. China ist ein wichtiger Markt. Das Regierungsprogramm „Made in China 2025“ bedeutet, dass Maschinen und Anlagen aus Deutschland stärker gefragt sein werden, also zuvor. Das ist die kurzfristige Sichtweise. Die langfristige ist: China ist ein harter Wettbewerber, der seine Interessen mit durchaus einseitigen Maßnahmen durchsetzt.

Wir können es uns nicht leisten, eine der beiden Seiten zu vernachlässigen. Wir müssen das ökonomische Gesamtbild im Auge und eine kluge Balance halten, um unsere Interessen zu wahren.

  1. Mit der Koordination auf Regierungsseite zwischen den Ressorts und in der Plattform Industrie 4.0 sind wir im Vergleich zur chinesischen Seite durchaus nicht schlecht aufgestellt, unsere Positionen abzustimmen. Aus der Innenperspektive heraus ist unsere Abstimmung jedoch keineswegs optimal und kann meiner Wahrnehmung nach noch deutlich besser werden. Notwendig dafür ist ein intensiverer Austausch.

Ich kann daher nur an Sie appellieren, auch Ihre Sichtweise einzubringen und sich in die Gespräche in der Plattform Industrie 4.0 und den daran beteiligten Verbänden einzumischen.

  1. Bei der Standardisierung findet gegenwärtig eine Suche nach Kooperationspartnern zwischen beiden Ländern statt. Ich vermute, dass dies bis Mitte des Jahres so weit gediehen ist, dass die richtigen Partner über gemeinsame Handlungsfelder sprechen können. Die Ausgangsposition auf deutscher Seite ist klar. Die Interessen der chinesischen Seite werden wir daran erkennen können, ob sie zu einer gemeinsamen Arbeit kommen wollen oder – wie schon mehrfach im IT-Sektor – eigene Standards setzen wollen.
  2. Die Wirtschafts- und Forschungsressorts wollen mit China die Zusammenarbeit suchen. Das sollte man nicht am grünen Tisch entscheiden. Auch dafür sind die Ansichten und Erfahrungen aus der Praxis notwendig. Damit meine ich die Mitwirkung der Industrie- und Verbandsseite an den Beratungen mit der chinesischen Seite, die vereinbart sind, um zu Kooperationsprojekten zu kommen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Industrie 4.0 ist eine Vision aus Deutschland, die weltweit beachtet und aufgegriffen wird. Mit der Plattform Industrie 4.0 haben wir auch organisatorisch einen guten Stand der Koordination erreicht, mit dem wir seit dem letzten Jahr verstärkt Kooperationen mit Partnern im Ausland suchen.

China ist einer der wichtigsten Akteure auf dem Weltmarkt. Die Zusammenarbeit ist daher von hoher Bedeutung. Um uns bei dieser Kooperation voran zu bringen, sollten wir unseren Austausch hier ausbauen und verstärken.

Wir laden Sie ein, daran mitzuwirken. Vielen Dank.