„Perspektiven schaffen!“: Anja Karliczek stellt neue Afrika-Strategie vor

„Afrika ist ein Kontinent mit großen Potenzialen. Bildung, Wissenschaft und Forschung sind die Voraussetzungen, um diese Potenziale auf allen Ebenen zu heben“, sagt Bundeforschungsministerin Anja Karliczek bei der Vorstellung der Afrika-Strategie.

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek (MdB), anlässlich der Vorstellung der Afrika-Strategie des BMBF am 12. November 2018 in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Kommissarin Agbor,

sehr geehrte Exzellenzen,

sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich außerordentlich, dass ich Sie heute begrüßen darf, um die neue Afrika-Strategie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung vorzustellen. Aus den gefüllten Sitzreihen schließe ich, dass das Thema auch für Sie wichtig ist. Und in der Tat, Afrika geht uns alle an. Es ist unser unmittelbarer Nachbar.

„Perspektiven schaffen!“ Unter diesem Leitgedanken setzen wir neue Impulse für die Kooperation mit afrikanischen Partnern in Bildung, Wissenschaft und Forschung. Wir wollen die Internationalisierung weiter vorantreiben und dabei die Instrumente der Forschungs- und Bildungskooperation nutzen, um Perspektiven und nachhaltige Entwicklung in Afrika zu schaffen.

Afrika ist ein Kontinent mit großen Potenzialen. Bildung, Wissenschaft und Forschung sind die Voraussetzungen, um diese Potenziale auf allen Ebenen - individuell, gesellschaftlich und wirtschaftlich - zu heben. Die Herausforderungen sind klar: demografische Entwicklung, hohe Jugendarbeitslosigkeit, steigender Ernährungsbedarf, Klimawandel, rasante Urbanisierung und wachsende Nachfrage nach Elektrizität und Energie. Dabei ist es besonders wichtig, den Transfer von Forschungsergebnissen in die Anwendung zu unterstützen. Damit Forschungsergebnisse nicht nur publiziert werden, sondern sich die Lebensqualität der Menschen in Afrika durch nachhaltige Innovationen  tatsächlich verbessert.

Perspektiven in Afrika zu unterstützen, ist jedoch nicht nur eine humanitäre Verpflichtung, sondern liegt auch im europäischen Interesse: Viele der Institutionen, die Sie heute hier vertreten, sind in der Kooperation mit Afrika aktiv. Sie wissen: Die Globalisierung lässt Europa und Afrika immer näher zusammenrücken. Da hilft es nicht, wegzuschauen! Globale Herausforderungen können nur durch internationale Kooperation gemeinsam bewältigt werden. Unser ehemaliger Bundespräsident Horst Köhler sagte einmal: „Was der Welt nicht gut tut, was Afrika nicht gut tut, das tut auf lange Sicht auch uns in Deutschland und Europa nicht gut – und umgekehrt.“ Nur wenn für die jungen Menschen in Afrika ausreichend Möglichkeiten vorhanden sind, vor Ort etwas zu werden, nur dann machen sie sich nicht auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer. Ihr Tatendrang und ihre Schaffenskraft werden vor Ort benötigt.

Nötig ist Qualifikation durch Bildung: Nur dann kann sich das  Potenzial der wachsenden jungen Bevölkerung Afrikas zu einem volkswirtschaftlichen Motor entwickeln. Nur dann können sie  aufgrund ihrer Qualifikation eine solide Lebensbasis für sich und ihre Familien finden. Daher unterstützen wir den Ausbau von sich selbst tragenden Wissensgesellschaften in Afrika. Es ist in unserem eigenen Interesse, mit den Partnern in Afrika zu kooperieren, mit denen wir vielschichtig wechselseitig verbunden sind.

In der Kooperation mit Afrika steht für uns das Prinzip der Partnerschaftlichkeit an erster Stelle – wir planen mit Afrika! Diesem Ansatz folgte bereits die Afrika-Strategie des BMBF für die Jahre 2014 bis 2018.

Erfolge gibt es viele. Zu nennen sind hier zum Beispiel die vom BMBF geförderten Klimakompetenzzentren im westlichen und südlichen Afrika, WASCAL und SASSCAL. Hier arbeiten 5 bzw. 10 afrikanische Staaten dabei zusammen, Mensch und Umwelt besser gegen die Folgen des Klimawandels zu wappnen. Sie sind ein Paradebeispiel für das Zusammenspiel von Forschungskooperation, Forschungsinfrastruktur und akademischer Ausbildung. In beiden Projekten wurden seit 2012 über 400 afrikanische PhD-, Master- und Bachelor-Studierende gefördert.

Auch in der Gesundheitsforschung schreiten wir partnerschaftlich voran: So liegt die wissenschaftliche Koordination der fünf afrikanisch-deutschen „Forschungsnetzwerke für Gesundheitsinnovationen in Subsahara-Afrika“ in den Händen unserer afrikanischen Partner. Über die Forschungskooperation werden gleichzeitig Labor-, Klinik- und Personalkapazitäten in den Partnerländern ausgebaut. So trägt die Initiative dazu bei, die Gesundheitssysteme Afrikas nachhaltig zu stärken.

Lassen Sie mich nicht zuletzt beispielhaft auch die bilaterale Zusammenarbeit mit Ägypten, Marokko, Tunesien und Südafrika erwähnen. Das Besondere hierbei ist die intensive Zusammenarbeit mit unseren Kollegen auf politischer Ebene, mit denen wir gemeinsam Prioritäten, Instrumente und Themen definieren. Die gemeinsam finanzierten Programme, die beispielsweise beim Deutsch-Ägyptischen Forschungsfond schon seit über 10 Jahren bestehen, führen zu einer intensiven Vernetzung deutscher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit deren Partnern in der Region.

Sie sehen es anhand dieser Beispiele: Mit der Umsetzung der Afrika-Strategie 2014 bis 2018 haben wir viel erreicht. In über 650 Projekten mit einem Volumen von insgesamt ca. 350 Mio. Euro haben deutsche und afrikanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammen geforscht, gemeinsam an der Lösung drängender Fragen wie zum Beispiel im Klimaschutz oder der Gesundheitsforschung gearbeitet und voneinander gelernt.

Auch die neue Afrika-Strategie des BMBF ist ein Ergebnis gemeinsamer Arbeit. Ihre Grundlinien haben wir zusammen mit deutschen und afrikanischen Akteuren aus Bildung, Wissenschaft und Forschung in mehreren Workshops entwickelt. Sie folgt den afrikapolitischen Leitlinien der Bundesregierung und der Strategie der Bundesregierung zur Internationalisierung von Bildung, Wissenschaft und Forschung. Sie ergänzt Maßnahmen der Bundesregierung in anderen Politikfeldern. Vor allem greift sie afrikanische Prioritäten und Maßgaben der Entwicklungsstrategie „Agenda 2063“ der Afrikanischen Union und deren Fachstrategien auf und unterstützt die Umsetzung der Ziele für Nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen, der Sustainable Development Goals.

Mit unserer neuen Afrika-Strategie setzen wir mit fünf Handlungsfeldern neue Impulse. Dabei sind uns zwei Querschnittsthemen wichtig: Wir wollen verstärkt Frauen in Hochschule, Forschung und Innovation fördern. Und wir wollen die Chancen der Digitalisierung auch in der Kooperation mit Afrika nutzen und die Teilhabe an Wissen ermöglichen und verbessern.

Johann Wolfgang von Goethe hat in „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ geschrieben: „Es ist nicht genug zu wissen - man muss auch anwenden. Es ist nicht genug zu wollen - man muss auch tun.“ Das tun wir, indem wir die fünf Handlungsfelder mit konkreten Maßnahmen unterlegt haben:

Wir wollen zu Wachstum und Wohlstand beitragen, indem wir einen besonderen Fokus auf die Unterstützung des Transfers von der Forschung in die Anwendung vor Ort richten.

Der Transfer von Forschungsergebnissen in eine Verwertung jenseits der klassischen wissenschaftlichen Publikation ist nicht ohne Hürden: An einer Hochschule bedarf es nicht nur der richtigen mentalen Einstellung bei Forschern und Administration, sondern auch entsprechender Strukturen.

Konkret werden wir daher die Voraussetzungen vor Ort stärken, indem wir einerseits Innovationstrukturen an Hochschulen unterstützen und andererseits die innovationsrelevante Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft fördern, also Akteure aus Bildung, Wissenschaft und Wirtschaft vernetzen. Das geschieht unter anderem durch regionale Innovationsnetzwerke, also Cluster, und durch die Förderung von Auftragsforschung afrikanischer Hochschulen für Industriepartner. Und wir werden durch eine neue Fördermaßnahme gezielt Wissenschaftlerinnen beim Transfer von Ergebnissen ihrer Forschung in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik unterstützen.

Wir wollen Hochschulbildung und wissenschaftlichen Nachwuchs fördern.

Wir wissen: Die Qualifizierung von Menschen ist der Schlüssel sowohl zu individuellem Aufstieg als auch zu gesellschaftlichen Wohlstand. Der Mensch mit seinen Fähigkeiten hat in unserer Strategie daher den höchsten Stellenwert. Der Afrikakenner Horst Köhler sprach von „Bildung als Schlüssel aller Schlüsselthemen für die Zukunft Afrikas“.

Konkret werden wir die Graduiertenausbildung stärker in den Fokus rücken. Wir wollen darum unsere Forschungskooperationen mit afrikanischen Partnern darauf ausrichten, dass sich afrikanische Studierende und Doktoranden in den Projekten weiterqualifizieren können. Forschung und Bildung gehen so Hand in Hand. Beispielhaft dafür sind die WASCAL-Graduiertenschulen, die wir auf weitere Länder ausweiten werden.

Außerdem werden wir zusammen mit der Alexander von Humboldt Stiftung und dem DAAD das Erfolgsmodell der „Deutschen Forschungslehrstühle“ an den Zentren des African Institute für Mathematical Sciences ausbauen. Hier forschen die Lehrstuhlinhaber anwendungsorientiert. Auf hohem qualitativem Niveau bilden sie zudem den wissenschaftlichen Nachwuchs aus. Der Lehrstuhlinhaber in Senegal, Dr. Fall, wurde vom World Economic Forum 2017 sogar als einer von weltweit 100 „Young Global Leaders” ausgezeichnet. Drei der Lehrstuhlinhaber sind übrigens auf dem Titelblatt der Afrika-Strategie abgebildet.

Die große Zahl junger Menschen in Afrika stellt enorme Anforderungen an die afrikanischen Bildungssysteme, die entsprechend mitwachsen müssen, ohne qualitativ zu leiden. Wir werden daher verstärkt Institutspartnerschaften fördern, die auf Unterstützung von Strukturen vor Ort abzielen. Neu ist auch: Wir wollen eng mit Deutschland verbundene afrikanische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen fördern, damit sie eigene Arbeitsgruppen in Afrika aufbauen können. Wir möchten kluge afrikanische Köpfe, die heute hier in der Diaspora leben, dafür gewinnen, erworbene Kenntnisse in Afrika weiterzugeben und beim Ausbau der Wissenschaftssysteme auf dem Kontinent mitzuwirken.

Wir wollen die Beschäftigungsfähigkeit von Hochschulabsolventen stärken, indem wir ihre Ausbildung praxisnah gestalten.

Das ist nicht selbstverständlich. Von der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Afrika sind insbesondere im Norden in hohem Maße auch Hochschulabsolventen betroffen. Ursache ist einerseits die mangelnde Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarkts. Es fehlt jedoch andererseits vielfach an einer qualitativ hochwertigen Berufsausbildung sowie an einer sinnvollen Verknüpfung von Hochschullehre und lokalem Arbeitsmarkt. So ist es schwer, den Anforderungen im Berufsleben zu genügen.

Konkret werden wir zum Beispiel anwendungsbezogene Studiengänge, die Anpassung von Curricula, den Aufbau von „Student Career Centers“ und Programme zur Weiterbildung von Hochschullehrern und Hochschullehrerinnen unterstützen. Vermehrte Anfragen an das BMBF zeigen zudem den Bedarf afrikanischer Staaten nach systemischer Beratung in der Berufsbildung. Hier werden wir bedarfsorientierte Beratungsleistungen anbieten. Auch die Potenziale der deutschen Berufsbildungsforschung wollen wir stärker nutzbar machen. In den bereits erwähnten Großprojekten SASSCAL und WASCAL werden wir zudem Start-Up-Stipendien unterstützen.

Wir setzen uns dafür ein, dass Forschungszusammenarbeit verstärkt dazu beiträgt, die Ziele für Nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen zu verwirklichen.

Wir werden die Forschungskooperation mit afrikanischen Partnern zuvorderst in jenen Themenfeldern ausbauen, die nachhaltig Lebensgrundlagen für die Menschen schaffen: also in den Bereichen Gesundheit, Wasser, Erneuerbare Energien, Urbanisierung, Klimaschutz, Umwelt- und Meeresforschung.

In einer neuen Initiative geht es zum Beispiel um nachhaltige Energiesysteme, die bezahlbare und saubere Energie für die Menschen ermöglichen sollen. Bei der Gesundheit geht es um epidemiologische Forschung sowie Forschung im Bereich Pandemieprävention und Gesundheitskrisenmanagement. Außerdem werden wir eine Förderbekanntmachung zum Thema Mutter-Kind-Gesundheit unterstützen – und zwar gemeinsam mit der African Academy of Sciences und der Bill and Melinda Gates Foundation. Und diese interessante Partnerschaft führt mich zum fünften Handlungsfeld:

Wir wollen auf allen Ebenen Synergiepotenziale nutzen. Denn nur gemeinsam lassen sich die anfangs erwähnten großen Herausforderungen bewältigen.

Wir werden zusammen mit anderen Ressorts in für Afrika besonders relevanten Themen wie Gesundheit, Ernährung und Wasser ressortübergreifende Initiativen entwickeln – entsprechend dem Auftrag aus der Strategie der Bundesregierung zur Internationalisierung von Bildung, Wissenschaft und Forschung. Gemeinsam können wir eine größere Hebelwirkung erzielen. Diese Synergieprojekte sollen die bestehenden Investitionen der Bundesregierung stärken, vernetzen und in ihrer Wirkung potenzieren.

Im Schulterschluss mit unserem Partnerressort BMZ und - hier schaue ich zu Frau Kommissarin Agbor - der Kommission der Afrikanischen Union haben wir bereits den Ausbau des Instituts für Wasser und Energie in Algerien der Pan-Afrikanischen Universität unterstützt. Konkret haben wir den Standort beim Aufbau der Forschungsagenda begleitet, und wir finanzieren den Forschungskoordinator vor Ort, der die Implementierung der Agenda im Zusammenspiel mit den BMZ-Maßnahmen betreut. Nach diesem erfolgreichen Muster werden wir auch den Aufbau der Forschungsagenda am Standort der Panafrikanischen Universität in Nigeria unterstützen.

Synergiepotenziale heben wir auch mit der Initiative „Partnership for Research and Innovation in the Mediterranean Area“ mit insgesamt 19 Ländern Europas und des Mittelmeerraums und der EU-Kommission, bei der das BMBF in den nächsten zehn Jahren 20 Millionen Euro investieren wird und bei der es um Ernährung, Landwirtschaft und Wasser geht. Alle Partner zusammen nehmen insgesamt eine halbe Milliarde Euro in die Hand.

Ich möchte zum Schluss kommen: Unsere neue Afrika-Strategie umfasst zahlreiche Vorschläge für die Zusammenarbeit mit den afrikanischen Kolleginnen und Kollegen. Ihre Bandbreite verdeutlicht die vielfältigen Möglichkeiten, die die internationale Kooperation in Bildung, Wissenschaft und Forschung bietet. So schaffen wir Perspektiven. Perspektiven für die Menschen in Afrika. Dabei setzen wir an den afrikanischen Bedarfen an. Zugleich bietet die Afrika-Strategie des BMBF der deutschen Wissenschaft einen verlässlichen Rahmen, Kooperationen mit afrikanischen Partnerinstitutionen auf- und auszubauen.

Meinen herzlichen Dank möchte ich bei dieser Gelegenheit noch einmal an alle deutschen und internationalen Experten – und hier insbesondere an unsere afrikanischen Partner - richten, die uns durch ihre Erfahrungen bei der Ausarbeitung der Strategie geholfen haben. Das Ergebnis ist ein Plan, der zielgerichtet brennende Herausforderungen angeht und wichtige Beiträge zur gemeinsamen Zukunft leistet. Die neue Strategie zeigt, um Goethe wieder aufzugreifen, dass wir „unser Wissen anwenden“ und „es nicht nur wollen, sondern auch tun“. Ich würde mich freuen, wenn Sie uns auf diesem Weg unterstützen!