Polarforscher ernten frisches Gemüse in der Antarktis

Minus 40 Grad Celsius, keine Sonne, keine nahrhafte Erde: Trotz antarktischer Extrembedingungen ernten Forscher nahe der Polarstation Neumayer III Radieschen, Gurken und Salat. Wie das geht, erklärt Ingenieur Paul Zabel im Interview mit bmbf.de.

Paul Zabel hält den ersten geernteten Antarktis-Salat in den Händen. © DLR
Eine seltene Kost für die Antarktis-Überwinterer: frisch zubereiteter Salat aus dem eigenen Gewächshaus. © DLR
Die ersten Antarktis-Gurken erntete Paul Zabel im April. © DLR
Eine Gurkenpflanze wächst im EDEN:ISS Gewächshaus. © DLR
Im EDEN-ISS Projekt erforscht und erprobt Paul Zabel Technologien zum Pflanzenanbau im Weltraum. © DLR
Im Gewächshaus des DLR werden die Pflanzen mit Nährlösungen versorgt und mit künstlichem Licht bestrahlt. © DLR

bmbf.de: Herr Zabel, Sie bringen die Crew der Neumayer-Station III mit frischem  Gemüse durch den antarktischen Winter. Wie machen Sie das?

Paul Zabel: Wir haben am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt ein Gewächshaus entwickelt, das seit Ende 2017 in der Nähe der Polarforschungsstation des Alfred-Wegener Instituts in der Antarktis steht. Damit wollen wir herausfinden, ob wir Bewohnern in klimatisch ungünstigen Regionen eine hochwertige, frische Ernährung ermöglichen können.

Gibt es schon erste Ergebnisse?

70 Radieschen, 18 Gurken und fast 4 Kilogramm Salat: Bald möchte ich vier bis fünf Kilogramm Frischgemüse pro Woche ernten.

… wie geht das bei extremen Minusgraden und ohne nahrhafte Erde?

Die Pflanzen werden mit Nährlösungen versorgt und richtig temperiert mit speziellem künstlichem Licht bestrahlt. So wachsen sie sogar noch schneller als in einem natürlichen Umfeld.

Was genau erforschen Sie und die Mitarbeiter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt am Südpol?

Unter antarktischen Extrembedingungen geht das Gewächshaus in die Langzeiterprobung. Aber der Hintergrund des Experiments ist in der Tat die Raumfahrt: Bei Weltraummissionen zum Mond oder Mars ermöglicht ein geschlossenes Gewächshaus Ernten, die vom Wetter, der Sonne oder der Jahreszeit unabhängig sind – und das alles ohne Pestizide oder Insektizide bei geringem Wasserverbrauch.

Die deutsche Forschungsstation Neumayer-Station III in der Antarktis: Dank des Gewächshauses kann sich die Überwinterungsmannschaft ab März über frisches Obst und Gemüse freuen. © Alfred-Wegener-Institut / Thomas Steuer

Was kam denn bisher in der Polarforschungsstation auf den Tisch?

Die Station wird einmal im Jahr vom Forschungsschiff Polarstern mit Lebensmitteln versorgt. Das sind vor allem Tiefkühlwaren und lagerfähige Lebensmittel wie Kartoffeln. Im antarktischen Winter – von Ende Februar bis Anfang November – gibt es kein frisches Obst oder Gemüse.

Dann freut sich die Crew bestimmt riesig über das Gewächshaus…

Ja, besonders die Stationsköchin freut sich über das frische Gemüse, das wir seit Ende März – also kurz nach dem Wintereinbruch – ernten.

Wie sind die Lebensbedingungen im antarktischen Winter?

Frostig und dunkel: Zwischen Mai und Juli, in der Polarnacht, kommt die Sonne nicht über den Horizont. Dann kann es Minus 40 Grad kalt werden.

Aber Sie sind ja glücklicherweise im temperierten Gewächshaus…

Das steht aber 400 Meter von der Station entfernt. Wenn es stürmt, müssen wir uns gut überlegen, ob wir die Arbeit um ein paar Tage verschieben.

Was machen Sie, wenn das Wetter Ihnen eine Arbeitspause aufzwingt?

Es gibt ausreichend Freizeitmöglichkeiten auf der Station: ein Fitnessraum, eine Bibliothek, ein Videoentertainment-System, Brett- und Kartenspiele, einen Kickertisch und vieles mehr.

Herr Zabel, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Zur Person

Paul Zabel ist Ingenieur am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und arbeitet im internationalem EDEN ISS Projekt. Das Projekt hat die Erprobung von Technologien zum Pflanzenanbau im Weltraum zum Ziel. Dafür wurden diese Technologien in zwei Schiffscontainer eingebaut und für eine einjährige Expedition in die Antarktis geschafft. Paul Zabel betreibt seit Dezember 2017 für ein Jahr dieses Containergewächshaus an der deutschen Forschungsstation Neumayer III des Alfred-Wegener-Instituts – Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). Das Bundesforschungsministerium finanziert das AWI über die institutionelle Förderung der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.