Potenzialatlas Wasserstoff: Afrika könnte Energieversorger der Welt werden

Erste Ergebnisse des BMBF-Projekts „Potenzialatlas Grüner Wasserstoff“ zeigen immense Potenziale einer Wasserstoff-Partnerschaft zwischen Deutschland und Westafrika. 

Pk: Aufbau einer Wasserstoffpartnerschaft mit Westafrika - Neue Wege für Klimaschutz und wirtschaftliche Entwicklung
Pressekonferenz mit der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek, Dr. Stefan Kaufmann, Innovationsbeauftragter Grüner Wasserstoff,Christoph Kannengießer, Hauptgeschäftsführer Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft sowie Solomon Nwabueze Agbo, Projektkoordinator zum Thema Aufbau einer Wasserstoffpartnerschaft mit Westafrika. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek hat gemeinsam mit dem Innovationsbeauftragten „Grüner Wasserstoff“ Dr. Stefan Kaufmann den „Potenzialatlas Grüner Wasserstoff“ vorgestellt. Dieser Atlas analysiert Potenziale für die Erzeugung und den Export von Grünem Wasserstoff im westlichen und südlichen Afrika.

Grüner Wasserstoff ist ein Schlüsselelement der Energiewende. Mit seiner Hilfe lassen sich Industrie, Flug- und Schwerlastverkehr klimafreundlich gestalten. Allerdings hat Deutschland weder genügend freie Flächen noch genügend Wind- und Sonnenenergie, um seinen Wasserstoffbedarf selbst decken zu können. Deutschland wird daher auch langfristig Grünen Wasserstoff importieren müssen. Zum Beispiel aus West- und Südafrika.

Um herauszufinden, welche Potenziale es für die Produktion und den Export von Grünem Wasserstoff in Afrika gibt, fördert das Bundesforschungsministerium seit 2020 einen „Potenzialatlas Wasserstoff“. Er betrachtet neben den Bedingungen für die Erzeugung Erneuerbarer Energien und der notwendigen Infrastruktur insbesondere die Möglichkeiten einer nachhaltigen Entwicklung vor Ort. Am Donnerstag, den 20.05., hat Bundesforschungsministerin Anja Karliczek erste Atlas-Ergebnisse für die 15 Staaten der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) vorgestellt. Sie zeigen: Afrika könnte in Zukunft ein wichtiger Partner für die deutsche Wasserstoffwirtschaft werden.

Das sind die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

  1. Allein in Westafrika ließen sich jährlich maximal bis zu 165.000 TWh Grüner Wasserstoff herstellen. Zum Vergleich: Das entspricht 110mal der Menge an Grünem Wasserstoff, die Deutschland 2050 voraussichtlich wird importieren müssen.
  2. Von diesen 165.000 TWh Wasserstoff ließen sich jährlich rund 120.000 TWh für unter 2,50 Euro pro Kilogramm herstellen. Zum Vergleich: Studien gehen davon aus, dass die Kosten für ein Kilo Wasserstoff in Deutschland sogar 2050 noch rund 3,80 Euro betragen werden.
  3. Solar-Energie lässt sich am günstigsten in den nördlichen Regionen Westafrikas erzeugen, Wind-Energie in den südlichen. Wegen der geringen Stromgestehungskosten von Solar-Energie unter 2 Cent pro kWh im Norden Westafrikas sind hier die Kosten für die Herstellung Grünen Wasserstoffs besonders niedrig. Zum Vergleich: Die Stromgestehungskosten mit Erneuerbaren Energien in Westafrika sind rund 30 % niedriger als in Deutschland.
  4. Es ist möglich, Westafrikas örtlichen Energiebedarf zu decken – ohne den Energiebedarf für die Produktion von Grünem Wasserstoff erheblich einzuschränken.
  5. Der Aufbau einer auf Grünem Wasserstoff basierenden Wirtschaft geht sowohl in städtischen als auch ländlichen Regionen Westafrikas mit hohem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen einher. Das macht Wasserstoff-Technologien interessant für afrikanische Entscheider aus Politik und Wirtschaft – und erhöht die Wahrscheinlichkeit eines schnellen Einstiegs in die Wasserstoff-Wirtschaft.

Ab sofort lassen sich erste Variablen des Potenzialatlas für Westafrika in einer interaktiven Karte darstellen. Voraussichtlich im Juni 2021 folgen weitere Daten, beispielsweise zu den Kosten von Meerwasser-Entsalzung, Wasserstoff-Export sowie Energie-/Wasser-Transport. Voraussichtlich im Herbst 2021 folgen zudem Daten für Regionen in Südafrika.

Windfarm zur Erzeugung nachhaltiger Energie
Windfarm zur Erzeugung nachhaltiger Energie © Dimitri Kalvan | Adobe Stock

FAQ zum Potenzialatlas Grüner Wasserstoff

Wie stellt das BMBF sicher, dass durch die Produktion von Grünem Wasserstoff in Afrika die Wasserknappheit nicht verstärkt wird?

Verfügbarkeit von Frischwasser für die Elektrolyse ist ein wichtiges im Atlas berücksichtigtes Kriterium. Der Potenzialatlas Wasserstoff zeigt aktuell, dass zwar in vielen Regionen Westafrikas genügend Wasser für die Produktion von Grünem Wasserstoff zur Verfügung stünde – allerdings zumeist dort, wo verhältnismäßig schlechte Bedingungen für die Erzeugung von Grünstrom herrschen. Einerseits gilt es daher, die Stärken der verschiedenen Regionen durch Kooperationen und neue Infrastrukturen zusammenzubringen. Andererseits wird der Wasserstoff zukünftig vor Ort auch aus entsalztem Meerwasser hergestellt werden. Wenn Meerwasserentsalzung eingerechnet wird, steigt das Potenzial der Wasserstofferzeugung in Westafrika um 80 Prozent. Hierbei kommt der Potenzialatlas zu dem Ergebnis, dass die Kosten der Entsalzung den Wasserstoff-Preis in nicht erheblichem Maße erhöhen würde. Eine weitere Option wäre zudem die Herstellung von Wasserstoff direkt aus Meerwasser. Diese Technologie steht allerdings noch relativ am Anfang – und wird derzeit im BMBF-Wasserstoff-Leitprojekt H2Mare sowie im Grundlagenforschungsprojekt H2Meer weiterentwickelt.

Der Potenzialatlas kommt zu dem Ergebnis, dass Grüner Wasserstoff großen sozioökonomischen Nutzen für Westafrika hätte. Wie wurde das berechnet?

Um den Nutzen als Zahl abzubilden, haben Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich einen Index für den sozioökonomischen Nutzen entwickelt. Er hat fünf Ausprägungen von „sehr gering“ bis „sehr hoch“ und kombiniert auf regionaler Ebene mehrere Zeitreihen-Analysen über die wahrscheinliche Wirkung eines Ereignisses. Beispielsweise bildet er ab, welche Auswirkungen die Produktion von Grünem Wasserstoff höchstwahrscheinlich auf die lokale Energieversorgung, den Arbeitsmarkt, die örtliche Bildung, Gesundheit und individuelle Entwicklungschancen hätte. Die dafür entwickelten Algorithmen sind so komplex, dass das Team des Potenzialatlas Rechenzeit auf dem Jülicher Supercomputer anmieten musste. Publikationen zur Methodik der Berechnung werden noch in 2021 erwartet.

Wie nutzt das BMBF die Ergebnisse des Potenzialatlas? 

Noch im laufenden Jahr will das BMBF zusammen mit der Industrie erste Demonstrations- und Pilotvorhaben umsetzen und die Produktion von Grünem Wasserstoff in der Praxis testen – und zwar zuerst in den Regionen, die laut Potenzialatlas besonders geeignet sind.

Mit welchen Industriepartnern sollen die Pilotprojekte umgesetzt werden? 

Die Auswertung des Potenzialatlas ist noch in vollem Gange. Die Suche nach geeigneten Kooperationspartnern sowohl aus Westafrika als auch aus Deutschland hat gerade erst begonnen. Wir laden interessierte Unternehmen ein, sich mit dem Atlas, der ständig aktualisiert wird, einen Überblick zu verschaffen. Wir werden zeitnah mehrere Formate schaffen, durch die sich Unternehmen einbringen und Projektideen vorschlagen können. Die Projektpartner werden bekannt gegeben, sobald die ersten Projekte ihre Arbeit aufnehmen.

Wie stellt das BMBF sicher, dass die westafrikanischen Regionen tatsächlich profitieren?

Bedingung für die Pilotprojekte des Bundesforschungsministeriums ist zunächst die Sicherstellung der lokalen Energieversorgung – und die nachhaltige Wassernutzung. Die gemeinsame Entwicklung des Atlas vor von Anfang an unser Anliegen – aus diesem Grund werden die Klimakompetenzzentren WASCAL und SASSCAL in Afrika gleichberechtigt gefördert. Zudem hat das BMBF ein Graduiertenprogramm entwickelt, um westafrikanisches Fachpersonal für den Einsatz von Wasserstofftechnologien auszubilden. Es startet noch dieses Jahr.

Zudem hat Grüner Wasserstoff „Made in Africa“ hat einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen in den Erzeugungsregionen und schafft Arbeitsplätze in Deutschland und in Afrika gleichermaßen.

Wie soll der Grüne Wasserstoff aus Westafrika nach Deutschland transportiert werden?

Grundsätzlich soll für den Wasserstofftransport möglichst bereits vorhandene Transport-Infrastruktur genutzt werden. Auch diese wird im Rahmen des Atlas‘ untersucht und dargestellt. Durch die Bindung von Wasserstoff in flüssigen Energieträgern wie Ammoniak oder Kraftstoff oder an organische Trägerflüssigkeiten (LOHC) ließe sich Wasserstoff beispielsweise in Tankern transportieren. Zudem entwickelt das BMBF-Wasserstoff-Leitprojekt TransHyDE gerade spezielle, hochsichere Container für den Wasserstoff-Transport via Schiff – sowohl unter Hochdruck als auch tiefkalt. Welche die optimale Technologie zum Aufbau einer Wasserstoff-Transport-Infrastruktur ist, soll allerdings ebenfalls in Pilotprojekten getestet werden.

Welche Rolle spielt der Potenzialatlas in der nationalen Wasserstoff-Strategie? 

Die Erstellung des Potenzialatlas ist eine der 38 Maßnahmen der Nationalen Wasserstoffstrategie (Maßnahme 36). Seine Umsetzung ist wiederum eine der Voraussetzungen für Maßnahme 24 der Strategie: Demonstrationsprojekte zu internationalen Lieferketten. Die Ausbildung von afrikanischem Fachpersonal zahlt zudem auf Maßnahme 29 – Ausbildung – ein.

Wer ist am Potenzialatlas beteiligt? 

Das Forschungszentrum Jülich mit insgesamt sieben seiner Forschungsinstitute sowie die Klimakompetenzzentren West- und Südafrikas, WASCAL und SASSCAL.