Präsentation der revidierten Neu-Edition der Tora Ludwig Philippsons

Grußwort des Parlamentarischen Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Thomas Rachel, am 16.06.2015 in der Berliner Repräsentanz der Kultusministerkonferenz  

Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung
Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr verehrter Rabbiner Homolka,
sehr geehrter Herr Michallik,
sehr geehrter Herr Prof. Günther,
sehr geehrter Rabbiner Dr. Brandt,
sehr geehrter Herr Herder,
meine sehr geehrte Damen und Herren,

die Bibel wird zu Recht als das "Buch der Bücher" bezeichnet. Wie kaum eine andere Schrift hat sie Jahrtausende bestanden und Millionen von Menschen verbunden und fasziniert.

Dabei gab es nie "die eine Bibel", sondern von Anfang an unterschiedliche Fassungen und Auffassungen derselben Schriften. Ich bin froh, dass wir in einer Gesellschaft und einer Zeit leben, die diese Ambivalenz aushalten kann und die Religionsfreiheit für ein schützenswertes Gut hält.

Sie, lieber Rabbiner Homolka, und Ihre Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben in der Vergangenheit viel Arbeit und Engagement in die Neu-Edition der Philippson-Tora gesteckt und möchten dies auch weiterhin tun.

Ich freue mich sehr, heute Abend hier sein zu dürfen und zu sehen, wie produktiv Sie waren.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat diese Arbeit, das Abraham-Geiger-Kolleg und das gesamte Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg seit 2012 unterstützt und es ist sehr schön zu sehen, welche Früchte Ihre Arbeit trägt.

Ludwig Philippson erkannte im 19. Jahrhundert den Bedarf der jüdischen Bevölkerung in Deutschland an einer jüdischen Bibel in deutscher Sprache.

Die christliche Lutherbibel konnte diesen Platz nicht ausfüllen. Der jüdische Glaube benötigt seine Fassung der Schriften, der christliche benötigt eine andere, und der Islam kann beide prinzipiell als gültig anerkennen.

Wir haben somit die konstruktive Möglichkeit, uns auf die Gemeinsamkeiten statt auf die Unterschiede zu besinnen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ludwig Philippson, dessen Übersetzung der Tora wir auch heute noch bewundern, war zusammen mit Abraham Geiger einer der Begründer der 1872 eröffneten Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Diese und andere Einrichtungen der Jüdischen Studien wurden durch die Nationalsozialisten zerschlagen.

Es ist der ausdrückliche Wunsch der Bundesregierung, jüdisches Leben in Deutschland zu fördern und den Kampf gegen Antisemitismus zu verstärken. So hat es der Bundestag am 4. November 2008 beschlossen.

Ausdruck dieses allgemeinen politischen Willens ist auch die Förderung der Jüdischen Studien und des Abraham-Geiger-Kollegs im Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg.

Das Judentum spielt in der europäischen und deutschen Geschichte eine zentrale Rolle. Jüdische Kultur und Lebenswelt in ihrer Vielfalt, jüdisches Leben und seine Bedeutung für Gesellschaft und Wirtschaft zu erforschen ist ein unverzichtbarer Bestandteil historischer sowie kultur- und religionswissenschaftlicher Forschung in unserem Land.

Das Wissen um historische Ereignisse und Traditionen, um historische und kulturelle Wurzeln gibt Aufschluss über die eigene Kultur und ist die Voraussetzung für den gesellschaftlichen Dialog mit Anderen.

In unserer heutigen Zeit mit ihren vielfältigen gesellschaftlichen Herausforderungen sind wir angewiesen auf diesen Dialog, diesen Austausch - das Miteinander-Reden.

Das Rahmenprogramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung für die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften enthält genau aus diesem Grund Forschungsangebote an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die danach fragen, wie Zusammenhalt und Teilhabe in Gesellschaften gewährleistet werden kann, die von einer Pluralisierung der kulturellen und religiösen Praxis geprägt sind.

Eine solche wissenschaftliche Auseinandersetzung mit verschiedenen Kulturen und Religionen gibt dem konstruktiven und friedlichen Miteinander der Menschen in unserem Land wichtige Impulse. Und sie kann die gemeinsame Wertebasis aufzeigen, auf deren Grundlage wir uns verständigen können.

Fächer wie die Jüdischen Studien, die bekenntnisneutrale Islamwissenschaft und die bekenntnisgebundene Islamische Theologie sowie die Religionswissenschaft haben in den vergangenen Jahren einen gewissen Aufschwung erlebt und sind stärker ins Zentrum des allgemeinen Interesses gerückt.

Dies hat nicht allein wissenschaftsinterne, sondern auch gesellschaftliche Gründe. Gesellschaftliche Nachfrage und Bedarf entstanden, weil Nationen, Kulturen und Religionen im Zuge der Globalisierung und der Migrationsbewegungen einander näher rücken und dies neue Fragen an eigene und fremde religiöse und kulturelle Traditionen aufwirft.

Die religiöse Identität prägt viele individuelle Lebenswelten. Deshalb muss es unser Ziel sein, die religiösen Fundamente unserer kulturellen Prägungen zu verstehen.

Der interreligiöse Dialog, wie er auch ein zentrales Anliegen des Zentrums Jüdische Studien ist, spielt dabei eine wichtige Rolle. Hierbei nimmt der Dialog im sogenannten monotheistischen Dreieck, also zwischen Muslimen, Juden und Christen, einen prominenten Platz ein.

Damit dieser Dialog auf Augenhöhe geführt werden kann und reiche Früchte bringt, fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung an der Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg ein internationales Projekt „Religion und Dialog“ und fünf Zentren für Islamische Theologie. An diesen Standorten wird sowohl bekenntnisorientierte als auch bekenntnisneutrale Wissenschaft betrieben.

Dem liegt die Überzeugung zugrunde, dass zum einen die religiöse Praxis in einer aufgeklärten Gesellschaft von akademisch gebildetem Personal durchgeführt werden sollte und dass gleichzeitig einem steigenden Bedarf an wissenschaftlicher Expertise über Religion nachgekommen werden muss.

Man kann geteilter Meinung zu der Frage sein, ob es einer modernen Gesellschaft nicht angemessener wäre, Theologien aus der Universität herauszunehmen, anstatt mehr davon in die Universitäten hineinzutragen.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung vertritt nachdrücklich die Position, dass eine Herausnahme zu einer Verarmung führen würde, weil Theologie ein wichtiger Partner im Gespräch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ist – und zwar als Bestandteil in beiden Sphären.

Am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg werden Forschungsthemen interdisziplinär, hochschulübergreifend und im Austausch mit der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft bearbeitet.

Forschung und Lehre werden vernetzt, Gastprofessuren und Fellows unterstützen den internationalen Austausch.

Das ist moderne Wissenschaft auf der Höhe der Zeit!

Sie überschreitet nationale und internationale Grenzen und ermöglicht so eine enge Zusammenarbeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die weltweit zu verschiedenen Aspekten eines bestimmten Themas forschen.

Und dass bekenntnisneutrale und bekenntnisgebundene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Zentrum Jüdische Studien und an den anderen Standorten zusammenarbeiten, ist eine ganz besondere und einmalige Chance für den Dialog.

Wie wichtig und richtig die Entscheidung war, das Zentrum Jüdische Studien zu fördern, zeigen unter anderem die zahlreichen Anfragen für Forschungsaufenthalte am Zentrum.

Das Zentrum hat in kurzer Zeit eine außerordentliche Aufmerksamkeit der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft auf sich gezogen und damit unsere Erwartungen wirklich sehr gut erfüllt. Denn Ziel muss es sein, dass Deutschland attraktiv für die besten Forscherinnen und Forscher der Welt ist.

Das gilt für medizinische, naturwissenschaftliche und technische Forschungsbereiche – und genauso für die geisteswissenschaftliche sowie die theologische und religionswissenschaftliche Forschung.

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Entwicklungen der vergangenen Jahre zeigen:

Die Region Berlin-Brandenburg nimmt wieder eine besondere Rolle im jüdischen Leben Deutschlands ein.

Sie war nicht nur geprägt, sondern wird auch künftig geprägt sein von Studien und Forschungen über das Judentum, und von gelebter jüdischer Religion.

Wir sind heute Abend hier, weil, wie es zu Ludwigs Philippsons Zeiten hieß, eine "Bibel für die Juden" neu herausgegeben wird. Es ist schön, dass dies in Deutschland im Jahr 2015 wieder geschieht.

Ich bin froh und dankbar, dass 70 Jahre nach der Shoah jüdisches Leben und jüdische Gelehrsamkeit in Berlin wieder präsent sind. Dafür stehen die jüdischen Gemeinden und Einrichtungen der Bildung und Kultur. Dafür stehen aber auch ganz besonders die wissenschaftlichen Institute.

Vielen Dank Ihnen allen für Ihren Beitrag dazu.