Präzisionsschlag gegen den Krebs

Neueste Technologien ermöglichen es, Krebs zielsicher anzugreifen – individuell für jeden Erkrankten. Doch bisher dauert es zu lange, bis Innovationen am Krankenbett ankommen. Das neue Helmholtz-Institut „HI-TRON“ in Mainz will das jetzt ändern.

Krebs ist weltweit die zweithäufigste Todesursache. Deshalb arbeiten Forschende mit Hochdruck an neuen Therapien. Als besonders vielversprechend gilt die Immuntherapie, die sich seit einigen Jahren als neues Behandlungsverfahren für fortgeschrittene Krebserkrankungen etabliert hat. Bisher profitiert allerdings nur ein Bruchteil  Erkrankter dauerhaft von solchen neuartigen Krebstherapien.

Hi-Tron Gründungsfeier
Die Teilnehmer der Gründungsfeier mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer (vorn, 3.v.r.). © Jürgen Arlt / DKFZ

Die Herausforderung ist, dass Krebserkrankungen höchst unterschiedlich sind. Jeder Krebs ist nämlich so individuell, wie der Patient, der an ihm erkrankt ist. Krebszellen entstehen durch zufällige Veränderungen des Erbguts über die Zeit. So haben selbst gleiche Krebsarten wenig gemeinsam – weniger als fünf Prozent der Erbgutveränderungen stimmen im Durchschnitt überein. Und das erschwert den Kampf gegen die Tumoren. Genau hier wollen Forschende des neuen Helmholtz-Institut für Translationale Onkologie „HI-TRON“ in Mainz ansetzen: Sie wollen neuartige Immuntherapien entwickeln und sie maßgeschneidert einsetzen, indem sie die Besonderheiten eines jeden Krebses präzise entschlüsseln.

 „Es gibt es eine große Lücke zwischen dem technologisch Möglichen und dem, was wir heute Patienten als Therapie anbieten können “, sagt Ugur Sahin, Krebsforscher, wissenschaftlicher Direktor und Sprecher  des „HI-TRON“. Um die Lücke zwischen der Innovation und dem Krankenbett zu verringern, haben die Mainzer Forschenden mit ihren Kollegen aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) zusammengeschlossen. Sie möchten die sogenannte Translation beschleunigen.

Der Krebs hinterlässt verräterische Spuren

Im Detail heißt das: Durch Vernetzung von Grundlagenforschung, angewandter Forschung, Lehre, Versorgung und industrieller Medikamentenentwicklung sollen Forschungsergebnisse schneller in verbesserte Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten überführen. „Unser Ziel ist es Technologien und Kompetenzen aus unterschiedlichen Gebieten zusammenführen um neue maßgeschneiderte Immuntherapien schnellstmöglich an den Patienten zu bringen“, erklärt Sahin. „HI-TRON“ soll so zu einem weltweit führenden Zentrum für personalisierte Krebsimmuntherapie werden.

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Illustration von Krebszellen. © Thinkstock/xrender

Doch was ist eigentlich personalisierte Medizin? Vereinfacht gesagt: Nicht die Krankheit als solche steht im Mittelpunkt, sondern ihre Ausprägungsmerkmale in jedem einzelnen Patienten. Diese sogenannten Biomarker sind verräterische Spuren, die der Krebs bei seiner Entstehung hinterlässt. „Diese Informationen müssen wir noch viel besser nutzen“, sagt Sahin. Denn sie ermöglichen einen maßgeschneiderten Angriff auf den Krebs – passgenau für jeden Patienten, zielsicher für jeden Tumor. Biomarker präzise zu kartieren, ist durch neueste Diagnoseansätze wie beispielsweise das Next-Generation Sequencing (Tiefensequenzierung) möglich: Damit lassen sich in nur einer Untersuchung Milliarden Erbinformationen „lesen“ und die Schwachstellen der Tumoren aufdecken.

Da bei ihren Untersuchungen unzählige Daten anfallen, möchten die Forscher leistungsfähige Computersysteme und künstliche Intelligenz nutzen, um Daten zu analysieren, Muster zu erkennen und für den individuellen Patienten medizinisch relevante Voraussagen zu machen. Die Forschenden wollen so herausarbeiten, welche Schwachstellen das beste Angriffsziel bieten, welche „Waffe“ sich am besten für den Kampf eignet, und wie sich der individuelle Tumor verändert, wenn er der Behandlung ausgesetzt wird.