„Probleme können uns so nah sein“

Essen verteilen, Schlafsäcke ausgeben, zuhören: Fünf Auszubildende des BMBF haben in der Wohnungslosenhilfe geholfen. Die Erlebnisse fanden sie erschreckend, aber sie veränderten auch ihre Sicht auf Menschen in Not. Jetzt wollen sie Spenden sammeln.

Er sieht aus wie Mitte 50, ist groß-gewachsen, trägt eine kleine, runde Brille, ein helles Hemd und einen schwarzen Mantel. Schriftsteller könnte er sein, Künstler oder auch Lehrer – wer weiß? In ein kleines Café würde er gut passen, nicht aber in die Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo in Berlin. Doch er ist einer von Vielen, die dort Hilfe suchen, eine Tasse Kaffee oder eine warme Suppe. Es ist Donnerstag, Mitte Mai: Heute bekommt er die Hilfe, die er braucht, von Sozialarbeitern, Ehrenamtlichen – und fünf Auszubildenden des Berliner Dienstsitzes des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Tag und Nacht: Unermüdlich im Einsatz

24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr: Die Helferinnen und Helfer der Bahnhofsmission sind unermüdlich im Einsatz. Jessica und Berkehan gehören heute zu ihnen. Die beiden Berliner Azubis haben ihren Schreibtisch im Bundesministerium für einen Tag gegen die Essensausgabe der Wohnungslosenhilfe eingetauscht. Was sie nicht erwartet hatten: „Hier sieht man die unterschiedlichsten Leute“, erzählen sie. „Menschen mit Sucht- oder psychischen Problemen, Wohnungslose, Menschen am Existenzminimum, aber auch Studierte, in deren Leben etwas schief ging“, berichtet Berkehan.

"Man blendet das Elend aus"

Was die Azubis erleben, finden sie erschreckend. „Probleme können uns so nah sein“, sagt Jessica. Die 19-Jährige kommt vom Land. Obdachlosigkeit sei für sie immer „weit weg“ gewesen, erzählt sie. Das kannte sie höchstens aus dem Fernsehen. Dann kam die Arbeit in Berlin. Ob vor dem Hauptbahnhof oder in der S-Bahn: Fast täglich trifft sie nun auf Wohnungslose. „Mit der Zeit stumpft man ab, blendet das Elend aus“, erzählt sie. Doch nach den Erfahrungen in der Bahnhofsmission sieht Jessica die Menschen in Not mit anderen Augen. „Man kann nicht jedem Geld geben, aber es gibt so viele andere Möglichkeiten, zu helfen“, sagt die Auszubildende.

Azubis wollen Sammelaktion starten

Schlafsäcke werden immer gebraucht, Lebensmittel, Hygieneartikel, Unterwäsche. Jessica und Berkehan wollen nun ihre Freunde fragen, ob diese noch Sachen übrig haben, die sie nicht benötigen. Auch eine Sammelaktion im Bundesministerium wollen sie starten. Damit haben die Azubis bereits gute Erfahrungen gemacht: Kurz vor Weihnachten sammelten sie für 32 Kinder der Kinderkrebsstation der Charite. Ob ferngesteuerter Roboter, Zuckerwattemaschine, Brettspiele oder Bücher: Jeder Wunsch wurde erfüllt.

Menschen mit kleinen Dingen eine Freude machen

Die Berliner Ausbildungsleiterin Pauline Lichtenberg möchte auf den guten Erfahrungen aufbauen. „Wir werden die ehrenamtlichen Aktionen jetzt jedes Jahr wiederholen“, sagt sie. Die 30-Jährige ist begeistert, wie die Azubis in der Wohnungslosenhilfe über ihren Schatten gesprungen sind. „Selbst die Schüchternsten haben schnell ihre Berührungsängste verloren und sind auf die Menschen zugegangen“, erzählt Lichtenberg. Und das hat sich gelohnt: „Es ist schön, wenn man Menschen mit kleinen Dingen eine Freude machen kann“, sagt Berkehan. Das Lächeln beim ersten Schluck Kaffee, das Funkeln in den Augen, bei einer heißen Suppe, die Dankbarkeit – das hat Berkehan berührt.

Drei Menschen starben vor der Tür

Willi Nadolny kennt das nur zu gut. Seit 2011 ist er mitten im Geschehen – zuerst als Praktikant, heute leitet der Sozialarbeiter die Wohnungslosenhilfe am Zoo. „Das Schönste ist“, berichte er, „wenn Menschen nach Jahren wiederkommen – und ihr Leben wieder im Griff haben. Viele kommen dann, um sich zu bedanken.“ Doch Nadolny ist lange genug dabei, um auch die Schattenseite zu kennen. „In diesem Jahr sind schon drei Menschen vor unserer Tür gestorben“, erzählt er. Das schockiert ihn – trotz jahrelanger Erfahrung, trotz „professioneller Distanz“, wie er es nennt. Denn er sieht stets den einzelnen Menschen, sein Schicksal, ohne Vorurteile – und das wünscht er sich auch von anderen.

Die Auszubildenden Kilian, Willi, Tatjana und Jessica helfen in der Bahnhofsmission aus. Nach dieser Erfahrung sehen sie Menschen in Not mit anderen Augen. © BMBF/Hans-Joachim Rickel