Prost Neujahr - Gene sind Frühwarnsystem für Alkoholsucht

An Silvester perlt vielerorts der Sekt in den Gläsern. In geringen Mengen ist das unbedenklich. Gefährlich wird es, wenn der Alkohol zur Sucht wird – und darauf haben die Gene einen erheblichen Einfluss.

Welches Risiko haben Jugendliche, im späteren Leben alkoholabhängig zu werden? Dieser Frage geht das Forschungsteam um Professor Spanagel nach. © Thinkstock

In Deutschland konsumieren 9,5 Millionen Menschen Alkohol in gesundheitlich bedenklichem Ausmaß: Das hat das Robert-Koch-Institut in Berlin ermittelt. Etwa 1,8 Millionen Menschen gelten als alkoholabhängig. Alljährlich sterben hierzulande 74.000 Menschen an den Folgen ihres Alkoholmissbrauchs. „Alkoholabhängigkeit“, sagt Professor Rainer Spanagel vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, „ist eine der am weitesten verbreiteten neuropsychiatrischen Erkrankungen in unserer Gesellschaft.“

Als Leiter des interdisziplinären Projektes „Systemmedizin der Alkoholsucht“, das vom Bundesforschungsministerium gefördert wird, untersucht Spanagel die molekularen Grundlagen der Alkoholsucht. Ein Ziel des Forschungsprojektes ist es, genetische Risikoprofile zu erstellen. Sie sollen voraussagen, ob Jugendliche – die von riskantem Konsum und Rauschtrinken am häufigsten betroffene Gruppe – im späteren Leben eine Alkoholsucht entwickeln werden.

Die molekularen Grundlagen von Sucht und Entzug

Warum der eine Mensch alkoholabhängig wird, der andere aber nicht, ist eine nach wie vor offene Frage. Ohne Zweifel spiele das soziale Umfeld eine entscheidende Rolle, erläutert Spanagel. Die Gene aber übten ebenfalls einen erheblichen Einfluss aus. Ein einzelnes hauptverantwortliches Gen gibt es nicht – wohl aber verschiedene Gene, die untereinander und mit der Umwelt in komplexer Weise wechselwirken.

Gene und soziales Umfeld

Aktuelle Zahlen belegen: 9,5 Millionen Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol in gesundheitlich bedenklichem Ausmaß. Doch warum wird der eine Mensch alkoholabhängig und der andere nicht? Nicht nur das soziale Umfeld spielt dabei eine Rolle, auch die Gene üben einen erheblichen Einfluss aus.

Neurobiologische Mechanismen

Spanagel und seine Kollegen gehen den genetischen Grundlagen und den neurobiologischen Mechanismen der Alkoholsucht nach, indem sie Ratten und Mäuse untersuchen, die experimentell leicht alkoholabhängig gemacht werden können. Für ihre Arbeiten nutzen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einen systemmedizinischen Ansatz: Das heißt, sie kombinieren die Ergebnisse aus den Untersuchungen mit Tieren mit den genetischen, molekularbiologischen und neurobiologischen Informationen von Patientinnen und Patienten und werten die Daten mithilfe der Biostatistik und der mathematischen Modellierung aus. Auf diese Weise haben sie zahlreiche Hinweise gefunden, wie veränderte Gene gemeinsam mit Umwelteinflüssen in die Abhängigkeit führen können.

Der Einfluss der Gene

Ein Beispiel ist ein Defekt in einem Gen namens„PER2“ (Period Circadian Clock 2). Das Gen ist an der Regulation der Stresshormone beteiligt und zählt zu den Erbanlagen, die den Tag-Nacht-Rhythmus steuern. Bei Mäusen mit verändertem PER2-Gen ist dieser Rhythmus gestört. Diese Tiere tranken viel mehr Alkohol als gesunde Kontrolltiere. Der Gendefekt ist womöglich direkt mit genetischen Veränderungen im Menschen vergleichbar. Denn es ist bekannt, dass Menschen, bei denen der Rhythmus von Tag und Nacht durcheinander geraten ist, häufiger Alkoholprobleme haben. „Zudem wissen wir, dass Jugendliche mit bestimmten Mutationen im PER2-Gen mehr trinken als ihre Altersgenossen“, sagt Spanagel.

Neue Wege zur Prävention und Therapie

Im Gehirn von Mäusen mit verändertem PER2-Gen fanden die Forscher große Mengen an Glutamat. Ein Botenstoff, den Nervenzellen zur Kommunikation nutzen und der eine gesteigerte Erregbarkeit auslöst. Es stellte sich heraus, dass die Tiere im aufgeregten Zustand verstärkt Alkohol tranken. Sowohl die erhöhte Konzentration von Glutamat als auch der Alkoholkonsum ließen sich mit dem Arzneistoff Acamprosat normalisieren. Acamprosat soll alkoholabhängigen Patienten bei der Entwöhnung helfen, die Abstinenz aufrechtzuerhalten und Rückfälle zu verhindern. Die Wissenschaftler haben Details über den molekularen Wirkmechanismus des Medikaments herausgefunden. Diese Erkenntnisse versprechen, die Effizienz des Medikaments zu verbessern.

Was ist Systemmedizin?

Die „Systembiologie“ will die dynamischen Lebensprozesse der Zellen, Gewebe, Organe und Organismen verstehen und die Zusammenarbeit der Moleküle in Netzwerken abbilden. Dazu wendet sie Methoden der mathematischen Modellierung und die Leistungskraft moderner Computer an. Die „Systemmedizin“ will die Erkenntnisse und Methoden der Systembiologie auf die Medizin übertragen und für Patientinnen und Patienten nutzbar machen. Das Ziel der Systemmedizin ist es, die neuen Einsichten in die Prozesse des Lebens anzuwenden, um Krankheiten genauer zu diagnostizieren und besser zu behandeln. Denn ob ein Mensch gesund oder krank ist, hängt von vielen Faktoren ab, seien es genetische Unterschiede, die Veränderung von Molekülen oder Umwelteinflüsse. Die Frage ist, wie all diese Faktoren und Systeme ineinandergreifen und wie sie zu beeinflussen sind.