Proteine aus Algen, Taschen aus Fischhaut

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek besucht die „Grüne Woche“ in Berlin. Im Mittelpunkt stehen Produkte der Bioökonomie. Sie sollen den Verbrauch von fossilen Ressourcen wie Kohle und Erdöl reduzieren. Auch die Agrarwirtschaft denkt neu.

Die Ernte muss verschoben werden. Zumindest um ein paar Minuten. Anja Karliczek hat schon vor einiger Zeit eine grünliche Flüssigkeit in einen gläsernen Behälter gegeben, in den ein Sieb eingehängt ist. Jetzt wiegt sie diesen Behälter hin und her, damit sich die kleinen Algen, die in dem Wasser schwimmen, im Sieb verfangen. Aber es dauert, zumindest länger als eingeplant. „Vielleicht hätte ich weniger nehmen sollen?“, fragt sie. Aber dann, ein bisschen später, hängen tatsächlich grüne Algen im Sieb. Und die haben es in sich: Sie sind fast aus dem Nichts in dem Wasser gewachsen, aber man kann sie essen. Sie liefern viele wichtige Nährstoffe wie zum Beispiel Proteine. Wenn man es richtig angeht, verdoppelt sich die Anzahl der Algen alle eineinhalb Tage. Was für ein Quell an Energie!

Essbare Algen, Taschen aus Fischhaut und T-Shirts aus Milchproteinen: Es sind wahrlich Produkte aus der Zukunft, die sich die Bundesforschungsministerin an diesem Tag auf der „Grünen Woche“ in Berlin anschaut. Sie ist zum Stand des Wissenschaftsjahres 2020 gekommen, das sich in diesem Jahr einem DER Themen unserer Zeit widmet: der Bioökonomie.

Und Karliczek hat eine Menge Fragen mit an den Stand gebracht. Wie pflegt man denn Produkte aus Fischhaut (Antwort: ganz normal)? Riecht eine Tasche aus Apfelresten noch nach Apfel (nein!)? Und ist der Becher, in dem der Ministerin gerade der Kaffee gereicht wird, auch wirklich 100 Prozent kompostierbar (ja, zum Glück!)?

Keine Frage: Das Thema Nachhaltigkeit hat auch die Agrarwirtschaft erreicht. Das ist deutlich zu spüren in diesem Jahr auf der „Grünen Woche“, immerhin die nominell größte Leistungsschau für landwirtschaftliche Produkte der Welt. Das BMBF hat sich das Ziel gesetzt, durch Forschungs- und Innovationsförderung dazu beizutragen, dass die Agrarwirtschaft „Fit für die Zukunft“ wird. Und dabei spielt wiederum die Bioökonomie eine wichtige Rolle.

Eines ihrer wichtigen Ziele ist es, den Verbrauch von fossilen Ressourcen wie Kohle und Erdöl zu reduzieren und einen Wandel zu einer Wirtschafts- und Lebensweise auf der Grundlage nachwachsender Rohstoffe zu fördern. Menschen haben schon immer biologische Ressourcen wie Pflanzen und Tiere genutzt, um Nahrung zu gewinnen, Kleidung zu produzieren oder Häuser zu bauen. Wissenschaft und Forschung in der Bioökonomie setzen darauf auf: Sie verknüpfen neueste natur-, technik- und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse, um möglichst effiziente Wege der Produktion und Nutzung nachwachsender Rohstoffe zu entwickeln und dadurch die Grundlagen für eine nachhaltigere Wirtschaftsform zu schaffen. Wo sollen Energie, Rohstoffe und Nahrungsmittel in Zukunft herkommen, wenn die immer mehr Menschen die Erde bevölkern?

Ministerin Karliczek vergewissert sich auf ihrem Rundgang, dass die Technik bereits ziemlich weit ist. Wer künftig zum Beispiel eine Kaffee aufgesetzt hat, sollte den Kaffeesatz vielleicht nicht mehr so arglos in den Müll werfen – denn daraus lassen sich Dinge des täglichen Lebens pressen, zum Beispiel Geschirr. „Wir müssen das den Leuten erklären, damit Sie verstehen, welche Chancen die Bioökonomie bietet“, sagt Karliczek. Zwei Stunden verbringt sie auf der Messe, trifft sich unter anderem mit dem Deutschen Bauernverband und der Deutschen Ernährungsindustrie. Vor ihrem Rundgang hat sie sich auch mit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner Exponate in der Halle des BMEL angesehen. Nur im Dialog, soviel ist klar, können die enormen Herausforderungen gemeistert werden.

Dafür hat das BMBF auch das Wissenschaftsjahr 2020 ganz ins Zeichen der Bioökonomie gestellt. Das ganze Jahr über gibt es Ausstellungen und Veranstaltungen zum Thema. „Bislang ist die Bioökonomie erst wenigen Menschen vertraut. Das wollen wir mit dem Wissenschaftsjahr ändern. Es gilt, das enorme Potenzial bioökonomischer Forschung aufzuzeigen – auch im Hinblick auf die Herausforderungen des Klimawandels“, sagt Karliczek. Wissenschaftsjahre verstehen sich als Treiber für die Weiterentwicklung der Wissenschaftskommunikation. So werden in diesem Rahmen insbesondere solche Projekte gefördert, die die Wissenschaftskommunikation auch in ihrer Methodenvielfalt voranbringen.

Auch im Berliner Dienstsitz des BMBF gibt es eine Dauerausstellung zur Bioökonomie. Ob veganes Leder aus Pilzen oder Kleidung aus Holz: Nachhaltiger Konsum liegt im Trend, wie einige Exponate in der Ausstellung zeigen. Die Bioökonomie kann dazu beitragen, Rohstoffe möglichst vollständig und sogar mehrfach zu nutzen. Auf Basis von Methoden und Verfahren der Bioökonomie verwendet die Modeindustrie bereits biologische Reststoffe und Abfälle für innovative Materialien – zum Beispiel für Textilien aus Holz oder Schuhe und Taschen aus Pilzfasern.