Quallenschleim bindet Mikroplastik

Können Quallen die Meere und Ozeane vom Mikroplastik befreien? Und servieren Europas Spitzenrestaurants künftig Quallen à la carte? Das untersucht ein europäisches Forscherteam um die Kieler Biologin Jamileh Javidpour. Ein Interview mit bmbf.de.

GEOMAR-Forscherin Jamileh Javidpour koordiniert das Forschungsprojekt "GoJelly". © J. Steffen / GEOMAR

Bmbf.de: Quallen sind glibberig, lästige Begleiter beim Schwimmen im Meer und Feuerquallen können sogar sehr schmerzhaft sein. Was fasziniert Sie an Quallen, Frau Javidpour?

Jamileh Javidpour: Ich finde Quallen unheimlich faszinierend, weil sie sehr schön aussehen und weil es sie schon vor den Dinosauriern gab. Sie können sich gut an ihre Umwelt anpassen und wir können noch viel von ihnen lernen. Außerdem sind Quallen ein wertvoller Rohstoff.

Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen haben die Vision, dass Quallen uns schon bald als Nahrungsmittel dienen könnten.

Quallen sind schon jetzt fester Bestandteil der ostasiatischen Küche. Dort verdienen viele Fischer ihr Geld mit Quallen. Wir erforschen nun, wie wir Quallen auch den Menschen in Europa schmackhaft machen können. Dafür arbeiten wir mit einem italienischen Sternekoch zusammen, der gemeinsam mit unseren italienischen Partnern ein Kochbuch mit Quallenrezepten schreibt. Ich kann mir gut vorstellen, dass Quallensalat und Quallen-Sushi schon bald auf der Karte von europäischen Gourmetrestaurants auftauchen.

Wie können Quallen verhindern, dass Mikroplastik ins Meer gelangt?

Erste Studien haben gezeigt, dass der Schleim von Quallen Mikroplastik bindet. Wir wollen ausprobieren, ob man den Quallenschleim als Biofilter verwenden kann, der in Klärwerken eingesetzt wird. Denn etwa 20 Prozent des Mikroplastiks im Meer stammt aus Klärwerken und Flüssen. Wenn wir mit Quallenschleim verhindern können, dass diese 20 Prozent ins Meer gelangen, wäre das ein großartiger Erfolg.

Wie kann man den Schleim der Quallen ernten?

Dazu arbeiten wir mit Fischern zusammen. Die Fischer schmeißen die Quallen, die sie in ihren Netzen finden, nicht gleich zurück ins Meer, sondern holen sie an Bord. Solange die Quallen vom Fang gestresst sind, scheiden sie den für uns wertvollen Schleim aus. Die Fischer fangen den Schleim auf und bringen uns auch die Quallenkörper. Wir erforschen nämlich noch weitere Nutzungsmöglichkeiten, zum Beispiel, ob sich Quallen als Futter für Zuchtfische eignen und ob hautstraffendes Quallen-Kollagen eine Zutat für Anti-Aging-Cremes sein könnte.

Trotzdem ist das Image von Quallen sehr schlecht…

Das stimmt! Viele ekeln sich vor Quallen. In Japan ist sogar schon mal ein Fischkutter in Schieflage geraten und gekentert, dem zu viele Riesenquallen ins Netz gegangen sind. Am Mittelmeer sind Strände manchmal tagelang wegen einer Quallenplage gesperrt. Zu allem Überfluss profitieren Quallen auch noch vom Klimawandel: Während andere Meeresbewohner unter steigenden Wassertemperaturen und Ozeanversauerung leiden, gedeihen Quallen prächtig. Auch die Überfischung begünstigt Quallen, weil sie weniger Fressfeinde haben. In der Nord- und Ostsee wird es in Zukunft mehr Quallen geben.

Sind auch unsere heimischen Quallen aus der Nord- und Ostsee essbar?

Ja, alle Quallen sind essbar, selbst Feuerquallen. Auf die richtige Zubereitung kommt es an: Man kann Quallen kochen, frittieren oder auch entwässern und in Form von knusprigen Quallenchips essen. In Asien wird Quallen eine gesundheitsfördernde Wirkung nachgesagt, beispielsweise Linderung bei Arthritis.

Wie schmecken Quallen denn?

Je nach Zubereitung schmecken die gar nicht mal so schlecht – sie sind salzig und schmecken nach Meerwasser. Damit Quallen wirklich lecker sind, müssen aber vor allem die Saucen gut schmecken. Wir werden in nicht allzu ferner Zukunft neun Milliarden Menschen sein. Deshalb müssen wir uns nach neuen Nahrungsmitteln umsehen.

Ein positiver Nebeneffekt der Nutzung von Quallen wäre, dass sie uns nicht mehr beim Baden in der Nord- und Ostsee stören…

Genau. Indem wir die Quallen vor der Küste abfischen, kontrollieren wir auch die Quallenpopulation des nächsten Jahres. Wir achten aber darauf, dass wir Quallen nicht überfischen. Uns ist bewusst, dass Quallen eine wichtige Rolle im Ökosystem Meer zukommt.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Javidpour.

GoJelly

Das Projekt GoJelly zur Quallenforschung unter Leitung des GEOMAR - Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel wird von der Europäischen Union im Rahmenprogramm Horizont 2020 gefördert. In dem internationalen Projekt arbeiten Forscherinnen und Forscher aus Deutschland, Norwegen, Portugal, Slowenien, Israel, Italien, Frankreich und China zusammen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt das GEOMAR mit der institutionellen Förderung. Über die Gefahr, die Mikroplastik für unsere Meere und Ozeane bedeutet, informiert die vom BMBF geförderte Wanderausstellung „Ocean Plastics Lab“, die im Juni in Washington D.C. und anschließend in Kanada besucht werden kann. Im Oktober 2018 ist die Ausstellung in Berlin zu sehen.