Roundtable „European Higher Education beyond 2020 – Towards European Universities“

Statement der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek in Paris

„Wenn es gelingt, die Kooperation unserer Hochschulen auf ein neues Niveau zu heben, kann Europa in wichtigen Zukunftsfeldern wie der Digitalisierung voranschreiten“, sagt Bundesbildungsministerin Anja Karliczek in Paris. © JACQUES DEMARTHON / AFP

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr verehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen!

Wissenschaft, Forschung und Lehre brauchen Freiheit. Nur in Freiräumen kann neues Wissen entstehen. Von der Wissenschaftsfreiheit und den daraus resultierenden Erkenntnissen und Innovationen profitiert die gesamte Gesellschaft, profitiert Europa.

Alarmierend ist daher, dass die Wissenschaftsfreiheit in vielen Ländern der Welt unter Druck gerät. Die Freiheit der Forschung und Lehre wird beschnitten, ein faktengeleiteter Diskurs untergraben; Hochschulangehörige werden entlassen bis hin zum Versuch, politisch unliebsame Einrichtungen zu schließen. Das stellt gemeinsame europäische Werte in Frage und den Europäischen Hochschulraum auf die Probe.

Für Deutschland sind die Werte, die dem Europäischen Hochschulraum zugrunde liegen, nicht verhandelbar – namentlich die Wissenschaftsfreiheit, die institutionelle Autonomie der Hochschulen, die Partizipationschancen von Studierenden, Lehrenden und Forschenden. Deshalb begrüße ich es sehr, dass sich der Europäische Hochschulraum dieser Diskussion stellt und diese Punkte auch deutlich im Kommuniqué betont.

Unser gemeinsames Ziel ist, unsere Hochschulsysteme qualitativ weiterzuentwickeln und stärker zu vernetzen. Das ist ein wichtiger Baustein für ein demokratisches und wirtschaftlich erfolgreiches Zusammenleben in Europa. Wir schaffen einen Europäischen Hochschulraum, der freiheitlich denkende, an Fortschritt und am Gemeinwohl interessierte Studierende, Lehrende und Forschende vereint.

Deshalb setzt sich Deutschland dafür ein, dass der Dialog im Europäischen Hochschulraum nicht nur fortgeführt, sondern intensiviert wird. Wichtig ist uns, auch diejenigen Länder mitzunehmen, die aus eigener Kraft nicht so schnell voranschreiten können.

Für junge Menschen ist es heute normal, in verschiedenen europäischen Ländern zu studieren. Sie leben Europa. Das ist eine große Errungenschaft des Bologna-Prozesses.

Er hat es ermöglicht, dass die Hochschulbildung in Europa vergleichbar ist, und wir sie gegenseitig anerkennen können. Damit haben wir eine neue europäische Generation Studierender hervorgebracht, die nicht übereinander, sondern miteinander redet und gemeinsam Lösungen für anstehende Herausforderungen sucht.

Das wollen wir weiter vorantreiben.

Deshalb begrüße ich die Initiative des französischen Staatspräsidenten Macron und der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union, Europäische Hochschulnetzwerke aufzubauen.

Wenn es gelingt, die Kooperation unserer Hochschulen in Lehre, Forschung, Innovation und Transfer auf ein neues Niveau zu heben, kann Europa in wichtigen Zukunftsfeldern – wie der Digitalisierung –voranschreiten.

Dabei habe ich beim Stichwort Digitalisierung nicht nur den wirtschaftlichen Fortschritt vor Augen, sondern die Chancen für den Europäischen Hochschulraum selbst: Wir wollen Interoperabilität sicherstellen und Standards setzen, die auch über Europa hinausstrahlen.

Ein neues Niveau können wir aber nur erreichen, wenn wir zügig starten.

Daher unterstützt die Bundesregierung die Europäische Kommission, Europäische Hochschulnetze bereits im nächsten Jahr zu fördern. Wir in Deutschland planen, diese Netze komplementär zu fördern. Daher hoffen wir, dass andere Staaten diesen Prozess ebenso unterstützen – sei es über nationale oder europäische Mittel, beispielsweise über den Strukturfonds. Ich würde mich freuen, wenn wir hierüber konkret ins Gespräch kommen könnten.

Dies würde die Hochschulen in Europa anspornen, Netzwerke zu schaffen, die für Studierende wie Lehrende Vorteile bringen – und finanziell nachhaltig unterlegt wären.

Eine vernetzte Hochschullandschaft in Europa, die Menschen umfassend bildet, schafft die Basis für Frieden und Freiheit. Sie schafft Generationen von Europäern, die über den nationalen Tellerrand blicken und wirklich europäisch denken.

Menschen, die Wissen und demokratische Werte in die Welt tragen werden – als Brückenbauer für eine Zukunft, in der wir gut und in Frieden leben können.