Schäuble: „Shitstorm ist keine Demokratie“

Wie können sich junge Menschen in die Politik einbringen – und neue Aufbrüche mitgestalten? Darüber sprachen 300 Jugendliche beim „Tag der Talente“ in Berlin mit Bundesbildungsministerin Anja Karliczek und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble empfingen die jungen Talente in Berlin.

© BMBF / Hans-Joachim Rickel

„Neue Aufbrüche brauchen…dich!“: Unter diesem Motto lud Bundesbildungsministerin Anja Karliczek rund 300 Preisträgerinnen und Preisträger bundesweiter Schüler- und Jugendwettbewerbe für drei Tage nach Berlin ein. In der Hauptstadt erlebten die jungen Talente aus den unterschiedlichsten Bereichen wie Naturwissenschaften, Technik, Musik und Kunst ein vielseitiges Programm: Sie besuchten die parlamentshistorische Ausstellung „Wege – Irrwege – Umwege“ im Deutschen Dom, spielten eine Plenarsitzung nach, diskutierten über die Zukunft der Arbeit, bauten in Workshops Roboter oder traten im Poetry-Slam an. Der Abschluss des Tages der Talente war für viele Talente zugleich der Höhepunkt: Gemeinsam mit Bundesbildungsministerin Anja Karliczek und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble sprachen sie darüber, wie sich junge Menschen in die Demokratie einbringen können.

Wer nicht mitmacht, überlässt anderen die Entscheidung

Wer in Politik und Gesellschaft etwas erreichen wolle, müssen sich einbringen: Fragen stellen, andere überzeugen, diskutieren, streiten – und andere Meinungen akzeptieren, auch wenn man sie selbst für falsch halte, sagte der Bundestagspräsident. „Niemand ist verpflichtet, mitzumachen. Aber wer nicht mitmacht, überlässt anderen die Entscheidung“, sagte Schäuble. Die Demokratie beruhe auf einem Wettbewerb unterschiedlicher Meinungen. Das setze eine öffentliche Debatte voraus – abseits von Filterblasen: „Shitstorm ist keine Demokratie“, so Schäuble. Und er appellierte an die Jugendlichen: „Nutzen Sie Ihre Talente! Wenn Sie den Alten nicht trauen, machen Sie es besser. Haben Sie den Mut, gegen den Strom zu schwimmen.“

Die Kraft zur Veränderung müsse von unten kommen

Wolfgang Schäuble und Anja Karliczek sprachen mit den Jugendlichen darüber, wie sie sich in die Demokratie einbringen können. "Wer nicht mitmacht, überlässt anderen die Entscheidung", sagt Schäuble. © BMBF / Hans-Joachim Rickel

Einbringen wollten sich viele der jungen Talente: Wann gibt es schnelles Internet im ganzen Land? Warum gibt es noch immer Unterschiede in der Wirtschaftsleistung zwischen Ost- und West-Deutschland? Was tut die Politik für den Klimaschutz? Neben all diesen Fragen, interessierte die jungen Menschen vor allem eines: der Bildungsföderalismus. „Warum kann man im Bildungssystem nicht mehr von oben gestalten und gleiche Voraussetzungen für alle schaffen?“, wollte ein Teilnehmer wissen. Die Kraft zur Veränderung müsse von unten kommen – von denjenigen, die es im Alltag betreffe, entgegnete Karliczek. „Wir brauchen Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer, die vor Ort die Schulen gestalten.“ Auch Schäuble pflichtete ihr bei: „In kleinen Einheiten kann man unglaublich viel bewegen“, sagte er.

Von oben lasse sich nur der Rahmen für gute Schulen gestalten, so die Bundesbildungsministerin. „Gleichwertigkeit, hohe Qualitätsstandards, Vergleichbarkeit, Transparenz: Dafür müssen wir sorgen – und das gehen wir an“, sagte Karliczek. „Dafür bringen wir den Nationalen Bildungsrat auf den Weg“, versprach sie. Dieser soll auf Grundlage der empirischen Bildungs- und Wissenschaftsforschung Vorschläge für mehr Transparenz, Qualität und Vergleichbarkeit im Bildungswesen vorlegen. So schafft die Bildungspolitik die Voraussetzungen dafür, dass alle jungen Menschen die gleichen Auswahlmöglichkeiten für ihre Zukunft haben. „Es gibt für jeden jungen Menschen seinen Platz, er muss ihn nur finden“, sagte Karliczek. Das könne die Politik den Jugendlichen nicht abnehmen. Jeder müsse seinen eigenen Weg finden, an Weggabelungen Entscheidungen treffen – und auch mal den schwierigeren, risikoreicheren Weg nehmen, ermutigte sie die 300 Talente.

Tag der Talente

Seit 2006 lädt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) jährlich rund 300 Preisträgerinnen und Preisträger bundesweiter Schüler- und Jugendwettbewerbe zum „Tag der Talente“ nach Berlin ein. Zu den Wettbewerben gehören der „BundesUmweltWettbewerb“, das „Treffen junger Autor*innen“ oder „Jugend gründet“. Das Ministerium möchte damit die außergewöhnlichen Leistungen der Jugendlichen würdigen und auf die vielfältigen Begabungen junger Menschen aufmerksam machen. Die diesjährige Veranstaltung fand vom 22.-24. September in Berlin statt.