"Schiffe driften und drehen beständig"

Frühjahrsreise 2017: Bundesbildungsministerin Wanka besucht das Schiffer-Berufskolleg RHEIN in Duisburg. Im Interview mit bmbf.de spricht Schulleiter Manfred Wieck über automatisierte Schiffe und digitale Medien in der Ausbildung von Binnenschiffern.

Manfred Wieck, Leiter des Schiffer-Berufskolleg Rhein © Lars Fröhlich

bmbf.de: Herr Wieck, worum geht es im Projekt „SmartQu@lification“?

Manfred Wieck: Wir wollen digitale Medien zum sogenannten E-Learning entwickeln und in unser Aus- und Weiterbildungsangebot aufnehmen. Es geht hier speziell um mobiles Lernen – denn Mitarbeiter in unserer Branche sind naturgemäß sehr mobil. Gerade diese benötigen daher zeitgemäße Lern- und Bildungsangebote, die unabhängig von Lernort- und -zeit sind.

Wie hat der Einsatz digitaler Medien die Berufsausbildung zum Binnenschiffer verändert?

Wir können Lernsequenzen in digitaler und damit lernortunabhängiger Form anbieten. Das wird langfristig die Qualität der Aus- und Weiterbildung steigern. Zeitgleich werden die Anforderungen an die Besatzungsmitglieder eines Binnenschiffs komplexer: Dementsprechend sind neue Kompetenzen gefragt, die zeitgerecht vermittelt werden müssen. Zurzeit streben wir eine Neuordnung des Berufes an, in der die zunehmende Digitalisierung an Bord eine stärkere Rolle spielen wird.

Welche Bereiche an Bord sind bereits digital?

Ähnlich wie das Navigationssystem im Auto haben wir elektrische Flusskarten und Informationssysteme. Schiffssysteme sind zudem vernetzt, zentrale Steuersysteme bei Schiffsmaschinen sind mit moderner Sensorik ausgestattet, es gibt Datenaustausch zur Schiffsidentifikation, rechnergestützte Befrachtungssysteme und vieles mehr. Diesen Veränderungen und auch künftigen Neuerungen begegnen wir mit einer modernen Ausbildung – in der Schule, auf dem Schiff und mittels Simulation.

Zu Ihrem E-Learning-Angebot gehört auch der Flachwassersimulator. Kann dieser die Ausbildung an Bord ersetzen?

Nein, beides muss sich ergänzen. Gerade beim Berufsbild des Binnenschiffers ist ein Auszubildender auf die "abgeschlossene Betriebswelt" des Schiffes fixiert, auf dem er fährt. Nach der Ausbildung muss er jedoch alle verfügbaren Schiffstypen steuern können. Daher ermöglichen wir den Transfer von bereits Erlerntem auf die Gesamtheit der Binnenschifffahrt. Hierzu verwenden wir beispielsweise eine große Maschinen- und Motorenhalle, eine Tankschiffsektion auf dem Schulhof, das Sicherheitszentrum und bereits seit 45 Jahren auch das Mittel der Simulation. Dieses Zusammenspiel führt dazu, dass ein Auszubildender am Ende seiner Ausbildung eine Mindestqualifikation für alle Bereiche der Binnenschifffahrt mitbringt, die allein auf einem Ausbildungsschiff nicht erreichbar wäre.

Gibt es Grenzen für den Simulator?

Nicht wirklich – allenfalls wenn es um die Vermittlung und das Üben ausgewählter manueller Tätigkeiten geht, für die sich eher reale Objekte anbieten; zum Beispiel der Umgang mit Tau und Draht zum Festmachen von Schiffen. Hierfür sind die Arbeiten an Bord während der Ausbildung eher geeignet.

Welche weiteren Vorteile bietet der Simulator?

Im Gegensatz zu Fahrten auf dem Ausbildungsschiff lassen sich mithilfe der Simulation gezielt einzelne Situationen realitätsnah trainieren und der Schwierigkeitsgrad kann – ganz im Sinne der individuellen Förderung – exakt auf das Lernniveau jedes einzelnen Schülers angepasst werden. Mittels Simulation können somit eine Vielzahl von Kompetenzen erworben werden. Ein weiterer großer Vorteil ist, dass der Simulator von den Jugendlichen, die mit vielfältigen digitalen Medien aufgewachsen sind, sehr gut angenommen wird.

Ihre Branche befindet sich im Wandel. Wohin entwickelt sie sich – Stichwort „automatisiertes Fahren“: Betrifft das in naher Zukunft auch die Schiffer?

Auch in der Binnenschifffahrt gibt es seit mehreren Jahren Versuche zum "bahngesteuerten Fahren". Analog zu den Versuchen auf der Straße versuchen Computer die Wasserstraßen abzubilden und das Fahrverhalten zu steuern. Ganz im Gegensatz zur Straße haben Schiffe aber keinen Kontakt "Rad-Straße". Schiffe driften und drehen beständig! Wer als ungeübter einmal versucht hat, mit einem Kanu ganz geradeaus zu fahren, versteht diese Besonderheit im Gegensatz zum Straßenverkehr.

… dann sind automatisierte Schiffe aus physikalischen Gründen nicht denkbar?

Zumindest automatisierten Binnenschiffen: Diese unterliegen beständig den Einflüssen der Flachwasserphysik – also Rückwirkungen vom Untergrund, dem Ufer und anderen Schiffen. Flüsse mit ihren Strömungen und Untiefen führen zudem dazu, dass zusätzliche Kräfte auf das Schiff wirken. Auch Wind und Wetterbedingungen sind weitere Einflussfaktoren, ebenso wie beispielsweise die Bewegung von Flüssigkeiten in Tanks. Dazu kommt, dass sich Flüsse beständig verändern und die Pegelstände berücksichtigt werden müssen. Keine Karte der Wasserstraßen ist so aktuell, dass sie für jeden Pegelstand und jede Abflussgeschwindigkeit die korrekten Wassertiefen, etc. enthält. Damit ist ein bahngesteuertes Fahren für Flüsse noch eine sehr weit entfernte Zukunftsmusik.

Wie sieht die Zukunft der Binnenschifffahrt dann aus?

Die nähere und mittelfristige Zukunft wird eher von der weiteren Einführung digitaler Assistenzsysteme bestimmt werden, um den Schiffsführer oder den Steuermann bei einem Teil seiner Kernaufgaben zu unterstützen und zu entlasten. Dies können weitere Zusatzfunktionen wie Farbdarstellungen bestimmter Objekte im Radarbild oder das automatisierte Messen von Durchfahrthöhen mit entsprechenden Warnsystemen sein oder der weitere Ausbau digitaler Informationssysteme und deren intelligente Vernetzung.

Warum ist es wichtig, dass das Bundesbildungsministerium Sie fördert?

Die Binnenschifffahrt ist eine kleine jedoch sehr wichtige Branche, die erhebliche Leistungen für die transportintensiven Wirtschaftszweige vollbringt. Um die Leistungs- und Innovationsfähigkeit in der Binnenschifffahrt auch zukünftig zu gewährleisten, brauchen wir ausreichend personelle Ressourcen in qualitativer und quantitativer Hinsicht. Die Anforderungen an Binnenschiffer verändern sich ständig. Digitale Assistenzsysteme ergänzen zunehmend die Arbeiten an Bord. Diese Veränderungen müssen in der Erstausbildung und in der Fort- und Weiterbildung aufgegriffen werden. Hier kann das Bundesbildungsministerium mit finanziellen Mitteln helfen.

Frühjahrsreise: Zukunft der Jugend – Berufliche Bildung 2017

Auf ihrer Frühjahrsreise möchte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka mit denjenigen ins Gespräch kommen, die sich mit dem Morgen der beruflichen Bildung beschäftigen und innovative Ideen umsetzen. Mit ihnen will sie Optionen einer modernen Ausbildung diskutieren und konkrete Ansätze für die Zukunftsfähigkeit des dualen Systems kennenlernen.