Schützt uns die "Deutsche Angst" in Krisenzeiten?

Übertriebene Panikmache, Probleme sehen, wo es keine gibt: Das ist typisch deutsch – so ein gängiges Klischee im Ausland. Doch diese "German Angst" ist auch etwas Gutes, meint Umweltforscherin Silke Beck: "Sie dient als Frühwarnsystem für Krisen."

Coronavirus Quarantine
Coronavirus Quarantine © Adobe Stock /shintartanya

Frau Beck, in Deutschland sind vergleichsweise wenige Menschen in Folge einer COVID-19-Erkrankung gestorben. Warum sind auch die Sozialwissenschaften wichtig, um das zu erklären?

Die medizinisch-naturwissenschaftliche Sicht ist nur eine Seite der Medaille. Entscheidend ist auch, welches Risikobewusstsein es in der Gesellschaft gibt. In Deutschland wurden die Probleme und die mögliche Gefahr nicht lange geleugnet. Bund, Länder und Kommunen haben schnell reagiert – und für die Maßnahmen gab es gerade am Anfang viel Akzeptanz in der Bevölkerung.

Haben wir also ein anderes Risikobewusstsein als andere Länder?

Im Ausland sprechen einige Menschen teils spöttisch von der „German Angst“. Dahinter steht die Meinung, dass die Deutschen oft Probleme sehen, wo es keine gibt. Also: Eine übertriebene Panikmache – etwa in der Umwelt- und Klimadebatte. Das halte ich jedoch für falsch: Vielmehr hat sich in Deutschland ein gesundes Verantwortungsgefühl entwickelt, das als Frühwarnsystem für und Korrektiv bei Krisen dient.

Silke Beck
Dr. Silke Beck ist stellvertretende Leiterin des Departments für Umweltpolitik am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. © UFZ

Woher kommt dieses Verantwortungsgefühl?

Wir haben ein historisch verwurzeltes Katastrophenbewusstsein. Das fängt beispielsweise bei den Kriegserfahrungen und der Knappheit in den Nachkriegsjahren an und erstreckt sich bis hin zum Reaktorunfall von Tschernobyl und zur Finanzkrise. Diese gemeinsamen Erfahrungen können gesellschaftliche Solidarität mobilisieren.

…solche Erfahrungen hatten doch auch andere Länder.

Sicherlich. Hinzu kommt jedoch die Tradition der umfassenden Staatsvorsorge und der leistungsfähigen öffentlichen Hand. Die Idee des Interventionsstaates, der für die soziale Sicherheit der Bürger sorgt, stellt ein Gegenmodell der privaten Vorsorge dar, das beispielsweise in den USA dominiert. Das alles erklärt, warum in Deutschland umfassende staatliche Maßnahmen nicht nur als Eingriff in die Freiheitsrechte empfunden, sondern auch in Verbindung mit einer Fürsorgepflicht des Staates zum Schutz der Gesundheit von der Mehrheit der Bevölkerung befürwortet werden.

Das alles heißt: Krisen haben uns widerstandsfähig gemacht. Was können wir denn aus der Corona-Zeit lernen?

Wir sollten die Krise als Gelegenheit sehen, Neues auszuprobieren. Arbeiten im Homeoffice, weniger Verkehr, mehr Zeit im Grünen, Wiederentdeckung lokaler Lebensmittel: All das geht jetzt – und all das ist gut für die Umwelt. Wir haben jetzt die Chance, neue Impulse für mehr Nachhaltigkeit zu setzen. 

Vielleicht haben die Menschen nach der Krise genug vom Neuen…

Natürlich ist noch offen, welchen Weg Politik und Gesellschaft einschlagen werden. Aber klar ist: Das Coronavirus hat allen gezeigt, wie verletzlich und eng verwoben die Welt ist. Die Uhr einfach zurückzustellen, wird nicht reichen, obwohl es bekanntlich starke Beharrungskräfte gibt. Es wird keine einfachen Lösungen mehr für unsere Probleme geben. Also zum Beispiel: Mehr Markt, mehr Wachstum, mehr Wohlstand – das funktioniert nicht. Für die Zukunft brauchen wir ausgewogene und offene Diskussion um Alternativen, die auch sozial- und umweltverträglich sind. 

Wie kann man die Gesellschaft dabei mitnehmen?

In dem wir zeigen, dass der Umbruch für alle Chancen eröffnet, nachhaltige Innovationen in Bereichen wie Ernährung oder Mobilität anzustoßen. Deutschland hat, wie sich in der Coronakrise zeigt, die Voraussetzungen und Kapazitäten dafür, diesen Kurs weiterzuverfolgen. Voraussetzung dafür ist, eine gesellschaftliche Nachhaltigkeits-Debatte auf Augenhöhe.

Ist es das nicht?

Gerade in der Klima- und Umweltdebatte – und nun auch in der Coronakrise – wird oftmals mit Angst Politik gemacht. Angst und Verunsicherung bieten jedoch auch den Nährboden für Verschwörungstheorien unterschiedlichster Herkunft. Verschwörungstheoretiker leugnen derzeit entweder das Risiko der Ansteckung oder stellen die Krise als Machenschaft finsterer Mächte dar. Sie bieten eine alternative Deutung für die Situation an – und das kann gefährlich für den Zusammenhalt der Gesellschaft werden, wenn ihre demokratischen Grundlagen in Frage gestellt werden.

Warum brauchen Verschwörungstheoretiker diese Alternative?

Angst kann irgendwann in Aggression umschlagen und bietet den perfekten Nährboden für Denunziantentum und radikalen politischen Aktionismus. Angst wird oftmals von Verschwörungstheoretikern strategisch genutzt, um Misstrauen gegenüber verantwortlichen Wissenschaftlern und Politikern zu schüren. Dafür konstruieren sie die immer gleiche Geschichte: Nur sie stehen moralisch auf der eindeutig richtigen Seite, während liberale Eliten sie mit „Zwangsmaßnahmen“ wie Impfen entmündigen wollen. Der „arme Bürger“ ist sowieso ohnmächtig und Wahlen sind nur eine Inszenierung. Ihre Schlussfolgerung ist dann, dass es ihr Recht sei, sich von der Bevormundung und den demokratischen Verfahren zu befreien und radikalere Wege zu suchen. Wenn die politische Auseinandersetzung auf diese Weise „infiziert“ wird, ist überhaupt keine offene und rationale Diskussion mehr möglich.

Was ist Ihr Rat, damit die Stimmung nicht kippt?

Wir brauchen einen offenen Austausch und transparente Entscheidungen nicht außerhalb der, sondern gerade im Rahmen und nach den Spielregeln der parlamentarischen Demokratie. Dies ist die Voraussetzung dafür, um die vorhandene gesellschaftliche Bereitschaft der Bürgerinnen zu mobilisieren, ihre Grundrechte zu verteidigen sowie diese als eigenverantwortliche und mündige Bürgerinnen mit in die Verantwortung zu ziehen.

Hintergrund

Silke Beck erforscht im Projekt „GoST - Governance of Sociotechnical Transformations“, das vom BMBF im Förderschwerpunkt Sozial-ökologische Forschung gefördert wird, wie Transformationen zu mehr Nachhaltigkeit in der Lebensmittelversorgung, den Energiesystemen und den städtischen digitalen Infrastrukturen gelingen können. Das Projekt vergleicht dazu die fünf Länder: Deutschland, Indien, Kenia, USA, Vereinigtes Königreich. Das BMBF beteiligt sich mit der Förderung dieses und vier weiteren Projekten an dem internationalen Programm „Transformations to Sustainability“. Informationen zur Fördermaßnahme finden Sie hier.