"Schule braucht Verlässlichkeit"

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka über neue Berufe in der digitalen Welt, das Amt des Bundespräsidenten und Streit mit den Ländern. Ein Interview mit dem General-Anzeiger vom 27.10.2016.

Sieht die Chance des föderalen Systems: Bundesbildungsministerin Johanna Wanka. © BMBF/ Hans-Joachim Rickel

General-Anzeiger: Immer mehr junge Menschen studieren. Sehen Sie auch einen Akademisierungswahn?

Johanna Wanka: Nein. Wir sind froh über alle, die studieren und dann Rechtsanwälte, Ingenieure oder Ärzte werden, weil mit den geburtenschwächeren Jahrgängen nach dem Jahr 2023 nicht mehr so viele nachkommen, wie wir brauchen.

Aber der Fachkräftemangel in den praktischen Berufen ist doch schon erkennbar.

Wanka: Wir wollen den akademischen Bereich aber nicht gegen den dualen Ausbildungsweg ausspielen und müssen stattdessen versuchen, die Lehrberufe so attraktiv wie möglich zu machen. Inzwischen hat auch die OECD eingesehen, dass wir mit unserem dualen Ausbildungssystem weltweit Maßstäbe setzen.

Der Fachkräftemangel hierzulande ist aber nicht wegzudiskutieren. Wie sollen Lehrberufe attraktiver werden?

Wanka: Sie müssen anders werden. Großbetriebe wollen vor allem IT-Kompetenz, für viele kleinere und mittlere Betriebe ist aber entscheidend, dass der Facharbeiter den gesamten Betrieb besser kennt als bisher. Dazu entwickeln wir für 13 Berufe wie den Dachdecker Ideen, wie sich Ausbildungsgänge verändern. Das ist auch interessant für junge Menschen, die meinen, sie müssten studieren, dann aber sehen, dass es in handwerklichen Berufen einen viel höheren Anteil an Informationstechniken gibt als früher.

Dem deutschen Bildungssystem mangelt es seit vielen Jahren an Durchlässigkeit. Viel hängt weiter vom Bildungsstand der Eltern ab. Wie wollen Sie da etwas verändern?

Wanka: Wir haben da schon viel verändert. Mit einer beruflichen Qualifikation wie etwa dem Meister oder dem Fachwirt kann man inzwischen studieren, dazu braucht man die allgemeine Hochschulreife nicht mehr. Es gibt aber noch zu wenige, die diesen Weg einschlagen.

Hat das mit der Bildungsferne mancher Elternhäuser zu tun?

Wanka: Auch. Wir versuchen da gegenzusteuern, zum Beispiel mit Bildungsketten. In den siebten oder achten Jahrgängen gehen Experten in die Klassen, fragen die Jugendlichen nach Stärken und Schwächen, machen Kleingruppenarbeit und erstellen Potenzialanalysen. Im besten Fall können die Schüler danach die Berufe zwei, drei Wochen lang ausprobieren. Gemeinsam mit dem Arbeitsministerium geben wir 1,2 Milliarden Euro dafür aus, dass auf diese Weise 500 000 Jugendliche erreicht werden.

Kommen Sie in der siebten oder achten Klasse nicht zu spät, um Hartz-IV-Karrieren zu beenden?

Wanka: Es gibt weitere Projekte, die früher ansetzen. Aber ich will noch mal betonen: Es muss uns gelingen, so viele junge Menschen wie möglich zu einem beruflichen Abschluss zu bringen. Wenn die Konjunktur schwächer wird, verlieren gerade jene ohne Abschluss als Erste ihre Stellen. Solche Bildungsketten sind dazu da, um Menschen zu motivieren.

Sind die Hürden für Flüchtlinge zu hoch, in den Arbeitsmarkt einzusteigen?

Wanka: Darum kümmern wir uns. Dafür gibt es zum Beispiel das Anerkennungsgesetz.

Der 40-Jährige aus Aleppo, der 15 Jahre als Zahnarzt praktiziert hat, könnte also im Prinzip nach einem halben Jahr hier in seinem Beruf arbeiten?

Wanka: Ja. Für die medizinischen Berufe, für die eine Anerkennung benötigt wird, haben wir zum Beispiel bei der Kultusministerkonferenz hier in Bonn eine länderübergreifende Gutachtenstelle eingerichtet. Aber auch die, die keine Unterlagen haben oder die nicht so eine duale Ausbildung wie bei uns absolviert haben, können über Fachgespräche oder Arbeitsproben eine Anerkennung erhalten. Da muss zum Beispiel der Maurer einen Schornstein mauern.

Sie müssen mit 16 Bundesländern und diversen Kammern viel koordinieren und um Lösungen kämpfen. Macht Sie das manchmal wahnsinnig?

Wanka: Das ist manchmal frustrierend, ist manchmal Kampf, aber es macht auch Spaß.

Manchen Bürgern macht es sicher keinen Spaß, wenn sie an die Zuständigkeit der Länder für Bildung denken. Ist die noch zeitgemäß?

Wanka: Was bleibt für NRW als Landeskompetenz noch übrig, wenn der Bund aus Berlin die Bildung regelt?

Kann das ein Argument für den Bildungsföderalismus sein?

Wanka: Es ist eines.

Aber wenn man es aus Sicht der Bürger sieht, die in ein anderes Bundesland umziehen wollen oder müssen. Die sind doch frustriert.

Wanka: Da gebe ich Ihnen Recht. Trotzdem: In vielen Ländern, in denen es ein zentrales Bildungssystem gibt, sind die Leistungen erheblich schlechter als in Deutschland. Eine zentralstaatliche Verantwortung ist kein Garant für Qualität.

Was sind denn Vorteile des föderalen Prinzips?

Wanka: Man kann Schule sehr unterschiedlich gestalten. In Bremen und Hannover, wo 50 Prozent der Schulstarter Migrationshintergrund haben, müssen Sie Schule anders organisieren als in der Uckermark oder in der Eifel. Auch der Wettbewerb unter den Bundesländern ist eine große Triebfeder für das föderale System. Man kann auch Nachteilen des Systems begegnen. Auf unsere Initiative hin haben zum Beispiel alle Länder ihre Gesetze geändert, sodass man mit einem Lehrerexamen in jedem beliebigen Land unterrichten darf.

In jedem Land gibt es aber unterschiedliche Schulformen.

Wanka: Darüber streiten wir uns nicht mehr. Das kann so bleiben. Uns war nur wichtig, dass wir Standards entwickeln, die für alle gelten. Was muss ein Schüler in der vierten oder siebten Klasse etwa in Englisch oder Mathe können?

Aber der Wettbewerb findet nicht statt. Bremer Schüler haben doch seit Jahren Nachteile gegenüber zum Beispiel Stuttgarter Schülern.

Wanka: Doch, der Wettbewerb findet statt. Das Ziel dabei ist, dass es überall besser wird. Das wird zwar nicht überall erreicht, aber es gibt Bundesländer, die bei Pisa immer oben dabei sind – Sachsen und Bayern mit ganz unterschiedlichen Schulsystemen. Nicht die Schulform ist entscheidend, sondern Verlässlichkeit und Leistungsorientierung. Wenn man sich auf die Standards verständigt, ist es nicht notwendig, dass man von Berlin aus die 40 000 Schulen in der Republik organisiert.

Was halten Sie davon, dass nun zahlreiche Bundesländer wieder vom acht- auf das neunjährige Gymnasium umschwenken? Auch in NRW gibt es ja diese Tendenz.

Wanka: Immer wieder über die Schulzeit zu diskutieren, dieses ständige Wackeln, das ist falsch. Schule braucht Verlässlichkeit. Sachsen mit der Grundsatzentscheidung für G8 oder Rheinland-Pfalz mit der langfristigen Entscheidung für ein achteinhalbjähriges Gymnasium, das sind gute Vorbilder.

Ist denn das rheinland-pfälzische Modell eines, das in ganz Deutschland Schule machen kann?

Wanka: Das weiß ich nicht. Wenn der Bund Kompetenzen für die Bildung erhalten sollte, wäre ich dafür, flächendeckend G8 einzuführen. Aber ich bin keine Schulministerin.

Obwohl Schulpolitik Ländersache ist, haben Sie den Digitalpakt angestoßen und fünf Milliarden Euro angeboten, wenn die Länder damit etwas Vernünftiges machen. Haben Sie die Länder da ausgetrickst?

Wanka: Ich hab ein Angebot gemacht. Der Bund übernähme den Breitbandausbau, die WLAN-Ausleuchtung und den Aufbau von zentralen Servern, wenn die Länder die Lehrer weiterbilden und pädagogische Konzepte sowie technische Standards entwickeln. Das Ziel muss sein, Plattformen zu haben, auf denen gute Lernsoftware für die Schulen abgreifbar sein wird – als sogenannte Schulcloud. Lehrer können dadurch viel individueller auf die Schüler eingehen.

Von Lehrerverbänden und Gewerkschaften haben Sie kräftigen Gegenwind erhalten. Was sagen Sie denen?

Wanka: Dass der Unterricht in allen Fächern dadurch besser werden kann, nicht nur in Mathe und Naturwissenschaften. Manche Äußerung ist doch recht abstrus, wenn es heißt, der Bund hat keine Kompetenz in der Bildung, soll aber die Dächer reparieren.

Es wäre aber schon gut, marode Schuldächer zu reparieren.

Wanka: Das ist tatsächlich Ländersache und das muss Nordrhein-Westfalen auch. Seit 2005 hat nur das Land Berlin weniger Geld pro Schüler investiert als NRW. Da ist noch viel Luft nach oben.

Die Exzellenzinitiative läuft weiter. Da sind vor allem Unis dabei. Wird eigentlich für die Fachhochschulen genug getan?

Wanka: Wir haben viele Fördermöglichkeiten mit verschiedenen Programmen für anwendungsorientierte Forschung. Die Bewerberlage ist dort offenbar aber zumindest in einigen Disziplinen kritisch. Der Wissenschaftsrat hat dazu gerade Empfehlungen vorgelegt, die wir sorgfältig prüfen werden.

Als Frau und Politikerin, frühere Landesministerin und heutige Bundesministerin, als Mitglied der Union, also der stärksten Gruppe in der Bundesversammlung, erfüllen Sie viele Voraussetzungen für das Bundespräsidentenamt – könnten Sie sich vorstellen, Freude daran zu haben, Deutschland als Staatsoberhaupt zu vertreten?

Wanka: Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich bin aber gerne im Präsidialamt bei Herrn Gauck.

Die Fragen stellten Sylvia Binner, Bernd Eyermann, Helge Matthiesen und Kai Pfundt.