"Schule muss die Kompetenz vermitteln, kritisch mit Informationen aus dem Internet umzugehen"

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka über bevorstehende Verhandlungen zum Digitalpakt, Konsequenzen aus der Pisa-Studie und das Abitur nach acht Jahren. Ein Interview mit dem "Donaukurier" vom 29. Dezember 2016.

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview © BMBF/ Hans-Joachim Rickel

Donaukurier: Frau Ministerin, 2017 steht nicht nur die Bundestagswahl an, es gibt auch viele Landtagswahlen. Kann man mit Schulpolitik Wahlen verlieren?

Johanna Wanka: Bildungsthemen sind sehr wichtig. Und man kann mit ihnen Wahlen verlieren. Dafür gibt es Beispiele. Schule ist für viele Bürgerinnen und Bürger das wichtigste Thema. Wer da richtig aufgestellt ist, wird punkten können.

Stichwort Turbo-Abi nach acht Jahren am Gymnasium: Abschaffen, beibehalten, reformieren - wozu raten Sie?

Wanka: Es gibt viele Wege, die zum Erfolg führen. Bei allen Ländervergleichen sind Sachsen und Bayern spitze. Die einen haben ein zweigliedriges Schulsystem und das Abitur nach acht Jahren, die anderen eine lange Tradition mit einem dreigliedrigen Schulsystem und bis vor Kurzem mit dem Abitur nach 13 Schuljahren. Ich warne vor ideologischem Streit. Wenn andauernd umgestellt wird, ist es schwierig.

Die neue Pisa-Studie bescheinigt Deutschlands Schülern erneut durchschnittliche Leistungen. Kann man zufrieden sein?

Wanka: Wir können noch besser werden. Ausgangspunkt war der Schock von 2001. Da waren wir nicht im Mittelfeld, sondern weit darunter. Daraus sind Konsequenzen gezogen worden. Wir haben zum Beispiel mit einheitlichen Bildungsstandards reagiert. Es war immer klar, dass sich Verbesserungen nicht von einem Tag auf den anderen einstellen. Jetzt liegen wir oberhalb des Durchschnitts, gehören in Mathematik und Naturwissenschaften zur Spitzengruppe. Man muss sich dabei bewusst machen: Das ist gelungen, obwohl die Schülerschaft immer heterogener geworden ist, wir immer mehr Jugendliche mit ausländischen Wurzeln in den Klassen haben.

Aber die Zahl der Problemschüler, die bei Pisa hinterherhinken, ist weiterhin hoch . . .
 

Wanka: Natürlich nehmen wir die Leistungsschwächsten weiter in den Blick. Aber es sind weniger geworden und ihre Leistungen sind unterm Strich auch besser geworden. Genauso wollen wir uns in Zukunft auch um die besonders Leistungsstarken kümmern. Dafür haben wir gerade gemeinsam eine Bund-Länder-Initiative auf den Weg gebracht.

Eines der Zukunftsthemen ist die Digitalisierung: Sie wollen die deutschen Schulen mit Milliarden in diesem Bereich fördern. Wann geht es richtig los?

Wanka: Ab Januar will ich mit den Ländern über den Digitalpakt, den ich im Oktober vorgeschlagen habe, verhandeln. Wenn wir dort zu einem Ergebnis kommen, kann ich mir vorstellen, dass erste Mittel im Jahr 2018 abgerufen werden können. Wir möchten, dass alle 40.000 Schulen an unserem Programm teilnehmen können. Der Bund will insgesamt fünf Milliarden Euro investieren.

Es gibt aber auch Kritik an Ihren Plänen: Was ist mit dem Einwand, dass der verstärkte Einsatz von digitaler Technik auch zu einer Art "Schmalspurwissen" führen könnte?

Wanka: Wenn wir Kinder und Jugendliche allein lassen würden, in dem Glauben, dass sie sich bei Google alle Informationen herausziehen können, die für ihr Leben wichtig sind, wäre es fatal. Es geht nicht allein um Wissen, sondern auch um Orientierung. Schule muss die Kompetenz vermitteln, kritisch mit Informationen aus dem Internet umzugehen. Und zugleich macht die Digitalisierung Fertigkeiten, die schon immer wichtig waren, nicht überflüssig. Auch wenn jeder alles nachschauen kann: Das Erlernen der klassischen Kulturtechniken - also Lesen, Schreiben und Rechnen - muss auf dem Lehrplan bleiben.


Braucht es dennoch ein neues Schulfach Digitales oder mehr Informatikunterricht?

Wanka: Das eine ist, die neuen digitalen Möglichkeiten in allen Fächern zu nutzen. So lassen sich Originaltexte zugänglich machen und Experimente werden anschaulicher. Das bedeutet unterm Strich mehr Qualität für den Unterricht. Wichtig ist aber auch, ein Grundverständnis der Algorithmen in Software und die Technik zu vermitteln, die sich in digitalen Geräten befindet.

Das Interview führte Rasmus Buchsteiner.