"Schutz der Artenvielfalt ist die beste Zukunftsvorsorge“

Selbst in Schutzgebieten gibt es immer weniger Insekten. Mit einem neuen Ansatz wollen Forschende im DINA-Projekt herausfinden, woran das liegt. Dafür erfassen sie die Diversität aller Fluginsekten. Zum Einsatz kommen modernste molekulare Methoden.

Biologische Vielfalt ist das vielleicht wichtigste Gut unseres Planeten. Ihr Erhalt ist eine der essentiellen Fragen für unsere Zukunftsvorsorge. © Silvia Hahnefeld - stock.adobe.com

Bmbf.de: Frau Schäffler, weltweit beobachten wir in den letzten Jahrzehnten einen dramatischen Verlust an Insekten. Woran liegt das?

Livia Schäffler: Die Ursachen sind vielfältig. Unstrittig ist, dass etwa der Klimawandel und eine veränderte Landnutzung Gründe für das Insektensterben sind. Es gibt aber noch viele Wissenslücken und die Ursachen des Insektenrückgangs sind daher Gegenstand teils hitziger Debatten. Wir brauchen hier nüchterne, faktenbasierte Untersuchungen, um diese Debatte zu versachlichen.

Daran arbeiten Sie im Projekt DINA – einer umfangreichen Studie zur Vielfalt von Fluginsekten in Naturschutzgebieten und den Auswirkungen angrenzender Landnutzung. Wie gehen Sie dabei vor?

Wir fangen im Laufe von zwei Vegetationsperioden Fluginsekten mit sogenannten Malaise-Fallen. Diese stehen deutschlandweit an 21 Standorten. Jeweils fünf Fallen werden entlang einer Linie positioniert, die von einer landwirtschaftlichen Fläche in ein Schutzgebiet hineinreicht. So lässt sich der Einfluss der Bewirtschaftung auf angrenzende geschützte Naturflächen erfassen. Die zeltartige Konstruktion der Fallen leitet gefangene Insekten in ein Probengefäß, in dem deren DNA und die DNA eingetragener Pflanzenteile in Alkohol konserviert werden.

Was machen Sie damit?

Die Diversität der gefangenen Insekten wird im Labor mittels Metabarcoding anhand genetischer „Spuren“ erfasst. Zudem werden einzelne Proben von Arten-Spezialisten bearbeitet, um ausgewählte Artengruppen morphologisch zu bestimmen und manuell auszuzählen. So werden wir die Artvorkommen umfassend untersuchen und herausfinden welche Insektenarten im betreffenden Schutzgebiet leben und wie sich die Vielfalt in Abhängigkeit von landwirtschaftlichen Praktiken und den Landschaftsstrukturen in der Umgebung verändert.

Der Alkohol tötet doch die Insekten… Wie passt das mit Insektenschutz zusammen?

Eine Falle entnimmt der Natur nicht mehr Insekten, als von einer einzelnen Spitzmaus im gleichen Zeitraum gefressen würden. Das verkraftet die Insektenwelt. Um die Ursachen des Artensterbens aufzuspüren, braucht unsere „Spurensicherung“ genetisches Material. Beispielsweise gibt es hunderte Bienenarten: In einer großen Anzahl von Proben, wie sie in DINA gesammelt werden, lassen sich diese nur über die artspezifischen Genabschnitte schnell und verlässlich unterscheiden.

Welche Schlüsse hoffen Sie, aus Ihren Ergebnissen ziehen zu können?

Letztlich geht es darum, Wissen zu generieren und darauf basierend Lösungsansätze zu entwickeln, die in Empfehlungen für die Politik, Landwirtschaft und Kommunen münden. Neben unseren Forschungsergebnissen setzen wir daher auch auf den frühzeitigen Dialog mit allen Beteiligten – wie Landnutzern und Landeigentürmern, Schutzgebietsverwaltern und Naturschützern.

Können Sie einen Lösungsansatz schon grob beschreiben?

Wir sind zwar noch am Anfang, es gibt jedoch Gründe für unsere Hypothese, dass Pestizide aus der Landwirtschaft auf verschiedenen Wegen bis in Schutzgebiete vordringen. Um diese zu testen, werden einige unserer Projektpartner den Boden, Pflanzen und die Insekten, sowie langfristige Ablagerungen an Baumrinden chemisch analysieren. So können wir sehen, wie weit chemische Belastungen in Schutzgebiete hineingelangen und wie sich diese auf die Insektenwelt auswirken. Eine Lösung könnte die Einrichtung von ausreichend großen „Pufferzonen“ zwischen landwirtschaftlichen Nutzflächen und Schutzgebieten sein.

Was kann die Gesellschaft zum Insektenschutz beitragen?

Umdenken! Wir brauchen ein Bewusstsein für die Probleme, die wir selbst geschaffen haben. Es liegt in unserer Verantwortung, die natürliche Vielfalt zu erhalten. Das sind wir nicht zuletzt den nachfolgenden Generationen schuldig. Hierfür müssen wir unseren Umgang mit der Natur verbessern und die Nutzung natürlicher Ressourcen nachhaltiger gestalten. Das betrifft nicht nur die landwirtschaftliche Praxis. Der mit insektenfreundlichen Produktionsbedingungen verbundene Mehraufwand und die resultierenden höheren Lebensmittelpreise müssen natürlich von der Gesellschaft mitgetragen werden. Außerdem können auch Bürgerinnen und Bürger einen direkten Beitrag zum Erhalt der Biodiversität leisten, etwa durch naturnah gestaltete Gärten.

Warum ist die Biodiversität für unsere Zukunft wichtig?

Die biologische Vielfalt erhöht die Chance, dass sich die Natur an Veränderungen wie den Klimawandel anpassen kann. Die Insektenfauna wird sich im Zuge der globalen Erwärmung verändern und nur eine hohe Artenvielfalt kann die Bestäubung unserer Pflanzen auch in Zukunft sicherstellen. Die Bedeutung der Artenvielfalt beschränkt sich natürlich nicht auf Insekten. So können etwa Mischwälder aus einheimischen Baumarten Hitzewellen und Schädlingsbefall besser standhalten als etwa Fichten in Monokulturen. Intakte Wälder können auch mehr CO2 aufnehmen – das wiederum ist wichtig für den Klimaschutz. Der Schutz der Artenvielfalt ist somit die beste Zukunftsvorsorge.

Frau Schäffler, wir danken Ihnen für das Gespräch.

DINA

Ziel des DINA-Projektes ist es, zu klären, welche Faktoren ursächlich den Rückgang der Insekten in Schutzgebieten bedingen. Die Untersuchungen finden in 21 Schutzgebieten statt. Dabei werden Landschaftsstruktur, Management der umgebenden Agrarlandschaft sowie die Schutzgebietsziele einbezogen. Unter wissenschaftlicher Leitung des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus sieben verschiedenen Forschungseinrichtungen mit Bürgerwissenschaftlern des Entomologischen Vereins Krefeld e. V. und Akteuren aus Landwirtschaft und Behörden zusammen.

Livia Schäffler ist promovierte Biologin und als wissenschaftliche Mitarbeiterin am „Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig – Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere“ am Projekt DINA beteiligt. Ebenfalls Teil des Projektkonsortiums sind der Entomologische Verein Krefeld, die Justus-Liebig Universität Gießen, das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung, die Universität Koblenz-Landau, die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und das Institut für Sozial-Ökologische Forschung.