Fußball-WM: Sicher im Stadion

Der Sicherheitsexperte Thomas Kubera über gut vorbereitete Einsatzkräfte, potenzielle Störer, ein positives Stadionerlebnis – und die Fußball-WM in Russland. Ein Interview mit bmbf.de.

Das Projekt "SiKomFan" des Bundesforschungsministeriums hat gezeigt: Damit sich die Zuschauer im Fußballstadion sicher fühlen, ist eine gute Vorbereitung und Organisation nötig. © Thinkstock

bmbf.de: Zwölf Stadien in elf Städten – Herr Kubera, in Russland ist die Fußball-WM gestartet. Was bedeutet das für die Sicherheitskräfte?

Ein Turnier dieser Größenordnung ist eine besondere Herausforderung für jede Sicherheitsorganisation. Dabei sollten die erforderlichen Maßnahmen so geplant werden, dass Zuschauer und Fans sich nicht nur sicher fühlen, sondern auch ihr Stadionerlebnis positiv wahrnehmen können. Beschränkungen und Eingriffsmaßnahmen müssen sich auf potenzielle Störer konzentrieren. Das setzt eine gute Vernetzung der beteiligten Akteure und deren vertrauensvolle Zusammenarbeit voraus.

Thomas Kubera war Koordinator des BMBF-Forschungsprojekts „SiKomFan“. Beim Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei Nordrhein-Westfalen leitet er die Abteilung "Führung, Management, Technik und E-Government". © Polizei NRW

Wie kann das konkret gelingen?

Thomas Kubera: Wir wissen, dass jede Organisation, die für die Sicherheit am jeweiligen Ort zuständig ist, sorgfältig planen muss – sei es im Reiseverkehr, am Spielort in der Stadt oder im Stadion. Dazu gehört es, die erforderlichen Einsatzkräfte intensiv auf ihre Aufgaben vorzubereiten. Das Netzwerk der Sicherheitsorganisationen ist aus wissenschaftlicher Sicht dann gut gewappnet, wenn nach außen hin einheitlich kommuniziert und gehandelt wird, Freiräume gelassen werden sowie durchschaubar vorgegangen wird. Das schafft gute Bedingungen für ein sicheres Stadionerlebnis.

Warum war das BMBF-Projekt SiKomFan so komplex und umfangreich strukturiert?

Sicherheit beginnt nicht erst im Stadion. So wurden in dem Projekt beispielsweise auch die An- und Abreisewege der Fanströme untersucht. Zudem waren viele Partner beteiligt: Auf der einen Seite wurden Fans, Fanbeauftragte, Vertreter von Fanprojekten sowie Bürgerinnen und Bürger befragt, auf der anderen Seite Vereine, Kommunen und Sicherheitsbehörden. Des Weiteren wurden zahlreiche Konzepte und Praxis-Einsätze ausgewertet. Unser Ziel war es, die Kommunikation auf drei Ebenen zu verbessern: Erstens innerhalb der Organisationen, zweitens zwischen den beteiligten Akteuren und drittens mit der beteiligten wie auch allgemeinen Öffentlichkeit.

Wo gab es im Projekt besondere Herausforderungen? Und was hat Sie positiv beeindruckt?

Es war uns sehr wichtig, kritische Fanorganisationen und Fanprojekte in die Arbeit einzubeziehen, um einem möglichen Misstrauen zwischen Fanwelt und Sicherheitsbehörden entgegenzuwirken. Eine weitere Herausforderung bestand in der großen Anzahl an unterschiedlichsten Akteuren.  Positiv hat mich die Offenheit der Sicherheitsakteure und die Vielzahl bereits bestehender Best-Practice-Fälle beeindruckt. Wir haben mit Sicherheits- und Fanbeauftragten, mit zahlreichen Polizistinnen und Polizisten, Angehörigen der Sicherheits- und Ordnungsdienste und kommunalen Vertretern in Workshops diskutiert. Die Atmosphäre war hervorragend und die Einstellung professionell und konstruktiv.

Was sind die Ergebnisse? Und wie geht es weiter?

Aus dem Forschungsprojekt ist ein 590 Seiten starkes Praxishandbuch entstanden, das mehrere hundert Handlungsempfehlungen zu 180 Themenfeldern beinhaltet. So können Vereine, Fanprojekte, Polizeidienststellen oder kommunale Einrichtungen gezielt prüfen, wo und wie sie etwas verbessern können. Beispielsweise gibt es Anregungen, reisende Fans am Bahnhof freundlicher zu empfangen, sie kommunikativer zum Stadion zu leiten und die Einlasskontrollen sachgerechter und transparenter durchzuführen. Zudem wird demnächst ein wissenschaftlicher Sammelband veröffentlicht, der noch weitere Verbesserungsansätze – wie etwa eine technische Kommunikationsplattform für alle Akteure – beschreibt.

Während der Projektphase waren Sie auch Mitglied in einer Projektgruppe des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) zur Qualifizierung von Sicherheits- und Ordnungsdiensten…

Ja. So sind einige Erkenntnisse aus dem Projekt - speziell zum Wirken der Ordner im Stadion - in das neue Aus- und Fortbildungsmanual des DFB eingeflossen. Auf der Basis der Projekterkenntnisse ist beim DFB zudem ein Konzept für das Krisenmanagement entstanden. Dieser Leitfaden soll die Veranstalter besser in die Lage versetzen, extreme Fälle, wie zum Beispiel terroristische Szenarien, im Netzwerk zu bewältigen.

In wie weit kann man die Ergebnisse aus dem SiKomFan-Projekt auf internationale Großveranstaltungen übertragen, also auf diese WM in Russland oder die EM 2020 in Europa?

SiKomFan war ein nationales Projekt, das die rechtliche Lage in Deutschland berücksichtigen musste. Insofern ist nicht alles auf andere Staaten übertragbar. Die Kernbotschaft von SiKomFan lautet aber, dass Vertrauensbildung und organisatorische Transparenz - sei es organisationsintern, organisationsübergreifend oder im Verhältnis zu Fans und Zuschauern - entscheidend ist, um das Stadionerlebnis zu einem positiven Erlebnis zu machen.

Sind Sie ein Fußballfan? Und falls ja: Wie schauen Sie sich die Spiele an?

Ich bin im Ruhrgebiet mit Fußball aufgewachsen und Fußballfan. Die Spiele der deutschen Nationalmannschaft will ich bei hoffentlich guten Wetter im Freien sehen. Mit anderen Worten: Ich freue mich auf Gelegenheiten zum Public Viewing.

Mehr Sicherheit im Fußball – Verbessern der Kommunikationsstrukturen und Optimierung des Fandialogs (SiKomFan)

Das Projekt „Mehr Sicherheit im Fußball – Verbessern der Kommunikationsstrukturen und Optimierung des Fandialogs (SiKomFan)“ wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung von Anfang September 2013 bis Ende Dezember 2016 mit rund 3,5 Millionen Euro gefördert. Projektbeteiligt waren die Deutsche Hochschule der Polizei als Projektkoordinator (DHPol), die Westfälische Wilhelms-Universität Münster, die Julius-Maximilians-Universität Würzburg, zwei Fraunhofer Institute sowie das Unternehmen Airbus Defence and Space. Zudem waren in dem umfangreichen Forschungsprojekt weitere Akteure eingebunden wie Polizeieinrichtungen, Fußballvereine, Städte und als Mitglieder im Projektbeirat u.a. der Nationale Ausschuss Sport und Sicherheit, der Deutsche Städtetag, die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), der Bundesverband der deutschen Sicherheitswirtschaft (BDSW), die Deutsche Bahn AG, die Deutsche Fußball Liga (DFL) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB). Das SiKomFan-Projekt wurde innerhalb des Rahmenprogramms „Forschung für die zivile Sicherheit 2012-2017“ der Bundesregierung gefördert.