Sicherheit und Wirtschaft – Die verbindende Rolle der Forschung

Einführungsworte des Staatssekretärs im Bundesministerium für Bildung und Forschung Dr. Georg Schütte anlässlich des Hintergrundgesprächs im Rahmen der BDI-Veranstaltung „Young Leaders 2016“ im Bundesministerium für Bildung und Forschung in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich heiße Sie heute Vormittag herzlich in den neuen Räumen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung willkommen und freue mich darauf, mit Ihnen über Sicherheitsforschung zu diskutieren. Uns allen ist bewusst, dass das Themenspektrum „Sicherheit“ in der heutigen Zeit global an Bedeutung zunimmt und insbesondere auch für die Wirtschaft eine schwierige Herausforderung darstellt.

Gerade haben Sie mit Herrn Dr. Maaßen ausführlich über das Thema Wirtschaftsspionage in seiner ganzen Breite diskutiert. Wirtschaftsspionage ist auch ein wichtiger Aspekt im Rahmen der Sicherheitsforschung. Hier werden wesentliche Lösungen für mehr Sicherheit in der Wirtschaft erforscht, z.B. Instrumente zu entwickeln, wie Unternehmen Wirtschaftskriminalität erkennen können oder sich vor Wirtschaftsspionage schützen können. Insbesondere im Zeitalter von Industrie 4.0 und der zunehmenden Digitalisierung brauchen wir diese Forschung.

Ohne Sicherheit keine Freiheit und kein Wohlstand

Meine Damen und Herren,

Die Globalisierung eröffnet Deutschland vielfältige Zukunftschancen. Wirtschaft und Gesellschaft profitieren von internationalen Handelsströmen und einer fast grenzenlosen Reisefreiheit, von schnellen Kommunikations- sowie gut ausgebauten Infrastrukturen. Die zunehmende Komplexität von Energie-, Versorgungs- und Verkehrsnetzen führt aber auch zu neuen Herausforderungen.

Am Beispiel der Cyberangriffe auf Unternehmen wird deutlich, welche Bedrohungen für die Gesellschaft und Wirtschaft aus der globalen Vernetzung entstehen können. Als Führungskräfte in Ihren Unternehmen mussten Sie sich möglicherweise bereits damit auseinandersetzen: Der wirtschaftliche Schaden durch Wirtschaftskriminalität ist enorm. Eine Studie der BITKOM aus dem vergangenen Jahr hat ergeben, dass 51 Prozent der Unternehmen in den letzten zwei Jahren von Wirtschaftsspionage, Sabotage und Datendiebstahl betroffen waren. Dabei entstand ein Schaden von 51 Milliarden Euro pro Jahr, was rund 1,7 Prozent des jährlichen Bruttoinlandprodukts entspricht.

In der Bevölkerung noch sichtbarer sind die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen der immer extremer werdenden Naturkatastrophen. Nach dem World Disaster Report von 2015 beläuft sich der wirtschaftliche Schaden zwischen den Jahren 2005 und 2014 in Europa auf 144 Milliarden US-Dollar. Von den Auswirkungen der Naturkatastrophen in diesem Zeitraum waren etwa 9 Millionen Menschen betroffen und fast 74.000 Menschen kamen ums Leben.

Meine Damen und Herren,

in unserer komplexen und vernetzten Welt können Veränderungen in einem Sektor entscheidende Folgen für andere Sektoren habe. Alle Bereiche hängen in einem Beziehungsgeflecht eng zusammen. So können Störungen in einem Bereich dazu führen, dass diese auch unerwartete Effekte auf einen oder mehrere andere Bereiche haben. Dies kann mit dem Dominoeffekt beschrieben werden: Kommt ein Stein in diesem Gefüge zu Fall, werden die umliegenden Steine mitgerissen.

Gerade die Sicherheitsforschung hat zum Ziel, die Folgen und Schäden für Wirtschaft und Gesellschaft abzuschwächen und bestenfalls abzuwehren. Wenn es uns gelingt, hier einzelne Dominosteine fest zu verankern, so dass sich kein Kaskadeneffekt ausbreiten kann, können wir einen Beitrag dazu leisten, die Unternehmen zu schützen, unseren wirtschaftlichen Standort zu sichern und damit auch das gesellschaftliche Zusammenleben sicherer zu machen. So tragen wir dazu bei, dass die gesellschaftliche Freiheit und unser Wohlstand weiterhin gewährleistet bleiben.

Bundespräsident Joachim Gauck sagte vor zwei Jahren auf der Münchener Sicherheitskonferenz:

„Regelmäßig wundern sich Zukunftsforscher, dass Veränderungen in der Welt deutlich schneller Wirklichkeit werden, als von ihnen prognostiziert. Das hat auch Konsequenzen für unsere Sicherheit.“

In diesem Sinne bereitet die Sicherheitsforschung uns darauf vor, mit den verbleibenden Unsicherheiten besser umgehen zu können.

Sicherheitsforschung liefert systemrelevante Lösungen

Meine Damen und Herren,

Infrastrukturen sind die Lebensadern unserer Gesellschaft.

Störungen oder der Zusammenbruch der Wasser- oder Energieversorgung, des Datenaustauschs oder von Verkehrsinfrastrukturen haben sofort spürbare Auswirkungen auf Gesellschaft und Wirtschaft. Diese kritischen Infrastrukturen sind digital vernetzte Systeme, und das nicht erst, seitdem die Begriffe Industrie 4.0, digitale Transformation und Internet-der-Dinge in aller Munde sind. Vielleicht haben Sie die Meldung über die Hackerangriffe auf Heizungen in Finnland verfolgt, über die Anfang November berichtet wurde. Die Steuerungssysteme waren so programmiert, dass sie die Angriffe durch Abschalten abwehren sollten, aber beim Hochfahren der Systeme starteten auch die Angriffe erneut.

Auch Störungen bei der Stromversorgung können Kaskadeneffekte nach sich ziehen. Bei einem länger andauernden Stromausfall sind die Vorräte und Kraftstoffe bald aufgebraucht und es stehen immer weniger Kommunikationsmittel zur Verfügung. Mobilfunknetze sind sofort überlastet und brechen nach spätestens ein bis zwei Stunden zusammen. Viele Geschäfte und Banken schließen aus Sicherheitsgründen und Geldautomaten funktionieren ohne Strom nicht mehr. An Tankstellen stehen die Benzinpumpen still, und in Privathäusern die Heizungen. Wenn niemand weiß, wann der Strom wieder zur Verfügung stehen wird, steigen Ungewissheit und Besorgnis bei den Bürgerinnen und Bürgern.

Damit es bei einem derartigen Szenario nicht zu einem Zusammenbruch des öffentlichen Lebens kommt, arbeitet die Sicherheitsforschung daran, diesen Dominoeffekt an verschiedenen Stellen zu unterbrechen. Beispielsweise helfen wir dabei, dass lebenswichtige Einrichtungen wie Krankenhäuser, Feuerwehren und Rettungsdienste arbeitsfähig bleiben und über autarke Versorgungssysteme auch weiterhin Strom und Kraftstoffe erhalten. Darüber hinaus wollen wir mit der Sicherheitsforschung den Infrastrukturbetreibern und Behörden in einer Krise eine ausfallsichere Kommunikationsinfrastruktur zur Verfügung stellen. Nur so können Betreiber und Einsatzkräfte abgestimmt und angemessen reagieren. Des Weiteren kann dadurch verhindert werden, dass Störungen, die zum Beispiel das Stromnetz erfasst haben, auf andere kritische Infrastrukturen, wie etwa die Wasser- oder Lebensmittelversorgung, übergreifen.

Immer häufiger gehen die Risiken für kritische Infrastrukturen von Cyber-Angriffen aus. Wie groß die Gefahr durch ist, lässt sich im aktuellen Lagebericht des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik nachlesen: Allein bei den zehn meistgenutzten Softwareprodukten sind 717 kritische Schwachstellen bekannt. Im Internet kursieren 560 Millionen unterschiedliche Schadprogramme, von denen viele genau diese Schwachstellen ausnutzen.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung greift diese Herausforderung auf. Mehr Schutz für Menschen und Daten in der digitalen Welt – dies ist der Leitgedanke des Forschungsprogramms „Selbstbestimmt und sicher in der digitalen Welt“. 180 Mio. € stellt das Bundesministerium für Bildung und Forschung für dieses Programm bis 2020 zur Verfügung. Mit dem Programm werden die Aktivitäten der Bundesregierung zur IT-Sicherheitsforschung gebündelt und sichere und praktikable IT-Lösungen für Bürgerinnen und Bürger, Wirtschaft und Staat gefördert.

Sicherheitsforschung hilft dabei, „vor die Lage“ zu kommen

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Was bringt die Zukunft und wie können wir auf zukünftige Ereignisse schnell und richtig reagieren? Auf diese Frage kann es keine verlässliche Antwort geben. Der Anspruch, den wir in der Sicherheitsforschung verfolgen, ist es trotzdem, „vor die Lage“ zu kommen und damit zukünftige Bedrohungen abzuwehren oder – wenn eine Katastrophe oder ein Cyberangriff nicht verhindert werden kann – schnell und effektiv zu handeln. Mit dem heutigen Wissen können Wahrscheinlichkeiten für zukünftige Szenarien besser abgeschätzt und daraus Maßnahmen entwickelt werden. Es ist also erforderlich, bei der Erforschung von neuen Lösungen Sicherheitsaspekte von Beginn an im Sinne eines „Security by Design“ einfließen zu lassen.

Die steigende Anzahl an terroristisch motivierten Angriffen bedroht immer stärker unsere Sicherheit und unsere Freiheit. Eine besondere Sorge besteht im Bereich der stark frequentierten Verkehrsinfrastrukturen. In der Sicherheitsforschung entwickelte Personenscanner an Flughäfen sorgen inzwischen dafür, dass auch nicht-metallische Waffen und andere Gefahrstoffe in Sekunden detektiert werden können, ohne in die Privatsphäre der Reisenden einzugreifen. Dies ist ein Beispiel dafür, wie ein Dominostein bereits vor Eintreten eines Ereignisses präventiv geschützt werden kann und so das System gar nicht erst ins Wanken gerät.

Ein weiterer Ansatz ist es, die Einsatzkräfte optimal auszustatten. Einsatzkräfte sollen sich, um „vor die Lage“ zu kommen, erst gar nicht in Gefahr bringen, sondern riskante Tätigkeiten von Robotern durchführen lassen. Einsätze in menschenfeindlichen Umgebungen, wie bei Großbränden, in Bereichen mit Gift- und Gefahrstoffen, in Erdbebengebieten oder unter Wasser sollen Rettungskräfte zukünftig vermehrt aus sicherer Entfernung durchführen können. Die Einsatzmöglichkeiten für Roboter werden sich in absehbarer Zeit erheblich ausweiten. Auch vernetzte und mit Schwarmintelligenz ausgestattete Einheiten, die miteinander kommunizieren, ihre Aufgaben selbständig verteilen und an zentrale Computer weiterleiten können, werden zukünftig dabei helfen, dass Einsatzkräfte betroffenen Menschen schnell helfen können.

Sicherheit in einer vernetzten Gesellschaft braucht Dialog und Zusammenarbeit

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Forschungsprojekte bringen gute Ideen nach vorne und helfen, sie umzusetzen. In der Sicherheitsforschung geht es nicht nur um die Lösung technischer Fragestellungen und deren Umsetzung. Zivile Sicherheit ist ein komplexes Themenfeld, das es von vielen Seiten inter- und transdisziplinär zu beleuchten gilt. Aus diesem Grund achten wir in der Sicherheitsforschung darauf, dass die Forschungsprojekte im Verbund aus Geistes-, Ingenieur- und Naturwissenschaften, Industrie und Anwendern durchgeführt werden. Dieses Vorgehen hat sich bewährt und insbesondere die Einbeziehung der Anwender ist von maßgeblicher Bedeutung. Sie sind die Ideengeber – denn wer könnte besser den zukünftigen Bedarf der Praxis abschätzen?

Anwender unterstützen auch die Gestaltung des Forschungsprozesses und testen die Ergebnisse im Feldversuch. Auf diese Weise kann sichergestellt werden, dass sich die Forschungsergebnisse gut in die täglichen Arbeitsabläufe integrieren und in die Praxis überführen lassen.

Wie dies gelingen kann, lässt sich besonders gut an einem aktuellen Beispiel zeigen: Nach den Erdbeben in Norditalien haben deutsche und italienische Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Künstliche Intelligenz (DFKI) und der Universität La Sapienza mit Drohnen und fahrenden Robotern zwei Kirchen in Italien untersucht. Ziel war, den Zustand der Kunstwerke zu dokumentieren und herauszufinden, ob die Gebäude strukturelle Schäden davongetragen hatten.

Bei allen Anstrengungen, die unternommen werden, um die zivile Sicherheit zu stärken, darf die Diskussion um Einschränkung der Freiheit und Privatsphäre nicht außer Acht gelassen werden, und so steht dieses Thema auch regelmäßig auf der Agenda der öffentlichen und politischen Debatten.

Sichere Geräte, sichere Netze und sichere Daten sind im Zeitalter der Digitalisierung die Grundvoraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft. Der Schutz dieser Infrastrukturen ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung: Der Staat, die Wirtschaft, die Betreiber von Infrastrukturen sowie die Nutzerinnen und Nutzer sind gefordert, zur Datensicherheit beizutragen.

Starke Forschung braucht aber mehr: leistungsfähige, regionale Standorte, an denen herausragende Forscherinnen und Forscher langfristig zusammenarbeiten und gleichzeitig flexibel neue Entwicklungen und Trends aufgreifen können. Deshalb fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung seit 2011 drei Kompetenzzentren für IT-Sicherheit.

Die Bundesregierung hat daneben mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen gehandelt. Dazu gehört die Nationale Strategie zum Schutz Kritischer Infrastrukturen und der Umsetzungsplan Kritische Infrastrukturen. Das Bundesministerium des Innern arbeitet seit vielen Jahren eng mit den Betreibern kritischer Infrastrukturen an der Umsetzung dieser Strategie. Dieser mühsame, aber sehr wichtige Prozess hat wesentlich dazu beigetragen, dass für die IT von kritischen Infrastrukturen mittlerweile Mindeststandards für die Sicherheit bestehen.

Unterstützt wird dieser Prozess zudem vom IT-Sicherheitsgesetz, das dem Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik (BSI) die zentrale Rolle beim Schutz kritischer Infrastrukturen in Deutschland zuweist.

Gerade erst zu Beginn dieses Monats hat das Kabinett die Cybersicherheitsstrategie 2016 für Deutschland beschlossen. Darin wird die Cybersicherheit als Teil der gesamtstaatlichen Sicherheitsvorsorge verankert. Die Bundesregierung legt sich auf eine ganze Reihe von Maßnahmen fest, mit denen der Schutz vor Cyberangriffen in Deutschland und Europa deutlich erhöht werden soll. Forschung spielt dabei eine zentrale Rolle – sie hat die Aufgabe, zukunftsfähige Antworten für die Herausforderungen von morgen zu entwickeln.

Meine Damen und Herren,

Sie haben in den letzten Tagen ein volles Programm durchlaufen, das sich um vielfältige Fragen der Sicherheit dreht. Die Sicherheitsforschung bildet dabei ein wesentliches Element.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen einige Einblicke und Erkenntnisse über das vielschichtige Feld der Forschung unseres Ministeriums zu diesen Themenkomplexen geben. Jetzt bin ich gespannt auf das Gespräch mit Ihnen, auf Ihre Gedanken, Fragen und Anregungen.

Vielen Dank!