Sitzung des Ausschusses „Forschung und Innovation“ des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. (VDMA)

Rede des Staatssekretärs im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Georg Schütte, in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Dr. Rinck,
sehr geehrter Herr Rauen,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich danke Ihnen für die Einladung. Ich freue mich, in diesem Rahmen erneut mit Ihnen über Innovationspolitik zu sprechen. Der VDMA war und ist ein wichtiger Partner des BMBF, und der Ausschuss „Forschung und Innovation“ ist einer der wichtigsten Ausschüsse der Industrie.

Meine Damen und Herren, die Legislaturperiode neigt sich dem Ende entgegen. Das ist immer eine Zeit, um Bilanz zu ziehen. Es ist aber auch die Zeit, um auf die Herausforderungen von morgen und übermorgen zu schauen. Ich möchte heute beides tun.

Ich meine: Wir haben in dieser Legislaturperiode viel erreicht. Deutschland investiert mittlerweile doppelt so viel in Forschung und Entwicklung wie noch vor 10 Jahren. 2015 waren es gut 90 Milliarden Euro von Staat und Wirtschaft zusammen. Damit hat Deutschland erstmals das Drei-Prozent-Ziel beim Anteil der Forschungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt erreicht.

Dieser Erfolg ist auch dem Maschinen- und Anlagenbau zu verdanken. Ihre Branche hat schon immer eine klare Priorität auf Forschung und Entwicklung gesetzt. Das schlägt sich nieder in stetig wachsenden Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Im Jahr 2015 waren es knapp 6 Milliarden Euro [Quelle: Stifterverband]. Damit hat der Maschinen- und Anlagenbau 9% der Ausgaben der Gesamtwirtschaft für Forschung und Entwicklung getragen.

Viel Geld auszugeben ist natürlich allein noch kein Erfolgskriterium. Entscheidend ist, dass wir bei wichtigen Zukunftsprojekten vorankommen. Das ist uns gelungen bei Industrie 4.0. Das ist uns aber ebenso gelungen bei der Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen und das ist uns auch gelungen beim Thema Elektromobilität. Diese Erfolge basieren ganz wesentlich auf den Aktivitäten des VDMA und seiner Mitgliedsunternehmen.

Meine Damen und Herren, kleine und mittlere Unternehmen bilden den Kern unserer Wirtschaft. Sie wissen das selbst am besten, denn gerade der Maschinen- und Anlagenbau ist mittelständisch geprägt.

Insgesamt haben wir etwa 3,6 Millionen kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland, das sind 99,5 Prozent aller Unternehmen. KMU sind Arbeitgeber für über die Hälfte der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und treiben den volkswirtschaftlichen Strukturwandel voran. Die Innovationsfähigkeit von kleinen und mittleren Unternehmen ist deshalb entscheidend für die zukünftige Entwicklung unseres Landes.

KMU stehen seit Jahren im Fokus unserer Forschungs- und Innovationspolitik. Seit Beginn der Hightech-Strategie im Jahr 2006 haben wir das Förderangebot für KMU auf heute über 1,4 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Tragende Säule ist dabei die Ausweitung der Mittelstandsförderung im Rahmen unserer Forschungsprogramme. Seit 2007 wird sie durch die Initiative „KMU-innovativ“ ergänzt. Evaluationen bescheinigen unserer Förderung eine hohe Wirksamkeit.

Sie wird breit über Deutschland verteilt genutzt und spricht gerade diejenigen Unternehmen an, die Spitzenforschung betreiben wollen. Dass unsere Maßnahmen Wirkung zeigen, sieht man auch am Anstieg der FuE-Ausgaben für KMU. Sie sind im Jahr 2015 um 16 Prozent gewachsen und haben einen historischen Höchststand erreicht.

Trotz dieser Erfolge gibt es weiterhin Handlungsbedarf: Im Zeitraum 2013 bis 2015 haben nur noch gut 800.000 KMU neue Produkte oder Prozesse eingeführt. Das ist gegenüber der Vorperiode 2012 bis 2014 ein Rückgang um über 230.000 Innovatoren. Wir müssen wieder mehr KMU für Forschung und Innovationen gewinnen!

Im vergangenen Jahr haben wir dazu ein Zehn-Punkte-Programm „Vorfahrt für den Mittelstand“ verabschiedet. Wir wollen KMU noch stärker in die Innovationsprozesse einbinden und noch besser mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen vernetzen. Aber wir wissen auch, dass wir mit unserer Projektförderung immer nur einen Teil der Unternehmen erreichen. Wir wollen deshalb auch eine steuerliche FuE-Förderung nutzen, um noch mehr KMU zu mobilisieren.

Meine Damen und Herren, ganz besonders brauchen wir den Mittelstand für die Umsetzung von Industrie 4.0. Industrie 4.0 ist eines der wichtigsten Zukunftsprojekte für unsere Wirtschaft. Es ist aber auch dasjenige, was am weitesten fortgeschritten ist.

Vor 2 Wochen hat die Hannover-Messe stattgefunden. Industrie 4.0 war dort bereits zum fünften Mal ein Schwerpunktthema. Nicht nur deshalb können wir festhalten: Industrie 4.0 und damit die vernetzte Produktion sind auf der politischen Bühne angekommen. Und auch international hat sich die Marke Industrie 4.0 etabliert. Davon zeugen die zahlreichen Kooperationen mit internationalen Partnern, die wir in den letzten Jahren angestoßen haben. Dazu gehören China, die USA und Frankreich.

Entscheidend ist aber, dass Industrie 4.0 auf dem betrieblichen Hallenboden ankommt. Wir müssen die Ideen und Innovationen in die Kernbranchen der deutschen Industrie tragen und in die Praxis umsetzen. Das bedeutet eben in erster Linie: Der Mittelstand muss Industrie 4.0 in die Praxis umsetzen. Gemeinsam mit den Mitgliedsunternehmen des VDMA haben wir dazu in den vergangenen Jahren wichtige Schritte gemacht. Wir haben rund 100 Verbundprojekte und Forschungsvorhaben unter Beteiligung von über 240 KMU gefördert, um Industrie 4.0 auf den betrieblichen Hallenboden zu bringen. Wir haben Testumgebungen an Forschungseinrichtungen geschaffen, in denen KMU ihre Komponenten für Industrie 4.0-Anlagen erproben können.

Und wir haben gemeinsam mit über 300 Stakeholdern Lösungen in den Bereichen Standardisierung und Normung, rechtliche Rahmenbedingungen und IT-Sicherheit erarbeitet.

Meine Damen und Herren, um Industrie 4.0 vollends in der Breite zu etablieren, liegt aber noch ein weiter Weg vor uns. Worauf kommt es dabei an? Die Weiterentwicklung der Fertigungstechnologien und Produktionsausrüstungen wird essentiell sein. Aber wir müssen auch auf anderen Gebieten Fortschritte erzielen.

Ein Beispiel: 90 Prozent der Unternehmen befürchten Datenverluste durch die Vernetzung mit der Außenwelt. Daten sind ein wichtiges Gut in der digitalisierten Wirtschaft. Richtig ausgewertet, kann daraus Wissen und Wertschöpfung entstehen. Wir müssen sicherstellen, dass die Daten bei den Unternehmen verbleiben und sicher ausgetauscht werden können. Wir wollen die Nutzung von Daten nicht Google und Co. überlassen, sondern damit Wertschöpfung in Deutschland erzeugen. Deshalb haben wir den Industrial Data Space (IDS) geschaffen. Gemeinsam mit der Fraunhofer Gesellschaft und Partnern aus der Wirtschaft wollen wir in diesem Projekt die Grundlagen für einen sicheren Datenraum entwickeln.

Darüber hinaus müssen wir uns auch um die Sicherheit von Industrie 4.0-Anlagen vor Cyberangriffen kümmern. Mit dem nationalen Referenzprojekt IUNO für IT-Sicherheit in der Industrie 4.0 wollen wir Konzepte entwickeln, um die Angriffsflächen für Hacker zu minimieren und Spionage vorzubeugen.

In Zukunft wird es mehr und mehr darum gehen, aus Daten Wissen und Wertschöpfung zu schaffen. Die Entwicklung neuer, datengetriebener Geschäftsmodelle ist deshalb ein Schwerpunkt unserer zukünftigen Programmatik. Dazu müssen wir auch unsere Fähigkeiten zur Analyse großer Datenmengen ausweiten. Stichworte sind Höchstleistungsrechnen und Big Data. Das sind zunächst noch Forschungsfragen. Aber letztlich wollen wir auch hier die Innovationen in die Unternehmen bringen. Eine Möglichkeit sind sichere Cloud-Angebote.

Die zweite Welle der Digitalisierung ist also in vollem Gange. Das Internet der Dinge ist in Teilgebieten Realität und breitet sich rasant aus. Neben vernetzten Produktionsprozesse durchdringen vernetzte und zunehmend autonome Systeme weitere Lebensbereiche: den Verkehr, den Gesundheitssektor, unseren Alltag.

Wir wollen diesen Prozess aktiv gestalten und Schlüsselkompetenzen wie das maschinelle Lernen und Mikroelektronik stärken. Letztendlich geht um den Erhalt und Ausbau unserer digitalen Souveränität für unser künftiges Leben. Im Rahmen des Hightech-Fachforums „Autonome Systeme“ wurden dazu in den letzten vier Jahren Handlungsempfehlungen erarbeitet. Wir werden die Handlungsempfehlungen in einem Zukunftsprojekt „Lernende Systeme“ aufgreifen. Damit wollen wir die Forschung und Entwicklung vorantreiben, bündeln und alltagstaugliche Lösungen entwickeln.

Was wir bei der Diskussion um die voranschreitende Digitalisierung nicht vergessen dürfen, sind die Beschäftigten. Berufsbilder und Arbeitsplätze verändern sich grundlegend. Den Beschäftigten wird sie ganz neue Kompetenzen abverlangen. Wir müssen diesen Umbau der Arbeitswelt sozialverträglich, gesundheitsfördernd und zugleich wirtschaftlich gestalten. Dafür haben wir im letzten Jahr das Programm „Zukunft der Arbeit“ gestartet.

Im Mittelpunkt steht auch dabei der Mittelstand.

Wir wollen neue Lösungen für die Arbeitswelt von morgen entwickeln. Wir wollen Kompetenzentwicklung, Arbeitsplatzgestaltung und die Interaktion zwischen Mensch und Maschine und zwischen Mensch und Mensch adressieren. Vor allem aber wollen wir Unternehmen und Beschäftigte bei der digitalen Transformation unterstützen. Dafür haben wir mit dem Future Work Lab in Stuttgart ein erstes Kompetenzzentrum geschaffen. Es soll ein Anlaufpunkt für Beschäftigte und Management sein. Wir werden weitere solcher Erprobungszentren aufbauen.

Die Veränderung der Arbeitswelt ist tiefgreifend. Wir können sie nur gemeinsam und im Dialog zwischen Politik, Sozialpartnern, Bürgern, Wirtschaft und Wissenschaft bewältigen. Wir werden die Arbeitswelt der Zukunft deshalb zum Thema des Wissenschaftsjahres 2018 machen. Ich bin überzeugt, dass der VDMA auch dabei ein wichtiger Partner sein wird.

Meine Damen und Herren, die Digitalisierung wird unsere Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend verändern. Wir dürfen darüber aber andere Entwicklungen nicht außer Acht lassen. Ereignisse, wie die schwere Flutkatastrophe in Kolumbien oder die Dürre in Ostafrika zeigen uns, welche Auswirkungen der Klimawandel haben kann. Eine nachhaltige Wirtschafts- und Lebensweise wird deshalb immer dringlicher. Deutschland sollte und kann dabei Vorreiter sein. Wir müssen unsere technologische Leistungsstärke nutzen, um bei Ressourcen- und Energieeffizienz, bei der Elektromobilität und bei der Biologisierung der Industrie mit gutem Beispiel voranzugehen.

Mit der „Effizienzfabrik“ haben wir bereits 2009 gemeinsam eine wichtige Initiative zu ressourcen- und energieeffizienter Produktion ins Leben gerufen. Seither kommuniziert die Effizienzfabrik regelmäßig aktuelle Fördermaßnahmen und Ergebnisse der Förderung des BMBF. 2013 wurde sie um einen Schwerpunkt zur Produktion elektrischer Antriebe für die Elektromobilität sinnvoll erweitert. Es freut mich sehr, dass der VDMA die Effizienzfabrik auch in Zukunft weiterführen möchte.

Die Effizienzfabrik legt den Fokus auf die technologischen und produktionsseitigen Voraussetzungen für nachhaltiges Wirtschaften. Das ist ein entscheidender Punkt. Ein Beispiel ist die Elektromobilität: Ohne die richtigen Produktionstechnologien für elektrische Antriebe und leistungsstarke Batterien werden wir die Wertschöpfungskette für das Elektroauto in Deutschland nicht schließen und das Elektroauto nicht flächendeckend auf die Straße bekommen!

Wir haben deshalb die Projekte zu elektrischen Antrieben um drei weitere Verbünde ergänzt. Und wir haben uns für den Wiederaufbau der Batterieforschung in Deutschland eingesetzt. Mit rund 150 Millionen Euro unterstützen wir die Forschung für sichere, langlebige und wirtschaftliche Batterien. Vier virtuelle Forschungszentren legen den Grundstein für die akademische Ausbildung in der Batterieforschung. Die deutsche Batterieforschung hat damit wieder internationales Gewicht.

Wir wollen darüber hinaus auch die Batteriezellproduktion in Deutschland wieder aufbauen. Entscheidend dafür ist, dass wir die Prozesstechnik beherrschen. Jeder einzelne Prozessschritt hat Einfluss auf die Leistungsfähigkeit, die Qualität und die Kosten von Batteriezellen. Diese Zusammenhänge wollen wir wissenschaftlich aufklären und für die Industrie in Deutschland zugänglich machen.

Wir haben dazu im letzten Jahr den Kompetenzcluster ProZell initiiert. Und wir haben eine Forschungsproduktionsanlage für große Batteriezellen in Ulm aufgebaut.

Für den Durchbruch der Elektromobilität müssen wir aber noch weiter denken. Das Auto der Zukunft ist nicht nur elektrisch, es ist auch autonom. Ich bin überzeugt: Nur wenn wir die Potentiale der Digitalisierung für die Elektromobilität erschließen, werden wir eine Million Elektroautos und mehr auf unsere Straßen bekommen.

Meine Damen und Herren, nachhaltiges Wirtschaften bedeutet auch, biologische Rohstoffe und biologische Prozesse noch stärker zu nutzen. Man spricht hier von der Biologisierung der Industrie.

Dabei ist vieles heute schon möglich. Es gibt Autoreifen aus Löwenzahn, Smartphone-Displays aus Zucker und T-Shirts aus Kaffeesatz. Fortschritte in der synthetischen Biologie, bei der Genom-Editierung und beim Protein-Engineering ermöglichen das passgenaue Design von Produktionsorganismen. Perspektivisch lassen sich damit viele chemische Prozesse in der Produktion durch biologische ersetzen.

Das größte Hindernis dabei ist: Was im Labor oder in der Bioraffinierie funktioniert, funktioniert nicht automatisch auch in der hochskaligen, industriellen Serienproduktion.

Dafür müssen wir die biologische Prozesstechnik besser beherrschen. Wir müssen es schaffen, die im Labor erprobte Prozesstechnik großtechnisch umzusetzen. Dabei stehen wir vor der Herausforderung, umweltfreundlicher, zuverlässiger und wirtschaftlicher als bisherige Prozesstechnik zu sein. Und im Zuge von Industrie 4.0 müssen wir die biologische Prozesstechnik letztlich auch automatisieren.

Die Biologisierung der Industrie ist ein wichtiges Zukunftsthema. Und sie ist eine große Herausforderung, auch für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau. Wir müssen dafür technische und biologische Innovationen und Wertschöpfungsketten miteinander verzahnen. Und wir müssen den Schulterschluss mit der Industrie suchen. Nur in Zusammenarbeit von Biologen und Ingenieuren können wir auch auf diesem Gebiet ein Vorreiter sein.

Meine Damen und Herren, obwohl wir in dieser Legislaturperiode viel erreicht haben, liegen weiterhin große Herausforderungen vor uns. Der globale Wettbewerb fordert uns. Deutschland muss noch innovativer werden. Wir wollen deshalb den Anteil der Forschungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt bis 2025 auf 3,5 Prozent steigern.

Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass es letztlich auf die Köpfe ankommt. Zusätzliche Forschungsausgaben von 0,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes entsprechen etwa 200.000 neuen Forscherinnen und Forschern. Wir müssen heute diese zukünftige Forschergeneration formen. Eine Generation, die selbstverständlich und interdisziplinär Forschungsherausforderungen an der Schnittstelle von Digitalisierung, Biologisierung und Nachhaltigkeit angeht. Dafür brauchen wir eine gemeinsame Initiative von Politik, Bildungsträgern und Wirtschaft.

Die Grundlage ist eine gute Ausbildung in den MINT-Fächern und in den Ingenieurwissenschaften. Deshalb stehen die MINT-Fächer ganz oben im themenübergreifenden Qualitätspakt Lehre. Und deshalb unterstützen wir mit unserer Förderlinie „IngenieurNachwuchs“ den Nachwuchs an Fachhochschulen mit dem Schwerpunkt Forschung.

Wir sind sehr froh, dass sich auch der VDMA hier sehr engagiert. Etwa mit dem Preis „Bestes Maschinenhaus“, der morgen erneut verliehen wird.

Ich denke: Deutschland ist gut vorbereitet auf die anstehenden Herausforderungen. Wir haben ein gutes Bildungssystem. Wir haben exzellente Wissenschaftler. Und wir haben innovative Unternehmen. Lassen Sie uns die Herausforderungen gemeinsam angehen. Ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit mit dem VDMA.

Vielen Dank.