Sitzung des Landeskuratoriums Hamburg/Schleswig-Holstein des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft

Impulsvortrag von Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, in Hamburg

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Behrendt,
sehr geehrter Herr Prof. Schlüter,
Sehr geehrte Damen und Herren,

seit kurzem hängt ein Riesenplakat an der Fassade der Universität Hamburg und an vielen anderen Fassaden in Deutschland. Das Plakat besteht aus mehr als 400 Fotos von Deutschlandstipendiatinnen und –stipendiaten, die von über 100 Hochschulen kommen. Das „Hamburger Gesicht“ des Deutschlandstipendiums ist Raha Emari Khansari, Masterstudierende im Studiengang Performance Studies an der Universität Hamburg. Sie war vor ihrem Studium schon als Redakteurin tätig und betreute die Pressearbeit für eine Flüchtlingsinitiative in Berlin. Sie schätzt am Deutschlandstipendium neben der finanziellen Entlastung, dass sie durch das Begleitprogramm spannende Orte und Menschen auch außerhalb der Universität kennenlernt und ihren Horizont erweitert: Sie erfährt, was sie sonst nicht erfahren würde.

Nur ein Beispiel unter sehr vielen, genauer gesagt unter mehr als 24.000 Deutschlandstipendiatinnen und Stipendiaten. Aber kein untypisches Beispiel:

Eine Studierende mit Migrationshintergrund, vielfältig engagiert und vielfältig interessiert. Die finanzielle Entlastung ist ihr hochwillkommen, da sie nun weitgehend auf Nebenjobs verzichten und sich auf das Studium und ihre ehrenamtlichen Aktivitäten konzentrieren kann. Und was viele Geförderte besonders hervorheben, und zwar gerade diejenigen, die selbst oder deren Eltern zugewandert sind, ist die Wertschätzung, die ihnen mit dem Stipendium von Seiten der deutschen Gesellschaft für ihre Leistungen entgegengebracht wird.

Auf der diesjährigen Jahresveranstaltung zum Deutschlandstipendium an der Goethe-Universität Frankfurt sagte der hessische Ministerpräsident Bouffier in seinem Grußwort: „Es gibt immer Menschen, die mehr tun als sie müssen. Das geht nicht ohne besondere Anstrengungen, und diese Anstrengungen verdienen es, honoriert zu werden.“

Das ist aus meiner Sicht die Essenz des Deutschlandstipendiums: Es gibt uns die Möglichkeit, besondere Menschen für ihre besonderen Anstrengungen zu würdigen und sie dabei zu unterstützen, ihre Talente und Begabungen voll zu entfalten und auszuschöpfen.

Ich bin dem Stifterverband sehr dankbar, dass er beim Deutschlandstipendium von Anfang an an Bord war und mit der von uns finanzierten Geschäftsstelle das Programm in besonderer Weise unterstützt. Dem Landeskuratorium Hamburg / Schleswig-Holstein danke ich, dass wir heute über dieses wichtige Thema sprechen können.

Die Förderung begabter und leistungsstarker Studierender hat seit 2005 einen neuen Stellenwert in der Politik der Bundesregierung erhalten. Eine bewusste Entscheidung, da wir überzeugt sind, dass auch die Spitze besonderer Förderung bedarf. Begabtenförderung ist für unser Land kein überflüssiger Luxus. Sie ist auch kein ungerechtfertigtes Privileg. Die Förderung der klügsten, kreativsten und engagiertesten Köpfe ist entscheidend für Deutschland – wirtschaftlich, wissenschaftlich, kulturell. Insgesamt erhalten über 56.000 Studierende ein Stipendium aus Bundesmitteln. Dazu gehörten 2015 über 27.000 Stipendiatinnen und Stipendiaten der 13 Begabtenförderungswerke, aber auch mehr als 4.000 Studierende, die aufgrund einer hervorragenden beruflichen Qualifikation mit einem Aufstiegsstipendium gefördert werden.

Nimmt man das seit 2011 bestehende Deutschlandstipendium hinzu, fördern wir heute mehr als viermal so viele begabte Stipendiatinnen und Stipendiaten wie 2005.

Warum haben wir das bewährte Instrumentarium der Begabtenförderung um das Deutschlandstipendium erweitert? Begabung und Leistung sowie gesellschaftliches Engagement sind auch Voraussetzung für ein Stipendium der Begabtenförderungswerke. Das eigentlich Neue am Deutschlandstipendium ist:

  • Es bezieht erstmalig die ganze Gesellschaft ein, indem es Anreize setzt für die Wirtschaft und die Zivilgesellschaft, sich aktiv für Bildung und für die Förderung der Talente einzusetzen.
  • Gleichzeitig ist das Programm bewusst dezentral angelegt und es legt die zentrale Verantwortung für Mittelakquise und Auswahl der Stipendiaten in die Hände der Hochschulen. Dadurch haben sie großen Gestaltungsspielraum und können ihr je eigenes Profil schärfen.
  • Und schließlich ist das Programm ein Brückenbauer zwischen Hochschulen und Förderern, seien es Unternehmen, Stiftungen, Vereine oder Privatpersonen – regionale Vernetzung ist das Stichwort.

Diese Elemente meinen wir, wenn wir von einer neuen Stipendienkultur sprechen.

Und wie funktioniert das Programm im Einzelnen?

In einem ersten Schritt sprechen Hochschulen potentielle Förderer an. 150 Euro pro Monat für mindestens zwei Semester sind für ein Stipendium erforderlich – eine Summe, die auch für kleine und mittlere Unternehmen als niedrigschwellig bezeichnet werden kann. In Fördervereinbarungen mit den Hochschulen können die Förderer verbindliche Wünsche zur Studienrichtung der mit ihren Mitteln geförderten Stipendiatinnen und Stipendiaten äußern. Unverbindlich können sie weitere Vorstellungen äußern. So können z.B. auch soziale Kriterien, wie z.B. ein Migrationshintergrund berücksichtigt werden.

Der zweite Schritt ist die Auswahlentscheidung der Hochschulen. Entscheidend sind nicht nur Leistungen, die sich in Noten niederschlagen, sondern auch das gesellschaftliche Engagement der Bewerber. Und bei der Beurteilung der Leistung sind auch die sozialen, familiären und persönlichen Umstände des Bewerbers oder der Bewerberin zu berücksichtigen.

Die - steuerlich absetzbare - Fördersumme wird durch den Bund verdoppelt, so dass der Stipendiat oder die Stipendiatin monatlich 300 Euro erhält, zuzüglich zum BAföG und auch ansonsten einkommensunabhängig.

Die Förderung beschränkt sich nicht auf die finanzielle Zuwendung: Hochschulen und Förderer haben die Chance genutzt, vielfältige weitere Angebote zu machen. Sie reichen von Werksbesichtigungen über Mentoringprogramme oder Praktika bis zur Betreuung von Bachelor- oder Masterarbeiten.

Vernetzungen werden von den Hochschulen nicht nur zwischen den Tandems von Förderern und Stipendiaten organisiert, sondern auch übergreifend zwischen allen Förderern und Stipendiatinnen und Stipendiaten.

Diese erfreulich eine große Bandbreite ideeller Förderformate und Veranstaltungen haben wir in unserer Begleitforschung untersuchen lassen und werden daraus resultierende Best Practice-Beispiele in Kürze veröffentlichen.

Großes Engagement zeigen auch die geförderten Studierenden: In einem Wettbewerb des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft wurden 2015 zehn Beispiele stipendiatischen Engagements ausgezeichnet. Eines davon hat inzwischen Furore gemacht: Mit einer sachsenweiten Bierdeckel-Aktion klären die Mitglieder der AG Asyl der TU Dresden über typische Stammtischparolen auf. Die Idee der im Juli gestarteten Aufklärungsaktion „Vorurteile? Nachfragen! Was ein Bierdeckel erklärt.“ stammt von Deutschlandstipendiatinnen und -stipendiaten.

Dass das Deutschlandstipendium schon fünf Jahre nach seiner Entstehung große Erfolge feiern kann, zeigen die 24.300 Stipendiatinnen und Stipendiaten, die 2015 ein Deutschlandstipendium bekamen. Etwa 90 Prozent der staatlichen Hochschulen beteiligen sich.

Was mich besonders freut: Die Förderung ist ausgewogen und erreicht auch sozial benachteiligte Studierende. Es hat sich gezeigt: Die Stipendiatinnen und Stipendiaten unterscheiden sich in Bezug auf die soziodemografischen Merkmale und die soziale Herkunft nicht von der allgemeinen Studierendenschaft. Der Anteil der Erst-Akademiker unter den Deutschlandstipendiatinnen und -stipendiaten beträgt wie bei allen Studierenden 50 Prozent. Mehr als jeder vierte Stipendiat (28 Prozent) hat eine Einwanderungsgeschichte, im Schnitt aller Studierenden ist es gut jeder Fünfte.

Laut Stipendiengesetz hatte eine Evaluation nach vier Programmjahren die Frage zu beantworten, ob an allen Hochschulstandorten ausreichend private Mittel akquiriert werden können. Für mich ist zentral, dass das gelingt, weil grundsätzlich jeder leistungsstarke und engagierte Studierende in Deutschland die Chance haben soll, ein Deutschlandstipendium zu erhalten. Die kürzlich fertiggestellte Untersuchung belegt, dass es nicht am Hochschulstandort und den sogenannten „regionalen Kontextbedingungen“ wie der Wirtschaftskraft vor Ort liegt. Entscheidend ist vielmehr, dass die Stipendienakquise Chefsache ist und mit langem Atem verfolgt wird.

Ich freue mich sehr, dass nun die Hochschulen in Hamburg ihre anfängliche Zurückhaltung aufgegeben haben und inzwischen, ebenso wie schon vorher die Hochschulen in Schleswig-Holstein, gute Erfolge beim Deutschlandstipendium erzielt haben. Sechs Hochschulen in Schleswig-Holstein hatten sich früh zu einem regionalen Netzwerk zusammengeschlossen, das regelmäßigen Erfahrungsaustausch ermöglicht und eine gemeinsame Kampagne mit der Industrie- und Handelskammer und weiteren lokalen Wirtschaftsnetzwerken anstrebt.[1] Die Handelskammer Hamburg unterstützt mit einer Palette von Maßnahmen – Informationsveranstaltung, Flyer, Veröffentlichungen – die Hamburger Hochschulen bei der Akquise von Fördermitteln.[2]

Auch einzelne Hochschulen waren aktiv: So hat die Universität Hamburg vielgestaltige Kooperationen mit Fördern aufgebaut. Ein gutes Beispiel ist die Siemers-Stiftung [sic], die sich speziell für Studierende geisteswissenschaftlicher Studiengänge einsetzt. Es gibt ein lebendiges, von der Hochschule zusammen mit den Förderern organisiertes Begleitprogramm, das z.B. im Sommersemester den Besuch von Stipendiaten und Stipendiatinnen und Förderern bei der Abschlussproduktion des Master-Studiengangs Performance Studies auf Kampnagel vorsah. Über die Aktivitäten der Hochschule für Angewandte Wissenschaften werden wir gleich aus berufenem Mund hören.

Wie wir auch aus der Evaluation erfahren haben, stehen die Hochschulen gut da, die das Programm in ein Gesamtkonzept einbinden. Für die Förderer gilt dasselbe: Die Aufnahme in eine übergreifende Strategie, etwa der Corporate Social Responsibility, kann die Chancen des Programms breiter nutzen als es bei einer Beschränkung auf eine rein ökonomische Betrachtung, die sich auf die Personalgewinnung konzentriert, der Fall ist.

Dass auch die Unterstützung begabter und leistungsstarker junger Menschen Gegenstand von Mäzenatentum sein kann, ist vielleicht noch weniger verbreitet als das Mäzenatentum in anderen Feldern, wie Wissenschaft oder Kunst. Wie die Praxis zeigt, können sich – bei Nutzung aller Möglichkeiten des Deutschlandstipendiums – spannende  Beziehungen gerade auch in der Verbindung dieser Bereiche ergeben.

Gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, ist eine ehrenvolle und lohnende Aufgabe. Schon Benjamin Franklin wusste: „Eine Investition in Wissen bringt immer noch die besten Zinsen“. Ich würde mir wünschen, dass die guten Beispiele, von denen es viele gibt, Schule machen.

Hamburg hat noch Luft nach oben, oder sollte ich besser sagen: Da können noch viele Schiffe zu Wasser gelassen werden?!  Ich setze auf Ihre Unterstützung!

Vielen Dank!

 

[1] http://www.deutschlandstipendium.de/de/2615.php; Die zentrale Fundraiserin und Initiatorin der Vernetzung an der Universität Kiel hat allerdings inzwischen die Hochschule verlassen.

[2] http://www.stifterverband.de/pdf/el-masri_bewerbung.pdf