Tipps zum Umgang mit Fake News zu Corona

Zum Coronavirus kursieren aktuell zahlreiche irreführende Informationen in Messengerdiensten, sozialen Netzwerken und auf anderen Webseiten. Im Interview erklären Forschende, wie Fake News entstehen und wie sich Menschen am besten verhalten sollten.

Im Projekt DORIAN wurden unter anderem technische Konzepte erarbeitet, um es Bürgerinnen und Bürgern zu erleichtern, Falschnachrichten zu erkennen. © Fraunhofer SIT

Die Ausbreitung des Coronavirus beschäftigt die Welt, und viele Menschen sind verunsichert. Dazu tragen auch die Geschehnisse in digitalen Kommunikationskanälen bei. Ob manipulierende Informationen zur Schließung von Lebensmittelläden, zu vermeintlichen Wundermitteln gegen das Virus oder abstruse Verschwörungstheorien: Viele Menschen werden mit solchen irreführenden Informationen bei Facebook, Whatsapp und Co konfrontiert. Während über die Urheberschaft dieser Nachrichten noch relativ wenig bekannt ist, sind die Mechanismen der Verbreitung gut untersucht.

Die Professorin für Online-Journalismus Katarina Bader und der Experte für Mediensicherheit und IT-Forensik Martin Steinebach beschäftigen sich in ihrer Forschung mit der Bekämpfung solcher Desinformationen, unter anderem im vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt DORIAN.

Frage: Derzeit erhalten viele Menschen fragwürdige Nachrichten rund um das Coronavirus, insbesondere über Messengerdienste und soziale Netzwerke. Wie lässt sich am besten erkennen, ob eine Nachricht wahr oder unwahr ist?

Bader: Ein einfacher und meist guter Check ist, Nachrichten nochmals zu googeln. Debunking-Initiativen wie Mimikama und Faktencheck arbeiten gerade sehr intensiv. Zu sehr vielen Falschmeldungen, die aktuell kursieren, findet man dort eine Richtigstellung. Besonders vorsichtig sollte man auch mit – angeblichen – Augenzeugenberichten sein: „Der Bruder meines Friseurs ist Arzt in Italien und sagt…“ – so beginnen aktuell sehr oft Gerüchte.  

Welche Arten von Desinformationen gilt es zu unterscheiden?

Katarina Bader ist Professorin an der Hochschule der Medien Stuttgart mit den Lehrgebieten Online-Journalismus, Journalistische Darstellungsformen und Recherche. Zu ihren Forschungsgebieten gehören die Wechselwirkungen zwischen Medien und Politik im Zeitalter des Internets, Journalismus im Wandel und Desinformation im Internet. © Hochschule der Medien / Justin Marquez

Bader: Aktuell würde ich drei Arten unterscheiden. Zum einen gibt es große Verschwörungstheorien, die den klassischen Verschwörungstheorien ähneln: Die Chinesen, die Juden, die Amerikaner oder auch irgendwelche Internet-Unternehmer haben das Virus in die Welt gesetzt. Ein neuer Hot-Spot, könnte sich in Kreisen mit einer Affinität zur Naturheilkunde bilden. Das betrifft natürlich nicht alle. Es gibt sehr viele sehr vernünftige homöopathische Ärzte, die die Schulmediziner einfach unterstützen. Aber es gibt auch einzelne Akteure, die sich auf Grund ihrer Distanz zur Schulmedizin in merkwürdige Behauptungen versteigen: Corona sei nichts als eine normale Grippe. Richtig krank werde man nur durch die Angst. Selbstverständlich gab es schon früher gefälschte Studien zum Beispiel zum Impf-Thema, aber ich habe aktuell den Eindruck, dass Fake News in diesem Bereich relativ stark zunehmen.

Und dann gibt es Whats-App-Gerüchte: Obskure Tipps zum gesund bleiben, Gerüchte über böse Banden, die die Situation ausnutzen, gefälschte Augenzeugenberichte aller Art.

Ist der Eindruck richtig, dass sich diese Desinformationen zum Coronavirus besonders schnell und intensiv verbreiten? Was sind mögliche Gründe hierfür?

Bader: Gefahren einzuschätzen, ist ein menschliches Grundbedürfnis. Und gerade stellt uns dies vor riesige Herausforderungen: Ein Virus, das wir nicht sehen können, verändert unseren Alltag massiv. Alle hängen am Handy, versuchen immer das Neueste zu erfahren und Infos weiterzugeben. Das ist normal. Aber da teilt man dann eben auch schnell ein Gerücht. Infos vor der Weitergabe zu prüfen ist leider kein menschliches Grundbedürfnis, aber eine Kulturtechnik, die wir gerade in solchen Situationen ganz dringend nutzen sollten.

Welche technischen Mechanismen begünstigen diese Verbreitung? Welche Erkenntnisse liefert das Projekt DORIAN hierzu?

Steinebach: Das im vergangenen Jahr abgeschlossene Projekt DORIAN hat gezeigt, dass gerade dezentrale Informationsdienste wie soziale Netzwerke gut geeignet sind, Desinformationen zu verbreiten. Hier kann ungefiltert und schnell kommuniziert werden, die Texte sind kurz und erfordern daher wenig Aufwand. Die Verbreitung geschieht dann über etablierte Netzwerke oder Verknüpfungen der Mitglieder, sobald eine Desinformation auch nur ein Mitglied in diesem Netzwerk überzeugen kann.

Woran liegt es, dass sich Desinformationen generell so gut verbreiten?

Steinebach: Das kann ich natürlich nur aus einer technischen Perspektive etwas belastbarer beantworten. Hier sehe ich die sehr schnellen Netzwerke, die das Verbreiten in Echtzeit ermöglichen, als einen starken Multiplikator. Es entstehen kaum Aufwand und keine Kosten bei den Verbreitenden. Wenn dann die Nutzerinnen und Nutzer sowieso schon erwartungsvoll an ihren Endgeräten sitzen und auch ihr eigenes Netz mit Informationen versorgen wollen, dann verbreitet sich die Information quasi verzögerungsfrei. Wer sonst vielleicht erst nach Feierabend seine Nachrichten gelesen und bearbeitet hat, sitzt jetzt vielleicht im Homeoffice und reagiert viel schneller auf die Mitteilungen.

Was raten Sie Menschen im Hinblick auf den Umgang mit solchen Nachrichten?

Bader: Niemals etwas teilen, was man nicht noch einmal überprüft hat. Was man nicht überprüfen kann, einfach auch nicht teilen.

Steinebach: Ich glaube, die Nutzerinnen und Nutzer haben auch sehr unterschiedliche Einstellungen zu den Nachrichten. Bei manchen Kampagnen habe ich das Gefühl, einige Menschen leiten sie eher als skurriles Entertainment weiter, andere empfangen sie dann und halten sie für vom Absender geprüft, übernehmen also die Nachricht in Kombination mit der Reputation des Absenders. Dann kann aus einem Scherz schnell eine Verunsicherung werden. Daher würde ich auch dazu raten, sich genau zu überlegen, wie die Nachricht bei Empfängern ankommt.

Wie sollte ich mich verhalten, wenn ich eine fragwürdige Nachricht erhalte?

Bader: Die Nachricht googeln und − wenn man auf eine Richtigstellung stößt − diese dann auch teilen. Zugleich sollte man den Absender oder die Absenderin nicht bloßstellen, sondern Verständnis zeigen, dass so etwas aktuell passieren kann und dann freundlich darauf hinweisen, wie man vorbeugen kann, damit man keine Fake News teilt.

Martin Steinebach leitet die Abteilung Media Security und IT Forensics am Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie. An dem Institut werden alle Bereiche zum Thema IT-Sicherheit abgedeckt, und praktische Lösungen erarbeitet. Das Spektrum reicht von Big Data bis hin zu Privatsphärenschutz und Volksverschlüsselung. © Fraunhofer SIT

Wie sollte ich mich gegenüber der Person verhalten, von der ich die Nachricht erhalten habe?

Steinebach: Das kommt darauf an, in welchem Verhältnis man mit ihr steht. Enge Bekannte und Freunde kann man ja einfach mal fragen, ob sie die Nachricht geprüft haben oder wie sie sie persönlich bewerten. Bei entfernt Bekannten oder Unbekannten würde ich die Nachrichten ignorieren oder so kritisch prüfen, als ob ich sich völlig anonym erhalten hätte.

Welche Gefahren sehen Sie durch die Verbreitung solcher Desinformationen auf gesellschaftlicher Ebene?

Bader: Falsche Informationen können in der aktuellen Situation gefährlich sein. Entweder weil sie Panik auslösen und zu falschem Verhalten führen, oder weil sie Menschen ein falsches Gefühl von Sicherheit geben. Außerdem steigert jede Falschinformation die ohnehin große Unsicherheit.

Steinebach: Da in Desinformationen ja auch oft vermeintliche offizielle Instanzen als Beleg angegeben werden, also „die Universität X hat erkannt“ oder „die Behörde Y in Land Z hat beschlossen“ und die Inhalte sich dann als falsch erweisen, kann das Vertrauen in diese Institutionen ohne Verschulden beeinträchtigt werden. Das kann dann perspektivisch ein Problem sein, wenn von dort tatsächlich wertvolle Erkenntnisse kommen.

Wie lässt sich das Problem im Großen lösen?

Bader: Auch Netzwerkbetreiber müssen mehr Verantwortung übernehmen. Aktuell tun sie das teilweise, dennoch müsste hier noch mehr passieren. Ansonsten hilft nur Aufklärung und zu der kann jeder beitragen, wenn er oder sie in den eigenen Netzwerken entsprechend kommuniziert.

Steinebach: Die Forschung ist meiner Meinung nach noch nicht so weit, hier eine befriedigende Antwort zu geben. Vielleicht muss man viel mehr mit Infrastrukturen arbeiten, die Authentizität von Aussagen nachweisbar machen und die Nutzer einfach überprüfen können. Dann wird es schon mal einfacher, zwischen weitergeleiteten Nachrichten von relevanten Instanzen und persönlichen Meinungen von Nutzern zu unterscheiden. Es kann aber auch sein, dass Nutzern noch bewusster werden muss, dass in entsprechenden Netzen die Grenzen zwischen Information, schlechtem Scherz und bewusster Irreführung fließend sind. Und das insbesondere bei Fragen, die die Gesundheit betreffen, vor einer Verhaltensänderung der Sprung zu einem zweiten Informationskanal wie Nachrichtenseiten oder Rundfunk ein deutliches Plus an Zuverlässigkeit bringt.