"So viel Geld hat der Bund noch nie in die Schulen investiert"

Geld für Schüler- und Lehrer-Laptops und zur Förderung von Administratoren: Während der Corona-Pandemie hat der Bund seine Anstrengungen für die Digitalisierung der Schulen kräftig ausgeweitet, schreibt Ministerin Karliczek im Hauptstadtbrief.

Portrait Anja Karliczek
"In der Bildung, auch der digitalen, müssen wir noch stark zulegen. Durchschnitt kann nicht unser Anspruch sein", schreibt Ministerin Karliczek. © BMBF/Laurence Chaperon

Der Namensbeitrag ist am 08. November 2020 in "Der Hauptstadtbrief" erschienen.

Die Situation an unseren Schulen ist seit Jahren ein Diskussionsthema in unserem Land. Gerade in den vergangenen Monaten, in denen wegen der Corona-Pandemie von Mitte März bis Ende April gar kein Präsenzunterricht und danach bis in den Sommer nur sehr eingeschränkt stattfand, wurde noch einmal mehr über die Lage für die Schülerinnen und Schüler, deren Eltern und die Lehrkräfte gesprochen.

Auch jetzt in den ersten Tagen des Teil-Lockdowns beobachten wir nach wie vor gespannt, wie sich die epidemiologische Lage speziell an den Schulen entwickelt. Dabei ist es absolut richtig, dass die Schulen – soweit es geht – offengehalten werden sollen. Das wird aber nur funktionieren, wenn es uns als Gesellschaft gelingt, die Pandemie im Griff zu behalten. Je mehr wir die Infektionszahlen in den nächsten Wochen senken können, desto eher wird der Unterrichtsbetrieb über den ganzen Winter nahezu stabil laufen können.

Die Zeit des Lockdowns im Frühjahr war dabei ein riesiger Belastungstest für unser Schulsystem. Natürlich konnte niemand den Ausbruch der Pandemie erahnen und für diesen Fall Vorkehrungen an den Schulen treffen. Diese Pandemie ist ein Jahrhundertereignis. Aber dennoch sind in den letzten Monaten ganz eindrücklich die Stärken und Schwächen unseres Schulsystems offengelegt worden. Wir haben überaus engagierte Lehrerinnen und Lehrer erlebt, die von einem Tag auf den anderen umschalten konnten, um den Kindern und Jugendlichen ein Lernen zu Hause zu ermöglichen. Aber natürlich kam es auch da sehr auf die Unterstützung der Eltern an.

Wir müssen an die Spitze

Es wurde aber auch klar, dass die deutschen Schulen digital längst nicht da sind, wo wir es uns gewünscht hätten. Es fehlten Endgeräte, Server an den Schulen, Plattformen, von denen die Lerninhalte abgerufen werden können. Die Bilanz dieser Zeit fällt insgesamt durchwachsen aus. Unser Anspruch ist aber ein anderer. Das Niveau unserer Bildung ist entscheidend für eine gute Zukunft unseres Landes. Deshalb wollen, nein, müssen wir an die Spitze. In vielen Bereichen sind wir das. In der Bildung, auch der digitalen, müssen wir noch stark zulegen. Durchschnitt kann nicht unser Anspruch sein.

An Geld für die Digitalisierung mangelt es derzeit nicht. Seit Mai 2019 stehen den Ländern über den DigitalPakt Schule fünf Milliarden Euro an Bundesmitteln zur Verfügung. Aber die Digitalisierung kam dennoch zunächst nicht recht voran. Das hatte viele Gründe. Sicherlich musste in vielen Schulen, aber auch in den Schulverwaltungen, das Bewusstsein für die Chancen geschärft werden, die die Digitalisierung bietet. Diese Möglichkeiten wurden nicht konsequent genug verfolgt. Das hat sich nach meiner festen Überzeugung nun durch die Pandemie aber grundsätzlich geändert. Und richtig ist auch, dass der DigitalPakt für alle Beteiligten Neuland war und entsprechende Strukturen für die Umsetzung erst aufgebaut werden mussten.

Die Digitalisierung steht mittlerweile überall ganz oben auf der Tagesordnung: in den Schulen, bei den Schulträgern, in den Schulverwaltungen – und natürlich bei den Ländern. Der Abfluss der Mittel aus dem DigitalPakt hat sich zuletzt deutlich beschleunigt. Und auch der Bund hat seine Anstrengungen noch einmal kräftig ausgeweitet.

Bund und Länder ziehen an einem Strang

Wir investieren nun 500 Millionen Euro extra für ein Sofortausstattungsprogramm, damit Schulen Laptops an diejenigen Schülerinnen und Schüler ausleihen können, die zu Hause keine eigenen Endgeräte nutzen können. Und noch einmal 500 Millionen Euro zur Förderung von Administratoren, also Angestellten oder Firmen, die sich um die digitale Technik kümmern sollen. [Mehr dazu lesen Sie hier.] Mit weiteren 500 Millionen Euro wollen wir die Länder unterstützen, um Lehrerinnen und Lehrer mit Laptops auszustatten. Dort wird über die Verwaltungsvereinbarung noch gesprochen. So viel Geld hat der Bund noch nie in die Schulen investiert, obwohl es nicht seine Aufgabe ist.

Auch die Länder haben ihre finanziellen Anstrengungen erhöht. Sie kooperieren untereinander enger miteinander, zum Beispiel beim Aufbau von gemeinsamen Lernplattformen. Auch die Kooperation der Länder mit dem Bund ist besser geworden. Wir ziehen jetzt viel mehr als noch am Anfang des Jahres an einem Strang, um das Beste für die Schulen zu erreichen.

Aber natürlich sind wir bei der Digitalisierung noch längst nicht am Ziel. Bestenfalls haben wir eine erste Etappe gemeistert. Der Aufbau der Infrastruktur muss weiter forciert werden. Die Schulen müssen flächendeckend ans Breitbandnetz. Und vor allem müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass Laptops, Smartboards und Server nicht per se bessere Bildung bedeuten. Wir reden derzeit nur über die Voraussetzungen für digitalen Unterricht, weniger darüber, was gute Bildung in heutiger Zeit ausmacht.

Die Digitalisierung ist eine Aufgabe, die weit über die Pandemiezeit hinausreichen wird

Darüber müssen wir einen breiten Dialog führen. Die Bildungsforschung ist dort gefragt, aber auch alle an Schule Interessierten. Sicher ist, dass Unterricht mit digitaler Unterstützung oder auch in rein digitaler Form dabei helfen kann, die Schülerinnen und Schüler besser individuell zu fördern. Gute digitale Lernprogramme können sich schon heute sehr gut an den persönlichen Leistungsstand der Schülerinnen und Schüler anpassen und eine Unterstützung sein, diesen Schritt für Schritt zu verbessern.

Am Ende wird die Digitalisierung der Schulen nur eine Erfolgsgeschichte sein, wenn es gelingt, alle Beteiligten – vor allem natürlich die Lehrerinnen und Lehrer – dafür zu begeistern. Nach wie vor werden sie es sein, die unseren Kindern und Jugendlichen Fähigkeiten und Wissen vermitteln – auch das digitale Lernen. Dazu müssen sie aber befähigt werden. Und deshalb muss gerade jetzt jede Menge Kraft in die Lehreraus- und -weiterbildung mit Blick auf das digitale Lernen gesteckt werden. Auch hierzu bin ich mit den Ländern im Gespräch. Die Digitalisierung ist eine Aufgabe, die weit über die Pandemiezeit hinausreichen wird. Wir stehen am Anfang dieser notwendigen Entwicklung, nicht am Ende.

Die Digitalisierung der Schulen ist nur ein Aspekt auf dem Weg, ein noch höheres Ziel zu erreichen: Deutschland muss in der Schulbildung insgesamt besser werden. Das PISA-Ergebnis aus dem vergangenen Jahr war nicht zufriedenstellend. Deutschland war nur Mittelmaß. Außerdem hängt der Bildungserfolg bei uns nach wie vor stark von der sozialen Herkunft ab.

Wir lassen noch zu viel Potenzial ungenutzt. Jedes Kind und jeder Jugendliche hat Talente und Begeisterung. Beides müssen wir fördern. Wir müssen dieses Jahrzehnt zu einem Jahrzehnt von Bildung, Forschung und Innovation machen. Und das beginnt bei der Bildung schon in den Kindergärten und in den Schulen und muss sich auch im Berufsleben fortsetzen.