"Sorgen ernst nehmen, aber nicht zu stark auf Stimmungen reagieren"

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka über Fracking, grüne Gentechnik, die Verantwortung der Wissenschaftler - und über Angelina Jolie. Ein Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Johanna Wanka im Interview
Johanna Wanka im Interview © Laurence Chaperon

Johanna Wanka: Wie das in der alten Bundesrepublik war, kann ich nicht beurteilen. In der ehe­maligen DDR jedenfalls gab es eher ein mangelndes Risikobewusstsein, was da­mit zusammenhing, dass Informationen und Daten nicht verfügbar waren. Ich glaube schon, dass die Skepsis in den ver­gangenen Jahren zugenommen hat, gerade bei bei bestimmten Technologien. Haufig werden weniger die Chancen, sondern vielmehr die Risiken gesehen.Das ist deshalb problematisch, weil wir in vielen die­ser Hochtechnologien richtig gut sind. Es ist schade, wenn dann in Deutschland nicht weitergeforscht wird. Sobald Pro­dukte daraus werden, profitieren näm­lich  andere.

Folgt die Politik da ihren Bürgern oder vielleicht zu stark den Lobbyisten?

In einer Studie zur Risikofreundlichkeit der Bevölkerung hat sich gezeigt, dass sie in Deutschland, Schweden oder Norwe­gen ziemlich ähnlich ausgeprägt ist. Die Bürger sind also eigentlich nicht ängstli­cher. In der öffentlichen Debatte wird in Deutschland aber das Negative stärker be­tont als in manchen anderen Ländern. Und da liegt auch die Verantwortung der Politik. Wir müssen berechtigte Sorgen sehr ernst nehmen, dürfen aber nicht zu stark auf Stimmungen reagieren. Viel­leicht lässt ja auch die gute wirtschaftli­che Situation die Frage entstehen, warum man etwas Neues wagen soll, wenn das auch nur mit einem Minimum an Risiken verbunden ist.

Glauben Sie, dass das Fracking-Gesetz nichtforschungsfreundlich genug ausge­fallen ist?

Das Gesetz ist offen für Forschung. Wir brauchen schließlich wissenschaftliche Erkenntnisse, um die noch offene Frage zu klären, ob Fracking vertretbar oder ein untragbarer Eingriff in die Geoformatio­nen ist. In einer Umfrage im Rahmen des Wissenschaftsjahres haben wir ermittelt, dass zwei Drittel der Deutschen für For­schung zu Fracking sind. Wenn Wissen­schaft nicht in der Lage ist, eine Technolo­gie überhaupt zu bewerten, können wir doch gar nicht über Risiken urteilen. Die­se Offenheit muss immer da sein.

Ist es schwer für Sie, diese Offenheit in der Regierung durchzusetzen?

Es muss jedenfalls immer mit guten Ar­gumenten dafür geworben werden.

Gibt es dann für Forschungszweige wie synthetische Biologie oder Nanotechno­logie, sobald sie weiter fortgeschritten sind, überhaupt Grund zu Optimismus?

Leider  lösen  oft  allein Begriffe  wie „synthetische Biologie" Abwehrreaktio­nen aus. Klar ist, es gibt generell eine gro­ße Skepsis, auch in Teilen der Politik.

Und entsprechend verlaufen die sehr ein­seitigen Diskussionen darüber. Ist die Forschung nicht längst massiv in die Defensive geraten?                                                      .

Wir führen zum Teil eine faktenbefrei­te Diskussion. Die grüne Gentechnik ist dafür ein Beispiel. Deutschland besitzt in der Pflanzenzüchtung weltweit eine Son­derstellung. Das weiß kaum jemand. Die Pflanzenforschung hierzulande ist über Jahrhunderte gewachsen. Heute ist die Vielfalt an Arten, die in Deutschland er­forscht werden, weltweit einmalig. Wenn das verlorengeht, ist nirgendwo eine vergleichbare Forschungslandschaft vor­handen.

Gibt es zu wenige Gelegenheiten, dar­über zu debattieren? Im Deutschen Bun­destag liegt eine Petition zur Kennzeich­nung von Gentechnik, die solche Wis­senslücken füllen könnte, wenn man nur darüber diskutieren würde und am Ende vielleicht alles kennzeichnete, was mit Gentechnik in Berührung kommt. Dann wüssten die Menschen immerhin besser Bescheid.

Das Forschungsministerium war schon immer  tür  die Kennzeichnungspflicht . Etwa die Hälfte der für die Herstellung von Produkten des täglichen Bedarfs not­wendigen Enzyme wird  mit Hilfe von Gentechnik hergestellt. Diese Enzyme sind  in  Backwaren, Fruchtsäften und Käse. Das gehört zu einem vollständigen Bild dazu und ist kein Grund, in Panik zu verfallen. Und es besteht doch auch die Chance, dass mit Hilfe von Gentechnik Lebensmittel hergestellt werden, die be­stimmte  Allergien  auslösende Stoffe nicht mehr enthalten. Das könnte die Le­bensqualität von Menschen mit angebore­nen Nahrungsmittelunverträglichkeiten erheblich verbessern.

Viele Politiker auch aus Ihren Reihen wollen den Menschen aber diese Wahr­heiten nicht zumuten.

Mich wundert vor allem der Wider­stand mancher Interessengruppen. Wer Verbraucherschutz ernst meint, darf den Bürgern nicht vorenthalten, dass rund die Hälfte der Waren in ihrem Einkaufskorb in irgendeiner Form mit Gentechnik in Berührung gekommen ist.

Sie selbst haben die Gentechnik im Land also nicht abgeschrieben, wie das jetzt immer wieder zu lesen ist?

Nein, aber es ist in der Tat so, dass zum Beispiel BASF seine gesamte Gentechnik­forschung ins Ausland verlegt hat. Wir sind in einer schwierigen Diskussion in Europa. Für mich ist wichtig, dass die For­schungsfreiheit erhalten bleibt. Es muss grundsätzlich möglich bleiben, Freiland­versuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen durchzuführen. Klar ist auch: Ohne Anwendungsperspektive wird es dazu in Deutschland über kurz oder lang auch keine Forschung mehr geben.

Wäre die Politik vielleicht besser bera­ten, die Politikberatung durch kommuni­kative Forscher ernster zu nehmen? EU­ Kommissionspräsident Juncker hat die Chefberaterin entlassen, aber immerhin ein Gremium von sieben unabhängigen Wissenschaftlern beschlossen, und die britische Regierung gönnt sich seit Jah­ren Wissenschaftsberater in praktisch al­len Ressorts, die das Thema betrifft.

Ich halte viel von Politikberatung durch die Wissenschaft. In Deutschland ist der Posten eines Chefberaters oder ei­ner Chefberaterin unüblich. Dafür gibt es bei uns andere Formen, etwa den Rat der Akademien. Dieses Modell hat sich zum Beispiel in der Energieforschung be­währt. Es ist wichtig, dass auch die Wis­senschaft ihre Verantwortung wahr­nimmt, dass sie umstrittene Themen auf­greift und etwa prognostische Gutachten erstellt. Das sollte sie durchaus öfter tun. Ein zweites Thema ist es, wissenschaftli­che Erkenntnisse gut zu vermitteln. Ich würde mir wünschen, dass Forscher, die mit viel Geld unterstützt werden, auch Pu­blikationen herausbringen, in denen die Ergebnisse verständlich aufbereitet wer­den. Jedenfalls da, wo es möglich ist.

Wie soll das aussehen?

Ein Beispiel wäre die Ernährungsfor­schung. Wenn es hier wichtige neue Er­kenntnisse gibt, sollten sie auch so präsen­tiert werden, dass alle Bürgerinnen und Bürger sie verstehen und damit auch von ihnen profitieren können.

Sie möchten eine populäre Kommuni­kation durch die Forscher selbst vorschreiben?

Wir wollen bei den von uns geförderten Forschungsprojekten verpflichtend machen, dass die Geförderten zusammen mit den Fachpublikationen auch in der Breite verständlichere Informationen lie­fern. Da hat jeder Wissenschaftler auch eine Verpflichtung gegenüber den Steuer­zahlern. Bei den modernen Technologien etwa geht es um wichtige ethische Ent­scheidungen, die die Gesellschaft, aber auch jeder Einzelne zu treffen hat. Den­ken Sie an die Berichterstattung über die Brustkrebs-Gene von Angelina Jolie. Die personalisierte Medizin wurde erst inten­siv diskutiert, als dieser Fall bekannt wur­de. Und das, obwohl das Thema schon seit Jahren bearbeitet wird und wir viele Millionen für die Forschung ausgegeben haben. Es ist nicht anrüchig, sondern not­wendig, dass man seine Ergebnisse popu­lär vermittelt. Ein guter Wissenschaftler kann das, was er selbst entwickelt hat, auch gut erklären. Und kann damit den Bürgern auch die Angst vor komplexen, scheinbar unüberschaubaren Zusammen­ hängen nehmen.