Spatenstich „Carbon2Chem“

Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Thomas Rachel, MdB in Duisburg

Es gilt das gesprochen Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Deutschland ist Europas größter Stahlproduzent. Duisburg ist der wichtigste Standort unseres Landes. Stahl ist das Fundament unserer Industrie.

Damit das künftig so bleibt, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung „Carbon2Chem“ gestartet. Diese Initiative legt den Grundstein für eine zukunftsfähige Stahlproduktion. Forschung und Innovation vereinen so Klima- und Standortpolitik. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert „Carbon2Chem“ mit über 60 Millionen Euro.

Mit dem „Carbon2Chem“-Ansatz sollen 20 Millionen Tonnen des jährlichen deutschen CO2-Ausstoßes der Stahlbranche künftig wirtschaftlich nutzbar gemacht werden. Dies entspricht 10 Prozent der jährlichen CO2-Emissionen der deutschen Industrieprozesse und des verarbeitenden Gewerbes. Das ist ein klimarelevanter CO2-Einspareffekt.

Seit gut 300 Jahren erfolgt die Stahlproduktion im Wesentlichen auf der Grundlage von Steinkohle-Koks. Die Eisen- und Stahlindustrie ist Motor des technischen Fortschritts der letzten Jahrhunderte geworden. Damit einher geht der Ausstoß von CO2. Eine wachsende Weltbevölkerung und steigendes Wohlstandsniveau treiben die Treibhausgasemissionen immer weiter nach oben. Wir brauchen weltweit erhebliche Fortschritte bei der Ressourcen- und Energieeffizienz sowie neue Verfahren in vielen Branchen. Und wir brauchen Antworten auf die Frage, wie wir Klimaneutralität erreichen können.

In wenigen Tagen wird auf der COP22 in Marrakesch die Umsetzung des Übereinkommens von Paris diskutiert werden. Das Ziel bis 2050: Treibhausgasneutralität. Ab der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts darf nicht mehr Treibhausgas ausgestoßen werden, als durch Senken gebunden wird. Das unter 2-Grad-Ziel ist zur weltweiten politischen Maxime geworden.

Mehr und mehr Unternehmen machen sich auf den Weg, ihre Anlagen Schritt für Schritt zu modernisieren und die Produktion nachhaltig zu gestalten. Dies passiert nicht von heute auf morgen. Für diesen milliardenschweren Umbau der Industrie brauchen wir Zeit und Geld und erhebliche Anstrengungen in Forschung und Innovation!

Dabei müssen wir uns bewusst sein: Klimaschutz kann keine naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten außer Kraft setzen. Entscheidend ist, dass wir Lösungen finden, die auch ökonomisch vertretbar sind. Das gilt insbesondere für die klassischen Industrien wie Stahl, Baustoffe und Chemie. Emissionsintensive Unternehmen dürfen nicht pauschal und ohne jeden Unterschied für ihre Treibhausgasemissionen bestraft werden. „Carbon leakage“ wollen und müssen wir vermeiden. Das befördert nur eine Deindustrialisierung Europas.

Klimaschutzbemühungen sind regelmäßig zu überprüfen und zu justieren. Wir müssen viel stärker als bisher in Prozessen denken, wenn wir angepasste Lösungen ermöglichen wollen.

Dazu brauchen wir einen offenen Dialog zwischen Politik, Industrie, Zivilgesellschaft und Wissenschaft.

Forschung und Entwicklung kommt hier die Rolle als Wegbereiter und unabhängiger Experte zu. Nur eine evidenzbasierte Energie- und Klimapolitik ist glaubhaft und überzeugend. Das gilt insbesondere für die konkreten Maßnahmen zur Durchsetzung der Klimaschutzziele.

Unsere Wirtschaft braucht eine klare Perspektive, um langfristig in Deutschland erfolgreich arbeiten zu können. Insbesondere dürfen wir bei Unternehmen die notwendigen Investitionen in Forschung und Entwicklung nicht abwürgen. Im Gegenteil: die benötigten Investitionsspielräume für Klimaschutz und Nachhaltigkeit müssen erhalten bleiben. Indem wir jetzt aktiv Investitionen für den Umbau hin zu einer emissionsarmen Wirtschaft unterstützen, schaffen wir langfristig Wettbewerbsvorteile.

Sie wissen: Aktuell ringen wir um den richtigen Weg beim Klimaschutzplan 2050. Am Ende geht es uns um Technologieoffenheit und Kosteneffizienz. Klimaschutz muss wirtschaftlich tragbar, ökologisch effizient und sozial verträglich sein. Dies gilt im Übrigen auch für die Reform des CO2-Zertifikatehandels.

Mit „Carbon2Chem“ eröffnen wir der Stahl- und Chemieindustrie eine Option, neue und nachhaltige Geschäftsmodelle zu entwickeln und zugleich einen relevanten Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Damit wollen wir zeigen, dass eine ambitionierte Klimapolitik möglich ist – ohne dabei den Industriestandort Deutschland zu gefährden.

„Carbon2Chem“ hat für uns Vorbildfunktion:

Wir haben einen Zusammenschluss aus Weltmarktführern und exzellenten Forschungseinrichtungen, die zusammen an einem Strang ziehen. Die Verbindung von Grundlagenforschung, Anwendungsforschung und industrieller Praxis aus unterschiedlichen Bereichen sorgt für eine praxisnahe Entwicklung, die die Einsatzbedarfe der Industrie vorbildlich berücksichtigt. Vor wenigen Tagen haben wir in Essen sehr erfolgreich den Kick-off mit gut 160 Teilnehmern durchgeführt. Hier war spürbar, wie engagiert und vertrauensvoll die gemeinsame Aufgabe angegangen wird.

Stahl- und Chemiebranche sind die Ansatzpunkte für eine nachhaltige Industrieproduktion mit sehr hohem Einsparpotential und erheblicher Bedeutung für den Standort Deutschland.

Wir sind davon überzeugt, dass wir von der kleinteiligen Förderung Abstand nehmen müssen, um die besten Köpfe zusammenzubringen. Insofern hat „Carbon2Chem“ auch für das Bundesministerium für Bildung und Forschung einen besonderen Stellenwert und steht in einer Reihe mit unseren vier Kopernikus-Projekten für die Energiewende. Für letztere planen wir 400 Millionen Euro. Wir machen hiermit ein Angebot, dass mithilfe der Forschung der Umbau hin zu einer kohlenstoffarmen und wettbewerbsfähigen Wirtschaft gelingen kann.

Meine Damen und Herren,

das Technikum, dessen Spatenstich wir heute feiern, ist das Herzstück von „Carbon2Chem“. Allein für dessen Nutzung und Ausstattung investiert das BMBF über die nächsten vier Jahre zehn Millionen Euro.

Das Technikum gibt unseren Bemühungen für Klimaschutz und Energiewende ein Gesicht: Hier am Standort der thyssenkrupp Steel Europe AG soll gezeigt werden, wie aus Hüttengasen Dünger, Kunststoff oder Kraftstoff gewonnen wird.

Das Besondere an dem Technikum ist, dass wir im industriell-technischen Maßstab unter Praxisbedingungen arbeiten. Hier geschieht der Sprung von der Grundlagenforschung in die Anwendung. Das Technikum erlaubt den Verbundpartnern Forschung an „echten“ Hüttengasen. Das hat es so noch nie gegeben. Im Technikum werden Demonstrationsanlagen für Gasreinigung und Wasserelektrolyse errichtet.

Herr Dr. Hiesinger, ich danke Ihnen, dass Sie eine solch große Fläche hier in Duisburg zur Verfügung stellen. Damit ermöglichen Sie Forschung in einer Qualität, die international ihres Gleichen sucht. Hier zeigt sich, ob wir es schaffen, Technologien zu entwickeln, die den Ansprüchen der Praxis genügen.

Der Umbau hin zu einem nachhaltigen Energiesystem setzt zum Beispiel auf „grünen“ Wasserstoff als universellen Energieträger. Die Verfügbarkeit einer skalierbaren, flexiblen und gleichzeitig wirtschaftlichen Elektrolyse ist hierfür unabdingbar. Dies wird im Technikum getestet.

Ich freue mich sehr, dass thyssenkrupp allein in das Technikum mehr als 33 Millionen Euro investiert. Dies ist vorbildlich. Es ist das richtige Signal. Denn nur mit Forschung und Innovation werden wir neue Lösungen entwickeln können, mit denen wir die Energiewende zum Erfolg führen. Herr Dr. Hiesinger, Herr Dr. Achatz, Herr Goss, ich möchte Ihnen hierfür nochmals meinen Dank sowie den von Bundesministerin Wanka aussprechen.

Ihr Engagement für Klimaschutz ist nicht hoch genug einzuschätzen. Das wird auch wahrgenommen und honoriert. Im unlängst erschienenen Bericht des „Climate Disclosure Projects“ gehört Ihr Unternehmen wieder zu den internationalen Vorreitern. Dazu gratuliere ich Ihnen.

Mit „Carbon2Chem“ zeigen Sie beispielgebend, dass thyssenkrupp ein Hochtechnologieunternehmen ist, das aus Überzeugung neue Wege mithilfe von Forschung und Entwicklung geht, um die eigene Zukunftsfähigkeit zu sichern. Es geht letztlich um viel mehr. Ihre Investitionen kommen den Menschen hier an Rhein und Ruhr zu Gute. Es geht um den Erhalt von Arbeitsplätzen und die Sicherung des Wohlstands in dieser Region.

Auch das Land Nordrhein-Westfalen hat ein großes Interesse an „Carbon2Chem“. Frau Ministerpräsidentin Kraft, Sie haben dies eindrucksvoll in Ihrer Rede zum Ausdruck gebracht. Für Ihre Unterstützung danke ich Ihnen.

Wir stehen bei „Carbon2Chem“ am Anfang eines langen Weges. Dabei werden im Zeitablauf die richtigen Rahmenbedingungen weiter an Bedeutung gewinnen. Dies gilt beispielsweise für die so genannte Sektorkopplung und die Frage der Anrechenbarkeit von Kohlendioxid bei einer Kreislaufnutzung. Hier sollten wir im Sinne des Projektes bundes- und landespolitisch an einem Strang ziehen.

Klimaschutz hat ein enormes Potential als Modernisierungsstrategie und Investitionsprogramm, das Innovationen vorantreibt und Deutschland im internationalen Wettbewerb stärkt. Darum fördern wir „Carbon2Chem“. Wir verstehen uns aber nicht nur als Förderer, sondern vielmehr als ein Partner für alle Beteiligten. Sie können auf uns zählen!