Sprache als Schlüssel zu einem neuen Leben

Als Tayeba Akbary mit ihrer Familie aus Afghanistan nach Deutschland kommt, spricht sie kein Wort Deutsch. Nach nur zwei Jahren beginnt sie eine Ausbildung in der Altenpflege. Möglich macht das auch ein vom BMBF gefördertes Integrationsprogramm.

Ein Ausbildungsvertrag ist eines der großen Ziele vieler geflüchteter Menschen in Deutschland. © Adobe Stock / Stockfotos-MG

Es ist ein kalter Januartag, an dem Tayeba Akbary, ihr Mann und ihre zwei minderjährigen Söhne in Deutschland ankommen. In einer Flüchtlingsunterkunft in Offenburg wird ihnen ein kleines Zimmer zugeteilt. Auf ihrer Etage wohnen 32 Personen. Es gibt eine Dusche und zwei Toiletten. Wenig Platz, viel Lärm. Schwierige Voraussetzungen, um sich ein neues Leben einzurichten – und eine fremde Sprache zu lernen. Aber Tayeba Akbary hat in ihrem Leben schon viel durchgemacht. “Ich bin eine Kämpferin”, sagt sie über sich selbst. Sie wurde im Iran geboren und wuchs in Afghanistan auf. Mit knapp 40 Jahren muss sie das Leben, das sie sich dort aufgebaut hat, zurücklassen: Vor dem Krieg flieht sie mit ihrer Familie nach Deutschland.

Zwei Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland beginnt Tayeba Akbary eine Ausbildung in der Altenpflege und erfüllt sich damit einen Traum.
Zwei Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland beginnt Tayeba Akbary eine Ausbildung in der Altenpflege und erfüllt sich damit einen Traum. © BMBF/BEF Alpha

Sie möchte gern hierbleiben. Und dafür kämpft sie. Zunächst mit der Sprache: Sie lernt das lateinische Alphabet, jeden einzelnen Buchstaben für sich, lernt zu lesen und zu schreiben, unbeholfen und in Krakelschrift, wie ein Schulanfänger. Sie übt Vokabeln und Grammatik, lernt Worte und Sätze zu formen. Dabei helfen ihr zwei Nonnen, die regelmäßig in die Asylunterkunft kommen, um Sprachunterricht zu geben: Schwester Dorothea und Schwester Augustina. Auch Tayebas Mann und ihre Söhne Mohammed und Hadim lernen mit. Tayeba ist voller Eifer und Spaß dabei.

Von September 2016 bis Juli 2017 nimmt sie am Projekt BEF Alpha am Institut für deutsche Sprache (IDS) teil. Sie lernt mit großem Fleiß, wiederholt den Unterrichtsstoff, macht ihre Hausaufgaben. Bald schon verbessert sich ihre Situation. Die Akbarys können umziehen, ihre beiden Söhne gehen auf weiterführende Schulen, der eine in die neunte, der andere in die zehnte Klasse. Ihr jüngster Sohn Hamid arbeitet ehrenamtlich in einer Fahrradwerkstatt in Offenburg mit. Mit ihm teilt Tayeba die Liebe zum Fahrradfahren. “Ich habe Fahrradfahren erst in Deutschland gelernt,” sagt sie. “Wenn ich nicht in der Schule bin, arbeite oder lerne, gehe ich mit meinem Mann Fahrradfahren.”

Ein Bestandteil des BEF Alpha Kurses ist ein fünfwöchiges Praktikum. Tayeba möchte in der Altenpflege arbeiten. Weil ihre Sprachkenntnisse schon so gut sind, darf sie schon zwei Monate vor Beginn an einem Nachmittag und zwei Wochenenden in einem Altenpflegeheim mitarbeiten. Sie tut das unentgeltlich. Sie lernt schnell, packt mit an, wo Hilfe gebraucht wird und wird fortan selbst gebraucht. Ende Juli 2017 schließt sie gemeinsam mit ihrem Mann den A2-Sprachkurs erfolgreich ab, mündlich sogar mit B1.Tayeba spricht regelmäßig Deutsch, auch zu Hause und in ihrer freien Zeit: „Ich habe viele deutsche Freundinnen, von ihnen lerne ich viel. Auch mein Mann korrigiert manchmal meine Fehler.”

Das Bildungsjahr

Das Bildungsjahr für erwachsene Flüchtlinge (BEF Alpha) richtet sich an Geflüchtete zwischen 20 und 35 Jahren ohne oder mit geringen Sprach- und Schriftkenntnissen und umfasst Berufsorientierung, Sprachförderung, die Vermittlung von Alltagskompetenzen, politischer Grundbildung und Praktika.
Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und wurde im Rahmen der Bildungsketten-Initiative mit dem Land Baden-Württemberg vereinbart.

Gemeinsam mit ihrem Sohn macht sie 2018 ihren Hauptschulabschluss. Sie will ihrem Ziel, Altenpflegefachkraft zu werden, näherkommen. Mit Hilfe ihrer Freundin Malina sucht sie einen Ausbildungsplatz im Umkreis von Offenburg. “Das war sehr schwierig. In manchen Orten wie Hausach zum Beispiel wurde überhaupt keine Ausbildung angeboten, da es zu wenig Bewerber gab.” Die Lage scheint hoffnungslos. Umso mehr, als Tayeba erfährt, dass ihr Sprachniveau A2 für eine Ausbildung zur Altenpflegefachkraft nicht ausreicht. “Mein Deutsch ist noch nicht ganz so gut, die Leute verstehen mich nicht zu 100 Prozent – aber zu 50. ”

Über eine Veranstaltung der IDS Offenburg erfährt sie von einem Ausbildungsplatz zur Altenpflegehelferin: Sie bewirbt sich und wird genommen. Seit Oktober 2018 arbeitet sie unter Anleitung einer Pflegefachkraft nach Dienstplan und in Schichtarbeit. Zweimal die Woche geht sie zum Deutschunterricht, einmal im Monat zum Blockunterricht am Wochenende. Einmal im Monat trifft sie sich auch mit ihren Freundinnen – in einem Café oder zu Hause, wo sie gemeinsam deutsch, syrisch oder afghanisch kochen. “Ich sage meinen Freundinnen immer wieder: Ich möchte Altenpflegerin werden. Ich gebe nicht auf, weil ich es wirklich will.” Ihre Ausbildung muss sie mindestens mit der Note 2,4 abschließen, um die Ausbildung zur Altenpflegerin machen zu können.“ Aber auch, wenn ich eine drei bekomme – dann mache ich einfach weiter”, sagt Tayeba.

Anmerkung der Redaktion: Mittlerweile hat Tayeba Akbary die einjährige Ausbildung zur Altenpflegehelferin an einer Berufsfachschule abgeschlossen und arbeitet derzeit in einem Pflegeheim. Ihr Ziel, eine Ausbildung zur Altenpflegerin zu absolvieren, hat sie weiter vor Augen.