"Stress am Arbeitsplatz ist ein eigenständiger Risikofaktor für Typ-2-Diabetes"

Das hat die Auswertung einer Studie mit mehr als 5.300 berufstätigen Frauen und Männern ergeben. Im Interview erklärt Karl-Heinz Ladwig, Professor an der TU München und am Helmholtz Zentrum München, was wir aus diesen Ergebnissen lernen können.  

Johanna Wanka im Interview
Johanna Wanka im Interview © Laurence Chaperon

Diabetes mellitus ist zu einer Volkskrankheit geworden. Welche Risikofaktoren gibt es für die sogenannte Zuckerkrankheit?

Professor Karl-Heinz Ladwig: Heute weiß man: Das Auftreten des Typ-2-Diabetes ist kein zufälliges Ereignis, das die Menschen überfällt. Es ist bereits eine ganze Reihe von Risikofaktoren bekannt, die das Auftreten eines Typ-2-Diabetes begünstigen oder die Wahrscheinlichkeit zu erkranken vorhersagen können. Es ist nicht nur im Interesse der Forschung, sondern natürlich auch der Patientinnen und Patienten, möglichst früh dieses persönliche Risiko zu kennen. Denn: Jeder, der um sein Risiko zu erkranken weiß, kann entsprechend vorbeugen. Und je früher man die Erkrankung erkennt, desto früher kann man therapeutisch ansetzen – möglichst schon in einem prädiabetischen Krankheitsstadium. Denn in diesem Stadium sind die Zuckerwerte schon leicht erhöht, sie werden aber noch nicht als krankhaft eingestuft.

Bei den heute bekannten Risikofaktoren ist an erster Stelle das Übergewicht zu nennen, aber auch die klassischen kardiovaskulären Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Rauchen und körperliche Inaktivität erhöhen das Risiko, an Diabetes zu erkranken.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Arbeitsbelastung als möglichen zusätzlichen Risikofaktor zu untersuchen?

Aus zwei Gründen: Erstens beschäftigt sich meine Arbeitsgruppe speziell mit dem Wechselspiel zwischen seelischer und körperlicher Gesundheit. Und zweitens wissen wir aus der Literatur, dass es eine Reihe von seelischen Risikofaktoren für das Neuauftreten eines Diabetes gibt. Ein zentraler seelischer Risikofaktor ist beispielsweise die Depression, die für die Betroffenen wie eine andauernde Stressbelastung wirkt. Das gab uns den Anstoß, die Auswirkungen von Stress am Arbeitsplatz auf das Diabetesrisiko genauer zu untersuchen.

Das heißt, depressive Menschen haben ein erhöhtes Risiko, an Diabetes zu erkranken?

Genau. Es ist schon seit sehr langer Zeit bekannt, dass Menschen in depressiver Stimmungslage ein erhöhtes Risiko für verschiedene Krankheiten haben, wie etwa die koronare Herzerkrankung. Im Falle des Typ-2-Diabetes sind neben der Depressivität Schlafstörungen, aber auch posttraumatische Belastungsstörungen klassische mentale Lebenskonditionen, die die Entstehung eines Diabetes begünstigen.

Zurück zum Stress …

Immer wieder wurde auch Stress als Risikofaktor für Diabetes diskutiert. Es wurde vermutet, dass Stress eine besondere Bedeutung für die Entstehung diverser Erkrankungen hat, etwa für Herz-Kreislauf-Erkrankungen – obwohl es hierfür lange Zeit keine gesicherten Belege gab. Erst vor Kurzem konnten deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler durch eine Metaanalyse von großen Bevölkerungsstudien aufzeigen, dass Arbeitsstress tatsächlich ein Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist. Welchen Einfluss die Arbeitsbelastung jedoch auf die Entstehung von Diabetes hat, haben bislang nur vier prospektive Studien in Japan, USA und Schweden untersucht, die dabei zu widersprüchlichen Ergebnissen kamen. Eine Metaanalyse dieser vier Studien hatte dementsprechend auch keinen generellen Effekt der Arbeitsbelastung zeigen können. Das hat für uns den Anstoß gegeben, in unseren eigenen Studien nachzuschauen, wie sich dieser Zusammenhang dort abbildet. In zwei Studien haben wir Daten erhoben: Sie heißen KORA und Monica. KORA steht für „Kooperative Gesundheitsforschung in der Region Augsburg“ und MONICA für „Monitoring trends and determinants in cardiovascular disease“.

In diesen beiden Studien wird seit über 20 Jahren der Gesundheitszustand der Augsburger Bevölkerung untersucht. Das ist insofern etwas Besonderes, da die Studien zu den wenigen weltweit zählen, die über einen so langen Zeitraum eine repräsentative Bevölkerungsstichprobe beobachten. So konnten wir genau verfolgen, wie viele und welche Menschen im Laufe der Zeit einen Diabetes entwickeln. Für unsere aktuelle Analyse haben wir in Zusammenarbeit mit unserem Kollegen Professor Kruse vom Universitätsklinikum Gießen und Marburg die Daten von mehr als 5.300 berufstätigen Frauen und Männern zwischen 29 und 66 Jahren ausgewertet. Es wurden nur Teilnehmer in diese Untersuchung eingeschlossen, bei denen zum Zeitpunkt der Erstuntersuchung kein Diabetes bekannt war. Nach einer Nachbeobachtungszeit von durchschnittlich 13 Jahren hatten knapp 300 Personen einen Typ-2-Diabetes entwickelten.

Und Sie haben dabei herausgefunden, dass Stress und eine hohe Arbeitsbelastung tatsächlich das Risiko für einen Typ-2-Diabetes erhöhen?

Richtig! Die Personen mit hoher Arbeitsbelastung hatten ein um 45 Prozent erhöhtes Risiko, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln, im Vergleich zu Personen mit geringer Arbeitsbelastung. Womit wir nicht gerechnet haben: Der Einfluss von Stress ist – unabhängig von allen anderen Risikofaktoren – ein eigenständiger Risikofaktor. Adjustieren wir also die Ergebnisse auf die anderen klassischen Risikofaktoren wie etwa Übergewicht, Rauchen oder körperliche Inaktivität, bleibt der Einfluss der Arbeitsbelastung noch immer erhalten und statistisch signifikant! Es wäre auch ein interessantes Ergebnis gewesen, wenn beispielsweise durch den Einbezug von Übergewicht in die Analyse der Effekt der Arbeitsbelastung verschwunden wäre. Dann hätten wir gesagt, dass der Stresseffekt durch Übergewicht vermittelt wird. Aber nein, es zeigt sich in unserer Studie, dass eine hohe Arbeitsbelastung ein sehr robuster und eigenständiger Risikofaktor für Typ-2-Diabetes ist.

Wie genau definieren Sie „hohe Arbeitsbelastung“?

Als die MONICA- und die KORA-Studie 1984 gestartet wurden, hat man beschlossen, ein bestimmtes Instrument zur Bestimmung der Arbeitsbelastung zu nutzen: den Karasek-Index. Das ist der weltweit am häufigsten eingesetzte und valideste Fragebogen, um Arbeitsbelastung zu erfassen. Nach unseren Daten ist rund jeder fünfte Arbeitnehmer von einer hohen psychischen Arbeitsbelastung betroffen. Damit ist nicht der „normale Jobstress“ gemeint, sondern die Situation, wenn Betroffene die Arbeitsanforderungen als sehr hoch einschätzen und gleichzeitig über wenig Handlungs- und Entscheidungsspielräume verfügen. Denn die höchste Stressbelastung entsteht für Menschen dann, wenn sie hohe Anforderungen im Job haben, aber gleichzeitig wenig Kontrolle über ihre verrichteten Tätigkeiten.

Aber man könnte ja auch denken: Wer viel Stress auf der Arbeit hat, ernährt sich schlecht und ist körperlich inaktiv, weil er oder sie den ganzen Tag vor dem Computer sitzt, und deshalb bekommt man eher Diabetes.

Genau. Obwohl das ja vorkommt und diese Faktoren natürlich ebenso zur Entstehung eines Diabetes beitragen. Aber nichtsdestotrotz: Die unabhängige Bedeutung von Stress als Risikofaktor bleibt dennoch erhalten!

Gilt das für Männer und Frauen gleichermaßen?

Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Denn tatsächlich gilt dieser Effekt sowohl für Männer als auch für Frauen. In den bisherigen Studien konnte der Effekt von Stress nur bei Frauen und nicht bei Männern nachgewiesen werden. Aber in unserer Studie, der nach unserem Wissen größten Studie dieser Art mit der längsten Nachverfolgungszeit, zeigt sich, dass die Arbeitsbelastung für beide Geschlechter gleichermaßen einen Risikofaktor für Diabetes darstellt.

Können Sie bereits Rückschlüsse darauf ziehen, ob sich der Blutzuckerhaushalt wieder normalisieren könnte, wenn man die Arbeitsbelastung verringert?

Nein, solche Rückschlüsse sind zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht möglich. Auch was die Physiologie dahinter betrifft, also wie Stress die Entstehung von Diabetes begünstigt, ist noch immer weitgehend Spekulation.
Wir arbeiten daran, die Mechanismen zu verstehen. Derzeit vermuten wir, dass durch den Stress andauernd zu viel Cortisol ausgeschüttet wird, womit der Körper versucht umzugehen.

Welches Fazit ziehen Sie aus Ihrer Studie?

Die Suche nach Risikofaktoren für Diabetes ist gleichzeitig die Suche nach Strategien zur Prävention. Wenn es uns gelingt, rechtzeitig einzusetzen – also in frühen Stadien des Diabetes –, wenn ein Mensch bereits metabolische Entgleisungen hat, die man klinisch noch gar nicht oder schwierig erkennen kann, dann könnte man diese Situation wieder rückgängig machen. Davon bin ich überzeugt. Wir haben zwar keine belastbaren Daten hierfür, aber die Dynamik und Flexibilität des physiologischen Systems sprechen dafür, dass man hier auch präventive Effekte erzielen kann.

Welche Maßnahmen zur Prävention würden Sie gestressten Arbeitnehmern empfehlen?

Leidet man unter Stress am Arbeitsplatz, ist es besonders wichtig, auf seinen Körper zu achten, sich sportlich zu betätigen und seine Blutwerte regelmäßig kontrollieren zu lassen. Aus anderen Studien wissen wir, dass körperliche Aktivität einen hohen Stellenwert hat, um Diabetes vorzubeugen. Mit sportlicher Aktivität kann man viel ausgleichen und wird sicherlich auch innerlich ruhiger. Wichtig ist, den Menschen klarzumachen: Stress erhöht das Risiko für einen Diabetes. Wie ihr nun damit umgeht, liegt natürlich in eurer Verantwortung.