Technik zum Menschen bringen

Rede des Staatssekretärs im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Georg Schütte, anlässlich des 3. Zukunftskongresses in Bonn

"Künstliche Intelligenz kann unser Leben verbessern, so Georg Schütte. © Géza Aschoff
Es gilt das gesprochene Wort!
Sehr geehrte Frau Professorin Maasen,

Sehr geehrter Herr Westerheide,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

herzlich willkommen zum 3. Zukunftskongress „Technik zum Menschen bringen“. Ich freue mich, Sie heute hier im ehemaligen Plenarsaal des Bundestages zu begrüßen. Und ganz besonders freut es mich als überzeugten Wahl-Bonner, dass nach den ersten beiden Zukunftskongressen in Berlin der nunmehr dritte Zukunftskongress in der alten Bundeshauptstadt Bonn stattfindet.

Wie Sie alle wissen, befinden wir uns hier an einem sehr bedeutsamen Ort: In diesem Saal tagte zwischen 1992 und 1999 der Deutsche Bundestag. Am 1. Juli 1999 fand die letzte Sitzung des Deutschen Bundestages in Bonn statt. Danach zogen die Abgeordneten in die Bundeshauptstadt Berlin. Dieses beeindruckende Gebäude steht damit nicht nur für Transparenz und Bürgernähe. Dieser Plenarsaal steht auch symbolisch für eine sich visionär verändernde Gesellschaft, für Gestaltungskraft und für neue Ideen.

Ich bin davon überzeugt, dass dieser beeindruckende Ort hervorragend zu den Zielen des 3. Zukunftskongresses passt. Denn: Auch die Forschungscommunity der Mensch-Technik-Interaktion zeichnet sich durch Ideenreichtum und Gestaltungskraft aus. Und genau das braucht Deutschland heute mehr denn je. Ideen, Mut zu deren Umsetzung und Gestaltungskraft sind der Motor, um die gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft erfolgreich zu gestalten, um Technik für den Menschen zu gestalten, um Technik zum Menschen zu bringen!

Und genau darum geht es in den kommenden zwei Tagen.

Meine Damen und Herren,

gute Ideen und Innovationen entstehen nicht im luftleeren Raum – oder wie Albert Einstein einst formulierte: „Jede neue Idee kommt nicht von selbst, sie wird herausgefordert.“

Neue Ideen und innovative Produkte entstehen dort, wo exzellente Köpfe aus verschiedenen Kontexten mit jeweils eigenen Vorstellungen und Perspektiven aufeinandertreffen. Das gilt besonders für die Forschung zur Mensch-Technik-Interaktion. Vor vier Jahren haben wir im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) darum damit begonnen, die unterschiedlichen Disziplinen auf diesem Gebiet auf einem fachübergreifenden Kongress zu vernetzen.

Ich kann mich noch sehr gut an den Tag erinnern, als ich im Herbst 2013 den ersten Kongress in der Berliner Kalkscheune eröffnet habe. Damals hatte mein Ministerium seine fachliche Programmatik gerade auf die Mensch-Technik-Interaktion ausgerichtet. Und die Forschungscommunity begann, sich unter diesem Begriff und als interdisziplinäre Gemeinschaft zu finden.

Heute – vier Jahre später – ist die Mensch-Technik-Interaktion im Alltag angekommen. Heute sind viele Produkte, Dienstleistungen und Technologien selbstverständlich, die damals in Berlin noch sehr weit weg erschienen.

Nehmen wir zum Beispiel den nächsten Computer, den Sie sich kaufen werden. Er kann mit Ihnen sprechen und Spracheingaben verstehen. Auch viele sprachgesteuerte Assistenten für zuhause oder für das Smartphone drängen derzeit auf den Markt. Es sind diese und viele weitere neue Möglichkeiten der Interaktion mit Technik, die wir im BMBF schon vor Jahren im Auge hatten.

Ein anderes Beispiel ist die virtuelle Realität. Sie erschien vor Jahren noch als Spielwiese von Computer-Nerds. Heute erscheint es uns allen selbstverständlich, dass in vielen Anwendungsbereichen die Rede von „augmented reality“ ist.

Und das, meine Damen und Herren, zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Jetzt müssen wir dran bleiben. Denn solche und viele andere technische Fortschritte bieten zahllose neue Chancen für die Entwicklung innovativer Lösungen in der Mensch-Technik-Interaktion.

Meine Damen und Herren,

wir haben in der Mensch-Technik-Interaktion eine ganze Menge erreicht.

Gemeinsam mit Ihnen wollen wir weiter Akzente setzen. Seit 2012 hat mein Ministerium im Bereich Mensch-Technik-Interaktion über 1.300 Teilvorhaben in die Forschungsförderung aufgenommen und rund 280 Millionen Euro bereitgestellt.

Und bis zum Jahr 2020 werden wir weiterhin jährlich rund 70 Millionen Euro in die Forschung zur Mensch-Technik-Interaktion stecken.

Ende 2015 haben wir dafür das umfangreiche Forschungsprogramm „Technik zum Menschen bringen" aufgelegt, in dem wir unsere Ziele formuliert haben. Sie lassen sich ganz einfach zusammenfassen: Im Mittelpunkt der Forschung steht immer der Mensch mit seinen Bedürfnissen.

Und hier haben wir uns viel vorgenommen:

Erforscht werden zum Beispiel Serviceroboter, die Menschen in den eigenen vier Wänden unterstützend zur Seite stehen.

Wie Sie alle wissen, kommen Roboter inzwischen in nahezu allen Lebensbereichen zum Einsatz - und das Wachstumspotenzial ist riesig: Die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) hat 2016 prognostiziert, dass bis uns zum Jahr 2018 weltweit fast 26 Millionen Roboter bei der täglichen Hausarbeit unterstützen werden.

Dabei haben wir es aber mit ganz neuen Herausforderungen zu tun. Der Roboter der Zukunft soll den Menschen als umsichtiger, dialogfähiger Partner im täglichen Leben dienen. Der Roboter von morgen muss also nicht nur schnell, stark und präzise sein wie heutige Industrieroboter. Er muss auch eine ordentliche Portion Intelligenz, Anpassungsfähigkeit und sogar „Feingefühl“ besitzen. Und all das muss im Alltag einwandfrei funktionieren, denn dort kommen sich Mensch und Roboter mitunter sehr, sehr nahe.

Die Forschung muss darum vor allem zwei zentrale Fragen klären:

  • Zum einen müssen die verschiedenen Schlüsseltechnologien so zusammengebracht werden, dass der Roboter zum perfekten Multi-Tasker wird. Dass er auch dann noch fehlerfrei navigieren sowie Sprache, Gesten und Gesichter erkennen kann, wenn er es mit vielen Menschen gleichzeitig zu tun hat.
  • Und zum anderen gilt es, die vorhandenen Technologien so weiterzuentwickeln, dass sie nicht nur auf vorhersehbare, sondern auch auf unvorhersehbare Alltagssituationen reagieren können.

Beides keine leichten Aufgaben. Was wir hier brauchen, ist ein langer Atem – und eine zielgerichtete Forschungsförderung.

Aus diesem Grund hat das BMBF im vergangenen Jahr den Förderschwerpunkt „Roboter für Assistenzfunktionen“ initiiert. Hier steht  die Entwicklung von interaktionsfähigen Robotern im Mittelpunkt, die neben physischen auch kognitive und soziale Fähigkeiten besitzen. Bis zu 20 Millionen Euro je Förderphase sollen dabei helfen, diese komplexen Systeme auf eine neue Ebene zu heben.

Der zweite Schwerpunkt, dem wir uns seit vergangenem Jahr verstärkt widmen, ist die Medizintechnik. Denn uns allen ist klar, dass nicht zuletzt der demografische Wandel unsere Gesundheitsversorgung vor enorme Herausforderungen stellt.

Laut einer Prognose des Statistischen Bundesamts wird im Jahr 2030 fast jede dritte Person – mich selber übrigens eingeschlossen – älter als 65 Jahre alt sein. Dass sich die damit verbundenen Herausforderungen nicht allein sozialpolitisch lösen lassen, liegt auf der Hand: Hier brauchen wir auch technische Innovationen.

Besonders vielversprechende Ansätze liefert Technik, die nah am Körper zum Einsatz kommt. Einen ersten Schritt in diese Richtung macht mein Haus mit der Förderung der „Interaktiven körpernahen Medizintechnik“. Acht Projekte haben ihre Arbeit bereits aufgenommen. Ich denke, dass die 19 Millionen Euro, die wir insgesamt dafür bereitstellen, gut investiert sind.

Denn die deutsche Medizintechnik ist nicht nur ein wichtiger Grundpfeiler einer zukunftsfähigen Gesundheitsversorgung. Sie stützt auch unsere wirtschaftliche Innovationskraft. Derzeit erwirtschaftet die deutsche Medizintechnikbranche einen Umsatz von 28 Milliarden Euro. Deutsche medizintechnische Lösungen genießen im Ausland einen exzellenten Ruf. An diesen großen Erfolg gilt es anzuknüpfen.

Meine Damen und Herren,

Lassen Sie mich noch einen dritten Schwerpunkt unserer Förderung erwähnen – das Thema automatisiertes und vernetztes Fahren.

Hier geht es um nicht weniger, als das Steuer in Zukunft Computern zu überlassen. Das ist nicht nur bequem, sondern vor allem sicher. Aktuelle Studien zeigen, dass das Unfallrisiko in selbstfahrenden Autos um mehr als 90 Prozent sinkt. Bis die Fahrzeuge allerdings vollständig autonom und technisch einwandfrei agieren können, sind noch einige Forschungsfragen zu lösen –  zum Beispiel, wie die Mechanismen zur Aufgabenverteilung zwischen Mensch und Fahrzeug gestaltet sein müssen.

Aber auch interaktive Systeme für besser vernetzte Mobilitätsangebote oder neuartige Mobilitätslösungen sind gesucht. Sollten Sie, meine Damen und Herren, auf diesem Gebiet spezialisiert sein, haben Sie noch bis zum 12. Juli Zeit, eine Projektskizze für unsere Bekanntmachung „Individuelle und adaptive Technologien für eine vernetzte Mobilität“ einzureichen. Wir hoffen, dass insbesondere Start-ups und junge Unternehmen die Gelegenheit nutzen und sind sehr gespannt auf Ihre Ideen.

Meine Damen und Herren,

Wir erleben es überall: Technik rückt immer näher an den Menschen heran. Sie vereinfacht vieles und kann uns wertvolle Hilfestellungen geben.

Gleichzeitig macht Technik unseren Alltag aber auch immer komplexer. Zu den Wechselwirkungen von Gesellschaft und Technik werden Sie, sehr geehrte Frau Professorin Maasen, sicher gleich noch im Detail kommen.

Aber jeder von uns kennt die Herausforderung, ein neues Smartphone oder Smart-TV in Betrieb zu nehmen und dabei die unzähligen Funktionen richtig einzustellen und zu bedienen. Und nicht nur ältere Menschen stehen neuen technischen Lösungen zu Beginn skeptisch gegenüber.

Für mich ist es daher mehr als verständlich, dass sich die Menschen fragen,

  • ob die Daten sicher sind, die etwa eine intelligente Orthese an den Arzt weiterleitet,
  • wer für Schäden aufkommt, die durch technische Defekte eines Roboters entstehen
  • oder ob sie all die technischen Geräte in ihren eigenen vier Wänden auch wirklich kontrollieren können.

All diese Fragen können wir den Bürgerinnen und Bürgern nur beantworten, wenn wir ethische, juristische und sozio-ökonomische Fragen bei der Entwicklung von neuen Technologien von Anfang an mitberücksichtigen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Ingenieure, Mathematikerinnen, Philosophen, Ärztinnen, Psychologen, Juristinnen und Designer Hand in Hand arbeiten.

Ein Blick ins Plenum zeigt, dass die Forschungscommunity diesem interdisziplinären Anspruch der Mensch-Technik-Interaktion mehr als gerecht wird!

Wie erfolgreich diese fachübergreifende Zusammenarbeit funktioniert, zeigen übrigens auch die vielen Exponate vor den Türen des Plenarsaals.

Mein Tipp: Nehmen Sie sich ein bisschen Zeit, um die vielen spannenden Projekte in der Ausstellung im Foyer genauer unter die Lupe zu nehmen – das lohnt sich. Vielen Dank an dieser Stelle an die Ausstellerinnen und Aussteller für ihren Ideenreichtum, für Ihren Mut zur Umsetzung und für ihr Engagement. Ich bin mir sicher, dass Sie mit Ihren Exponaten auch die Bonner Schülerinnen und Schüler begeistern werden, die wir morgen hier zum Publikumstag erwarten.

Meine Damen und Herren,

ob Robotik, Medizintechnik, intelligente Mobilität oder eines der weiteren Themen –Schlüsseltechnologien spielen bei der Forschung zur Mensch-Technik-Interaktion eine entscheidende Rolle.

Hierbei denke ich ganz konkret an das Thema Künstliche Intelligenz, zu dem Sie, sehr geehrter Herr Westerheide, später noch sprechen werden. Künstliche Intelligenz hilft dabei, Technik noch besser an die individuellen Fähigkeiten, Vorlieben und Wünsche der Menschen anzupassen. Zum Beispiel wenn es darum geht, leistungsfähige Sprachassistenzsysteme oder Bilderkennungssoftware zu entwickeln.

Mit Künstlicher Intelligenz können die bekannten interaktiven Systeme zu echten Dialogpartnern werden. Hier liegt ein enormes Potenzial – aber auch jede Menge Forschungsarbeit für Sie.

Die gute Nachricht lautet: Deutschland ist im Bereich der Künstlichen Intelligenz im internationalen Vergleich hervorragend aufgestellt.

Wussten Sie zum Beispiel, dass in Deutschland mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, dem DFKI, das weltgrößte Zentrum für Künstliche Intelligenz – gemessen an Umsatz und Forschungspersonal – steht? Allein in den vergangenen fünf Jahren haben über 800 Mitarbeiter des DFKI einen Umsatz von fast 700 Millionen Euro erwirtschaftet, 78 Unternehmen wurden ausgegründet. Und kürzlich hat sogar Google Anteile an unserem DFKI erworben – was für diesen Konzern höchst ungewöhnlich ist. Wir können bei dem Thema also durchaus selbstbewusst sein.

Aber wir wollen auf diesem Gebiet noch viel mehr erreichen. Deshalb haben wir im Mai das Zukunftsprojekt „Plattform Lernende Systeme“ ins Leben gerufen. Hier werden Expertinnen und Experten mit neuen Werkzeugen für die Datenanalyse viele Anwendungen für die Künstliche Intelligenz erschließen – sei es bei Dienstleistungen, Mobilität, Gesundheit, Medizintechnik oder Pflege. Hier wird es auch für die Forschung zur Mensch-Technik-Interaktion neue Herausforderungen geben.

Meine Damen und Herren,

Künstliche Intelligenz kann unser Leben erheblich verbessern.

Machen wir uns aber nichts vor: mit Künstlicher Intelligenz sind auch Risiken verbunden. Eine ganze Reihe renommierter Wissenschaftler hat in den vergangenen Jahren immer wieder auf die Gefahren hingewiesen, die mit selbstlernenden Computersystemen verbunden sind – wie zum Beispiel der bekannte britische Astrophysiker Stephen Hawking, der sagte:

„Die Entwicklung Künstlicher Intelligenz wird das größte Ereignis in der Geschichte der Menschheit sein. Es könnte auch das Letzte sein, wenn wir es nicht gleich schaffen die damit verbundenen Risiken zu beherrschen.“

Mit anderen Worten: Es darf nie die Situation eintreten, dass es keinen Ausschaltknopf mehr gibt oder maschinelle Entscheidungen nicht mehr nachvollziehbar sind.

Ganz im Gegenteil: Wir müssen neue Schlüsseltechnologien mit Bedacht einsetzen und dafür sorgen, dass der Mensch auch weiterhin die Kontrolle über die technischen Systeme behält. Und genau dafür brauchen wir die Mensch-Technik-Interaktion.

Mehr noch: Gerade das Thema Künstliche Intelligenz bedarf dringend einer ethischen Debatte in der Gesellschaft. Mein Ministerium wird diese Debatte anregen und den Menschen ermöglichen, sich hier einzubringen.

Ich bin mir sicher, dass bereits dieser Zukunftskongress zur Beantwortung vieler offener Fragen einen wichtigen Beitrag leisten wird – angefangen beim heutigen Streitgespräch zum Thema Künstliche Intelligenz bis hin zur Gesprächsrunde über die Zukunft intelligenter Maschinen heute Abend.

Forschung findet nicht hinter verschlossenen Türen statt, sondern sie lebt von Austausch und Dialog – nicht zuletzt beim Publikumstag morgen Nachmittag mit den Bürgerinnen und Bürgern.

Ihnen, sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 3. Zukunftskongresses, wünsche ich zwei spannende Kongresstage und viele anregende Gespräche.

Ich bin der festen Überzeugung, dass der Kongress wichtige Impulse für die Mensch-Technik-Interaktion setzen wird. Lassen sie uns heute, morgen und in Zukunft ganz im Sinne von Albert Einstein viele neue Ideen herausfordern.

Ich freue mich jetzt auf Ihre Beiträge, sehr geehrte Frau Professorin Maasen und sehr geehrter Herr Westerheide.