Totes Holz für neues Leben

Im Projekt "BioHolz" opfern Forschende einzelne Bäume zum Wohle des ganzen Waldes. Denn dank der toten Bäume entsteht neues Leben: Pilze, Käfer und viele andere Insekten. Sie sind ein Gewinn für das ganze Ökosystem.

Totholz bietet Lebensraum für Pilze, Käfer und Insekten.
Totholz bietet Lebensraum für Pilze, Käfer und Insekten. © Pixabay

Ein gesunder Wald braucht Vielfalt: Er braucht kleine und große, junge und alte – aber auch absterbende Bäume. Denn in und auf sogenanntem Totholz entsteht schnell neues Leben: Es bietet Lebensraum für Vögel und Fledermäuse, aber vor allem auch für Käfer und Pilze. Diese schaffen durch den Abbau des toten Holzes die Voraussetzung für die Regeneration der Wälder. Sie bringen wichtige Nährstoffe zurück in den Kreislauf zwischen abgestorbenen und lebenden Bäumen. Im Verbundprojekt „BioHolz“, das vom Bundesforschungsministerium und vom Bundesumweltministerium gefördert wird, wollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diesen Kreislauf in Wäldern, aus denen die natürliche Vielfalt verschwunden ist, wieder in Schwung bringen.

Dafür erforschen sie unter anderem, wie sich biologische Vielfalt (Biodiversität) und Forstwirtschaft in Einklang bringen lassen. Keine leichte Aufgabe: „Es ist eine permanente Suche nach Kompromissen zwischen maximalem Ertrag und Naturschutz“, sagt Verbundkoordinator Stefan Hotes. Denn klar ist: Menschen sind auf die Ressourcen des Waldes angewiesen. Ob für Holz, Kräuter oder Pilze, aber auch für die Erneuerung des Grundwassers sowie die Regulierung des lokalen oder regionalen Klimas: Wälder sind ein Gewinn für die Menschen. „Ökosystemdienstleistungen“ nennen Experten den Nutzen, den Gesellschaften aus Wäldern ziehen.

Der Mensch muss gezielter in die Natur eingreifen

Der Marburger Biologe Stefan Hotes koordiniert das Projekt 'BioHolz'.
Der Marburger Biologe Stefan Hotes koordiniert das Projekt "BioHolz". © privat

„Wir wollen diese Dienstleistungen optimieren – und gleichzeitig die biologische Vielfalt erhalten und schützen“, sagt Stefan Hotes. Ein Ansatz: Die Natur sich selbst überlassen. So kehrt nach und nach die Vielfalt zurück. Doch das dauert mitunter Jahrzehnte – und ist für Forstbetriebe meist keine Option. „Nichts machen, muss nicht die beste Lösung sein. Menschen sollten gezielt Strukturen schaffen, die zur Biodiversität beitragen“, erklärt der Marburger Biologe. Die Forschenden greifen der Natur daher etwas unter die Arme: Sie kappen beispielsweise Baumkronen, fällen vereinzelt Bäume oder lassen ausgewählte Bäume in Ruhe altern. Das alte und tote Holz überlassen sie dann der Zeit. So entstehen neues Leben und Vielfalt im Wald.

Doch wie passt all das zu den Ansprüchen der Forstwirtschaft? Stefan Hotes sieht darin kein Problem. Die meisten Forstwirte seien sehr aufgeschlossen für Naturschutz, sagt er. „Selbst in intensiv bewirtschafteten Wäldern gibt es Raum für Natürlichkeit“, so der Biologe. Ob steile Hänge oder weiche Böden: In jedem Betrieb gibt es Flächen, die sich nicht wirtschaftlich nutzen lassen. Dort ist genug Platz für Biodiversität. Wie Forstbetriebe diese schützen und fördern können, zeigen ihnen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Workshops und Seminaren. Zudem sollen die Ergebnisse des Projektes in einem Leitfaden mit Empfehlungen für Praktiker veröffentlicht werden.

Forschende müssen Wissenschaft verständlich machen

Stefan Hotes hofft, dass die Erkenntnisse aus der Wissenschaft schnell in der Praxis ankommen. Aber auch die Öffentlichkeit wollen die Forschenden erreichen: „Wir müssen Wissenschaft verständlich machen, um zu zeigen, wie abhängig wir von den ökologischen Prozessen um uns herum sind“, sagt der Experte. Denn bisher seien die Probleme der Wälder kaum wahrnehmbar. „Bäume sind langlebige Organismen. Man sieht und spürt Veränderungen meist erst nach vielen Jahren – doch dann ist es mitunter zu spät“, so Hotes. Umso wichtiger sei es, jetzt zu handeln. „Um die Ursachen und Folgen des Verlusts der Artenvielfalt besser zu verstehen, müssen wir noch viele Wissenslücken schließen“, sagt der Biologe. Dazu muss vor allem die Forschung beitragen – und das, bevor der Artenverlust möglicherweise kritische Schwellen überschreitet.

Forschung für den Artenschutz

Das Bundesforschungsministerium stärkt der Wissenschaft unter anderem mit der neuen „Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt“ den Rücken. Dafür stehen in den kommenden fünf Jahren 200 Millionen Euro bereit. Die Initiative ist im BMBF-Rahmenprogramm Forschung für Nachhaltige Entwicklung (FONA) angesiedelt und trägt zur Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt (NBS) sowie zur Hightech-Strategie 2025 der Bundesregierung bei.