Tropische Zecken in Deutschland: Wie groß ist die Gefahr?

Sie sind fünf Mal größer als hiesige Zecken, lauern in Erdlöchern und jagen ihre Beute: Sieben tropische Zecken wurden dieses Jahr schon in Deutschland gesichtet. „Das könnte nur die Spitze des Eisbergs sein“, sagt Zeckenexperte Gerhard Dobler.

Die tropische Zeckenart Hyalomma ist bis zu fünf Mal größer als hiesige Zecken. © Dr. Chitimia-Dobler/Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr
Heiß und trocken mag es der tropische Blutsauger. Die Hitzewelle in Deutschland könnte die Ursache für das vermehrte Auftreten der Hyalomma in Deutschland sein. © Adobe Stock / Yakov

Was nach wenig klingt, hat selbst Experten überrascht: Sieben Hyalomma-Zecken wurden in diesem Jahr in wenigen Wochen in Deutschland gemeldet. „In den vergangenen drei Jahren gab es zwei solcher Meldungen“, sagt Gerhard Dobler, Zeckenexperte vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr. „Dabei sind wir von Einzelfällen ausgegangen.“ Denn eigentlich ist das deutsche Wetter gar nichts für die tropische Zeckenart: Trocken und heiß mögen es die kleinen Blutsauger. Dobler geht daher davon aus, dass die langanhaltende Hitzewelle die Verbreitung der Hyalomma begünstigt haben könnte. Er vermutet, dass die Larven der Tiere über Zugvögel aus Süd-Ost-Europa oder Afrika nach Deutschland kamen – und aufgrund des ungewöhnlichen Wetters auch hierzulande erwachsen werden konnten.

Hyalomma gehen auf die Jagd

Gerhard Dobler ist Oberfeldarzt am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr. © Sanitätskademie / Julia Langer

Bis zu eineinhalb Zentimeter misst eine erwachsene Hyalomma-Zecke – ohne Blut gesaugt zu haben. „Viele Menschen halten die Zecke daher auf den ersten Blick für eine Spinne“, sagt Dobler. Denn auch das Verhalten der Tiere lässt darauf schließen: Während hiesige Zecken von ihrer Beute aus Gräsern und Sträuchern abgestreift werden, gehen Hyalomma selbst auf die Jagd. „Sie lauern in kleinen Erdlöchern und reagieren auf Erschütterungen des Bodens. Nehmen sie diese wahr, laufen sie schnell wie Spinnen auf ihre Beute zu – meist Pferde, Rinder, Ziegen oder Schafe“, erklärt Dobler.

Tropische Zecken könnten in Deutschland bereits heimisch sein

Aufgrund der Verwechslungsgefahr haben Gerhard Dobler und seine Kollegen eine Vermutung: Sie glauben, dass die Zeckenart in Deutschland bereits heimisch sein könnte – und das nicht erst seit diesem Jahr. „Die Hinweise mehren sich, dass es bei uns bereits unentdeckte Hyalomma-Populationen gibt“, sagt Dobler. Dafür sprechen Zeckenfunde in Niedersachsen: Gleich drei Zecken wurden dort auf einem Pferd gefunden. „Für eine Einzeleinschleppung ist das sehr unwahrscheinlich“, meint der Experte. Doch er warnt auch vor voreiligen Schlüssen. „Das müssen wir jetzt beobachten und erforschen.“

Hyalomma können Erreger des Krim-Kongo Hämorrhagischen Fiebers übertragen

Erforschen wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch die Herkunft der Zecken. Denn davon ist es abhängig, wie gefährlich die Tiere sind. In Süd-Ost-Europa scheinen die Hyalomma seltener gefährliche Erreger in sich zu tragen. Bei südwest-europäischen und afrikanischen Hyalomma ist das anders: Sie können Erreger des Fleckfiebers oder des Krim-Kongo Hämorrhagischen Fiebers (CCHF) in sich tragen. „Fleckfieber ist nicht lebensbedrohlich, aber sehr unangenehm“, sagt Dobler. Mehr Sorgen bereite ihm das CCHF, das nicht selten durch Leber-, Nieren- oder Kreislaufversagen tödlich verlaufen könne. Die Gefahr sieht Dobler dabei in der Übertragung: „Wird ein infiziertes Tier geschlachtet, könnten sich Menschen infizieren, die mit dem rohen Fleisch oder Blut in Berührung kommen“, sagt Dobler. Und dann wäre auch eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung beispielsweise im Krankenhaus über Patientenblut möglich.

Das Wetter könnte der nächsten Zeckengeneration den Garaus machen

Grund zur Panik gebe es dennoch nicht. „Noch gibt es zu wenige Hyalomma. Das Risiko ist daher gering. Wir müssen jetzt beobachten, wie es weitergeht“, sagt der Experte. Und vielleicht macht das Wetter der nächsten Hyalomma-Generation in Deutschland im kommenden Frühjahr den Garaus. „Wird es nass-kalt, überleben die Larven und Nymphen vermutlich nicht“, sagt Dobler. „Wenn nicht, ist dieses Jahr nur die Spitze des Eisbergs.“

Zur Person

Gerhard Dobler vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr koordiniert das vom Bundesforschungsministerium geförderte Verbundprojekt TBENAGER (Tick-Borne Encephalitis in Germany). Er untersucht gemeinsam mit Partnern des Öffentlichen Gesundheitsdienstes sowie der Universitäten Hohenheim, Leipzig, München, Hannover und Magdeburg die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME).

Die FSME ist die wichtigste endemisch vorkommende durch Zecken übertragene Virusinfektion weltweit. TBENAGER erforscht die Epidemiologie, Pathogenese und Ökologie der FSME mit dem Ziel, die trotz einer effektiven Impfung immer noch hohen Erkrankungszahlen in Deutschland zu reduzieren. So sollen z.B. die Forschungsergebnisse zur Risikoanalyse den lokalen, regionalen und nationalen Gesundheitsbehörden zur besseren Planung und Implementierung von Interventionsstrategien zur Verfügung gestellt werden.

TBENAGER ist eines von sieben Verbundprojekten, die das Bundesforschungsministerium mit der Initiative „Nationales Forschungsnetz zoonotische Infektionskrankheiten“ seit 2017 mit insgesamt 40 Millionen Euro fördert.