Verleihung der Heinz Maier-Leibnitz-Preise 2018

Rede der Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Cornelia Quennet-Thielen, im Rahmen der Verleihung in Berlin

"Wir wollen Sie ermutigen, sich weiterhin mit Begeisterung der Wissenschaft zu widmen und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden", sagte Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen. © BMBF / Hans-Joachim Rickel

Sehr geehrte Frau Professorin Dzwonnek,
sehr geehrte Preisträgerinnen und Preisträger der Heinz Maier-Leibnitz-Preise,
meine sehr verehrten Damen und Herren!

Wir befinden uns an einem historischen Ort – der Hörsaalruine der Berliner Charité. Rudolf Virchow hielt hier einst seine Vorlesungen. Er war einer der hellsten Köpfe seiner Zeit.

Virchow könnte auch einer von Ihnen sein, sehr geehrte Preisträgerinnen und Preisträger. Ebenso wie Ihnen gelang ihm bereits in jungen Jahren ein rasanter akademischer Aufstieg: Mit 22 Jahren promovierte er, mit 25 Jahren habilitierte er sich. In der Zeit vom 30. bis 50. Lebensjahr begründete er die Lehre der modernen Zellularpathologie und legte damit den Grundstein für die moderne Medizin.

Auch Sie befinden sich in der so genannten „rush hour“ Ihres Lebens. Ihre Lebensläufe sind beeindruckend, ebenso wie die Orte und Institutionen, an denen Sie bereits gelernt, gelehrt und geforscht haben. Fast alle von Ihnen haben einige Zeit als Postdocs im Ausland verbracht. Sie haben dadurch neue Ansichten gewinnen können und für Ihre Forschung fruchtbar gemacht.

Sie sind in ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Bereichen tätig, ob interdisziplinär im Grenzgebiet der Enzymologie, Biochemie und der Biokatalyse; ob im Feld der IT-Sicherheit oder der Kommunikation und Informationsverbreitung in global vernetzten Regionen in Afrika und Asien.

Sie eint, dass Sie alle bereits exzellente Forschungsleistungen erbracht und sich auf Ihren Feldern einen Namen gemacht haben. Es ist mir deshalb eine große Freude, Ihnen gemeinsam mit der Generalsekretärin der DFG heute die Heinz Maier-Leibnitz-Preise 2018 zu verleihen! Mit den Preisen würdigen das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Deutsche Forschungsgemeinschaft seit über vier Jahrzehnten exzellente junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für ihre Forschungsleistungen.

I.

„Die akademische Freiheit ist die Freiheit, so viel lernen zu dürfen, wie man nur will“.

So hat Rudolf Virchow um die Wende des 20. Jahrhunderts ein zentrales Element des deutschen akademischen Lebens beschrieben. Dazu gehört ein Freiheitsraum, der Forschungs- und Lehrfreiheit garantiert – und damit auch Lernfreiheit ermöglicht. Dieser durch das Humboldt’sche Bildungsideal der Einheit von Forschung und Lehre inspirierte Raum der Freiheit prägte die Wissenschaft in Deutschland um 1900 und er prägt sie heute wieder – dazwischen allerdings haben zwei Diktaturen ihn ganz bzw. im Fall der DDR doch weitgehend zerstört.

Diese Erfahrungen machen uns sensibel, wenn heute vielerorts die Freiheit der Wissenschaft in Gefahr ist.

Wissenschaft braucht Freiheit. Beide sind für eine aufgeklärte Gesellschaft unverzichtbar. Nur mit der individuellen Freiheit der Forschenden und der Hochschulautonomie als institutioneller Voraussetzung dieser Freiheit bleibt eine Gesellschaft offen, erfolgreich und innovativ.

Noch um die Wende zum 20. Jahrhundert galt das deutsche Universitätsmodell als das Ideal der modernen Universität und fand weltweit Nachahmung. In der Weimarer Republik garantierte die Weimarer Verfassung zudem erstmals die Freiheit von Forschung und Lehre. 1933 änderte sich dies abrupt. Eine radikale Umgestaltung auch des deutschen Universitätssystems begann. Binnen kürzester Zeit wurden aus zuvor hoch angesehenen Universitätsmitgliedern Geächtete – darunter sehr viele jüdische Wissenschaftler und Studierende. Die Länder verloren ihre Kompetenz für eine eigenständige Hochschulverwaltung. Die Wissenschaftspolitik wurde wesentlich am Rassegedanken ausgerichtet.

Aus dieser dramatischen Erfahrung heraus wurde die Wissenschaftsfreiheit in Artikel 5 des Grundgesetzes verbürgt.

Die Freiheit des Einzelnen wird allerdings nur bewahrt, wenn sie mit Eigenverantwortung und der Verantwortung für die Gesellschaft einhergeht. Wissenschaft steht gegenüber der Gesellschaft nicht nur deshalb in der Verantwortung, weil sie wesentlich aus öffentlichen Mitteln finanziert wird. Sondern vor allem deshalb, weil die Gesellschaft ihre Analysen und ihre Werkzeuge braucht, um eine komplexe Welt zu erfassen und zu gestalten. Diese Bedeutung der Wissenschaft wird heute allerdings von manchen in Frage gestellt.

Durch die sozialen Netzwerke ist es dem Einzelnen viel einfacher als früher möglich, Resonanzräume für singuläre Positionen oder vermeintliche Wahrheiten zu schaffen. Einfacher als früher ist es möglich, in eng begrenzten Filterblasen nur jene Überzeugungen wahrzunehmen, die den eigenen ähnlich sind und sich nur mit Gleichgesinnten zu vernetzen. In den viel beschworenen Echokammern werden Informationen und Erkenntnisse selektiv verstärkt. Ich setze darauf, dass eine verantwortungsbewusste Wissenschaft, dass Sie alle, meine Damen und Herren, mit Ihren Möglichkeiten und Erkenntnissen gegensteuern, sich einmischen, immer wieder plausibel machen, was Sie tun. Wissenschaft ist differenziert. Das ist für die Kommunikation eine Herausforderung, aber auch eine Chance: Es ist spannend, verständlich zu machen, wie wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen und es ist wichtig, zu erklären, was sich mit ihnen aussagen lässt und was nicht. Wissenschaft muss immer wieder die hohen Standards der Forschung, darunter Verifizierung und Falsifikation erläutern – gerade auch gegen den Trend der Zeit, wissenschaftliche Aussagen mit dem eigenen Gefühl oder einer vagen Skepsis in Frage zu stellen.

Dieser Hörsaal ist ein guter Ort, um über Wissenschaft und Gesellschaft zu sprechen. Er gehörte zum ehemaligen Pathologischen Museum der Berliner Charité, das heutige Berliner Medizinhistorische Museum, für das Rudolf Virchow lange Zeit gekämpft hatte. Das Museum wurde 1899 als beeindruckendes dreidimensionales Lehrbuch der Pathologie eröffnet. Es stand bewusst nicht nur der Wissenschaft offen, sondern auch interessierten Bürgerinnen und Bürgern. In der Schausammlung des Museums waren in großen gläsernen Schauvitrinen eine Vielzahl der damals bekannten Erkrankungsformen und -verläufe visuell erfahrbar.

Sichtbarkeit, Verständlichkeit, Bildhaftigkeit: Fragen, die uns heute intensiv beschäftigen, waren damals schon präsent.

II.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, damit sich Wissenschaft frei und über Grenzen hinweg entfalten kann, braucht es eine verlässliche Finanzierung. Dafür steht diese Bundesregierung, dafür steht seit Jahren mein Ministerium.

Seit 2005 ist der Etat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung um über 130% auf 17,6 Milliarden Euro angestiegen. Damit bekennt sich die Bundesregierung klar zur Bedeutung von Wissenschaft und Forschung für das Wohlergehen unserer Gesellschaft.

Auch in der neuen Legislaturperiode werden wir diesen Weg weiter beschreiten, damit Wissenschaft, Lehre und Forschung in Deutschland weiterhin zur Weltspitze gehören. Natürlich werden wir dabei auch die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses konsequent berücksichtigen.

Im Koalitionsvertrag haben wir beschlossen, dass wir den Pakt für Forschung und Innovation ab 2021 fortsetzen werden. Er stärkt die großen außeruniversitären Forschungsorganisationen und die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Wir halten dabei an der Eigenverantwortung der Wissenschaft fest und entwickeln die Ziele und Instrumente des PFI weiter. Wir wollen die dynamische Entwicklung und Strategiefähigkeit befördern, den Transfer in Wirtschaft und Gesellschaft intensivieren, die nationale und internationale Vernetzung ausbauen, attraktive Bedingungen für die besten Köpfe gewährleisten und die Infrastrukturen stärken.

Die Hochschulen werden wir insbesondere durch eine Nachfolgevereinbarung zum Hochschulpakt unterstützen. Der Bund ist bereit, seine Mittel zu verstetigen. Wir wollen gemeinsam mit den Ländern ein stabiles und transparentes System entwickeln, in dem Kapazitätserhalt und Qualitätsausbau Hand in Hand gehen. Von den Ländern erwarten wir, dass sie ihrer ureigenen Aufgabe einer auskömmlichen Grundfinanzierung der Hochschulen gerecht werden. Diese finanzielle Planungssicherheit soll den Hochschulen beispielsweise die stärkere Einstellung unbefristeten Lehrpersonals erleichtern.

Der Qualitätspakt Lehre steht für unsere Förderung guter Lehre an Hochschulen in Deutschland. Wir wollen ihn weiterentwickeln und für gute Lehre eine neue, eigenständige Organisation gründen.

Wir werden in diesem Jahr mit den Ländern zudem ein breit angelegtes Programm starten, um die Karrierewege zur Fachhochschulprofessur attraktiver zu gestalten und geeigneten Nachwuchs zu gewinnen. Dies gelingt den Fachhochschulen derzeit noch nicht in dem Maße, wie es ihrer steigenden Bedeutung im deutschen Hochschul- und Wissenschaftssystems angemessen wäre. Die Fachhochschulen sind aufgrund ihrer regionalen Verankerung und ihrer Stärke im Wissenstransfer in den deutschen Mittelstand wesentlich für die Innovationskraft und -fähigkeit Deutschlands.

Bereits in der der vergangenen Legislaturperiode haben Bund und Länder das Tenure-Track-Programm für die Universitäten beschlossen. Damit wollen wir den Karriereweg der Tenure-Track-Professur flächendeckend in Deutschland etablieren. : Insgesamt eine Milliarde Euro für 1.000 zusätzliche Tenure-Track-Professuren, verteilt über eine Laufzeit von 15 Jahren. Die erste Bewilligungsrunde verlief sehr erfolgreich, die zweite ist gerade gestartet (03.05.2018).

Einige wenige Universitäten haben diesen Weg schon vor einigen Jahren beschritten. Deshalb freut es mich ganz besonders, dass mit Ihnen, Frau Professorin Wachter-Zeh, eine Tenure-Track-Professorin unter den Preisträgerinnen ist.

Einen wichtigen Beitrag zur Erhöhung der Attraktivität wissenschaftlicher Karrieren wird schließlich das gerade erneuerte Professorinnenprogramm leisten. Es wird seit Februar 2018 in einer dritten Programmphase 2018-2022 fortgesetzt. Der Bundesanteil wurde auf 100 Millionen Euro aufgestockt: Damit werden wir zahlreiche neue Professoren über die bislang berufenen 524 Professorinnen fördern können.

III.

Sehr geehrte Preisträgerinnen und Preisträger,

mit der heutigen Preisverleihung wollen wir Sie ermutigen, sich weiterhin mit Begeisterung der Wissenschaft zu widmen und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden:

  • Beteiligen Sie sich aktiv am Dialog mit der Gesellschaft.
  • Behalten Sie in Ihren Forschungsarbeiten die gesellschaftliche Bedeutung Ihrer Forschung im Blick.
  • Formulieren Sie Ihre Ergebnisse immer wieder auch so, dass sie für viele verständlich sind.

Rudolf Virchow hat einmal umschrieben, was gute Wissenschaft ausmacht:

„Zuerst die Beobachtungen und dann der Versuch, dann das Denken ohne Autorität, die Prüfung ohne Vorurteil.“

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns allen das Denken ohne Autorität und die Prüfung ohne Vorurteil.

Ich gratuliere Ihnen ganz herzlich zur Auszeichnung mit dem Heinz Maier-Leibnitz-Preis 2018!

Vielen Dank.