Verleihung der Leibniz-Preise 2018

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek, anlässlich der Verleihung der Förderpreise im Gottfried Wilhelm Leibniz-Programm in Berlin

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek während ihrer Rede im Rahmen der Verleihung der Leibniz-Preise 2018 © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Professor Strohschneider,

sehr geehrter Herr Minister Professor Wolf,

liebe Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete aus dem Deutschen Bundestag,

sehr geehrte Damen und Herren,

und vor allem: sehr verehrte Leibniz-Preisträgerinnen und Preisträger!

„Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert“, lautet der berühmte Satz von Albert Einstein.

Die heutige Verleihung des Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preises ist nicht nur für Sie als Preisträgerinnen und Preisträger etwas ganz Besonderes. Auch für mich ist es ein besonderer Termin. Ich freue mich, als neue Bundesministerin für Bildung und Forschung hier zu sein und gratuliere allen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sehr herzlich zu dieser Auszeichnung.

Der Leibniz-Preis ist der wichtigste nationale Förderpreis Deutschlands. Seine über 30-jährige Geschichte spiegelt eine ganze Wissenschaftskultur wider – mit grandiosen Leistungen und Persönlichkeiten, großen Aufgaben und tiefgreifenden Erkenntnissen.

Eine Leibniz-Preisträgerin und sechs Leibniz-Preisträger haben nach der Auszeichnung mit diesem Preis in Deutschland auch den Nobelpreis erhalten.

Dem Namensgeber dieses Förderpreises, Gottfried Wilhelm Leibniz, war keine Frage zu groß, um nicht gestellt zu werden. Kein Problem zu schwierig, um nicht gelöst zu werden. Er war Wissenschaftler, Theologe, Politiker und Diplomat in einer Person. Ein genialer Geist und zugleich ein Mensch mit einem klaren, unverstellten Blick auf die Herausforderungen für die Wissenschaft als Ganzes und den Forschenden als Einzelnen:

„Man muss stets etwas finden, was es zu tun, zu denken, zu entwerfen gilt, wofür man sich interessiert, sei es für die Öffentlichkeit oder den Einzelnen.“ So hat er es selbst formuliert.

In diesem Sinne würdigt der Leibniz-Preis nicht nur die geleistete Arbeit eines Forschenden, sondern will zugleich Triebfeder für das künftige Schaffen sein. Der Preis soll Ihnen, liebe Preisträgerinnen und Preisträger, die Freiheit geben, nach eigenen Vorstellungen und ohne administrativen Aufwand weiter zu forschen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie dadurch Ihre Kreativität weiter entfalten und Ihre Arbeit voranbringen können. Ihre Fähigkeit, Dinge neu zu denken und gewohnte Pfade zu verlassen, ist eine große Bereicherung für Deutschland.

Drängende und herausfordernde Fragen sind in der aktuellen wissenschaftspolitischen Debatte: Wie frei kann unsere Wissenschaft agieren? Wie leistungsfähig ist unser Wissenschaftssystem? Welche Freiheit gibt es dem Einzelnen?

Wissenschaftliche Erkenntnis entsteht nicht einfach so in den Köpfen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Sie braucht geeignete Rahmenbedingungen, damit sich herausragende Fähigkeiten entfalten können:

Wissenschaft braucht Freiheit.

Und Wissenschaft braucht eine verlässliche finanzielle Grundlage. Dazu steht die Bundesregierung. Das beweist der Blick in den Bundeshaushalt. Allein der Etat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ist seit 2005 um mehr als 130 Prozent, auf 17,6 Milliarden Euro gestiegen.

Wir wollen damit exzellente Rahmenbedingungen in Deutschland für die Bildung, für die Forschung und für die Wissenschaft garantieren.

Rahmenbedingungen, in denen sich Gedanken frei entfalten können. Ideen zu Innovationen reifen können. Das ist unser Fundament für Fortschritt und Wohlstand in unserer Gesellschaft.

Dafür stehe ich als Ministerin, dafür steht die neue Bundesregierung. Wir werden uns in dieser Legislaturperiode beherzt für eine starke und international wettbewerbsfähige Bildung und Wissenschaft einsetzen. So haben wir es im Koalitionsvertrag verabredet.

Unter dieser Maßgabe werden wir die kommenden Bund-Länderverhandlungen für Wissenschaft und Forschung führen. Hierfür fünf Beispiele:

Hochschulpakt/Qualitätspakt Lehre

Die Hochschulen in Deutschland haben in den vergangenen Jahren Beachtliches geleistet, aber weitere Herausforderungen warten. Deshalb unterstützen wir die Hochschulen durch den Hochschulpakt und Qualitätspakt Lehre:

Über die Gesamtlaufzeit von 2007 bis 2023 wird der Bund insgesamt rund 20 Milliarden Euro und werden die Länder rund 18 Milliarden Euro bereitstellen. Dieses Geld soll auch nach dem Auslaufen dieser Pakte für das Hochschulsystem erhalten bleiben. Das haben wir im Koalitionsvertrag vereinbart.

Denn für uns stehen die Qualität der Lehre und die Berufschancen der Studierenden im Mittelpunkt.

Wir erwarten allerdings von den Ländern, dass sie bei der Grundfinanzierung der Hochschulen nicht nachlassen, sondern sie angemessen weiter steigern.

Pakt für Innovation und Forschung

Seit mehr als 10 Jahren stärken wir mit dem Pakt für Forschung und Innovation den Innovationsstandort Deutschland. Im Koalitionsvertrag haben wir beschlossen, dass wir ihn (ab 2021) fortsetzen werden – mit weiterentwickelten Zielen und Instrumenten. Dabei ist mir zweierlei wichtig.

Erstens, wir wollen, dass das Wissenschaftssystem dynamisch ist. Forschung ist dort besonders innovativ und mutig, wo sie unabhängig und frei nach Erkenntnis suchen kann. Deshalb halten wir an der Grundidee des Pakts für Forschung und Innovation fest:

Stärkung der Eigenverantwortung der Wissenschaft auf Basis klarer Rahmenbedingungen und Ziele.

Zweitens zur Finanzierung ist der Koalitionsvertrag klar:

Der Pakt wird ab 2021 mit einem jährlichen Aufwuchs von mindestens 3 Prozent fortgesetzt – wohlgemerkt auf Basis der bewährten Bund-Länder-Schlüssel. Wir erwarten also, dass die Länder sich entsprechend an dem angestrebten jährlichen Budgetaufwuchs beteiligen.

DFG-Programmpauschale

Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Sicherung der bestehenden Programmpauschale bis 2025 als Overhead für die Forschungsförderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). In einem Wissenschaftssystem, das mittlerweile stark von der Drittmittelforschung geprägt ist, ist dies für die Hochschulen unverzichtbar.

Fachhochschulen

Fachhochschulen sind zu einer wesentlichen Säule des Hochschul- und Wissenschaftssystems geworden. Sie bilden an der Praxis orientiert aus, sind regional verankert und gerade mittelständische Unternehmen schätzen die Nähe zu den Fachhochschulen, um aus Forschungsergebnissen schnell innovative Produkte zu entwickeln.

Gleichzeitig wissen wir um die Schwierigkeiten der Fachhochschulen, etwa wenn es darum geht, Nachwuchs bei den Professuren zu finden. Hier haben wir weiteren Handlungsbedarf festgestellt: Gemeinsam mit den Ländern wollen wir deswegen ein breit angelegtes Programm starten: Karrierewege attraktiver gestalten, Projekte fördern, Internationalisierung voranbringen.

Nationale Forschungsdateninfrastruktur

Nur als Stichworte möchte ich die Nationale Forschungsdateninfrastruktur und das Nationale Höchstleistungsrechnen nennen – auch hier bedarf es zügig einer Vereinbarung mit den Ländern. Denn beides ist wichtig, um unser Wissenschaftssystem für den internationalen Wettbewerb in Zeiten des digitalen Wandels zu stärken.

Wie Sie sehen, die Agenda für die Bund-Länder-Verhandlungen in der gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) ist für die nächsten Monate und Jahre prall gefüllt.

Ein grundsätzliches Ziel des Bundes möchte ich dabei nochmal klarstellen:

Wir fördern und fordern zugleich auch Eigenverantwortung – sowohl der Wissenschaftsinstitutionen wie der Länder.

Egal, ob es um zusätzliche Förderung oder um die Grundfinanzierung von Hochschulen und von außeruniversitären Einrichtungen geht: Die Länder müssen in ihrer Politik, in ihrer Agenda den Themen Bildung und Forschung mehr Gewicht geben. Insbesondere dort, wo ihnen das Grundgesetz die Kernkompetenz gibt.

Die Zeit dafür ist gut. Die Steuereinnahmen steigen. Mit der Übernahme des BAföG durch den Bund und dem neuen Länderfinanzausgleich haben sich die Einnahmen der Länder erheblich verbessert. Die Länder stehen finanziell gut da. Sie können und müssen zu einem leistungsstarken Wissenschaftssystem beitragen. Denn nur gemeinsam können und werden wir erfolgreich sein.

Neben den Bund-Länder-Verhandlungen stehen in dieser Legislaturperiode weitere wichtige Entscheidungen für das Wissenschaftssystem an. Zum Beispiel bei der Exzellenzstrategie.

Die Exzellenzinitiative hat in den vergangenen Jahren eindrucksvoll demonstriert, wie viel innovative Energie in der deutschen Spitzenforschung steckt. Es wurden herausragende Forschungsleistungen erbracht. Und Forschungseinrichtungen haben sich über die Grenzen von Disziplinen und Ländern hinweg vernetzt. Ich bin sicher, dass die neue Exzellenzstrategie diese Dynamik weiter befeuern wird.

Gerade hat die letzte Etappe im Wettbewerb um die Exzellenzcluster begonnen. Dass viele Universitäten sich zudem als Exzellenzuniversität bewerben wollen, zeigt mir, dass die Aufbruchsstimmung der vergangenen Jahre weiter anhält.

Der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Wissenschaftsrat danke ich für die Organisation und Durchführung des wissenschaftsgeleiteten Verfahrens. Ich wünsche allen Beteiligten viel Erfolg.

Einen weiteren Punkt möchte ich noch ansprechen.

Digitalisierung und Globalisierung haben die Welt in den vergangenen Jahrzehnten beschleunigt und vieles erleichtert. Sie verlangen den Menschen aber auch einiges ab. Der Einzelne muss mobiler und flexibler sein; der einzelne darf uns darüber aber nicht verloren gehen. Wissenschaft und Wirtschaft müssen sich in Systemen mit neuen, komplexeren Spielregeln, neuen Herausforderungen und Chancen zurechtfinden.

Wissenschaft kann auch deswegen nicht nur national gedacht werden. Daher setzt der Koalitionsvertrag klare Akzente bei der weiteren Internationalisierung von Wissenschaft und Forschung.

Ich begrüße ausdrücklich die Vorschläge des französischen Staatpräsidenten Macron und der Staats- und Regierungschefs der EU, die europäische Hochschulkooperation zu stärken. Im Vordergrund steht für mich der Vernetzungsgedanke unserer europäischen Universitäten – auf höherem Niveau als bisher.

Der Bildungsministerrat und die Bologna-Ministerkonferenz in Paris im Mai bieten Raum, hierüber im Detail zu diskutieren. Seien Sie versichert, dass wir – getreu dem bottom-up Ansatz – unseren Hochschulen möglichst viel Freiraum lassen wollen, diese Netzwerke auszugestalten.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wir alle wissen, dass es mehr denn je darauf ankommt, die freie Wissenschaft als grundlegenden Wert unserer Demokratie zu verteidigen. Unser Wissenschafts- und Forschungssystem ist ein Schatz, den weder die Gesellschaft, noch die Politik als selbstverständlich ansehen dürfen.

Ich freue mich, heute auf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu treffen, die mit ihren Fähigkeiten den Wissenschafts- und Forschungsstandort Deutschland voranbringen. Ich bin auf den Austausch und die Arbeit mit Ihnen in den nächsten Jahren gespannt.

Ihnen, liebe Preisträgerinnen und Preisträger, gratuliere ich zu Ihren herausragenden Leistungen. Ihre Forschung begeistert und inspiriert. Ob Gesellschaftsforschung, Gravitationsphysik, Wirtschaftswissenschaften, Immunologie oder Werkstoffforschung – Sie geben ein Zeugnis davon, wie vielseitig Wissenschaft ist. Und machen uns neugierig darauf, in wie vielen Bereichen unser Leben heute und in Zukunft durch Wissenschaft besser gestaltet werden kann.

Am Anfang und am Ende aller Beschäftigung mit Wissenschaft steht das Staunen. Das Staunen über die Fähigkeit des Menschen, in ungeahnte Räume der Erkenntnis vorzustoßen. Und so möchte ich mit einem Zitat von Platon schließen:

„Das Staunen ist der Anfang der Erkenntnis.“