Verleihung der Sofja-Kovalevskaja-Preise 2015

Rede der Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Cornelia Quennet-Thielen, in Berlin

Staatssekretärin Quennet-Thielen während ihres Grußwortes © Bettina Ausserhofer - AvH

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Prof. Schwarz,

meine Damen und Herren,

vor allem aber:

sehr geehrte Preisträgerinnen und Preisträger,

Die schrecklichen Anschläge von Paris haben uns alle erschüttert.  Sie waren ein Angriff auf unschuldige Menschen und ein Angriff auf unsere Freiheit und Demokratie. Sie zu wahren und zu schützen, ist unsere gemeinsame Aufgabe.

Die akademische Welt lebt seit jeher von einer Kultur der Internationalität und der Offenheit für Neues und Fremdes. Sie reicht zurück bis zu den allerersten Anfängen der Universität in Europa. Forscher überschreiten seit jeher Grenzen, im Denken, aber auch ganz prosaisch Landesgrenzen. Sie, liebe Preisträgerinnen und Preisträger sind das beste Beispiel: Sie kommen aus den Niederlanden, Russland, Schweden, Rumänien, Argentinien und China und Sie alle haben in Ihrer noch jungen Karriere schon mindestens zwei Mal des Land gewechselt. Mit dieser Kultur der Internationalität können Wissenschaft und Forschung beispielgebend in die Gesellschaft hineinwirken. Heute mehr denn je.

Der Sofja-Kovalevskaja-Preis hat für mich unter den Forschungspreisen der Alexander von Humboldt Stiftung eine ganz besondere Bedeutung. Denn neben einer hochverdienten Würdigung der exzellenten Forschungsleistung der Preisträgerinnen und Preisträger stellt er zugleich eine Investition in ihre Zukunft dar. Mit ihm werden Wissenschaftler ausgezeichnet, die in einer frühen Phase ihrer Laufbahn mutig neue Wege eingeschlagen haben und ihre größten Erfolge noch vor sich haben. Ich freue mich sehr, dass wir diese Investition in die Zukunft von nun an jedes Jahr und nicht mehr nur alle zwei Jahre tätigen können.

Dieser hoch dotierte Preis ermöglicht es Ihnen, liebe Preisträgerinnen und Preisträger, frei von finanziellen und bürokratischen Zwängen die Forschungsarbeiten durchzuführen, die Sie selbst gewählt haben. Dazu meinen herzlichen Glückwunsch!

Zu beglückwünschen sind auch die gastgebenden Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Auch und gerade für sie wird der Aufbau einer neuen Arbeitsgruppe um die Preisträger ein großer Gewinn sein. Spitzenforschung braucht immer neue Impulse. Nur durch Offenheit für Neues und den Austausch von Ideen wird der Anstoß für neue Erkenntnisse gegeben. Sie münden durch harte und gewissenhafte Arbeit in wissenschaftlichen Fortschritt. Im Idealfall entsteht ein Kristallisationspunkt, der weit in die Forschungsszene hineinwirkt und weitere Talente anzieht. Ich hoffe und wünschen Ihnen, liebe Preisträger, dass sich diese Chance für Sie und Ihre Gastgeber erfüllt: dass Sie sich gegenseitig bereichern, dass Sie Türen aufstoßen und dass sich dahinter neue Horizonte auftun, dass Sie am Ende des Förderzeitraums auf den heutigen Tag als den Beginn einer erfolgreichen Entwicklung zurückblicken, die keineswegs abgeschlossen ist, sondern weiter in die Zukunft weist.  

Meine Damen und Herren,

Die Betonung der großen Bedeutung des Sofja-Kovalevskaja-Preises als Auszeichnung für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer frühen Phase ihrer Laufbahn geschieht nicht von Ungefähr. Exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und insbesondere hervorragend ausgebildete Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler sind für Deutschlands wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Erfolg entscheidend.

Die Bundesregierung hat in den letzten Jahren – vielfach gemeinsam mit den Ländern – durch ihre Programme die Rahmenbedingungen für die Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses verbessert. So hat die Exzellenzinitiative mit ihren Graduiertenschulen dazu beigetragen, die Promotionsphase positiv zu beeinflussen und zu verbessern. An zahlreichen Universitäten sind in der Folge übergreifende Strukturen für die Betreuung der Promovierenden entstanden. Das ist ein Beitrag zur Qualitätssteigerung des Promotionsgeschehens in der Breite, der sich mittlerweile von selbst verstehen sollte.

Außerdem setzen wir uns für eine strukturelle Weiterentwicklung der Karrierewege ein. Sie wird auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Forschungslandschaft stärken.

  • Dazu gehört die Einführung des Karrierewegs zur Professur über den Tenure Track. Er muss auch bei uns Standard werden. Das ist unser Ziel als Bund in den laufenden Verhandlungen mit den Ländern.
  • Dazu gehört die Schaffung von Dauerstellen für Daueraufgaben in Forschung, Lehre, Infrastrukturbetreuung, Wissens- und Technologietransfer sowie im wachsenden Bereich des Wissenschaftsmanagements.
  • Für das gesamte Personal sollen zudem die Hochschulen eine gute Personalplanung und ‑entwicklung etablieren.
  • Karrierewege von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern müssen transparenter und planbarer werden. Mit der vor kurzem im Kabinett beschlossenen Novelle des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes orientieren wir die Dauer eines Vertrages an der Dauer der Qualifizierung oder der bewilligten Fördermittel.

Die Umsetzung so tiefgreifender Veränderungen braucht einen langen Atem. Manchmal kann es helfen, auf besonders gute Beispiele zu verweisen. Ich bin sicher, dass Sie, liebe Sofja-Kovalevskaja-Preisträger, ebenso wie Ihre Vorgängerinnen und Vorgänger, die besten Argumente dafür liefern werden, dass sich frühe Unabhängigkeit und Eigenverantwortung lohnen!

Daher freue ich mich besonders, wenn Preisträgerinnen und Preisträger den nächsten Karriereschritt in Deutschland unternehmen. Esther Lutgens, Preisträgerin des Jahres 2008, erhielt zunächst einen Ruf an ihre Heimat-Universität Maastricht. Die Verbindung nach Deutschland riss jedoch nicht ab und heute forscht sie zu Atherosklerose an der LMU. Und Gustavo Fernandez Huertas, Preisträger des Jahres 2010, können wir zu einem noch frischen Ruf an die Universität Münster im Fach Organische Chemie gratulieren.

Meinen Damen und Herren,

Prof. Lutgens und Prof. Huertas sind zwei herausragende Beispiele. Sie zeigen auch, dass wir Erfolg darin haben, den Forschungs- und Bildungsstandort Deutschland so attraktiv wie möglich zu machen. Das gilt auch in andere Hinsicht.

Deutschland ist mit zweistelligen Zuwachsraten das drittwichtigste Gastland für internationale Studierende geworden.

  • Auch der Anteil des wissenschaftlichen Personals wächst stetig. Seit 2006 hat die Zahl ausländischer Professoren in Deutschland um 46% zugenommen im Vergleich zu einer Steigerung bei den deutschen Professoren um 18%. Das ist für uns, auch als Land mit großer Wissenschaftstradition, keineswegs selbstverständlich. Denn alle Industrieländer und zunehmend auch Schwellenländer stehen mittlerweile im Wettbewerb um die kreativsten Köpfe. Gute Arbeitsbedingungen, das wissenschaftliche Renommee des gastgebenden Instituts,  die gute Ausstattung des eigenen Arbeitsplatzes und des Labors, sind dabei zentral.

Aber auch für Wissenschaftler gibt es ein Leben außerhalb des Labors und des Instituts. Zu einer gastfreundlichen Aufnahme gehört es auch, beim Kontakt zu den Behörden, bei der Suche nach Kindergarten oder Wohnung oder bei der Aufnahme von Familienangehörigen zu helfen. Denn damit signalisieren wir: Es lohnt sich,  einige Jahre hier zu bleiben, vielleicht sogar für immer! Die „Willkommenskultur“ ist derzeit in aller Munde angesichts der vielen Menschen, die in Deutschland Schutz und Sicherheit, aber auch eine Zukunftsperspektive für sich und ihre Familien suchen. Die Freiheit und Sicherheit, die wir in Deutschland und Europa allzu oft für selbstverständlich halten, ist für Menschen in anderen Teilen der Welt manchmal ein ferner Traum. Manche machen sich auf den Weg, weil sie auf bessere Lebensumstände hoffen, weil sie Chancen suchen, die ihnen zu Hause verwehrt bleiben. Viele fliehen, um zu überleben. Die Entwicklungen in Syrien, im Irak, in Afghanistan, in Eritrea und in anderen Krisenregionen haben natürlich auch Folgen für uns. Europa hat eine gewaltige Bewährungsprobe vor sich. Wir haben eine humanitäre Verpflichtung, der wir uns stellen müssen und stellen wollen. Zugleich sollten wir aber auch Chancen der Zuwanderung sehen und nutzen.

Die Welt der Wissenschaft steht dieser großen gesellschaftlichen Herausforderung keineswegs fern. Auch wenn sicher nur Einzelne unter den Zuwanderern, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen, ihren Platz in der akademischen Forschung finden werden, so wirken doch Wissenschaft und Forschung auf vielfältige Weise in die Gesellschaft hinein.

Die Integration von ausländischen Studierenden und Wissenschaftlern hat eine lange Tradition. Sie wird aber erst in jüngster Zeit als Aufgabe wahrgenommen, die auch institutionell bewusst und gezielt angegangen werden muss.

Gestatten Sie mir, meine Damen und Herren, an dieser Stelle ein großes und wohlverdientes Kompliment an die Alexander von Humboldt Stiftung. Sie, meine Damen und Herren, sehr geehrter Herr Prof. Schwarz, haben sich engagiert und nachhaltig für den Aufbau und die feste Verankerung einer Willkommenskultur an deutschen Hochschulen eingesetzt, längst bevor der Ausdruck zum Modewort wurde. Dafür stehen die Ideenwettbewerbe zur „freundlichsten Ausländerbehörde“, die „Welcome Centres“ und nicht zuletzt die eigene vorbildliche Alumni-Arbeit. Heute mehr denn je zeigt sich, wie weitsichtig und zukunftsweisend diese Aktivitäten waren und sind. Dafür meinen ausdrücklichen Dank.

Liebe Festgäste,

Die Zukunft gehört denen, die die Möglichkeiten erkennen, bevor sie offensichtlich werden. Wie so viele elegante Formulierungen für einfache Wahrheiten stammt auch diese von Oscar Wilde. Ich hoffe, das gilt zumindest manchmal für uns alle. Ganz sicher aber gilt es für unsere heutigen Preisträgerinnen und Preisträger. Ich gratuliere Ihnen nochmals und wünsche Ihnen, dass Sie auch in Zukunft Ihre Talente zur Entfaltung bringen und Impulse für Ihr jeweiliges Forschungsfeld setzen können. Der heutige Abend gehört Ihnen. Genießen Sie ihn.

Wir alle freuen uns, mit dabei zu sein.