Verleihung des Anneliese Maier-Forschungspreises 2016

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, in Berlin

Johanna Wanka im Interview
Johanna Wanka im Interview © Laurence Chaperon

Sehr geehrte Damen und Herren!

Als im siebzehnten Jahrhundert das Zeitalter der Aufklärung begann, nannte man die Suche nach wissenschaftlichen Erklärungen für die Existenz des Universums und das menschliche Sein „Naturphilosophie“. Der Ausdruck Naturphilosophie wirkt heute sehr antiquiert. Er stammt aus einer Zeit, als die Wissenschaft glaubte, dass die Welt als Ganzes in einem geschlossenen System aus Ursache und Wirkung erklärt werden könne und man durch die Naturphilosophen nach dieser Erklärung suchte.

Es gab einen atemberaubenden schnellen Erkenntnisfortschritt. Dieser eröffnete ungeahnte Möglichkeiten der technischen Innovation und auch der gesellschaftlichen Transformation. Die Naturwissenschaften spezialisierten sich sehr schnell. Und die Idee der ganzheitlichen Weltdeutung wanderte von den Naturwissenschaften in den Bereich der Geisteswissenschaften. Der „Naturphilosoph“ als Begriff verschwand. Geisteswissenschaften  und Naturwissenschaften entfremdeten sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend.

Jetzt, in der neueren Zeit, erleben wir einen langsamen Wandel im Verhältnis der Naturwissenschaften, der Geisteswissenschaften und der Gesellschaftswissenschaften. Es gibt wieder ein größeres Interesse aneinander und an den Möglichkeiten, Erkenntnisse zu sammeln. Es gibt auch häufiger den Dialog. Und, ich glaube, der gegenseitige Respekt scheint auch wieder gewachsen zu sein, für den jeweils anderen.

I.

Dabei ist es so, dass die Naturwissenschaften es immer etwas leichter haben. Es ist relativ oft einfach erklärbar – nicht immer bei grundlegenden Erkenntnissen - aber es ist oft so, dass man den praktischen Nutzen, den man von den Naturwissenschaften hat oder von einem Teil der Naturwissenschaften, erklären kann, und dass das für die Menschen greifbar und verständlich ist. Es ist hingegen nicht für jeden einleuchtend, welchen Wert uns als Beispiel die Beschäftigung mit einer Sprache wie Altgriechisch bringt – einer Sprache, die im Prinzip keiner mehr spricht. Zum Glück gibt es herausragende Professoren wie Herrn Professor Most, der heute ausgezeichnet wird. Wenn wir durch ihn erfahren, wie Homer mit den Begriffen „Wut“ und „Zorn“ umgegangen ist, dann ist das sicher kulturell interessant. Aber ich glaube, wenn wir das mit den heutigen Darstellungen in der Literatur vergleichen, dann erfahren wir nicht nur etwas über die kulturellen Zusammenhänge, sondern dann erfahren wir auch ein bisschen etwas über uns und über unsere Gesellschaft.

Die Grundfragen unseres Daseins, „Wer bin ich, woher komme ich, was soll ich tun?“, die müssen immer wieder gestellt werden. Gerade in einem Zeitalter wie dem unseren, im Informationszeitalter. Antworten auf diese Fragen sind niemals eindeutig und niemals endgültig. Ich glaube, den Philosophinnen, den Geschichtswissenschaftlern, den Soziologinnen, den Künstlern werden diese Fragestellungen und Inspirationsquellen niemals ausgehen.

Der Mensch ist Körper und Geist. Deswegen kommt den Geisteswissenschaften eine so grundlegende Bedeutung zu. Wir diskutieren immer wieder, wie man angemessen auch die Geisteswissenschaften fördert. Und wir bemühen uns, dass sich zum Beispiel in der Europäischen Forschungsförderung gerade die Geisteswissenschaften und deren Bedeutung widerspiegeln. Vor allen Dingen, wenn man überlegt: Was ist Europa, was macht Europa aus? Dann sind es gerade die kulturellen Werte. Das ist die Verbundenheit in Europa. Deswegen ist dies ein Punkt, der mir persönlich sehr wichtig ist.

II.

Die Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften unterscheiden sich natürlich in ihren Inhalten, in ihren Methoden. Aber sie sind gleichermaßen Ausdruck geistiger Prozesse. Und wenn sich ihre analytische Kraft und Kreativität verbinden, dann kommen wir auch zu Höchstleistungen menschlichen Geistes.

Die naturwissenschaftliche Forschung bringt – in einer rasanten Geschwindigkeit, auch mit den vielen technischen Möglichkeiten – immer wieder neue Erkenntnisse hervor. Erkenntnisse, die der Bewertung bedürfen. Grundlagenforschung, zum Beispiel in der Genetik oder in der Molekularbiologie, ist nicht ethisch neutral. Wir können mit befruchteten Eizellen alles Mögliche machen, wir können sie untersuchen auf alle möglichen Krankheiten, auf alle Eigenschaften. Die Frage ist: Dürfen wir das? Wollen wir das? Welche Konsequenzen hat das? Wo setzen wir die Grenzen für die Möglichkeiten der Wissenschaft? Deswegen ist die Diskussion, die wir intensiv über die Verantwortung von Wissenschaft für die Folgen ihrer Anwendung führen, notwendig. Diese Diskussion gewinnt an Brisanz und muss verstärkt geführt werden. Ich habe immer dafür plädiert – gerade hier bei der Alexander von Humboldt-Stiftung wiederhole ich das gern –, dass diese Diskussion eigentlich originär in die Universität gehört. Das ist das große Plus gegenüber spezialisierten Wissenschaftsgesellschaften, dass in der Universität originär diese Verbindung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften existierte, die ein Stück weit verloren gegangen war und jetzt hoffentlich wieder stärker zusammen geführt wird.

Es geht nicht nur um das Spannungsfeld zwischen Freiheit der Wissenschaft und gesellschaftlicher Verantwortung. Der Dialog zwischen Geistes- und Naturwissenschaften ist nicht nur ethisch geboten, er ist auch erkenntnistheoretisch interessant. Und er ist zwingend notwendig. Beim Thema neuere Ergebnisse aus den Neurowissenschaften oder aus der Genetik gehört die Frage, was den Menschen denn eigentlich ausmacht, zur Diskussion. Die Fortschritte, die wir erzielt haben, in der Robotik, bei der Entwicklung der künstlichen Intelligenz, sind Dinge, die wir vielleicht vor 20 Jahren in Science Fiction-Romanen gelesen haben. Das ist aus dem Bereich der Science Fiction in die philosophischen Seminare gewandert. Dort gehört es auch hin. Weil es um die Frage geht, was den Menschen ausmacht.

Um noch grundsätzlicher zu werden: Wissenschaft und Technik haben die Welt, in der wir leben, grundlegend verändert. Sie beeinflussen die Organisation des gesellschaftlichen Zusammenlebens, und sie beeinflussen die Kommunikation – ganz rasant und immer stärker. Sie beeinflussen das Bild von uns selbst, unsere Identität. Sie bestimmen es nicht und werden es nie bestimmen können. Aber die Diskussion darüber ist wichtig und fruchtbar.

Um diese Frage dreht sich auch die Forschung von Professor Higgins, der ebenfalls heute ausgezeichnet wird. Er untersucht mit seinen Partnern den Einfluss sozialer Medien auf Gruppenidentitäten und zum Beispiel darauf, wie sich Vorurteile entwickeln. Angesichts gerade auch der derzeitigen gesellschaftlichen Diskussionen, ist die Frage, wie sich Vorurteile entwickeln und manchmal explosionsartig Nahrung finden, eine, bei der die Ergebnisse Ihrer Arbeit auch politisch interessant sind.

III.

Alle sechs Wissenschaftler, die heute ausgezeichnet werden, verbindet eines: Sie suchen den geistigen Austausch. Wir haben gerade von Herrn Professor Schwarz gehört, dass in allen Biografien Internationalität eine große Rolle spielt. Es geht aber nicht nur um den internationalen Austausch, sondern vor allen Dingen auch um den Austausch über die Grenzen ihrer eigenen Disziplinen hinweg, und auch um den Austausch zwischen erfahrenen Spitzenkräften und vielversprechenden Nachwuchstalenten. Genau das will der Anneliese Maier-Forschungspreis fördern. Die Alexander von Humboldt-Stiftung – so heißt es im Deutschen – ist eine Mittlerorganisation. Aber mir gefällt auch der eben genannte Begriff, dass sie ein Katalysator ist. Ganz entscheidend ist nicht nur, was gemacht wird, nicht nur, dass Geld investiert wird, sondern dass klug investiert wird. Gerade wenn ich an die Frage denke, die uns heute sehr bewegt. Wir wollen natürlich internationale Forscherstudenten zu uns holen. Wir wollen aber auch dafür Sorge tragen, dass niemand gezwungen ist, sein Land zu verlassen, um in Frieden leben zu können. Unser Ziel ist es auch, mit dafür zu sorgen, dass die Bedingungen vor Ort sich verbessern, damit Menschen nicht fliehen, sondern in ihren Heimatländern bleiben. Und da bin ich der Alexander von Humboldt-Stiftung für die Ideen und für das, was sie initiiert hat, wo es gar nicht um die großen Summen geht, sehr dankbar. Deswegen möchte ich an dieser Stelle meinen herzlichen Dank an alle Mitarbeiter der Stiftung aussprechen, für all das, was Sie sich überlegt haben. Wir brauchen diese Ideen.

Wir wollen die Spitzenforscher aus dem Ausland zu uns holen. Nach Möglichkeit mehrere Jahre. Und wir sind froh, dass wir zum Beispiel mit der Preisträgerin Professor Ramaswamy eine Professorin gewonnen haben, die in Heidelberg ein Exzellenzcluster zu Asienstudien weiter profilieren und ausbauen soll. Deswegen denke ich generell, dass man heute die Preisträger beglückwünschen kann, dass man aber genauso auch die gastgebenden Einrichtungen  beglückwünschen soll. Denn sie haben hochkarätige ausländische Spitzenforscher gewonnen. Diese können im Idealfall zu einer Inspirationsquelle für die dortigen Institute werden. Ich hoffe, dass beide Seiten davon profitieren, dass es eine Win-Win-Situation ist.

Diese Win-Win-Situation, als ein Aspekt der Preisträgerprogramme der Alexander von Humboldt-Stiftung, kann gar nicht oft genug betont werden. Wir brauchen passgenaue Instrumente für die Internationalisierung. Das sind sehr gute Instrumente. Zum Beispiel soll mit der Hilfe der Exzellenz von Professor Subrahmanyam an der Universität Frankfurt ein finanzwissenschaftlicher Schwerpunkt aufgebaut werden.

Ich glaube, dass wir in Deutschland den Spagat versuchen, zwischen Breitenförderung insgesamt in den Universitäten, in den Fachhochschulen, aber auch Förderung der Spitze. Denn die Währung der Wissenschaft ist Spitzenleistung. Deswegen bin ich sehr froh, dass es uns gelungen ist, uns gemeinsam mit den Ländern – und das sind ja im deutschen föderalen System komplizierte Verhandlungen – auf die Exzellenzstrategie zu verständigen. Und ganz entscheidend für Universitäten: unbefristet. Auch das Tenure Track-Programm bietet eine Chance, gerade junge Nachwuchswissenschaftler nach Deutschland zu holen. Denn sie wissen, sie haben eine unbefristete Perspektive in unserem Wissenschaftssystem.

Noch ein paar wenige Zahlen zum derzeitigen Stand der Internationalität der Wissenschaft in Deutschland: Wir machen jedes Jahr eine Untersuchung, wie viele Studenten ins Ausland gehen. Bei dieser Untersuchung haben wir in diesem Jahr den Schwerpunkt auf die  Wissenschaftler gelegt, die zu uns kommen. Wir können sagen, dass 2014 85.000 ausländische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland tätig waren, 43.000 deutsche im Ausland und dass es bei den Studierenden über 300.000 gibt, die bei uns ihr Studium aufgenommen haben. Erstaunlich ist, dass gut ein Drittel der deutschen Studenten, zumindest temporär, im Ausland studiert. Ich vergleiche dies gerne mit den Niederländern, von denen man per se glaubt, dass viele von ihnen ins Ausland gehen - die streben eine Quote von 20 Prozent an. Das heißt, dass das auch im Vergleich mit europäischen und auch mit amerikanischen Nachbarn gute Ergebnisse sind. Wir brauchen die Internationalisierung, auch um Antworten auf internationale Fragen, zum Beispiel zu internationalen Finanzkrisen oder Klimawandel oder anderen großen Fragestellungen zu finden.

Wenn ich davon spreche, dass internationale Finanzkrisen oder die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen des Klimawandels international gelöst werden können, dann denke ich auch an Professor Chiapello, die auf beiden Gebieten forscht, und dabei auch die Sprache in ihre Forschung mit einbezieht.

Die Internationalisierung ist natürlich für die Forschung selbst wichtig, aber genauso wichtig ist ihre Strahlkraft in die Gesellschaft hinein. Und wenn wir über Flüchtlinge, über Zuzug, über anderes reden, dann kann man selbstbewusst sagen, dass das Themen sind, die uns im Wissenschaftsbereich nicht belasten. Dort gibt es eine gute Kooperation vieler Wissenschaftler aus dem Ausland mit denjenigen, die hier schon immer leben.

Ausgehend von dieser sehr positiven Erfahrung müssen wir alle dafür kämpfen, dass wir eine offene, pluralistische Gesellschaft behalten. Eine solche Gesellschaft ist natürlich immer wieder Angriffen ausgesetzt. Klar, Freiheit ist eine große Chance. Aber auch, unter Umständen, manchmal eine Zumutung. Ein Merkmal offener Gesellschaften ist, dass sie große Entwicklungspotentiale haben. Aber diese Gesellschaften geben keine letztgültigen Antworten, sondern stellen vor allen Dingen Fragen und suchen Lösungen. Es ist die Wissenschaft, dieser Dialog, der uns unterstützt und hilft, diese Spannungen aufzuhalten.

Ich habe begonnen mit den Naturphilosophen. Die haben wir nicht mehr, dafür aber sehr viele spannende wissenschaftliche Verbindungen. Und damit komme ich zu unserem Preisträger Herrn Dr. Müllensiefen – ein Musikpsychologe. Auf der Homepage steht zur Begründung seiner Auszeichnung, dass er danach forscht wie Ohrwürmer entstehen und wie sich Musikalität messen lässt. Ich hoffe, dass wir heute Abend noch etwas darüber erfahren. Wenn man weiß, wie Ohrwürmer entstehen, dann kann man vielleicht den einen oder anderen der lästigen Sorte dann auch von vorherein abwehren. Vielleicht ist es auch dazu nützlich.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

das ist ein schöner Termin. Ich freue mich und begrüße diejenigen, die entschieden haben, zu uns zu kommen. Ich hoffe, dass die Jahre, die Sie jetzt in Deutschland forschen und leben, für Sie persönlich bereichernd sind. Wir brauchen Sie und wir freuen uns auf Sie.