Verleihung des Galenus-von-Pergamon-Preises

Ansprache des Parlamentarischer Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Thomas Rachel, in Berlin

Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, während seiner Rede © David Vogt RF

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Krieger,
lieber Herr Minister Gröhe,
sehr geehrter Professor Erdmann und sehr geehrte Mitglieder der Jury,
sehr geehrte Nominierte,
meine sehr verehrten Damen und Herren!

Wer sich mit dem Innovationsprozess von neuen Medikamenten beschäftigt, der weiß: Die gute Idee allein ist es nicht, die aus einem Forschungsergebnis am Ende eine Therapie für Patienten werden lässt.

Wenn die Zulassung für den Markt erfolgt, dann war es letztlich ein Gemeinschaftsprojekt von vielen Beteiligten.

Veranstaltungen wie diese zeigen, dass sich die Mühe dieser vielen lohnt und dass Gesundheitsforschung – ob öffentlich oder privat finanziert – ein wichtiger Treiber für innovative Arzneimittelentwicklung ist.

Aus Sicht der Bundesregierung sind Investitionen in die Gesundheitsforschung und in die Gesundheitswirtschaft daher von großer Bedeutung. Deshalb haben wir in der Hightech-Strategie Prioritäten für Forschung und Innovation zum Thema „Gesundes Leben“ gesetzt.

Viele Fördermaßnahmen zur Wirkstoff- und Arzneimittelforschung setzen dabei relativ früh in der Innovationskette an. Dass wir in Deutschland eine erstklassige und hervorragend  aufgestellte Forschungslandschaft in diesem Bereich haben – an den Hochschulen ebenso wie in den außeruniversitären Forschungseinrichtungen – das ist auch ein Ergebnis dieser konsequenten Unterstützung.

Gleichzeitig richten wir mit KMU-innovativ und dem 10-Punkte-Plan „Vorfahrt für den Mittelstand“ unsere Maßnahmen gezielt darauf aus, dass kleine und mittlere Unternehmen ebenfalls Innovationen auf den Weg bringen können. Dass gerade hier Keimzellen für bahnbrechende Entwicklungen entstehen können, zeigt das Beispiel der bispezifischen Antikörper, von denen einer heute auf der Liste der Nominierten zu finden ist. Es handelt sich hierbei nämlich um ein innovatives Krebsarzneimittel, das in den Laboren der deutschen Biotech-Firma Mircomet erfunden wurde – einer kleinen mittelständischen Firma, die 2012 von der US-Firma Amgen übernommen wurde, welche den Wirkstoff schließlich auf den Markt gebracht hat.

Dabei sind es nicht immer die großen Volkskrankheiten, die im Fokus der Firmen und der Förderung bei uns stehen. Immer mehr engagieren wir uns beispielsweise auch bei seltenen Krankheiten. In Deutschland leiden fast 4 Millionen Menschen an einer seltenen Erkrankung. Insgesamt rund 130 Mio. Euro sind hier in den vergangenen zehn Jahren in  verschiedenste Förderprogramm auf nationaler und internationaler Ebene geflossen. Gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium und der Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen haben wir das Nationale Aktionsbündnis für Menschen mit seltenen Erkrankungen ins Leben gerufen. Denn die Herausforderungen sind groß: Mehr als drei Jahre müssen Patienten mit einer seltenen Erkrankung durchschnittlich auf eine korrekte Diagnose warten. Ist sie gestellt, fehlt es oft noch an wirksamen Therapien.

Ich freue mich daher sehr, dass auch der Galenusvon-Pergamon-Preis seinen Blick auf seltene Erkrankungen gelenkt hat und seit 2014 einen der drei Arzneimittelinnovationspreise in dieser Kategorie vergibt. Schon jetzt gebührt allen Nominierten eine Anerkennung dafür, dass Sie sich explizit diesem herausfordernden Feld der Arzneimittelentwicklung verschrieben haben.

Weil die Komplexität hier oftmals noch um ein vielfaches größer ist, steht die internationale Zusammenarbeit hier noch dringlicher als anderswo im Mittelpunkt. Deswegen engagieren wir uns zum Beispiel im Europäischen Netzwerk „ERA-NET ERare“. Gemeinsam unterstützen wir Forscherteams dabei, zu schauen, ob sich bereits zugelassene Medikamente für die Behandlung von seltenen Erkrankungen eignen – ein Ansatz, der die klinische Entwicklungsarbeit erheblich verkürzt und schon oft zum Ziel geführt hat, wie das Beispiel Simvastatin zeigt. Unterstützt durch das BMBF, haben Ergebnisse von Freiburger Forschern belegen können, dass der Cholesterinsenker – eingesetzt als Salbe – die Folgen einer seltenen, erblichen Hauterkrankung lindert. Sie sehen, bei Innovationen führt der Weg zum Ziel manchmal über Umwege.

Meine Damen und Herren, dass solche Umwege aber überhaupt gegangen werden, verdanken wir der Tatsache, dass in der Forschung ein Austausch zwischen verschiedenen Akteuren zumeist selbstverständlich stattfindet. Ein solcher Austausch ist aber auch im größeren Rahmen notwendig, denn das Thema Arzneimittelinnovationen ist nicht nur aus Sicht der Forschung relevant.

Zu einer effizienten Translation gehören weitere Partner im Gesundheitswesen, sie alle sitzen in einem gemeinsamen Boot. Anderthalb Jahre haben wir alle Beteiligten in einem ressortübergreifenden Pharmadialog zusammengeführt. Dahinter steckt ein einfaches Prinzip: Nur wenn sich alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette – von der  Forschung und Entwicklung bis hin zur Produktion und Versorgung – möglichst frühzeitig austauschen, bleiben wir am Pharmastandort Deutschland auch künftig handlungs- und konkurrenzfähig.

Aus Sicht des Bundesministeriums für Bildung und Forschung spielt die effektive Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft als Treiber von Gesundheitsinnovationen in  diesem Prozess eine ganz besondere Rolle. Im Pharmadialog haben wir darüber diskutiert, wie gut wir hier derzeit aufgestellt sind: Kommen die guten Ideen aus den Laboren tatsächlich bei den Patientinnen und Patienten an, oder gibt es Stolpersteine auf diesem Weg? Welche Forschungsbedarfe müssen wir künftig verstärkt adressieren? Wo liegen die Stärken und Schwächen des Gesundheitsforschungsstandorts Deutschland auch im internationalen Vergleich?

Klar ist: Der technische Fortschritt birgt große Potentiale für die Gesundheitsversorgung, denn viele Innovationen eröffnen Behandlungswege, an die vor Jahren noch nicht zu denken war. Doch neue Ansätze nutzbringend in das bestehende System zu integrieren und eine größtmögliche Teilhabe aller zu gewährleisten, ist eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.

Im Pharmadialog ging es daher auch um die Frage, welchen Stellenwert Innovationen im Gesundheitssystem haben und wie sie mit Blick auf die gesamte Wertschöpfungskette angemessen berücksichtigt werden können. Der Pharmadialog hat uns gezeigt, dass wir nur gemeinsam Antworten finden können. Dann wird es uns gelingen, den aktuell hohen Versorgungsstandard auch langfristig zu halten und international wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Ergebnisse, die wir im April 2016 veröffentlicht haben, sind für uns eine wichtige Leitlinie, um die Rahmenbedingungen am Forschungsstandort Deutschland bedarfsgerecht weiterzuentwickeln.

Dazu gehört zum Beispiel ein stärkeres Engagement der Bundesregierung im Umgang mit Antibiotika-Resistenzen. Wir als BMBF haben uns zum Ziel gesetzt, mit einer neuen  Fördermaßnahme gezielt innovative Ansätze voranzutreiben, die bakterielle Infektionen effektiv bekämpfen können. Dies beinhaltet zum einen neue und vor allem schnellen Diagnostika, die den Einsatz von Breitband-Antibiotika reduzieren und zum anderen innovative Therapieansätze, die gänzlich neue Behandlungsmöglichkeiten gegen multiresistente Keime schaffen. Denn die aktuellen Herausforderungen zeigen: Wir müssen uns auf neue Wege einlassen, alternative Wirkmechanismen erforschen und sie einer Überprüfung im  klinischen Alltag überführen. Im Ergebnis können wir dann womöglich irgendwann einmal hier stehen und eines dieser Projekte mit einem Preis auszeichnen. Das sollte zumindest unser Ansporn sein.

Meine Damen und Herren, die heutige Preisverleihung sollte uns vor allem zweierlei vor Augen halten:

  • Es gibt bereits heute vielfältige innovative Verbesserungen im Versorgungsalltag;
  • Und es mangelt nicht an Nachschub an guten Ideen, vor allem innerhalb der deutschen Forschungslandschaft.

Deshalb ist es nur konsequent, dass mit dem Galenus-von-Pergamon-Preis sowohl die Grundlagenforschung als auch Arzneimittelinnovationen am Markt gewürdigt werden. Dieses Zusammenspiel liegt uns mit Blick auf den Pharmastandort Deutschland am Herzen. Deswegen haben wir uns gefreut, im Rahmen des Pharmadialog einen konstruktiven Austausch mit allen Beteiligten geführt zu haben und ihn auch weiterführen zu können. Wir brauchen solche Räume, um auch schwierige Fragen zu klären: Denn selbstverständlich haben alle Beteiligten unterschiedliche Blickwinkel und nicht immer zu einhundert Prozent deckungsgleiche Interessen.

Das gilt im Übrigen auch für Galenus von Pergamon, dem Namenspatron der Auszeichnungen. Auch er stieß damals mit seinen Ansichten nicht auf uneingeschränkte Zustimmung seiner Zeitgenossen.  Gleichwohl ließ er sich davon nicht beirren und ging seinen Weg. Den Nominierten ist gemeinsam, dass sie sich diesem Ziel ebenfalls verschrieben haben: Innovative, wirksame und nebenwirkungsarme Medikamente zu erforschen und auf den Markt und zum Patienten zu bringen.

Schon jetzt möchte ich daher allen Nominierten für Ihr Engagement danken und zur Ihrer Arbeit gratulieren. Unsere Anerkennung ist Ihnen allen sicher – unabhängig davon, ob Sie heute Abend tatsächlich einen Preis erhalten oder nicht. In jedem Falle hoffe ich sehr, dass Sie gemeinsam mit Ihren Kolleginnen und Kollegen den medizinischen Fortschritt weiter vorantreiben – zum Wohle aller Patientinnen und Patienten, die dringend auf Innovationen angewiesen sind.

Vielen Dank.