„Vernetzte Forschung für intelligente Gesundheitsversorgung“

Rede von Michael Meister, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, beim 1. Netzwerktreffen Gesundheitsforschung des vfa in Berlin

Michael Meister, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, beim 1. Netzwerktreffen Gesundheitsforschung des vfa in Berlin © BMBF / Hans-Joachim Rickel

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Fischer,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

ganz herzlichen Dank für die Einladung zur heutigen Veranstaltung. Das Thema des heutigen Abends liegt dem Bundesministerium für Bildung und Forschung sehr am Herzen. Lassen sich mich gleich zu Anfang betonen: die Gesundheitsforschung wird auch in der neuen Legislaturperiode einen klaren Schwerpunkt der Forschungs- und Förderpolitik des BMBF bilden. Dabei wird der konkrete Nutzen für die Menschen noch mehr in den Mittelpunkt gestellt. 

Das heißt, Patientinnen und Patienten sollen zukünftig noch unmittelbarer und schneller von den Erfolgen der Forschung profitieren. Denn medizinische Forschung nützt den Menschen dann, wenn das, was in der Wissenschaft an neuen Produkten und Anwendungen erfunden wird, seinen Weg in die medizinische Versorgung findet. Nur so kann die Lebensqualität und die Gesundheit der Menschen spürbar verbessert werden. 

Ich habe mich im Vorfeld zur heutigen Veranstaltung gefragt, wie man intelligente Gesundheitsversorgung definieren kann.

Vielleicht so: In der Zukunft sollte jeder Patientin und jedemPatienten dierichtige Diagnose und richtigeTherapie zum richtigenZeitpunkt zur Verfügung stehen. Gleichzeitig sollte intelligente Gesundheitsversorgung auch bedeuten, dass Krankheiten aktiv vorgebeugt und Gesundheit erhalten wird.

85 Prozent der Menschen in Deutschland haben einer Umfrage zufolge nichts an der medizinischen Versorgung im Land auszusetzen. Brauchen wir dann überhaupt eine bessere, eine intelligente Versorgung? Ich meine ja, wir brauchen den Fortschritt angesichts der großen Herausforderungen vor denen wir stehen – und ich nenne nur einige:

  • Wir werden immer älter – dank der sehr guten Gesundheitsversorgung in Deutschland.Deutschland hat im Schnitt nach Japan die zweitälteste Bevölkerung der Welt. In diesem Zusammenhang spielen beispielsweise Demenzerkrankungen eine Rolle.
  • Volkskrankheiten und Mehrfacherkrankungen nehmen zu. Da kämpfen Menschen vielleicht nicht nur mit Diabetes, sondern beispielsweise auch noch mit einer Herzerkrankung.
  • Infektionskrankheiten bedrohen in zunehmendem Maße wieder unsere Gesundheit. Die Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen ist ein zentrales Thema für die nationale, aber auch globale Gesundheitspolitik.

Die Gesundheitsforschung kann hier wichtige Beiträge zur Überwindung dieser Herausforderungen leisten, zum Beispiel indem Krankheitsursachen besser verstanden oder Angriffspunkte für neue Medikamente entdeckt werden.

Gleichzeitig haben sich die technischen Möglichkeiten enorm weiterentwickelt. Die Medizin steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Bahnbrechende Entwicklungen in Forschung und die Digitalisierung ermöglichen die Erhebung, Auswertung und Nutzung riesiger Datenmengen. Digitalisierung und Personalisierung sind der Schlüssel dazu, Prävention, Diagnose und Therapie passgenau auf die Patientinnen und Patienten auszurichten. 

Um dies zu erreichen, müssen sich Forschung und Versorgung stärker miteinander vernetzen und das vorhandene Wissen besser nutzen. Denn die Grundlagen für den tiefgreifenden Wandel der Medizin werden in Wissenschaft und Forschung gelegt. Wir haben in Deutschland hierfür hervorragende Voraussetzungen. Es gibt hierzulande ein dichtes Netz an Universitäten und Forschungseinrichtungen sowie viele aktiv forschende kleine und große Unternehmen der Gesundheitswirtschaft. Wir müssen allerdings besser darin werden, Innovationen auch in die medizinische Praxis zu bringen. Dies kann nur gelingen, wenn wir eine ausgeprägte Kultur der Zusammenarbeit haben:

  • Innerhalb der Wissenschaft zwischen Forschenden aus verschiedenen Disziplinen,
  • innerhalb der Wirtschaft zwischen Akteuren aus verschiedenen Branchen.
  • Darüber hinaus benötigen wir aber auch die Vernetzung von Wissenschaft, Wirtschaft und weiteren Akteuren wie regulatorischen Behörden, Krankenkassen und Patientenverbänden.

Das BMBF hat für diese Vernetzung in den letzten Jahren wichtige Weichen gestellt. Mit den Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung ist es uns gelungen, zu sechs großen Volkskrankheiten universitäre und außeruniversitäre Partner zusammenzubringen. In den deutschen Zentren werden nicht nur verschiedene exzellente Einrichtungen aus ganz Deutschland vernetzt. Vielmehr arbeiten auch Akteure unterschiedlicher Phasen der Translation von der frühen Grundlagenforschung bis in die Klinik langfristig miteinander zusammen. Gemeinsames Ziel ist es, den Erkenntnisgewinn vom Labor zum Krankenbett und wieder zurück zu beschleunigen. Die Akteure profitieren von dem direkten Austausch untereinander, den es vor den deutschen Zentren in dieser Form in Deutschland nicht gab.

Um Translation erfolgreich zu gestalten und einen effektiven Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die industrielle Forschung und Entwicklung zu ermöglichen, brauchen wir Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Ein Beispiel hierfür ist die vom BMBF geförderte Zusammenarbeit in Forschungsprojekten früher Entwicklungsphasen.

Nun ist Vernetzung kein Zustand, sondern ein Prozess. Wir wissen, dass es bei der Effizienz der Translation und der Zusammenarbeit der Akteure noch Luft nach oben gibt. Deshalb hinterfragen wir stets unsere Förderpolitik: Was können wir gut? Wo müssen wir uns verbessern? Hier müssen wir uns mit den Akteuren austauschen. 

Im „Pharmadialog“ diskutieren wir diese Fragen ausgiebig mit Vertreterinnen und Vertretern der Bundesministerien für Gesundheit, für Wirtschaft und für Forschung, der Arzneimittelhersteller, der Wissenschaft, der Verbände und der Behörden. 

Wir haben weiter mit dem „Forum Gesundheitsforschung“ einen Dialog zwischen Wirtschaftsunternehmen, deutschen Forschungsorganisationen und der Universitätsmedizin angeregt. In dem Forum wurden Antworten auf die wichtigen Fragen gesucht: Wie können wir die Translation in der Gesundheitsforschung vorantreiben? Wie können wir die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft noch weiter verbessern? 

Der „Pharmadialog“ und das „Forum Gesundheitsforschung“ haben uns viele Empfehlungen auf den Weg gegeben. Einige greifen wir in der „Nationalen Wirkstoffinitiative“ auf. Die Erforschung neuer Wirkstoffe ist eine entscheidende Voraussetzung für den medizinischen Fortschritt. Wer sich mit dem Innovationsprozess von neuen Medikamenten beschäftigt, der weiß: Die gute Idee allein ist es nicht, die aus einem Forschungsergebnis am Ende eine Therapie für Patientinnen und Patienten werden lässt. Wenn die Zulassung für den Markt erfolgt, dann war es letztlich ein Gemeinschaftsprojekt vieler Beteiligter. Dieser so notwendige Austausch der Beteiligten aus der Wissenschaft und der Industrie wird im Rahmen der „Nationalen Wirkstoffinitiative“ unterstützt. 

Damit die vielen guten Ideen aus der deutschen Wirkstoffforschung bei Patientinnen und Patienten ankommen, wünschen wir uns noch mehr strategische Partnerschaften zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. 

Wir möchten als BMBF die Idee des „Forums Gesundheitsforschung“ für ein Translationsprogramm aufgreifen und gemeinsam mit der Industrie ein neues Programm für die Wirkstoffentwicklung starten. In diesem Programm sollen  Forschungsansätze zu neuen Wirkstoffen aus dem akademischen Umfeld gefördert und professionell bis zur Übergabe an die Industrie weiterentwickelt werden.  Die Umsetzung eines solchen Programms wird gerade im BMBF geprüft.Ich bitte Sie, das BMBF zu unterstützen, so dass wir mit dem geplanten Programm gemeinsam neue Wege gehen können.

Meine Damen und Herren,

ich möchte noch einmal auf die intelligente Gesundheitsversorgung zurückkommen. Die Digitalisierung bietet uns herausragende, noch nie dagewesene Möglichkeiten für die Gesundheitsversorgung. 

Die Menge an gesundheitsrelevanten Daten wächst kontinuierlich: Einige von Ihnen nutzen vielleicht tragbare Geräte, um Ihren Puls zu messen oder Ihre Schritte zu zählen. 

Bei jedem Arztbesuch und bei jedem Krankenhausaufenthalt werden medizinische Daten erhoben, z. B. Blutwerte, Röntgenbilder oder der Blutdruck. Vor einigen Jahren noch undenkbar, können heutzutage routinemäßig Genomanalysen durchgeführt werden. Wir haben also eine Fülle von medizinischen Daten, die jeden Tag in der Forschung und in der Versorgung entstehen. 

Nur: diese gewaltigen Datenmengen müssen ausgewertet und verknüpft werden, damit wir Zusammenhänge besser verstehen, damit daraus ein Bild über Gesundheit und Krankheit entsteht. Hier setzt die „Medizininformatik-Initiative“ des BMBF an. 

Mit dieser Initiative wollen wir die Vernetzung von Forschung und Krankenversorgung stärken. Ziel ist es unter anderem, digitale Infrastrukturen an Universitätskliniken zu etablieren. So können Daten und Wissen zwischen Versorgung und Forschung an verschiedenen Standorten ausgetauscht werden. In den geförderten Konsortien der Medizininformatik-Initiative wird die enge Zusammenarbeit unterschiedlicher Berufsgruppen in Krankenhaus und Forschung Realität: 

Pharmazeuten, Ärzte und Labormediziner arbeiten eng mit IT-Fachleuten aus Firmen, mit Medizininformatikern und Spitzenforschern zusammen. Sie arbeiten an neuen IT-Lösungen und an der konkreten Erprobung in der Praxis. Und daran, dass wir auch bei Datenschutz und Datensicherheit die bestmöglichen Lösungen finden.

Ein Element der intelligenten Gesundheitsversorgung ist die Gesunderhaltung und Prävention. Deswegen fördern wir die Präventionsforschung. Die Leitfrage dabei lautet: Wie können wir es schaffen, jeden einzelnen Menschen zu motivieren, sich gesundheitsbewusst zu verhalten? Denn Prävention muss den Menschen in seinem individuellen Alltag abholen, um wirkungsvoll zu sein.

Meine Damen und Herren,

Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass die systematische und angemessene Einbindung von Patientinnen und Patienten in die Maßnahmen zur Gesundheitsforschung gelingt und ausgebaut wird. Ich hatte eingangs erwähnt, dass die Gesundheitsforschung auch in Zukunft ein Schwerpunkt der Aktivitäten unseres Hauses bilden wird. 

Wir arbeiten gerade an unserer neuen Forschungsstrategie, dem Rahmenprogramm Gesundheitsforschung, das Anfang 2019 in Kraft treten wird. Lassen Sie mich einige Elemente dieses neuen Rahmenprogramms skizzieren:

  • Wir wollen stärker als bisher Patientinnen und Patienten in den Blick nehmen. 
  • Wir wollen unsere Forschungspolitik weiter gezielt auf die Translation ausrichten, damit innovative Anwendungen in die Versorgungspraxis kommen. 
  • Wir wollen weiter für eine Vernetzung entlang der Akteurskette von Gesundheitsforschung und 
    -versorgung sorgen und Anreize für mehr Kooperation zwischen Wissenschaft und Industrie schaffen. 
  • Und wir wollen Forschenden bundesweit Zugang zu modernsten Technologieplattformen ermöglichen. Ziel ist, dass die Innovationstreiber der modernen Medizin – Personalisierung und Digitalisierung – zu neuen Produkten und Anwendungen führen, die die Gesundheit und Lebensqualität der Menschen nachhaltig verbessern.

Meine Damen und Herren,

Ich freue mich, dass die heutige Veranstaltung Akteure aus Politik, Wissenschaft, Versorgung, Industrie und Gesellschaft zusammenbringt. Denn ich bin überzeugt, dass wir auf dem Weg zur intelligenten Gesundheitsversorgung national und zum Wohle der Patientinnen und Patienten nur weiterkommen, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen und gemeinsam an Lösungen arbeiten.

Vielen Dank!