"Viele idealistische Tüftler haben ein geniales Spezialwissen"

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka über gut vernetzte Bürgerwissenschaftler, falsche Erwartungen und darüber, was Citizen Science für die Forscher bedeutet. Ein Interview mit der "Zeit" vom 19. Mai 2016

Bundesministerin Johanna Wanka © BMBF/Hans-Joachim Rickel

DIE ZEIT: Frau Ministerin, waren Sie auch mal Freizeitforscherin, bevor Sie Mathematikprofessorin wurden?

Johanna Wanka: Meine Liebe galt immer der Literatur und der Natur. Aber zu DDR-Zeiten war es ja nicht erlaubt, so ein Interesse organisiert zu vertiefen. Selbst Briefmarkensammler wurden kontrolliert. Dabei hätten Bürgerwissenschaftler einiges herauskriegen können.

DIE ZEIT: Was zum Beispiel?

Wanka: In unserer Chemieregion Leuna-Buna-Bitterfeld waren die Statistiken über Atemwegserkrankungen zum Beispiel alle unter Verschluss. Wenn da Eltern die Krankheitsdaten ihrer Familien ausgewertet hätten… Auch mein Mann ist Allergiker geworden in der Region, nach der Wende kam belastbar ans Licht, dass er nicht der einzige war. Erst nach ´89 gab es im Osten auch eine regelrechte Bewegung der Heimatforschung.

DIE ZEIT: Ganz neu sind Geschichtswerkstätten, Wissenschaftsläden oder private Schmetterlingsforscher ja nicht. Warum kommt Citizen Science so in Mode?

Johanna Wanka: Menschen, die sich als Forscher engagieren, hat es schon immer gegeben. Aber durch die neuen Kommunikationstechnologien bekommt diese ehrenamtliche Arbeit eine größere Dimension. Der schnelle Datenaustausch ermöglicht eine viel bessere Vernetzung der Bürgerwissenschaftler, untereinander und auch mit Universitäten und Forschungsinstituten.

DIE ZEIT: Die Zahl solcher Kooperationen zwischen privaten und professionellen Forschern steigt laufend. Warum will auch Ihr Forschungsministerium sie künftig fördern?

Wanka: Weil immer mehr Menschen das Bedürfnis haben, Politik und Wissenschaft mit zu gestalten. Umgekehrt können auch die Wissenschaftsprofis der Zivilgesellschaft mehr über die Chancen und Risiken in der Forschung vermitteln und die Ideen der Bürger nutzen, wenn beide gemeinsam in Projekten arbeiten. Citizen Science ist ein Win-Win-Projekt – wenn man das richtig steuert.

DIE ZEIT: Wie denn?

Wanka: Wir unterstützen die Plattform »Bürger schaffen Wissen«. Dort kann sich jeder über konkrete Projekte informieren. Derzeit planen wir eine spezielle Förderung für Forschungsvorhaben, die Ehrenamtliche einbeziehen und gesellschaftlich relevanten Fragestellungen nachgehen.

DIE ZEIT: Ist denn die Arbeit von Laien professionell genug?

Wanka: Gerade über dieses Zusammenspiel von Laien und Profis wollen wir in den Projekten mehr lernen.

DIE ZEIT: Es wird als Form der Partizipation angepriesen. Ist das nicht allzu hochtrabend, da Ehrenamtliche vor allem als Daten-Sammler eingespannt werden?

Wanka: Wenn Leute melden, dass sie drei seltene Vögel entdeckt haben, dann tragen sie durchaus etwas bei. Aber darüber hinaus haben sich viele idealistische Tüftler ein geniales Spezialwissen erarbeitet, und das sollen sie auch einbringen, wenn die Forschungsfragen entwickelt werden. Allerdings: Auch die Grenzen solcher Beteiligung müssen ganz klar sein.

DIE ZEIT: Wo ziehen Sie die?

Wanka: Die Freiheit der Grundlagenforschung darf nicht beschränkt werden, ebenso wenig die des einzelnen Wissenschaftlers. Vor allem dürfen wir nicht die falsche Erwartung wecken, dass jetzt jeder über große Geldflüsse in der gesamten Forschungsagenda mit bestimmen kann.

DIE ZEIT: Genau dort mitsprechen will die Plattform Forschungswende, ein Zusammenschluss von Umweltforschern, Entwicklungsorganisationen, Sozial- und Verbraucherverbänden. Eine Art nächste Stufe von Citizen Science. Was haben Sie dagegen?

Wanka: Über langfristige Prioritäten zu entscheiden, ist Aufgabe von Parlament und Regierung. Wo müssen wir heute ansetzen, um für übermorgen gerüstet zu sein? Antworten auf diese Frage müssen die gewählten Volksvertreter und die Bundesregierung geben – Bürgerinnen und Bürger sollten auf dem Weg dahin aber ihre Ideen und Meinungen einbringen. Wenn wir große Geldflüsse Einzelinteressen und Emotionen überließen, gäbe es Vieles in der Forschung bald nicht mehr.

ZEIT: Woran denken Sie?

Wanka: An die Fusionsforschung. Oder die grüne Gentechnik. Die haben wir fast schon verloren, und jetzt drohen auch die faszinierenden Möglichkeiten, die sich zum Beispiel mit Genom-Editierung für medizinische Therapien eröffnen, durch wenig faktenreiche Panikmache kaputt gemacht zu werden.

DIE ZEIT: Bei dieser neuen Gentechnik gibt es durchaus fachliche Kontroversen.

Wanka: Begründete Sorgen und Ängste muss man ernst nehmen. Aber es reicht nicht, mal im Fernsehen einen Film gesehen zu haben.

DIE ZEIT: Die Forschungswende-Leute argumentieren, die Industrie nehme großen Einfluss. Daher gebe es für Pharmaprojekte eher Geld als für Betreuungsnetze, für neue Autos eher als für Nahverkehrssysteme. Hightech statt sozialer Innovationen, ist da was dran?

Wanka: Nein, das ist so eine Standardbehauptung, die einfach nicht stimmt. Zukunftsdialoge zu Gesundheit, Digitalisierung oder Mobilität, bei denen interessierte Bürger mitreden können – das machen wir längst. Vertreter der Zivilgesellschaft beraten auch in der Energieforschung mit oder darüber, wie die Hightech-Strategie umgesetzt werden soll, in der soziale Innovationen übrigens eine wichtige Rolle spielen.

DIE ZEIT: Johannes Vogel, der Leiter des Berliner Naturkundemuseums, ist eine treibende Kraft hinter der neuen Bewegung, vor allem bei der Erforschung der Artenvielfalt. Er meint, Citizen Science werde eine ganz neue Wissenschaftskultur schaffen. Hat er damit Recht?

Wanka: Wenn die Wissenschaft sich für die Gesellschaft öffnet, wird das Auswirkungen auf die Forscher haben und auch darauf, wie ihre Ergebnisse kommuniziert werden. Aber gleich eine neue Kultur? Da ist Herr Vogel wohl schon weiter als ich.

Das Gespräch führte Christiane Grefe.