Vier Thesen – Impulse für die Wissenschaftskommunikation

Impulsvortrag vom Parlamentarischen Staatssekretär Stefan Müller beim 7. Forum Wissenschaftskommunikation am 9. Dezember 2014 in Potsdam  

Stefan Müller, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung
Stefan Müller, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Wissenschaftskommunikation hat offenbar Hochkonjunktur! Lange hat es hierzu nicht so viel angeregte Diskussionen gegeben wie in den vergangenen Monaten: In Internetforen oder auch in der Presse gab es eine Menge zum Thema zu lesen. Beispielhaft seien der Siggener Aufruf und die Stellungnahme der Akademien genannt.

Mein Eindruck ist, dass in der Gesellschaft die Erkenntnis gereift ist: „Wissenschaft und Forschung gehen uns alle an.“ Das zeigt zum Beispiel das große Interesse an den Veranstaltungen, die das BMBF in diesem Jahr im Rahmen des Wissenschaftsjahres durchgeführt hat. Die Menschen spüren, dass die Wissenschaft inzwischen sehr viele Bereiche des privaten, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens prägt. Wir leben nicht nur in einer Wissensgesellschaft, sondern in einer Wissenschaftsgesellschaft. Der Wissenschaftskommunikation kommt deshalb eine zentrale Rolle zu.

Die Ausgangslage für die Wissenschaftskommunikation ist jedenfalls gut: Grundsätzlich erkennen viele Bürgerinnen und Bürger längst an, dass Wissenschaft und Forschung für unseren Wohlstand und damit letztlich für das Wohl unserer Gesellschaft insgesamt eine große Bedeutung haben. So haben bei einer repräsentativen Umfrage, dem von Wissenschaft im Dialog in Auftrag gegebenen Wissenschaftsbarometer 2014, im Sommer dieses Jahres immerhin 53 Prozent der Befragten gesagt, dass die Ausgaben für Forschung wenn möglich nicht gekürzt werden sollten – auch dann nicht, wenn die Staatsausgaben insgesamt reduziert werden müssten. Und immerhin noch ein Drittel der befragten Personen hatte in dieser Umfrage angegeben, ihr Interesse an wissenschaftlichen Themen sei allgemein „sehr groß“ oder „eher groß“.

Das ist doch schon mal eine gute Grundlage für Sie alle, die in der Wissenschaftskommunikation oder in benachbarten Gebieten arbeiten. Lassen Sie mich nun die Bedingungen, die nach meiner Ansicht für eine gelingende Kommunikation entscheidend sind, in vier Thesen darlegen.

These 1: Wissenschaftskommunikation braucht Forscher, Kommunikatoren und Journalisten. Aber die Gewichtung zwischen den Bereichen verschiebt sich. Der Journalismus wird schwächer, es gibt mehr und immer professionellere Kommunikatoren – aber leider immer noch zu wenige Forscher, die sich aktiv um Wissenschaftskommunikation kümmern.

Es ist unbestritten, dass sich der Journalismus in einem Umbruch befindet. Mehrere Verlage suchen nach einem Miteinander von Print und Online, das am Markt in Zukunft Bestand haben kann. Denken Sie nur an die Diskussionen im Springer-Verlag oder an die Auseinandersetzungen um die künftige Verlagsstrategie vom Spiegel. Solange für die Verlage wirtschaftlich noch kein nachhaltiger Erfolg in Sicht ist, steht auch der Wissenschaftsjournalismus weiter unter Druck. Erst im vergangenen Jahr wurde zum Beispiel ein Projekt des Spiegel-Verlags nach nur einem halben Jahr eingestellt: die deutsche Ausgabe des New Scientist.

Immer mehr Konkurrenz macht dem Journalismus auch, dass Wissenschaftskommunikatoren und auch die Forscher selbst auf sehr unterschiedlichen Kanälen über Wissenschaft berichten. Dies geschieht über die sozialen Medien ebenso wie über besonders erfolgreiche Formate der Wissenschaftskommunikation wie zum Beispiel die populären Science Slams. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wenden sich selbst vermehrt über das Social Web an die Bürger, starten ihre eigenen Blogs und setzen so die Redakteure klassischer Medien zunehmend unter Druck. Der Journalismus muss sich dieser Entwicklung stellen!

Schließlich nimmt der Aufwand, der für Wissenschaftskommunikation betrieben wird, unübersehbar zu – und nach meiner Beobachtung insgesamt auch die Professionalität. Der Trend ist klar: Es stehen immer mehr Pressesprecher und immer mehr Öffentlichkeitsarbeiter immer weniger Redakteurinnen und Redakteuren gegenüber; vor allem denjenigen, die sich noch über eine Festanstellung freuen können.

Der Beruf der Wissenschaftsjournalistin und des Wissenschaftsjournalisten hat sich allerdings weiter professionalisiert. Mehrere Studienangebote haben sich etabliert. Außerdem gibt es diverse Fortbildungsangebote, die auf den Wissenschaftsjournalismus vorbereiten.

Und auch jenseits der Wissenschaftsjournalisten und der Wissenschaftskommunikatoren hat sich viel getan: Neue Initiativen und Akteure treten in Erscheinung. Es gibt in fast allen großen Städten „Nächte der Wissenschaften“, eine Vielzahl an Science Centern und Technikmuseen sowie Initiativen wie das Haus der kleinen Forscher oder Kinderuniversitäten.

Potenzial für noch mehr Kommunikation gibt es aus meiner Sicht vor allem bei den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern selbst: Während einige bereitwillig mit einer breiten Öffentlichkeit sprechen, halten sich andere bei der Kommunikation noch lieber zurück. Dabei sollten sich noch mehr Forscherinnen und Forscher in der Kommunikation engagieren – und diese Tätigkeit durchaus auch als Teil ihres Jobs begreifen.

Das BMBF fördert das Engagement von Wissenschaftlern auf dem Gebiet der Wissensvermittlung übrigens mit der Forschungsbörse. Hierbei geht es darum, Wissenschaftler dazu zu bringen, über ihre Arbeit in Schulklassen zu berichten. Die Forschungsbörse tut dies erfolgreich seit fünf Jahren – zu finden im Internet unter www.forschungsboerse.de.

These 2: Wissenschaftskommunikation kann nur erfolgreich sein, wenn das Forschungsmarketing / die PR in den Hintergrund tritt und ein ernst gemeinter und transparenter Dialog gelingt.

Sie kennen alle den Einwand, es gehe bei Ihrer Arbeit vor allem darum, Ihre Forschungsorganisation, Ihr Institut, Ihre Universität oder Ihr Unternehmen in einem guten Licht dastehen zu lassen – Sie würden also vor allem in Sachen Marketing unterwegs sein. Dagegen lässt sich immerhin einwenden, dass es ja längst zahlreiche Bemühungen gerade aus Ihren Kreisen gibt, die Wissenschaftskommunikation institutionenübergreifend zu verbessern.

Der eingangs erwähnte Siggener Aufruf ist ein Beispiel für solch ein Engagement. Hier wurden unter anderem Leitlinien für gute Wissenschaftskommunikation erarbeitet. Dennoch hat natürlich auch Marketing seine Berechtigung. Wichtig scheint mir dabei zu sein, immer transparent zu machen, was Sie tun.

Wenn Sie für Ihren Arbeitgeber Marketing betreiben, dann verschleiern Sie das nicht – sondern tun Sie dies auch nach außen hin nachvollziehbar. So erhöhen Sie Ihre Glaubwürdigkeit! Entscheidend ist aber letztlich, nicht nur PR zu betreiben, sondern vor allem, dass der Nutzen des Projektes, das Sie kommunizieren, für Ihre Adressaten deutlich und nachvollziehbar wird.

These 3: Der Dialog mit den Bürgern muss früh begonnen werden, Ziele und Möglichkeiten klar benannt werden. Wissenschaftskommunikation muss auf hohe Qualitätsstandards achten.

Zur Qualität in der Wissenschaftskommunikation gehört auch, dass Methoden bzw. Formate regelmäßig überprüft und weiterentwickelt werden. Die Formate müssen in einer Gesamtschau ein breites Spektrum abdecken: Für jede und jeden sollte etwas dabei sein. Einfach gesagt: Letztlich muss die Wissenschaftskommunikation innovativ bleiben! Lassen Sie mich an einem Beispiel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung darlegen, wie ein erfolgreicher Dialog aussehen kann.

Jeder Dialog muss früh beginnen; Ziele, Möglichkeiten und Grenzen müssen von Beginn an klar benannt werden. Dieser Grundsatz gilt genau so für ein Ministerium wie für eine Hochschule oder ein Unternehmen. Um es ganz deutlich zu sagen: Es darf nicht darum gehen, bestimmte Sichtweisen „durchzudrücken“. Wenn die Menschen den Verdacht hegen, dass es nur um Akzeptanzbeschaffung geht, dann steigen sie früher oder später aus.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat in der vergangenen Legislaturperiode die Bürgerdialoge Zukunftsthemen entwickelt und umgesetzt. Jeder dieser Bürgerdialoge bestand aus mehreren Bürgerkonferenzen an unterschiedlichen Standorten, bevor der Dialog mit einem großen Bürgergipfel und dem gemeinsamen Erarbeiten des Bürgerreports in Berlin seinen Abschluss fand. Die Themen dieser Bürgerdialoge orientierten sich an interdisziplinären, für die Zukunft wichtigen Forschungsthemen: Hightech-Medizin, Energietechnologien für die Zukunft sowie der Demografische Wandel.

Nach einer vom Zentrum für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung (ZIRIUS) im Auftrag des BMBF durchgeführten Evaluation des Bürgerdialogs waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit den Möglichkeiten sich einzubringen, prinzipiell zufrieden: 80 Prozent der Bürgerinnen und Bürger fanden ihre Meinung im Ergebnis wieder.

Angeregt wurde aber auch, dass von vornherein deutlicher werden müsse, wie die Ergebnisse nach dem Dialog verwertet werden. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass Bürger sich als Teil einer politischen Inszenierung sehen – so lautete eine durch einige Teilnehmer geäußerte Befürchtung.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung wird nach den Veranstaltungen in der vergangenen Legislaturperiode den Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern fortsetzen und dafür neue Formate entwickeln. Wir werden im Rahmen der Wissenschaftsjahre den Anteil der Dialogformate kontinuierlich erhöhen. Dies wird im Wissenschaftsjahr 2015 – Zukunftsstadt insbesondere über einen Städtewettbewerb erfolgen.

Doch wir setzen auch in anderen Bereichen auf mehr Bürgerbeteiligung:

  • Etwa mit der Forschungsinitiative zum gesellschafts- und umweltverträglichen Umbau des Energiesystems.
  • Eine grundlegend neue Dialogreihe der Bundesregierung bereiten alle Ressorts gemeinsam vor – unter Federführung des Bundeskanzleramtes. Thematisch geht es um „Gut leben in Deutschland – was uns wichtig ist“: Im nächsten Jahr sollen in rund 100 Dialog-Veranstaltungen im ganzen Land Bürger und Experten über Lebensqualität in allen Dimensionen diskutieren.
  • Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt zudem die Bürgerforschung – oder neudeutsch: Citizen Science – in zwei Förderprojekten: Zum einen finanzieren wir – gemeinsam mit dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft – die Internet-Plattform buergerschaffenwissen.de. Zum anderen finanzieren wir eine Dialogreihe – mit dem Ziel, über die stärkere Vernetzung und einen intensiven Austausch ein gemeinsames Verständnis von Citizen Science sowie einen Leitfaden zu entwickeln.

Worum es uns geht, ist die Bürger vom Zuschauer zum Akteur zu machen. Dann ändert sich nämlich fast immer auch das Verständnis, dass die Bürger für wissenschaftliche Prozesse und ihre Charakteristika aufbringen. Neugier wird zum eigenen Antrieb. Risikobereitschaft einerseits, Ausdauer andererseits wird gebraucht.

These 4: Ziel der Wissenschaftskommunikation muss es sein, noch stärker in die Breite zu gehen. Forschung sollte im besten Fall ein Thema sein, das die Menschen so stark interessiert wie z.B. Arbeits- und Sozialpolitik.

Wissenschaftskommunikation sollte sich bei der Auswahl der Themen auch an solchen Kriterien orientieren, die für eine möglichst große Verbreitung sprechen. Diese Kriterien könnten zum Beispiel sein:

  • Relevanz für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik
  • Aktualität, Bezüge zu nachrichtlichen „Großwetterlagen“
  • Nutzen der Wissenschaft für die Gesellschaft sollte gut vermittelbar sein
  • starke Akteure auf dem Gebiet, die sich an der Kommunikation beteiligen

Zum Thema Reichweite gehört auch das Stichwort Digitalisierung. Innerhalb von  wenigen Jahren haben sich die Kommunikationsgewohnheiten radikal verändert. Das Internet ist zu dem Ort geworden, wohin sich Politik und Gesellschaft zunehmend verlagern. Das Digitale wird das Analoge zwar niemals ganz verdrängen. Das direkte Gespräch zwischen Menschen bleibt wichtige Grundlage für Kommunikation. Kein Online-Parlament kann den Bundestag ersetzen. Entscheidend wird also der richtige Mix von digitaler und analoger Kommunikation sein.

Last but not least: Wissenschaftskommunikation benötigt Orte, an denen sie stattfindet. Das sind reale regionale (oder auch digitale) Stätten des Austausches. Das kann ein zentraler Punkt der Begegnung sein, wie es ihn mit dem Haus der Zukunft in Berlin ab dem Jahr 2017 geben wird: Mitten im Herzen der Hauptstadt, nur wenige Schritte vom Hauptbahnhof entfernt, wird dieser einzigartige Ort für Ausstellungen und für den Dialog entstehen. Politik, Wissenschaft und Wirtschaft werden dort mit Bürgerinnen und Bürgern zusammen kommen. Mit außergewöhnlichen und innovativen Ausstellungen und Veranstaltungen soll das Haus der Zukunft die Welt von Morgen erfahrbar machen und Menschen jeden Alters motivieren, sich mit Forschungsthemen zu beschäftigen.

Lassen Sie mich zusammenfassen: Die Landschaft in der Wissenschaftskommunikation verändert sich. Darauf müssen sich alle Akteure einstellen. Wissenschaftskommunikation soll erklären und verständlich machen. Das geht über reine PR hinaus. Dialog mit der Öffentlichkeit ist zunehmend wichtiger geworden. Dafür braucht es neue Formate und auch andere Orte. Unser Ziel muss es sein, dass Themen aus Wissenschaft und Forschung in der Breite der Bevölkerung ankommen. Daran sollten wir gemeinsam weiterarbeiten.