Vom Braunkohleabbau zu Hightech

Görlitz bekommt ein neues Forschungszentrum. "Mit dem CASUS-Zentrum unterstützen wir auch den Strukturwandel", sagt Ministerin Karliczek. "Wir investieren in Innovationen, damit Deutschland, damit Sachsen, auch in Zukunft stark sein kann."

Schlüsselübergabe für das neue Forschungszentrum: "CASUS wird zeigen, welche Chancen in der Digitalisierung für unsere Gesellschaft liegen", sagt Ministerin Karliczek. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Wo soll das neue Forschungszentrum entstehen? Das zeigt Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer Bundesministerin Karliczek auf dem Stadtmodell.

© BMBF/Hans-Joachim Rickel

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek (MdB) anlässlich der Eröffnung des CASUS-Zentrums für datenintensive interdisziplinäre Systemforschung am 27. August 2019 in Görlitz.

Es gilt das gesprochene Wort.

Lieber Michael Kretschmer, sehr geehrter Herr Ursu, sehr geehrter Herr Gronicz, sehr geehrte Frau Mierzynska, liebe Frau Stange, liebe Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich freue mich heute bei Ihnen zu sein, in dieser wunderschönen Stadt. Einer Stadt, auf die kürzlich die Blicke der halben Welt gerichtet waren, als Sie, lieber Herr Ursu, zum Bürgermeister gewählt wurden.  Die Wahl hat gezeigt, dass diejenigen in der Mehrheit sind, die unser Land gestalten und nach vorne bringen wollen. Die Menschen in Görlitz wollen den Zusammenhalt, sie wollen nach vorne schauen, in die Zukunft gehen. Für diesen Weg steht auch CASUS.  Ich freue mich, dass ich den Schlüssel dafür gerade übergeben konnte. Wenn auch erst mal nur symbolisch. Dieses großartige neue Forschungszentrum wird ein Leuchtturm wissenschaftlicher Exzellenz sein, ein Magnet für IT-Experten und Mathematiker, für Forscherinnen und Forscher aus der ganzen Welt. Mit zehn Millionen Euro wird der Bund die erste Projektphase fördern. Forschung für die digitale Zukunft – das ist unsere oberste Priorität!

Meine Damen und Herren,

mit CASUS ist nichts weniger verbunden als eine Vision: Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit werden wir die Möglichkeit schaffen, große, vernetzte Systeme zu verstehen und zu meistern:

  • in der Erdsystemforschung,
  • der Systembiologie
  • oder der Materialforschung

Forscherinnen und Forscher können an CASUS die Komplexität unserer Umwelt und unseres Lebens abbilden. Mit Hilfe riesiger Datenmengen – und dank moderner digitaler Technologien.

  • Was können wir über den mikroskopischen Aufbau einzelner Moleküle, Zellen und Proteine lernen – um so zum Beispiel den Krebs besser zu bekämpfen?
  • Wie können wir atomare Prozesse verstehen und kontrollieren – um so zum Beispiel neue Materialien zu entwickeln?
  • Wie machen wir autonomes Fahren sicherer?
  • Welche Auswirkungen wird der Klimawandel in fünfzig Jahren haben?

Solche Fragen sind es, um die es an CASUS künftig geht. Sie sind nicht nur für die Wissenschaft von hoher Relevanz. Sie werden auch unseren Alltag erleichtern. Mit datenintensiven Hochleistungsrechnern, maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz wird hier in Görlitz Wissen entstehen, das für unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft von allergrößtem Interesse ist. Es ist ein Wissen, das dem Menschen dient!

Meine Damen und Herren,

CASUS wird ein offenes Zentrum sein, eine Stätte der Begegnung, an der sich etablierte Forschungsinstitutionen mit neuen Partnern zusammentun, an der Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen zusammenarbeiten, forschen, denken, handeln. Über Grenzen hinweg, in jeder Hinsicht.

Hier in Görlitz wird der Nukleus geschaffen. Du, lieber Michael, hast Dich für diesen Standort eingesetzt und viele Menschen von CASUS überzeugt. Das wir hier heute sind, ist ganz besonders Dein Erfolg. Und deshalb bin ich auch gern gekommen. Görlitz und Zgorelec liegen im Herzen Europas. Sie bilden eine Brücke zwischen Regionen und Nationen, zwischen Ost und West. Ich grüße darum besonders herzlich Rafal Gronicz, den Bürgermeister aus Zgorelec. Ich freue mich, dass Sie heute dabei sind. Schon jetzt, in der Aufbauphase, arbeiten an CASUS die Bigshots der Region zusammen: Institute von Helmholtz, Max-Planck, die TU Dresden. Besonders freut mich, dass auch die Universität Breslau dabei ist. Eine Kooperation mit weiteren polnischen Partnern ist geplant. Mit CASUS blicken wir weit über die Neiße hinaus – und freuen uns auf die vielen neuen Chancen, die sich daraus ergeben!

Meine Damen und Herren,

an Ländergrenzen machen die drängenden globalen Herausforderungen nicht halt.

  • Nur gemeinsam,

nur durch Kooperation entstehen neue Lösungen.

  • Nur gemeinsam können wir die Wettbewerbsfähigkeit Europas sichern.
  • Nur gemeinsam können wir die Potenziale der digitalen Zukunft ausschöpfen.

Das gilt in besonderem Maße für innovative Methoden aus der Mathematik, für Modellierung und Simulation - und für die Computer- und Datenwissenschaften.  Und das gilt auch für die Künstliche Intelligenz, mit deren Hilfe die großen Datensätze auch hier am CASUS effizient analysiert und optimal interpretiert werden können. Forschung und Entwicklung rund um die KI sind entscheidend für die Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft.  Dabei geht es nicht einfach darum, mit den anderen mitzuhalten. Wir müssen die Entwicklung selbst entscheidend voranbringen:  Nur wer Innovationstreiber ist, wird in Zukunft seinen Wohlstand, seinen politischen Einfluss und seine eigenen Werte bewahren können. Wir in Europa müssen ein solcher Innovationstreiber sein.

Dazu gehört der verantwortungsvolle und nachhaltige Umgang mit Daten. Das ist unser Markenzeichen. Das ist unser Wettbewerbsvorteil. Dafür schaffen wir CASUS.

Meine Damen und Herren,

die Digitalisierung ändert unseren Alltag von Grund auf, sie gibt unserem Leben neue Perspektiven. Und sie öffnet neue Türen.  Auch bei Energie und Klima, den großen Themen, die immer mehr Menschen in unserem schönen Land immer stärker bewegen. Die Digitalisierung ist dabei ein wichtiges Element. Denn:

  • Die digitale Transformation kann Motor sein für mehr Nachhaltigkeit.
  • Intelligente Stromnetze können unseren Energieverbrauch flexibel an das Angebot anpassen.
  • Digitale Lösungen können dazu beitragen, Verkehr smarter, umweltfreundlicher zu machen.
  • Die Stadt der Zukunft ist eine Smart City. Das Land der Zukunft ist eine Smart Region.
  • Nicht zuletzt tragen numerische Modelle dazu bei, den Zusammenhang zwischen unserem Klima, Ökologie, Ökonomie und menschlichem Einfluss besser zu verstehen.

Das erwarten wir auch von CASUS: Erkenntnisse zu liefern, damit wir die Konsequenzen und volkswirtschaftlichen Gesamtkosten all dieser Veränderungen besser einschätzen können.  Wir in Europa tragen dafür eine große Verantwortung. Wohlstand verpflichtet. Freiheit schafft Raum für Innovation. Wir haben schon viel erreicht: Wir haben in Deutschland eine leistungsfähige Forschungslandschaft, die uns helfen kann, die Herausforderungen zu bewältigen.

Hier in Görlitz, in der Oberlausitz, werden wir deshalb einen Nukleus für die Zukunft etablieren. Dort, wo die Strukturveränderungen am meisten zu spüren sind, setzen wir die Kernkompetenzen für die Zukunft ein.  Lieber Michael, Du hast mir oft aus Deiner Heimat berichtet. Ich bin heute hier, um mit dem Ministerpräsidenten zusammen ein Zeichen für wissenschaftliche Zusammenarbeit zu setzen. Ich möchte, dass Sie wissen, dass wir auf Sie zählen.

Wir brauchen Regionen, die den Geist von Forschung und Innovation als länderübergreifendes Projekt und für wirtschaftliche Prosperität mit uns in Angriff nehmen. Wir wollen mit den Menschen vor Ort Zukunft gestalten. Wir haben das Ganze im Blick. Innovation für die Wirtschaft von morgen. Innovation gerade dort, wo der Wandel am stärksten zu spüren ist. Was wir brauchen ist darum Nachhaltigkeit im umfassenden Sinn. Ökologie, Wirtschaft und Soziales gehören zusammen. Es ist eben dieser Gedanke, den wir auch mit  CASUS und dem Wissenschaftsstandort Görlitz verfolgen.

Denn klar ist: Technische Innovationen spielen eine große Rolle, um eine echte Kreislaufwirtschaft zu initiieren. Politik für die Wirtschaft der Zukunft ist Technologie- und Innovationspolitik. Wir möchten hier vor Ort mit unserem Ministerpräsidenten die Zukunft einläuten. Hier in der Lausitz entsteht Neues! Hier in der Lausitz entstehen neue Perspektiven! Wir fördern die Innovations- und Wirtschaftskraft in Wandel-Regionen gezielt.

Gerade für Ostdeutschland: Gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen ist mehr, als den Status quo zu bewahren. Gleichwertige Lebensverhältnisse sind Perspektiven, die Regionen in die Lage versetzen, sich zu entwickeln – durch Bildung, Forschung und Innovation.

Darum entwickeln wir unsere Innovationsförderung grundlegend weiter: Rund 600 Millionen Euro stellen wir bis 2024 für die spezifische Innovationsförderung in Wandel-Regionen bereit. Und mehr noch: Morgen wird die Bundesregierung das Strukturstärkungsgesetz Kohleregionen im Kabinett verabschieden. Damit setzen wir ein klares Zeichen: Wir schaffen eine verbindliche Grundlage für die finanzielle und strukturelle Unterstützung der Lausitz und anderer Kohleregionen bis zum Jahr 2038. Der Bund stellt bis zu 14 Milliarden Euro allein an Finanzhilfen für die Kohleländer bereit. Davon gehen 43 Prozent in das Lausitzer Revier.

Das ist morgen. Wir fangen aber heute schon einmal an. CASUS ist das erste von mehreren Projekten. Das neue Forschungszentrum bietet mehr als nur neue hochwertige Arbeitsplätze, eine bessere örtliche Verkehrsinfrastruktur, schnelles Breitbandnetz. Es schafft ein attraktives Umfeld: für Auszubildende, Studierende und Arbeitnehmer. Es wird Vorbild sein. Es zeigt, wohin es in der Lausitz jetzt geht: von der Kohleförderung zur Klimaforschung, vom Braunkohlerevier zum Wissenschaftsstandort. CASUS ist ein klares Statement: Wir investieren in Innovationen, damit Deutschland, damit Sachsen, auch in Zukunft stark sein kann. Genau dafür stehst Du, lieber Michael Kretschmer: für ein Sachsen der Innovationen.