Von Bremerhaven in die Welt

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek hat das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven besucht. Von dort starten Forschende zu Expeditionen in die Polarmeere. „Was im Meer passiert, hat direkte Auswirkungen auf unser Leben an Land“, so Karliczek.

Sie haben den vielleicht extremsten Arbeitsplatz überhaupt: Die Forschenden des Alfred-Wegner-Instituts Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, kurz „AWI“. Monatelange Dunkelheit, Temperaturen von bis zu minus 50 Grad Celsius in der Arktis oder Antarktis, und überall Eis, Eis und nochmals Eis – all das muss aushalten können, wer im Bereich Polar- und Meeresforschung arbeiten möchte. Jedenfalls auf Expeditionsreise.

Grafik Alfred-Wegener-Institut
Die Forschenden des Alfred-Wegener-Instituts sind weltweit aktiv. © BMBF Quelle: Alfred-Wegener-Institut

Im Alltag geht es etwas ruhiger zu. Das Herz des Instituts schlägt am Rande des Hafens im beschaulichen Bremerhaven. Hier laufen die Fäden für die weltweiten Einsätze der Forschenden zusammen. Wie das geht, ließ sich jetzt die Bundesforschungsministerin vor Ort erklären. Anja Karliczek zeigte sich beeindruckt von den vielfältigen Aufgaben. „Wir wollen die Meere schützen. Denn was im Meer passiert, hat direkte Auswirkungen auf unser Leben an Land. Dafür nutzen wir Erkenntnisse aus der Forschung. Das Alfred-Wegener-Institut trägt wesentlich dazu bei, über den Lebensraum Meer zu informieren und die Auswirkungen des Klimawandels besser zu verstehen“, sagte die Ministerin.

Dafür reisen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um die ganze Welt. Und? Hätten Sie gewusst, wo deutsche Polarforschende überall im Einsatz sind? Hier ist eine kleine Auswahl.

Die deutsche Forschungsstation Neumayer-Station III in der Antarktis
Die deutsche Forschungsstation Neumayer-Station III in der Antarktis. © Alfred-Wegener-Institut / Thomas Steuer

Antarktis

Einer der entlegensten Forschungsstandort Deutschlands feierte kürzlich Geburtstag. Seit 10 Jahren leben Forschende auf der Neumayer-Station III in der Antarktis, etwa 2000 Kilometer vom geografischen Südpol entfernt. Bis zu 50 Menschen halten sich im antarktischen Sommer auf der Station auf, die aus 100 Containern in zwei Ebenen besteht. Neumayer III bietet Platz für Büros und Labore.

Doch die wichtige Arbeit wird fast ausschließlich auf dem Schelfeis erledigt. Geophysikalische, hydroakustische und meteorologische Analysen stehen im Mittelpunkt. Die Forscherinnen und Forscher vermesse das Eis und erheben Klimadaten.

Das Leben auf der Neumayer-Station III ist hart und einsam, vor allem im Winter. Dann fällt das Thermometer schon mal auf minus 50 Grad Celsius. Zwischen Ende Mai und Ende Juli herrscht außerdem Polarnacht, die Sonne schafft es nicht über den Horizont. Wegen des rauen Klimas ist die Station in dieser Zeit weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten, weshalb auch immer ein Arzt oder eine Ärztin zur Besatzung gehört.

Eines kann den Forschenden allerdings nicht mehr passieren: in den Schneemassen zu versinken. Die Station steht auf 16 hydraulischen Stelzen, die einzeln hochgefahren werden können. Einmal im Jahr heben Techniker die ganze Station an - Neumayer III „wächst“ mit den Schneemassen mit und ist immer „oben auf“.

Ein Jahr lang wollen sich Forschende mit dem Eis durch die Arktis treiben lassen.

© Alfred-Wegener-Institut / Mario Hoppmann

Arktis

Auch am nördlichen Ende der Welt sind Forschende im Auftrag des AWI aktiv. Ab Herbst kommen Eismeer-Fans hier voll auf ihre Kosten: Die größte Arktisexpedition aller Zeiten steht an. „MOSAiC“ heißt das Vorhaben, bei dem sich Forschende ein ganzes Jahr lang mit dem Forschungsschiff „Polarstern“ einfrieren und nur mit der natürlichen Eisdrift durch das Polarmeer treiben lassen. Die Forschenden wollen untersuchen, welchen Einfluss die Arktis auf das globale Klima hat. Damit alles glatt geht, steht eine internationale Flotte aus Eisbrechern, Helikoptern und Flugzeugen bereit, um die Forschenden an Bord des Schiffes zu versorgen.

In Sibirien erforscht das Institut den Boden im Permafrost.

© Alfred-Wegener-Institut / Thomas Opel

Sibirien

Nicht nur Autos, Flugzeuge und Schiffe stoßen klimaschädliche Treibhausgase aus. Tausende Tonnen davon lagern auch im dauerhaft gefrorenen Boden, dem Permafrost. Weil das Klima immer wärmer wird, besteht die Gefahr, dass dieser Boden auftaut und die Treibhausgase freisetzt. Forschende des AWI untersuchen diesen Auftauprozess in Sibirien zusammen mit russischen Kolleginnen und Kollegen schon seit 1998, seit 2013 gibt es eine moderne Forschungsstation auf der Insel Samoylov.

Diese bietet neben Annehmlichkeiten wie Internet auch ein modernes Labor, zum Fuhrpark gehören Motorschlitten und Boote. Bis zu 20 Forschende können hier arbeiten. Im Vordergrund stehen langfristige Geländeuntersuchungen, die auch Prognosen  ermöglichen sollen, wie sich ein weiteres Auftauen des Permafrost-Bodens auf das Klima in der Arktis auswirken könnte.

FS "Polarstern" auf dem Weg in die Antarktis. Es ist das größte deutsche Forschungsschiff. © Folke Mehrtens

Im Wasser

Für die Forschung in den Meeren stehen den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des AWI fünf Schiffe mit unterschiedlichen Aufgaben zur Verfügung. Das bekannteste Schiff des AWI, die „Polarstern“; ist mit 118 Metern Länge zugleich auch das größte deutsche Forschungsschiff – und das schon seit mehr als 30 Jahren.

Altersmüde ist es trotzdem noch nicht. Für den Einsatz im Polarmeer haben die Ingenieure einen doppelwandigen Rumpf verbaut, der am Bug und auf Höher der Eislinie mit zusätzliche Stahlplatten verstärkt ist. Damit kann die „Polarstern“ Eis bis zu einer Dicke von 1,5 Metern brechen – 20.000 PS machen es möglich. Maximal 55 Forschende können sich gleichzeitig auf dem Schiff aufhalten.

Die „Polarstern“ wird sowohl für den Transport zu den Stationen in der Arktis und Antarktis als auch für Forschungsexpeditionen genutzt. Etwa 310 Tage im Jahr ist sie im Einsatz und legt dabei mehr als 50.000 Seemeilen zurück. Das entspricht gut zwei Erdumrundungen auf Höhe des Äquators. Zur Ausstattung gehören neun wissenschaftliche Labore, zwei Helikopter und sogar eine komplette Fischerei-Ausrüstung mit Schleppnetz.

Aber auch unter Wasser – und manchmal sogar unter dem Eis – gibt es viel zu entdecken. Mit ferngesteuerten Messplattformen und speziellen Kamerasystemen für die Tiefsee gewinnen die Forscherinnen und Forscher wichtige Informationen, zum Beispiel zu Temperatur oder der Zusammensetzung des Krill.

Die Spezialflugzeuge Polar5 und Polar6 auf Expedition. © Raimund Waltenberg/Alfred-Wegener-Institut

In der Luft

Heizmatten für Batterien und Triebwerke, dazu ein kombiniertes Fahrwerk aus Rädern und Ski: Die Forschungsflugzeuge Polar 5 und 6 sind für den Einsatz unter extremen Wetterbedingungen gebaut. Erst ab Temperaturen unter minus 54 Grad Celsius müssen die Flugzeuge des AWI am Boden bleiben. Die Forschenden benötigen die Hilfe der Flugzeuge dringend für Transporte zu den Stationen, aber auch für eigenständige Forschungsflüge. Zum Einsatz kommen sie aber auch in Notfällen.

Zum Abschluss des Besuchs erhielt Karliczek Einblicke in das Schulprojekt HighSea. Das ist ein in Deutschland einmaliges Unterrichtsprojekt, in dem es darum geht, Kinder für Naturwissenschaften zu begeistern. Es nimmt in jedem Jahr 22 Schülerinnen und Schüler auf, die im Laufe ihrer letzten drei Schuljahre an zwei Tagen pro Woche im Alfred-Wegener-Institut lernen, experimentieren und sich auf das Abitur vorbereiten (Foto unten).

© BMBF/Jasmin Jovan