Von der Batterieforschung zur Batteriefertigung in Deutschland

Rede von Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, anlässlich des „Batterieforum Deutschland“ in Berlin

Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, während seiner Rede
Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, während seiner Rede © Ernst Fesseler

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Dr. Haber,
sehr geehrter Herr Professor Winter,
sehr geehrter Herr Professor Kagermann,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich sehr, heute bei Ihnen hier in Berlin sein zu können. Frau Bundesministerin Wanka ist leider verhindert, ich soll Ihnen aber von ihr die besten Grüße übermitteln, was ich hiermit natürlich gerne tue.

Das „Batterieforum Deutschland“ findet nun schon zum vierten Mal statt. Mit Unterstützung des BMBF wurde es in 2013 ins Leben gerufen. Seitdem haben wir durchgehend eine positive Resonanz erhalten und es ist sehr erfreulich, dass sich das „Batterieforum Deutschland“ mittlerweile als Diskussionsplattform zum Thema Batterie über die verschiedenen Branchen und Anwendungen hinweg etabliert hat. Aufgrund des interdisziplinären Teilnehmerkreises kann so ein Austausch mit den verschiedensten Akteuren stattfinden – sozusagen entlang der gesamten Wertschöpfungskette „Batterie“. Sie treffen hier sowohl Forscher, Materialhersteller, Anlagen- und Maschinenbauer, Komponenten-, Zell- und Batteriehersteller und natürlich auch Anwender aus den unterschiedlichsten Bereichen. Nur durch die Zusammenarbeit und die Bündelung des „Know-hows“ aus allen Teildisziplinen kann es gelingen, sichere und leistungsfähige Batterien zu entwickeln.

Das Programm des diesjährigen Batterieforums Deutschland ist eine Weiterentwicklung im Vergleich zu den bisherigen Batterieforen. Neben den Themenschwerpunkten Materialien und Zellfertigung für die Elektromobilität stehen in diesem Jahr auch alternative Mobilitätsformen, Recycling und Energietechnologien im Fokus der Vorträge und Diskussionen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
„Wir wollen die wissenschaftliche und wirtschaftliche Spitzenstellung Deutschlands halten und weiter ausbauen“, das ist eine zentrale Aussage in der Hightech-Strategie der Bundesregierung. Allein im Jahr 2014 hat die Bundesregierung dafür 11 Mrd. € investiert. Mit den für die Forschung in dieser Legislaturperiode zusätzlich eingeplanten drei Milliarden Euro wird der Aufwärtstrend bei den Zukunftsinvestitionen fortgesetzt. Wir, und damit meine ich alle Beteiligten, arbeiten damit weiter an dem Ziel, Deutschlands Spitzenstellung in den Schlüsseltechnologien auszubauen. Bei der Batterieforschung bedeutet das für uns, die Umsetzung der Forschungsergebnisse in Produkte, Verfahren und Dienstleistungen zu beschleunigen. Wichtig ist dabei insbesondere der Bereich der industriellen Produktion. Dass Dienstleistungen alleine als Grundlage für den langfristigen Bestand einer Volkswirtschaft nicht ausreichen, sieht man am Beispiel Großbritanniens, wo man sich mit großen Programmen um eine Re-Industrialisierung des Landes bemüht.

Was bedeutet das für uns, was bedeutet das für den Batteriestandort Deutschland? Wir haben gemeinsam für die Batterie in den letzten Jahren viel erreichen können. In der Batterieforschung sind wir mittlerweile wieder gut aufgestellt und auch international wieder sichtbar. Die in 2008 begonnene Aufholjagd in der Elektrochemie – der Basis für die Batterietechnologien – ist, auch dank Ihrem herausragenden Engagement, gelungen. Wir haben dafür gesorgt, dass wieder wissenschaftlicher Nachwuchs ausgebildet wurde und wir haben mit der Erforschung der nötigen Produktionstechnologien die Grundlagen für eine Batterieproduktion in Deutschland gelegt.

Wir haben viel erreicht, aber wir müssen weiter am Ball bleiben, insbesondere bei der Umsetzung von Forschungsergebnissen in die industrielle Anwendung und in die industrielle Produktion.

Die Forschungsinfrastruktur ist in Deutschland vorhanden. Die Nationale Plattform Elektromobilität (NPE) hat vor kurzem ihre Roadmap zur Batteriezellproduktion vorgelegt und diese zeigt, dass eine Batteriezellproduktion in Deutschland möglich ist.

Sicherlich ist eine solche Unternehmung nicht frei von Risiken, aber wir müssen auch die Chancen in den Blick nehmen, die sich langfristig für unsere Volkswirtschaft ergeben. Dazu müssen wir die gesamte Wertschöpfungskette Batterie betrachten. Schaffen wir es nicht, die einzelnen Teile der Wertschöpfung in Deutschland zu halten, so droht langfristig die Abwanderung der gesamten Kette vom Material- bis zum Automobilhersteller.

Wie sollen sich die Materialhersteller qualifizieren, wenn es keine Partner in der Nähe gibt, mit denen man gemeinsam die Materialien qualifizieren kann? Wie sollen sich die Anlagen- und Maschinenbauer in Deutschland langfristig qualifizieren, wenn es keine Möglichkeiten gibt, diese mit kompetenten Partnern gemeinschaftlich weiterzuentwickeln? Genügen wir unseren eigenen Ansprüchen als Technologienation, wenn wir ein so wichtiges Bauteil wie die Batterie als reines Zukaufteil aus dem Ausland beziehen?

Wollen wir zusehen, wie asiatische Hersteller in großem Stil Fertigungskapazitäten in Osteuropa aufbauen, um von dort den europäischen Markt zu bedienen? Muss es nicht unser Ziel sein, das nötige Knowhow zur Batteriezellfertigung hier im Land zu haben, und zwar entlang der kompletten Wertschöpfungskette? In Asien sehen wir den klaren Trend, dass viele Firmen immer größere Wertschöpfungsanteile abdecken. Neben den Komponenten Zelle, Modul, Batterie und Batteriemanagementsystem produzieren diese Unternehmen einen Teil ihres für die Batteriezellen benötigten Kathodenmaterials selbst. Das so gewonnene Knowhow ermöglicht es, die Entwicklungszyklen zu verkürzen und so einen Wettbewerbsvorteil am Markt zu erreichen.

Meine Damen und Herren,
ich sehe die Aufgabe des BMBF darin, Forschung und Entwicklung im Bereich der Batterietechnologie zu unterstützen und so die Voraussetzung dafür zu schaffen, dass Deutschland künftig nicht nur als Käufer, sondern auch als Hersteller von Batterien in Erscheinung treten kann. Unser Handeln orientiert sich dabei an den folgenden Leitlinien:

  1. Wir setzen auf Forschung und den Nachwuchs:
  • Wir bauen die dank gezielter Förderung wieder auf hohem Niveau angesiedelte Forschung im Bereich der Elektrochemie und der Batterie konsequent weiter aus.
  • Wir fördern die Vernetzung der relevanten  Akteure in den verschiedenen Bereichen der Batterieforschung, etwa im Bereich der Produktionsforschung durch Gründung eines Forschungsclusters „Batteriezellproduktion“. Ich freue mich daher, Ihnen heute den neuen BMBF-Kompetenzcluster zur Batteriezellproduktion ankündigen zu können. „ProZell“ heißt er. Im Rahmen von ProZell sollen die nationalen Kompetenzen der deutschen Forschungseinrichtungen im Bereich der Zellfertigung gebündelt werden. Ziel dieses neuen Kompetenzclusters ist es, die wissenschaftliche Basis für den Aufbau und die nachhaltige Weiterentwicklung einer international führenden, wettbewerbsfähigen Batteriezellenproduktion in Deutschland zu legen. Die Forschungsarbeiten sollen noch in diesem Jahr beginnen.
  • Wir unterstützen die Ausbildung von Fachkräften für die Batterietechnologie im Rahmen der vier nationalen Batteriekompetenzzentren. Die Maßnahme „ExcellentBattery“ ist ein weiteres Beispiel der BMBF-Förderung im Bereich der Batterieforschung in Deutschland Sie wurde bereits 2010 ins Leben gerufen, um den Umfang exzellenter Batterieforschungsaktivitäten in Deutschland zu steigern, die Zahl der Batterieforscher zu erhöhen und eine Intensivierung des Transfers der F&E-Ergebnisse in die industrielle Anwendung zu ermöglichen. Wir haben vier Zentren gefördert, nämlich die Region München (ExZellTUM), die Region Dresden (BamoSa), die Region Ulm/Stuttgart (Li-EcoSafe) und die Region Aachen/Jülich/Münster (MEET Hi-End). Die Ergebnisse dieser vier Zentren haben gezeigt, dass dieses Konzept erfolgreich funktioniert und uns bei der Batterieforschung weiter voran bringt.

Es freut mich daher sehr, Ihnen heute bekannt geben zu können, dass wir alle vier Zentren mit einem fokussierten Zuschnitt weiter unterstützen werden.

  1. Wir setzen auf die Zusammenarbeit aller an der Wertschöpfungskette beteiligten Akteure:
  • Wir fördern die Erforschung der Batterietechnologie entlang der Wertschöpfungskette „Batterie“. Ganz aktuell ist die BMBF-Förderrichtlinie „Batterie 2020“ offen für neue Projektskizzen. Das Thema Batterie wird so, von der Material- und Prozessseite kommend, weiter getrieben. Vorschläge zu Material- und Prozesstechnik für Lithium-Ionen-Systeme, Materialien für sekundäre Hochenergie- und Hochleistungs-Batteriesysteme und zukünftige Batteriesysteme können gefördert werden. Im Januar dieses Jahres konnten bereits 11 Forschungsverbünde aus der ersten Phase mit ihren Forschungs- und Entwicklungsarbeiten beginnen.
  • Dabei unterstützen wir die chemische Industrie bei der Erforschung neuer Materialien und neuer Batteriezellkonzepten, um so die erfolgreiche Realisierung zukünftiger Batteriegenerationen zu ermöglichen und
  • stärken wir die Elektrotechnik- und Elektronikindustrie, den Maschinen- und Anlagenbau und die Batteriehersteller in Deutschland bei der Erforschung neuer Produktionskonzepte, um die industrielle Herstellung heutiger und zukünftiger Batteriegenerationen national und international zu ermöglichen.
  • Wir fördern die Erforschung neuer Konzepte für den Einsatz von Batterien sowohl im Automobil als auch im stationären Bereich zur Zwischenspeicherung erneuerbarer Energien und stärken so den Automobil- und Energiestandort Deutschland.
  • Wir engagieren uns forschungsseitig für den Aufbau einer Batteriezellproduktion in Deutschland, um die Wertschöpfungskette Batterie vollständig am Standort Deutschland abbilden zu können.
  1. Wir setzen auf europäische und internationale Kooperationen
  • Wir ermöglichen internationale Forschungskooperationen für die strategische Weiterentwicklung zukünftiger Batterietechnologien, beispielsweise mit Japan, USA oder Israel.
  • Wir setzen uns für den Dialog mit europäischen und internationalen Akteuren, die in Deutschland Forschung und Entwicklung betreiben wollen.
  • Wir befördern den Dialog mit ausländischen Herstellern und Investoren, die in Deutschland eine Batteriezellproduktion aufbauen wollen.

Sie sehen, meine Damen und Herren, dass das BMBF bereit ist, seinen Beitrag zu leisten. Unsere Planungen sehen vor, die Batterieforschung mit etwa 35 Mio. Euro pro Jahr weiter zu fördern.

Klar ist aber auch: Mit Forschung und Entwicklung allein ist es nicht getan. Entscheidend ist, die erfolgversprechendsten Ergebnisse auch in die industrielle Anwendung zu überführen.

Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Eine Forschungsförderung in der genannten Höhe lässt sich nur dann darstellen, wenn eine Verwertung der Forschungsergebnisse hier am Standort Deutschland sichergestellt werden kann. Dafür haben wir gute Voraussetzungen, ich will dazu noch einmal auf den Vortrag von Herrn Professor Kagermann und die Roadmap der NPE zur Batteriezellfertigung zurückkommen. Die industrielle Abdeckung der Wertschöpfungskette „Batterie“ in Deutschland ist bereits sehr gut. Es fehlt allerdings der entscheidende Baustein: Eine industrielle Herstellung von Batteriezellen für Elektrofahrzeuge.

In Deutschland sind grundsätzlich die erforderlichen industriellen Akteure durchaus vorhanden. Die von der NPE veröffentlichte Roadmap zur Batteriezellproduktion unterstreicht die wirtschaftliche Machbarkeit einer Batteriezellproduktion in Deutschland.

Wir als BMBF brauchen jedoch für die Ausrichtung unserer künftigen Fördermaßnahmen eine klare Perspektive von Seiten der Industrie, welcher Weg eingeschlagen werden soll.

Also muss nun die Frage an die Industrie lauten: Wie geht es weiter? Wie sieht die industrielle Umsetzung in Innovationen aus? Gibt es einen Konsens, die Errichtung einer Batteriezellproduktion in Deutschland anzustreben? Müssten nicht die relevanten Unternehmen eine Allianz bilden? Eine Allianz, um die Wertschöpfungskette in Deutschland im Bereich der Zelle für Elektrofahrzeuge wieder zu schließen? Gibt es neben der Elektromobilität noch andere Anwendungen, etwa im stationären Bereich? Was ist der richtige Zeitpunkt für die Errichtung einer Zellfabrik? Wollen wir warten, bis die Märkte hochgelaufen sind und die gerade entstehenden neuen Zellfabriken in Asien die nächsten Batteriegenerationen herstellen? Wollen wir auf einen Innovationssprung warten, der uns einen Vorteil bei der Batterie beschert?

Meine Damen und Herren, mir ist bewusst, dass diese Fragen nicht einfach zu beantworten sind. Aber bestimmt ergeben sich ja in den nächsten Tagen hier beim Batterieforum Deutschland Gelegenheiten, um diese Fragen weiter zu diskutieren und vielleicht sogar neue Partnerschaften zu bilden. Entscheidend ist, dass wir es nach der notwendigen Phase des Redens – dazu ist das Batterieforum da – dann mit Wilhelm Busch halten, der gesagt hat: „Wer leben will, der muss was tun.“ Für dieses „Tun“ brauchen wir einen gemeinsamen Schulterschluss zwischen Hochschulen, Forschungseinrichtungen, der Industrie und der Politik. Das BMBF steht hierfür zur Verfügung. Lassen Sie uns den Dialog in den kommenden Wochen fortsetzen und dann das von der NPE vorgeschlagene Branchengespräch nutzen, um konkrete Umsetzungsschritte zu vereinbaren.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns allen viele fruchtbare Diskussionen und Gespräche und hoffe, dass von diesem Batterieforum wichtige Impulse für die weitere erfolgreiche Entwicklung des Batteriestandorts Deutschland ausgehen.

Vielen Dank.