"Von ihrer Lebenserfahrung kann ich lernen"

Kirsten Süßmilch hat gerade ihr Staatsexamen in Physiotherapie an der Hochschule für Gesundheit in Bochum absolviert. Im Interview spricht sie über die Arbeit mit älteren Menschen. Die Hochschule ist Teil der Sommerreise von Bundesministerin Wanka.

Schätzt die Arbeit mit ihren älteren Patientinnen und Patienten sehr: Physiotherapie-Studentin Kirsten Süßmilch. © hsg

Frau Süßmilch, Sie arbeiten mit älteren Menschen. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Die Arbeit mit älteren Menschen ist anspruchsvoll und fordernd, aber meine Patientinnen und Patienten geben mir viel zurück. Im Krankenhaus bleiben Senioren auf einer geriatrischen Station häufig bis zu 3 Wochen. Dadurch arbeitet man täglich über einen recht langen Zeitraum zusammen und baut natürlich eine Beziehung zueinander auf. Die älteren Menschen erzählen mir viel von sich und ihrem Leben. Gerade von ihrer Lebenserfahrung kann ich auch oft lernen. Sie sind dankbar für die Zeit und Mühe, die ich in ihre Therapie investiere. Und eine solche Wertschätzung ist natürlich sehr schön.

Wie kam es, dass Sie sich während Ihres Studiums auf die Arbeit mit Älteren spezialisiert haben?

Zu Beginn meines Physiotherapie-Studiums wollte ich eher mit jungen Patienten oder im Sportbereich der Physiotherapie arbeiten. Durch ein Praktikum in der Geriatrie habe ich dann aber schnell gemerkt, dass auch gerade die Arbeit mit älteren Patienten für mich sehr interessant ist. Senioren haben oft Mehrfacherkrankungen und komplexe Krankheitsbilder, welche die Therapie erschweren oder die Patienten können sich nicht mehr so gut bewegen. Dann muss man gut überlegen, welche Therapiemaßnahmen möglich und geeignet, aber dennoch zielführend sind. Das ist spannend, anspruchsvoll und für mich der Grund, warum ich mit älteren Menschen arbeiten möchte.

Wissen Sie schon, über was Sie Ihre Bachelorarbeit schreiben werden?

Voraussichtlich werde ich ab Oktober gemeinsam mit einer Kommilitonin eine Studie in einem Krankenhaus durchführen, in der wir Auswirkungen und Effekte von sturzpräventiven Maßnahmen bei älteren Patienten auf einer geriatrischen Krankenhausstation untersuchen und analysieren. Denn um möglichst gute Fortschritte mit Patienten erreichen zu können, ist es wichtig, die zur Verfügung stehende Therapiezeit mit wirklich effektiven Therapiemaßnahmen zu nutzen.

Was ist Ihre bisher schönste Erinnerung?

Ich habe wirklich viele schöne Erinnerungen und sehr viele positive Momente mit Patienten im Kopf wenn ich auf meine Praktika zurückblicke. Fortschritte bei Patienten zu sehen und die Freude darüber mit ihnen zu teilen ist natürlich immer eine tolle Belohnung in diesem Beruf. Häufig haben mir Patienten zum Abschied auch kleine Dankes-Karten geschrieben. Das war natürlich eine besonders schöne Anerkennung und hat mich immer sehr gerührt. Und natürlich habe ich alle Kärtchen aufbewahrt.

Die Hochschule für Gesundheit bietet als einzige staatliche Hochschule in Deutschland die Fächer Ergotherapie, Hebammenkunde, Logopädie, Pflege und Physiotherapie als Bachelor-Studiengänge an - und zwar direkt nach dem Abitur ohne vorherige Ausbildung.

Warum haben Sie sich für die Hochschule für Gesundheit in Bochum entschieden?

Die „hsg“, so wird die Hochschule abgekürzt, ist im November 2009 gegründet worden und damit noch eine recht junge Institution – erst letztes Jahr sind wir auf den ganz neuen und großen Gesundheitscampus umgezogen. Vieles ist noch im „Aufbau“ und als Student kann man sich aktiv in die Gestaltung des Studiengangs einbringen. Nur so kann im Endeffekt auch die Akademisierung der Gesundheitsberufe vorangetrieben werden. Theorie und Praxis sind eng miteinander verzahnt. Ich habe während meines Studiums über 32 Wochen in verschiedenen Praktika absolviert. Hier konnte ich das theoretische Wissen aus dem Semester dann auch direkt anwenden. Physiotherapie an der hsg zu studieren ist anspruchsvoll, zeitintensiv und fordernd. Aber wenn man bereit dazu ist, viel Arbeit und Eigeninitiative hineinzustecken, kann man sich einer wirklich sehr guten Ausbildung sicher sein.

Was bedeutet „Alter“ für Sie?

Alter wird leider oft zu negativ verstanden. Das muss nicht sein, denn eine Zahl wie 70, 80 oder 90 sagt doch kaum etwas aus. Ich hatte schon oft Patienten im sehr hohen Alter, die mich total überrascht haben, wie fit sie waren und mit wieviel Energie und Begeisterung sie bei der Therapie teilgenommen haben. Natürlich gibt es aber auch genauso ab und an „negative Überraschungen“. Alter ist – zu einem gewissen Teil – auch das, was man selbst daraus macht. Und das wiederum ist keinesfalls an einer Zahl festzumachen.

Zur Person

Kirsten Süßmilch studiert seit 2013 Physiotherapie (B.Sc.) an der Hochschule für Gesundheit in Bochum. Sie hat im Sommer 2016 ihr Staatsexamen absolviert und wird im anstehenden Wintersemester ihre Bachelorarbeit schreiben und ihr Studium Anfang 2017 abschließen.